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Knut Hamsun
Und dann der Ölgestank in der ganzen Stadt
Wir sind im Zuge nach Baku.
Wir wollten zweiter Klasse fahren, aber da war es so überfüllt
von Reisenden, daß es unmöglich war; nur mit Not und Mühe
bekamen wir einen Sitzplatz, unser Gepäck aber konnten wir nicht
unterbringen, nach vielem Hin und Her packten wir uns selbst und unsere
Koffer in ein Abteil erster Klasse. Als das getan war, brachen wir zusammen.
Das Thermometer im Wagen zeigte etwas über 31 Grad.
Im Abteil saßen schon drei Männer. Zwei davon sahen uns sehr
mißbilligend an, als wir uns hineindrängten, der dritte hingegen
rauchte schweigend hinter seinem gewaltigen Bart und zog sogar die Beine
ein wenig an sich, um uns vorbeizulassen an den Fensterplatz.
Immer und überall in der Welt macht man doch in einem Eisenbahnwagen
dieselben Erfahrungen. Einem Neueinsteigenden wird nur widerwillig Platz
gemacht. Man betrachtet ihn als Feind, haßt ihn, erschwert ihm
den Zugang zu einem Platz, erwidert seinen Gruß nicht, wenn er
den Hut zieht. Aber auf der nächsten Station ist der so unfreundlich
behandelte Reisende ebenso unfreundlich gegen einen Neueinsteigenden!
Noch eine Erfahrung: tritt ein einzelner Herr ein, so ist er meist bescheiden
und fragt zuweilen gar, ob noch ein Platz frei sei. Und er setzt sich
still hin. Das stimmt einen versöhnlich. Kommt er aber in Begleitung
eines anderen Herrn, eines Reisegefährten, schmeißt er seinen
Koffer sofort ins Netz und sagt zu dem andern: hier ist ja ausgezeichnet
Platz! Er schiebt ungeniert alles andere Gepäck zur Seite und erwartet
obendrein noch Hilfe von den früher Eingestiegenen. Ein Reisender
fürchtet deshalb nichts so sehr wie zwei Herren, die Bekannte sind
und zusammen einsteigen.
Auch auf dieser Strecke wird mit ungereinigtem Naphta geheizt, deshalb
ist bei der Hitze die Luft sehr schlecht. Doch hilft das Rauchen etwas
dagegen, besonders Zigaretten schmecken mir erfrischend. Hier raucht
man in allen Wagen, Nichtraucherwagen gibt es nicht, auch in den Damenabteilen
befinden sich Aschenbecher. Die Unsauberkeit ist fürchterlich,
Wanzen spazieren ganz gemütlich auf den Sitzen und auf dem Paneel
hin und her.
Der Schaffner kann ein paar französische Brocken, ich gebe ihm
einen Geldschein, um die Differenz zwischen der zweiten und der ersten
Klasse zu bezahlen, er nimmt das Geld und geht. Bei der nächsten
Station bringt er unsere Zuschlagskarten und gibt uns Geld heraus. Nun
mischt sich der langbärtige Fahrgast in die Angelegenheit. Er scheint
die Zuschlagstaxe in- und auswendig zu kennen und fängt an, den
Schaffner zu examinieren. Es wird hin- und hergefragt und geantwortet,
ich muß das zurückerhaltene Geld auf den Tisch legen, es
wird nachgezählt und es erweist sich, daß ein Rubel fehlt.
Der Schaffner sagt etwas wie, er habe auf der Station zu wenig zurückbekommen,
die Leute dort seien also schuld daran, aber der Langbärtige entgegnet
ein paar energische Worte, und der Schaffner zieht einen Rubel aus der
Tasche und legt ihn zu dem Gelde. Nun aber wird der Langbärtige
ganz hochmütig und umständlich, um zu zeigen, was er für
ein Kerl sei, er verlangt vom Schaffner, daß er stehen bleibe,
bis er das Geld nochmals nachgezählt habe. Ich verbeugte mich und
sagte viele Male merci zu beiden, denn jetzt war ja alles in Ordnung.
Der Langbärtige schien ein höherer Eisenbahnbeamter zu sein,
er holte eine Menge bedruckter Eisenbahnpapiere aus der Tasche und schenkte
dem Schaffner eine Taxe.
Die Landschaft ist jämmerlich arm, alles ist verbrannt und begraben
unter Wüstensand, Steppensand. Nirgends ein Wald. Wir kommen zur
Station Akstafa, wo ein Restaurant ist. Ich hatte die ganze Zeit Fieber
und hatte Piva getrunken, um meinen Durst zu stillen, da aber Piva heiß
zu machen schien, ging ich zu kaukasischem Wein über. Dieser Wein
schmeckt wie eine gewisse Sorte italienischen Landweins und half mir
für den Augenblick herrlich. Für einen Augenblick. Dann wurde
es immer schlimmer. Was ich hätte trinken müssen, war Tee.
Nicht umsonst nehmen die Eingeborenen sogar auf die Eisenbahn ihre Teemaschinen
mit und pantschen den lieben langen Tag mit ihrer Teetrinkerei herum.
Hier in Akstafa ging ich zum anderen Extrem über und trank Wasser,
Wasser aus dem Flusse Kur. Und das war das Ärgste von allem, was
ich tun konnte. Denn wer einmal aus den Fluten des Kur getrunken hat,
der wird sich ewig nach Kaukasien zurücksehnen ... (...)
Tagesanbruch und Mondschein, kühl und still.
Flächen, unendliche Flächen ohne einen Baum. Das da zur Rechten
sieht aus wie ein See, aber es ist kein See. Stunde nach Stunde liegt
es da und verändert sich nicht, es ist eine Salzsteppe. Aus der
Entfernung sieht das , wo wir sind, gewiß auch aus wie ein See
und als führen wir darauf. Es wird heller. Salz liegt Scholle an
Scholle über die ganze Steppe hin. Und Salz ist heilig, und Kaukasien
hat Salz. Auch Salz hatte dieses wundersame Land! Von hier aus wurde
einstmals die kostbare Ware in kleinen Säcken weit weg bis nach
Bagdad, bis nach Indien gebracht. Vergeude kein Salz, Salz ist heilig.
Bei Leonardo da Vinci wirft Judas das Salzfaß um, und Judas erging
es bekanntlich schlimm genug. Die Juden sprechen überall vom Salz,
von den Büchern Mose bis zu den Korintherbriefen, und allen Völkern
war es gleich teuer und heilig. In Tibet aber war es mehr teuer als
heilig, da brauchte man es als Geld in Form von Kuchen.
Eine Salzsteppe hatten wir noch nie gesehen.
Und hier sahen wir auch zum erstenmal eine Kamelkarawane. Die Tiere
gehen eins hinter dem andern im Gänsemarsch, zwanzig Stück,
schwere Lasten auf dem Rücken, in wiegenden, gleichmäßigen
Schritten über die Steppe. Ein paar der Führer, die dabei
sind, gehen hinterdrein, andere reiten hoch, hoch oben auf dem Kamelrücken.
Kein Laut kommt von der Karawane her. Schweigend und majestätisch
gehen Tier und Mensch ihren Gang gen Süden nach Persien.
*
Es ist halb sieben Uhr morgens. Baku liegt in einer einzigen großen
Wolke weißen Staubes. Alles hier ist weiß oder grau, der
Kalkstaub lagert sich auf Menschen und Tiere, Häuser, Fensterscheiben
und auf ein paar Pflanzen und Büsche im Park. Es sieht aus wie
eine ganz verrückte Welt, in der alles weiß ist. Ich schreibe
Buchstaben in den Staub der Tischplatte im Hotel, aber nach einem Weilchen
sind sie schon wieder von neuem Staub überweht und ausgeglichen.
Und dann der Ölgestank in der ganzen Stadt! Er ist überall,
auf den Straßen und in den Häusern: Öl mischt sich in
die Luft, die man einatmet, und ehe man einigermaßen an die Luft
gewöhnt ist, muß man unaufhörlich husten. Das Öl
mischt sich auch mit dem Staub der Straße, und wenn es windig
ist, was hier fast immer der Fall ist, so macht der ölgetränkte
Staub Fettflecke auf die Kleider. Baku ist von allen Orten, die wir
besucht haben, der ungemütlichste, obwohl wir hier das Kaspische
Meer von den Fenstern aus sehen.
aus: Im Märchenland. Reisebilder. 1899. Aus dem
Norwegischen von Cläre Greverus Mjöen. (Ullstein Taschenbuch
20133, S. 149 - 152) 1981. (c) by Albert Langen Müller, München
- Wien.
Ihr
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