Nr. 30, November 2000
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
 Leseproben
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 Marcel Proust
 Bettina Gaus
 Houellebecq

 

 

Bedingte Kapitulation

Knapp 20jährig schrieb der Chilene Pablo Neruda die Gedichtzeile "Manchmal bin ich es müde, ein Mensch zu sein." Diese Müdigkeit allerdings hat er sich in realen Leben nicht anmerken lassen. Vor ihm lagen noch Jahrzehnte als politischer Kämpfer (bis hin zur blinden
Bewunderung Stalins), unglückliche und erfüllte Lieben, eine umfassende literarische Produktion und der feste Glaube daran, dass Gerechtigkeit kein metaphysischer Begriff ist, sondern ein praktischer. Nerudas gesamtes Werk ist ein metapherntrunkener Aufstand gegen diese Müdigkeit.
Man kann sich zu Neruda keinen größeren Gegensatz denken als den französischen Autor Michel Houellebecq, dessen erster Gedichtband "Suche nach Glück" nun drei Jahre nach seinem Erscheinen in Frankreich auch auf deutsch vorliegt. "Es ist da etwas Totes tief in mir/ Eine verborgene Nekrose eine fehlende Freude", schreibt der 42-Jährige in seinem Gedicht "Äußere Welt" und beobachtet teilnahmslos die Bewegungen der Menschen "um einen leeren Mittelpunkt". Houellebecqs Müdigkeit ist post-ideologisch, weshalb der Autor der Romane "Elementarteilchen" und "Ausweitung der Kampfzone" zur Zeit wie kein zweiter europäischer Autor als Gegenwartsstimme wahrgenommen wird.
Aber spricht das nun für den Autor oder gegen die Zeit, die er beschreibt? "Ich habe nichts zu teilen als unbestimmtes Leid / Bedauern, Scheitern, eine Erfahrung der Leere", lautet eine seiner Botschaften. Der Gedanke der Vergeblichkeit weht durch den ganzen Gedichtband, auch der Gedanke der künstlerischen Vergeblichkeit. Houellebecqs Lyrik kommt ohne Metaphern aus, sie ist vollkommen nackt "Ich hasste mich dermaßen, dass ich sterben wollte / Oder wollte Starkes, Außerordentliches erleben / Heute bemühe ich mich nur noch, nicht allzu viel zu leiden / Ich nähere mich dem Ende. Ich erreiche die Wirklichkeit."
Michel Houellebecq war als Jugendlicher in psychiatrischer Behandlung und oftmals dem Suizid näher als dem nächsten Morgen. Dieser Umstand macht es unmöglich, seine Texte von seinem persönliche Befinden zu trennen. Sie sind auch das Protokoll eines im medizinischen Sinne kranken Bewusstseins. Doch der scheinbar apathische Blick auf die Dinge hat eine klinisch sezierende Schärfe.
Ohne Pathos jedoch kommt auch Michel Houellebecq nicht aus, sein Pathos liegt in der Weltverneinung, seine Vision ist das Untergangsgeraune: Die Zivilisation ist zur "Ruine" verfallen, die Gesellschaft "verfault". In "Elementarteilchen" verspielen die Menschen ihre Zukunftschance, weil sie es nicht geschafft haben, stabile lund lebensfähige Bindungen einzugehen. Humangenetik und Sekten, radikale Fluchten aus der Wirklichkeit spielen daher eine zentrale Rolle in Houellebecqs Denken: "Chemie stimmt froh, Poesie macht traurig", schreibt er und beschließt das Gedicht "Nachmittag, Boulevard Pasteur" mit einem "Halleluja auf die Rückkehr des Königs!".

Volker Isfort

Michel Houellebecq
Suche nach Glück. Gedichte
Dumont, Köln 2000
200 Seiten
DM 32,–, öS 234, sFr 32,--


Ihr Kommentar

 

 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv