Nr. 31, Dezember 2000
 
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Knut Hamsun

Und dann der Ölgestank in der ganzen Stadt

Wir sind im Zuge nach Baku.
Wir wollten zweiter Klasse fahren, aber da war es so überfüllt von Reisenden, daß es unmöglich war; nur mit Not und Mühe bekamen wir einen Sitzplatz, unser Gepäck aber konnten wir nicht unterbringen, nach vielem Hin und Her packten wir uns selbst und unsere Koffer in ein Abteil erster Klasse. Als das getan war, brachen wir zusammen. Das Thermometer im Wagen zeigte etwas über 31 Grad.
Im Abteil saßen schon drei Männer. Zwei davon sahen uns sehr mißbilligend an, als wir uns hineindrängten, der dritte hingegen rauchte schweigend hinter seinem gewaltigen Bart und zog sogar die Beine ein wenig an sich, um uns vorbeizulassen an den Fensterplatz.
Immer und überall in der Welt macht man doch in einem Eisenbahnwagen dieselben Erfahrungen. Einem Neueinsteigenden wird nur widerwillig Platz gemacht. Man betrachtet ihn als Feind, haßt ihn, erschwert ihm den Zugang zu einem Platz, erwidert seinen Gruß nicht, wenn er den Hut zieht. Aber auf der nächsten Station ist der so unfreundlich behandelte Reisende ebenso unfreundlich gegen einen Neueinsteigenden!
Noch eine Erfahrung: tritt ein einzelner Herr ein, so ist er meist bescheiden und fragt zuweilen gar, ob noch ein Platz frei sei. Und er setzt sich still hin. Das stimmt einen versöhnlich. Kommt er aber in Begleitung eines anderen Herrn, eines Reisegefährten, schmeißt er seinen Koffer sofort ins Netz und sagt zu dem andern: hier ist ja ausgezeichnet Platz! Er schiebt ungeniert alles andere Gepäck zur Seite und erwartet obendrein noch Hilfe von den früher Eingestiegenen. Ein Reisender fürchtet deshalb nichts so sehr wie zwei Herren, die Bekannte sind und zusammen einsteigen.
Auch auf dieser Strecke wird mit ungereinigtem Naphta geheizt, deshalb ist bei der Hitze die Luft sehr schlecht. Doch hilft das Rauchen etwas dagegen, besonders Zigaretten schmecken mir erfrischend. Hier raucht man in allen Wagen, Nichtraucherwagen gibt es nicht, auch in den Damenabteilen befinden sich Aschenbecher. Die Unsauberkeit ist fürchterlich, Wanzen spazieren ganz gemütlich auf den Sitzen und auf dem Paneel hin und her.
Der Schaffner kann ein paar französische Brocken, ich gebe ihm einen Geldschein, um die Differenz zwischen der zweiten und der ersten Klasse zu bezahlen, er nimmt das Geld und geht. Bei der nächsten Station bringt er unsere Zuschlagskarten und gibt uns Geld heraus. Nun mischt sich der langbärtige Fahrgast in die Angelegenheit. Er scheint die Zuschlagstaxe in- und auswendig zu kennen und fängt an, den Schaffner zu examinieren. Es wird hin- und hergefragt und geantwortet, ich muß das zurückerhaltene Geld auf den Tisch legen, es wird nachgezählt und es erweist sich, daß ein Rubel fehlt. Der Schaffner sagt etwas wie, er habe auf der Station zu wenig zurückbekommen, die Leute dort seien also schuld daran, aber der Langbärtige entgegnet ein paar energische Worte, und der Schaffner zieht einen Rubel aus der Tasche und legt ihn zu dem Gelde. Nun aber wird der Langbärtige ganz hochmütig und umständlich, um zu zeigen, was er für ein Kerl sei, er verlangt vom Schaffner, daß er stehen bleibe, bis er das Geld nochmals nachgezählt habe. Ich verbeugte mich und sagte viele Male merci zu beiden, denn jetzt war ja alles in Ordnung. Der Langbärtige schien ein höherer Eisenbahnbeamter zu sein, er holte eine Menge bedruckter Eisenbahnpapiere aus der Tasche und schenkte dem Schaffner eine Taxe.
Die Landschaft ist jämmerlich arm, alles ist verbrannt und begraben unter Wüstensand, Steppensand. Nirgends ein Wald. Wir kommen zur Station Akstafa, wo ein Restaurant ist. Ich hatte die ganze Zeit Fieber und hatte Piva getrunken, um meinen Durst zu stillen, da aber Piva heiß zu machen schien, ging ich zu kaukasischem Wein über. Dieser Wein schmeckt wie eine gewisse Sorte italienischen Landweins und half mir für den Augenblick herrlich. Für einen Augenblick. Dann wurde es immer schlimmer. Was ich hätte trinken müssen, war Tee. Nicht umsonst nehmen die Eingeborenen sogar auf die Eisenbahn ihre Teemaschinen mit und pantschen den lieben langen Tag mit ihrer Teetrinkerei herum. Hier in Akstafa ging ich zum anderen Extrem über und trank Wasser, Wasser aus dem Flusse Kur. Und das war das Ärgste von allem, was ich tun konnte. Denn wer einmal aus den Fluten des Kur getrunken hat, der wird sich ewig nach Kaukasien zurücksehnen ... (...)
Tagesanbruch und Mondschein, kühl und still.
Flächen, unendliche Flächen ohne einen Baum. Das da zur Rechten sieht aus wie ein See, aber es ist kein See. Stunde nach Stunde liegt es da und verändert sich nicht, es ist eine Salzsteppe. Aus der Entfernung sieht das , wo wir sind, gewiß auch aus wie ein See und als führen wir darauf. Es wird heller. Salz liegt Scholle an Scholle über die ganze Steppe hin. Und Salz ist heilig, und Kaukasien hat Salz. Auch Salz hatte dieses wundersame Land! Von hier aus wurde einstmals die kostbare Ware in kleinen Säcken weit weg bis nach Bagdad, bis nach Indien gebracht. Vergeude kein Salz, Salz ist heilig. Bei Leonardo da Vinci wirft Judas das Salzfaß um, und Judas erging es bekanntlich schlimm genug. Die Juden sprechen überall vom Salz, von den Büchern Mose bis zu den Korintherbriefen, und allen Völkern war es gleich teuer und heilig. In Tibet aber war es mehr teuer als heilig, da brauchte man es als Geld in Form von Kuchen.
Eine Salzsteppe hatten wir noch nie gesehen.
Und hier sahen wir auch zum erstenmal eine Kamelkarawane. Die Tiere gehen eins hinter dem andern im Gänsemarsch, zwanzig Stück, schwere Lasten auf dem Rücken, in wiegenden, gleichmäßigen Schritten über die Steppe. Ein paar der Führer, die dabei sind, gehen hinterdrein, andere reiten hoch, hoch oben auf dem Kamelrücken. Kein Laut kommt von der Karawane her. Schweigend und majestätisch gehen Tier und Mensch ihren Gang gen Süden nach Persien.
*
Es ist halb sieben Uhr morgens. Baku liegt in einer einzigen großen Wolke weißen Staubes. Alles hier ist weiß oder grau, der Kalkstaub lagert sich auf Menschen und Tiere, Häuser, Fensterscheiben und auf ein paar Pflanzen und Büsche im Park. Es sieht aus wie eine ganz verrückte Welt, in der alles weiß ist. Ich schreibe Buchstaben in den Staub der Tischplatte im Hotel, aber nach einem Weilchen sind sie schon wieder von neuem Staub überweht und ausgeglichen.
Und dann der Ölgestank in der ganzen Stadt! Er ist überall, auf den Straßen und in den Häusern: Öl mischt sich in die Luft, die man einatmet, und ehe man einigermaßen an die Luft gewöhnt ist, muß man unaufhörlich husten. Das Öl mischt sich auch mit dem Staub der Straße, und wenn es windig ist, was hier fast immer der Fall ist, so macht der ölgetränkte Staub Fettflecke auf die Kleider. Baku ist von allen Orten, die wir besucht haben, der ungemütlichste, obwohl wir hier das Kaspische Meer von den Fenstern aus sehen.

aus: Im Märchenland. Reisebilder. 1899. Aus dem Norwegischen von Cläre Greverus Mjöen. (Ullstein Taschenbuch 20133, S. 149 - 152) 1981. (c) by Albert Langen Müller, München - Wien.

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