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Ein griechischer Archimedes-Text
Jahrhundertelang gab es Schriften des Archimedes nur in späten
lateinischen Übersetzungen. Der einzige seiner Texte in griechischer
Sprache ("Über schwimmende Körper") befindet
sich auf einem Pergament-Codex, den im Jahr 1998 ein Unbekannter
für zwei Millionen Dollar ersteigerte und der Stadt Baltimore
schenkte. Das Dumme ist nur: Der griechische Text ist von einem
Mönch des 12. Jahrhunderts weggekratzt und neu mit Gebettexten
überschrieben - mit anderen Worten: ein Palimpsest. Man nimmt
an, die hundertvierundsiebzig radierten Seiten wurden ursprünglich
im 10. Jahrhundert beschrieben: eine Abschrift der Originale aus
dem 3. Jahrhundert v. Chr.
Mit neuester Technik haben jetzt Wissenschaftler der John Hopkins
University und des Rochester Institute of Technology die ersten
fünf Seiten des griechischen Textes wieder sichtbar gemacht
und entziffert.
Dieser sogenannte Archimedes-Palimpsest enthält außerdem
Bemerkungen und Diagramme des Philosophen zu einer Theorie der
Schwerkraft und zur Differentialrechnung.
Der Sündenbock
ist in diesem Fall zwar eine Frau, aber was solls: Leni Riefenstahl
sieht sich als einen. "Deutschland hat den Krieg verloren",
sagte sie putzmunter auf der Frankfurter Buchmesse,
"und ich war der beste Sündenbock, weil ich den besten
Film der Zeit gemacht habe."
Die dreihundertdreißig Fotos in ihrem neuen Buch "Leni
Riefenstahl - Fünf Leben" sind so formbetont und inhaltsneutral
(d.h. projektionsfähig) wie ihre besten oder auch ihre schlechtesten
Filme. In der Video-Präsentation werden Schwarzweißbilder
von marschierenden Nazi-Stiefeln in scharfen Kontrast gesetzt
zu malerischen Korallenriffen in den Tropen. Auf den nervenzerreißend
scharfen Trommelschlag der Braunhemden folgt in hartem Schnitt
das beruhigende Blubb-Blubb ihrer Sauerstoffflasche beim Tauchen.
Wer möchte einer so ehrlichen und schönheitstrunkenen
alten Dame noch böse sein?
Unverstanden ist sie: "Ich bin achtundneunzig Jahre alt,
aber in meinem ganzen Leben habe ich für Hitler nur sieben
Monate gearbeitet." Ach Leni: Es gibt Verbrechen, auch ästhetisch-politische,
die sind noch viel schneller begangen.
Ein heimlicher Hölderlin-Film
Harald Bergmann hat, nach einer Meldung der FAZ, für die
wir dankbar sind, über die letzten dreißig Jahre Hölderlins
im Turm einen Film gedreht. Titel: "Scardanelli" (einer
der Namen, mit denen Hölderlin in dieser Zeit manche Gedichte
signierte). Hauptrolle: André Wilms. Dauer: Einhundertzwölf
Minuten. Die Premiere war am 20. Oktober in Tübingen.
Der Dichter tritt in Schwarzweiß-Szenen auf, die Zeitzeugen
- in fingierten Interviews und in einem verfremdenden Dekor von
heute - in Farbe.
Die FAZ nenne den Film "diskutabel, faktisch und ästhetisch
gerechtfertigt". Man würde dieses Urteil gern nachvollziehen,
was aber nicht geht, denn die zwei Tübinger Premierenvorstellungen
sind bis auf weiteres die einzigen bisher geplanten.
Ein Grund für so viel Heimlichkeit ist nicht recht erkennbar.
Gut getroffen
Fünfundsiebzig Prozent der Download-Leser müßten
den verlangten Dollar pro """The-Plant"-Kapitel
schon bezahlen, legte Stephen King sich fest, sonst würde
er das Ding einstellen. Zu diesem Zeitpunkt war der Prozentsatz
gefährlich nahe an die schon fast betrügerische Fünfzig-Prozent-Marke
gelangt.
Aber als King das dritte Kapitel ins Netz stellte, da trat - vier
Tage später - plötzlich eine wundersame Zahler-Vermehrung
ein. Es waren erfreuliche 75,6 Prozent, die das Downgeloadete
bezahlten. Die Präzision erinnert an kommunistische Wahlergebnisse.
Ob das so bleibt, ist aber ungewiß. Denn das vierte Kapitel
soll doppelt so viel kosten: zwei Dollar. Dafür ist es mit
seinen vierundfünfzig Seiten aber auch doppelt so lang. Und
bei dreizehn Dollar insgesamt soll Schluß sein, egal wieviele
Kapitel das endgültige Buch lang ist. Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte: King weiß nicht, ob er das Buch fertigschreiben
wird. Oder nur gegen Vorkasse. Kurz: Das ganze Unternehmen wackelt.
Europa? Welches meinen Sie?
Es gehört einige Chuzpe dazu, den Titel eines politischen
Buches so sehr an Tocqevilles berühmte "Demokratie in
Amerika" anzulehnen, daß dann die "Democracy in
Europe" herauskommt (so der neue Buchtitel bei The Penguin
Press). Der Autor Larry Siedentop hat sie. Aber anders als sein
Titel-Vetter ist er nicht so sehr von der Kraft der Demokratie
beeindruckt, sondern von ihrer Schwäche.
Europa, meint er, sei noch gar nicht reif dafür. Den Grund
sieht er im bisherigen Ökonomismus des kleinen Kontinents.
Das fing schon bei den Gründern so falsch an, bei Jean Monnet
und Robert Schuman, und noch die Gegner Europas dachten so, etwa
die angeblich so freiheitsliebende Maggie Thatcher. So kommt es,
daß die Europäer immer nur als Konsumenten behandelt
werden und nicht als Staatsbürger. An der Unmündigkeitserklärung
seien insbesondere, meint Siedentop, die Franzosen schuld, die
Europa nach ihrem Bilde geformt hätten: bürokratisch,
mit einer übermächtigen Exekutive und einem neutralisierten
Parlament. Dagegen hätten das informelle britische oder das
föderalistische deutsche Modell (das der Autor bevorzugt)
keine Chance. Gleichwohl räumt er ein, daß Europa für
Frankreich in erster Linie ein moralisches und kulturelles Projekt
ist.
Die oft uneingestandenen Motive der großen Euro-Länder,
sagt der Autor, sind zu verschieden. Und keines von ihnen propagiert
ein Europa der Bürgerfreiheiten oder eine partizipatorische
europäische Demokratie.
Vielleicht wird man in einigen Generationen rückblickend
feststellen, wieviel Zeit man dadurch vertan hat, daß man
solche politischen Nachfragen und Anstöße nicht früher
ernst genommen hat.
Postdigital
Wenn ein Computer-Experte zugibt, daß seine bisherigen
Ansichten alle falsch sind, dann ist das einige Aufmerksamkeit
wert. Bruce Schneier ist so ein Experte.
Noch in seinem vorletzten Buch "Applied Cryptography"
meinte er, die mathematische Utopie einer absolut sicheren Verschlüsselung
liege kurz vor uns, wir bräuchten bald nur noch zuzugreifen.
Jetzt, in "Secrets and Lies", ist davon keine Rede mehr.
Im Gegenteil. Verschlüsselungssysteme, sagt Schneier jetzt,
entstehen nicht in einem Vakuum. Sie sind abhängig von anderer,
oft verwanzter und/oder instabiler Software und außerdem
von Programmierern mit Stimmungsschwankungen. Es sei einfach naiv
gewesen, sich allein auf die Sauberkeit der Mathematik zu verlassen.
Computersicherheit ist also immer nur das, was auch andere Sicherheitsphilosophien
sind: die Minimierung von Risiken, nicht ihre Ausschaltung.
Was in dieser Formulierung knochenspröde klingt, reichert
der Autor mit konkreten Beispielen an, indem er uns auf seinen
Spaziergang durch die Computer-Unterwelt mitnimmt: hier ein Fiasko,
da ein kleiner Betrug, dort ein menschliches Versagen, da ein
erfolgreicher Hack, dort eine majore Panne - lauter Fehlschläge,
die zum Lachen komisch wären, beträfen sie nicht unser
aller Leben, das wir am Ende doch lieber ernst nehmen. Trotzdem
bleibt vor so viel Stimulanz keine Zeit für Langeweile: Wir
erfahren auch, warum Aristoteles kein Hacker war, aber Galileo
doch, und alles gespickt mit Zitaten von Dschingis Khan bis Luke
Skywalker.
Doch keine Bücherverbrennung
Drei Mitglieder der Schulaufsicht in Santa Fe, NM, hatten (nach
Eltern-Beschwerden) verlangt, daß bestimmte Bücher
aus dem Schulbetrieb entfernt oder nur mit expliziter Erlaubnis
ausgeliehen würden. Darunter auch die Harry-Potter-Bücher,
weil darin von Magie und Zauberei die Rede sei. Ein anderes Buch,
weil einer darin mal "Arschloch" sagt. Das ist dort
"Vulgarität" und ein Verbotsgrund.
Da aber standen nun die Einwohner auf. Ein Hearing im Rathaus
war vollgepackt mit Lehrern und Lehrerinnen, mit Eltern und Studenten.
"Wenn ihr so weitermacht, gibt es bald nichts mehr zu lesen",
sagte eine von ihnen; und: "Man kann doch nicht so tun, als
hörten die Kinder diese [vulgären] Wörter nicht
jeden Tag auf der Straße." Ein Kollege von ihr: "Ihr
macht es einem peinlich zu sagen, wo man lebt und seine Steuern
zahlt. Santa Fe hat eine alte Tradition brennender Kreuze [des
Ku-Klux-Klans]. Ich finde nicht, wir sollten diese Tradition durch
Bücherverbrennungen ersetzen."
Die Verbotsanträge wurden von der Schulaufsicht zurückgezogen.
Mit vier zu drei Stimmen.
Wenn die Technik dem Autor nachläuft
Die Firma Gemstar, die jetzt das neue eBook herausbringen soll,
wird jetzt zwei Geräte-Varianten produzieren:
- eine mit einem Schwarzweiß-Bildschirm und läppischen
acht Megabyte, was grade mal für zwanzig Bücher oder
achttausend Seiten Text reichen wird (aber, bitte sehr, man kann
das Ding ausbauen auf zweiundsiebzig MB, das wären dann hundertfünfzig
Bücher), taschenbuchgroß, Preis fast dreihundert Dollar;
und
- einen Farbbildschirm mit Berührungsssensor, einem 56k-Modem
zur Internetanbindung, so daß man damit auch Zeitungen online
lesen kann, fast lexikongroß, Preis fast siebenhundert Dollar.
Damit die Lese-Apparate auch weggehen, schließ Gemstar jetzt
Verträge mit Verlagen: Erst kommt die Geräte-Version
auf den Markt, danach die traditionelle Papier-Version. Sechs
Titel sind so geplant. Unter den dazu verpflichteten Autoren sind
die Bestseller-Schreiber Robert Ludlum und Ken Follett.
Und doch sieht es nicht gut aus für die Technik, wenn die
Technik dem Autor nachläuft. Bei Gutenberg war es umgekehrt.
Zuletzt noch diese Pressemitteilung vom 19. Oktober:
Gebrauchte Bücher für Schwaben und Schotten im Internet
BookKiosk.de GmbH eröffnet morgen einen Internet Marktplatz
für gebrauchte
Bücher. Damit erhält der Nutzer kostenlos die Möglichkeit,
über die Plattform www.bookkiosk.de gebrauchte Bücher
zu kaufen, und eigene Bücher zu verkaufen.
Ziel ist es, alle Formen von Lesestoff, in allen Sprachen, für
in Deutschland wohnhafte Interessenten zu vermitteln. Angesprochen
sind alle: Studenten, Schüler, ausländische Mitbürger,
Leseratten, ebenso Käufer und Verkäufer von Antiquarischen
Raritäten oder Zeitschriften. Jeder, der beim Bücherkauf
sparen, oder beim Verkauf von eigenen Büchern etwas verdienen
möchte.
BookKiosk.de ist bedienungsfreundlich nach Themen eingeteilt.
Einige Themenbeispiele sind: Romane, Länder & Reisen,
Ratgeber, Comics, Schulbücher und Fremdsprachenbücher
in Englisch, Französisch, Italienisch, Türkisch und
Spanisch.
Ein Verkäufer erfasst sein Angebot und stellt es in die BookKiosk
Datenbank. Die Käufer haben die Möglichkeit unter den
verschiedenen Themenbereichen und den vielseitigen Angeboten zu
suchen oder zu stöbern. Hat der Käufer ein Buch gefunden,
kann er den Verkäufer einfach per Mausklick informieren.
Versand und Zahlung (Büchersendung und Überweisung)
werden kostengünstig direkt zwischen den Parteien abgewickelt.
Gründer von BookKiosk.de GmbH ist der Schwede Christer Nilsson
(46), ehemaliger Geschäftsführer eines schwedischen
Verlages, seit 1984 wohnhaft in Deutschland. Die Idee zu BookKiosk.de
entstand während einer 7-monatigen Asienreise, auf der Nilsson
einige Male der Lesestoff ausging. Zudem weiß er als Ausländer,
wie schwierig es ist, Bücher in seiner Muttersprache zu finden.
Diesen Notstand will BookKiosk.de
jetzt ändern!

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Product Placement
Die Aufmerksamkeitsspanne des SPIEGEL, Archiv
hin oder her, schnurrt auf immer weniger Monate zusammen.
Eben noch hatte er das eBook in den digitalen Himmel gehoben.
Und jetzt (42/2000) ist das Gerät plötzlich "in
die Jahre gekommen", "hässlich", mit 1400
Mark zu teuer, und die Markteinführungstermine "platzen".
Also lobt man kurzerhand eine neue Apparate-Technik und benimmt
sich als Werbefirma bei der Prospektformulierung. "Ab Mitte
November schon" (als hätten wir seit langem drauf gewartet)
soll sich jeder User sein Buch selbst zusammenstellen können:
"Das erspart Geld, Gewicht und unnötiges Blättern"
(und, sagt der SPIEGEL aber nicht: Entdeckungen). "Individuell
komponierbare Gedichtsammlungen", "Entflechten der Inhalte",
"Reisefreiheit für Texte", "personalisierte
Bücher", eine neue Generation von [unnachahmlich!:]
Buchnutzern" - einfach paradiesisch.
Wetten, daß die Zeit bis zur Desavouierung dieses Gadgets
noch kürzer ist als letztes Mal?
Balzacs Mutter
Der Film wird in Frankreich gedreht, in Deutschland,
das mit seinen Alpen den Schauplatz Schweiz hergeben soll, wo
Balzac gelebt hat, und in der Ukraine. Mitspielen werden in der
deutsch-französischen Produktion "Balzac" Katja
Riemann, Fanny Ardant, Claude Rich, Gottfried John, auch Sunnyi
Melles und Gerard Depardieu als, natürlich, Balzac selber.
Und Jeanne Moreau als Balzacs tyrannische Mutter. Das Fällige
ist eingetreten: Der Film gehört einmal nicht Depardieu,
sondern der großen Jeanne Moreau.
Kempes Neu-Deutschland-Bild
"Father/Land" heißt das neue
Buch des amerikanischen Journalisten Frederick Kempe, und schon
dieser Titel läßt Schlimmes befürchten (trotz
des scheinbar ins Private relativierten Untertitels "A Personal
Search for the New Germany").
Es ist beileibe kein rundheraus antideutsches Buch. Deutschland
sei, meint der Autor, in der Lage, Europa zu führen (oder
ist das nur ein besonders listig formulierter Vorwurf?). Die deutsche
Müllsortierung indes nennt Kempe den Versuch, auch noch in
den Abfall etwas wie deutsche Ordnung zu bringen. Dann zitiert
er einen Freund, der meint, man müsse in diesem Land vorher
ankündigen, wenn man in irgendeiner Weise ironisch werden
wolle. Naja. Schließlich aber stellt er eine deutsche Leidenschaft
fest: andere auszuspionieren und zu denunzieren. Sein Fazit lautet,
Deutschland sei ein Bastard: nicht nur "Hitlers Nachwuchs",
sondern auch "Amerikas Stiefkind".
Was das Buch zusätzlich verdächtig macht, ist das arg
schiefe Lob der New York Times Book Review: "Die Deutschen
machen keine halben Sachen." Um das ganz klarzustellen, schicke
Deutschland viertausend Soldaten in das Kosovo, führe das
Parlament in den "Reichstag" (deutsch im Original) zurück
und verwandle durch Baustellen halb Berlin in eine "Weltstadt"
(ebenso deutsch im Orignal), die dem Land immer wieder "entglitten"
sei.
Aber vielleicht ist ja auch nur diese Präsentation so unangenehm.
Die Russen schreiben
Nicht nur Jelzin hat seine Memoiren geschrieben
(und mit schwindender Kraft auf der Buchmesse vorgestellt): Auch
der amtierende Premier Wladimir Putin ist jetzt Autor.
Genau genommen nur Ko-Autor, zusammen mit zwei anderen. Und dann
auch nur eines Judo-Lehrbuches ("Judo: Geschichte, Theorie,
Praxis"). Nur marginal spielt die Politik herein: Putin beschreibt
einige Techniken, die er bei einem Staatsbesuch in Japan im vergangenen
September kennenlernte. Nachdem er sich mit mehreren Judokas wacker
geschlagen hatte, legte ihn ein zehnjähriges Mädchen
auf die Matte.
"Wenn ich auf einer Judo-Matte bin, fühle ich mich zuhause",
bekennt der Premier-Autor. Na dann.
Kein Rücktritt
Ende Oktober kam das Buch heraus: "Offen
gesagt - Sechs Gespräche mit dem Kardinal". Gemeint
ist der belgische Kardinal Godfried Danneels. Schon vorher hatten
italienische und belgische Medien das Süffigste daraus verbreitet:
"Ich wäre nicht überrascht", sagte seine Eminenz
in der Unterhaltung über eine Altersgrenze für die Nachfolger
Petri, "wenn der Papst nach dem Jahr 2000 zurückträte.
Er wollte unbedingt das kirchliche Jubeljahr erreichen, aber danach,
glaube ich, wollte er zurücktreten."
Schneller und prägnanter als auf jede andere Sünde reagierte
der Vatikan: "Das ist die Privatmeinung von Kardinal Danneels."
Mehr oder gar einen Kommentar dazu gab Joaqin Navarro-Valls, der
Sprecher des Papstes, nicht her.
Die gesamte Kirchengeschichte kennt nur einen solchen Fall: Papst
Coelestin V. trat 1294 (nicht ganz freiwillig) zurück, wurde
aber dann von seinem Nachfolger Bonifaz VIII. gefangengesetzt
- aus Angst vor einem Comeback. Nicht gerade ein ermunternder
Präzedenzfall.
Die nächsten Reiseziele des Papstes sind übrigens Syrien,
Malta, die Ukraine und Australien. Dann also: Bon voyage.
Harry Potter I
Gleich notieren, Fans: Der Titel für Band
5 steht bereits fest. Er lautet: "Harry Potter und der Orden
des Phoenix". Aber mehr wollte die Autorin jetzt noch nicht
verraten. Sie wollte eigentlich nicht mal den Titel preisgeben:
"Aber da hat mich dieser hübsche Achtjährige danach
gefragt, und ich wußte, es würde ihn glücklich
machen."
Es wird eine Weile dauern, bis Band 5 da ist. Denn inzwischen
schreibt Joanne Rowlings an zwei anderen, kleineren Büchern:
"Fantastic animals and where to find them" und "Quidditch
through the Ages" - sozusagen Abfallprodukte aus den vier
Potterbänden. Die Erlöse daraus sollen wohltätigen
Zwecken zugutekommen.
Harry Potter II
Time-Warner hat einen Kostümhersteller in
San Diego verklagt, weil er "schamlos" Halloween-Verkleidungen
aus den Harry-Potter-Büchern gestohlen und die Kostüme
über das Internet vertrieben habe. Time-Warner ist schließlich
der Alleininhaber aller Merchandising-Rechte aus den Romanen über
den Zauberlehrling. Ergebnis: immerhin eine einstweilige Anordnung
gegen die Kostümierer.
Wie findet man eigentlich solche Übeltäter? Ganz einfach.
Man tippt, so geschehen auch in diesem Fall, "Harry Potter"
in eine beliebige Suchmaschine und klappert die Adressen solange
durch, bis man eine unlizenzierte Verwendung findet. It's the
merchandising, stupid.
Die nackerte Wahrheit
Das russische Fernsehen geht zwei deutlich unterschiedene
Wege. Der eine, Beispiel-Serie: "Apokrypha" über
klassische Autoren, führt geradewegs in die höhere Bildung.
In der Quiz-Sendung "Was, wo, wer?" Gibt es als Preise
kein Geld, sondern antiquarische Bücher. Der andere Weg führt
in den visuellen Wahnsinn.
Markantestes Beispiel: Die Nachrichtensendung mit dem nicht nur
Lock-Titel "Die nackte Wahrheit". Es ist in jeder Hinsicht
eine normale Nachrichtensendung - mit einer Ausnahme: Die Sprecherin
zieht sich manchmal, während sie die Tagesmeldungen abliest,
aus. Oder ihre Kolleginnen rechts und links ziehen sich aus, während
sie ernsthaft die letzten Tschetschenien-Grausigkeiten berichtet.
Oder auch: Die Reporterinnen bei ihren Interviews auf den Gängen
des Parlaments haben oben nichts an. Die armen Abgeordneten schauen
dann stoisch, aber immer besonders eifrig über die Schultern
der Interviewerinnen hinweg.
Absurdes Ergebnis: Mit beidem - und mit wachsendem Erfolg - setzt
sich das russische Fernsehen von der Billig-Flut der westlichen
Soaps ab und findet gewissermaßen zu sich selbst.
Frankfurt und die Filmrechte
Bisher war Frankfurt als Paradies für Büchermacher,
Autorenfänger und Verlagsrechtehändler bekannt und nicht
so sehr als begehrter Jagdgrund für Filmgesellschaften auf
der Suche nach Filmstoffen.
Dieses Jahr aber hat sich Miramax die Rechte an dem noch gar nicht
ins Englische übersetzten Roman "L'Eucation d'une fée"
von Didier van Cauwelaert gesichert - wie man sagt, für eine
sechsstellige Dollar-Summe (die an den Verlag Albin Michel ging).
Kurz vorher hatte sich dieselbe Gesellschaft bereits die Filmrechte
an dem Harry-Potter-ähnlichen Roman "Artemis Fowl"
von Eoin Colfer einverleibt. Die Publikationsrechte für die
USA waren beim Schluß der Buchmesse nicht zu haben.
Die Rechtejägerin Jennifer Wachtell, eine Vizepräsidentin
von Miramax, war am Main sozusagen allein auf weiter Flur.
Zwei erste Preise
Die Amerikaner David Maraniss ("When Pride
Still Mattered") und E. M. Schorb ("""Paradies
Square") sind die ersten Träger des nun jährlichen
eBook-Preises der Frankfurter Buchmesse. Sie teilen sich die dafür
ausgeschriebenen hunderttausend Dollar. Den Maraniss, eigentlich
unverständlich, wenn man den Preis bedenkt, gibt es als ganz
und gar traditionelles Papier-Buch, den Schorb immerhin auf CD
oder als E-Mail für etwa fünfzehn Dollar.
Nun werden die eBooks von den daran Interessierten hochgeredet.
"Das ist eine Industrie mit explosiven Wachstumspotential",
ereifert sich Alberto Vito, Vorsitzender der Stiftung eBook-Preis,
"wir müssen alle dazulernen und uns anpassen."
Das letztere zumindest ist in jeder Hinsicht falsch falsch: Wir
müssen uns nicht der Technik anpassen, sondern die Technik
uns. Der technologische Vizepräsident von Microsoft, einem
der Preis-Sponsoren, ist pflichtbewußt noch ungebremster
in seinem Optimusmus. Für ihn haben nur noch die Alten einen
seltsamen Hang zum Papier, während die Kinder den Bildschirm
mit ins Bett nehmen. "Wir sprechen hier über eine Revolution",
rief er aus, "die in jedem Detail so bedeutsam ist wie die
Gutenberg-Revolution." In zwanzig Jahren, hofft er tapfer,
werden die meisten Bücher nur noch elektronisch publiziert.
Man wird sehen.
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