|
|
|
Bedingte Kapitulation
Knapp 20jährig schrieb der Chilene Pablo
Neruda die Gedichtzeile "Manchmal bin ich es müde, ein Mensch
zu sein." Diese Müdigkeit allerdings hat er sich in realen
Leben nicht anmerken lassen. Vor ihm lagen noch Jahrzehnte als politischer
Kämpfer (bis hin zur blinden
Bewunderung Stalins), unglückliche und erfüllte Lieben, eine
umfassende literarische Produktion und der feste Glaube daran, dass
Gerechtigkeit kein metaphysischer Begriff ist, sondern ein praktischer.
Nerudas gesamtes Werk ist ein metapherntrunkener Aufstand gegen diese
Müdigkeit.
Man kann sich zu Neruda keinen größeren Gegensatz denken
als den französischen Autor Michel Houellebecq, dessen erster Gedichtband
"Suche nach Glück" nun drei Jahre nach seinem Erscheinen
in Frankreich auch auf deutsch vorliegt. "Es ist da etwas Totes
tief in mir/ Eine verborgene Nekrose eine fehlende Freude", schreibt
der 42-Jährige in seinem Gedicht "Äußere Welt"
und beobachtet teilnahmslos die Bewegungen der Menschen "um einen
leeren Mittelpunkt". Houellebecqs Müdigkeit ist post-ideologisch,
weshalb der Autor der Romane "Elementarteilchen" und "Ausweitung
der Kampfzone" zur Zeit wie kein zweiter europäischer Autor
als Gegenwartsstimme wahrgenommen wird.
Aber spricht das nun für den Autor oder gegen die Zeit, die er
beschreibt? "Ich habe nichts zu teilen als unbestimmtes Leid /
Bedauern, Scheitern, eine Erfahrung der Leere", lautet eine seiner
Botschaften. Der Gedanke der Vergeblichkeit weht durch den ganzen Gedichtband,
auch der Gedanke der künstlerischen Vergeblichkeit. Houellebecqs
Lyrik kommt ohne Metaphern aus, sie ist vollkommen nackt "Ich hasste
mich dermaßen, dass ich sterben wollte / Oder wollte Starkes,
Außerordentliches erleben / Heute bemühe ich mich nur noch,
nicht allzu viel zu leiden / Ich nähere mich dem Ende. Ich erreiche
die Wirklichkeit."
Michel Houellebecq war als Jugendlicher in psychiatrischer Behandlung
und oftmals dem Suizid näher als dem nächsten Morgen. Dieser
Umstand macht es unmöglich, seine Texte von seinem persönliche
Befinden zu trennen. Sie sind auch das Protokoll eines im medizinischen
Sinne kranken Bewusstseins. Doch der scheinbar apathische Blick auf
die Dinge hat eine klinisch sezierende Schärfe.
Ohne Pathos jedoch kommt auch Michel Houellebecq nicht aus, sein Pathos
liegt in der Weltverneinung, seine Vision ist das Untergangsgeraune:
Die Zivilisation ist zur "Ruine" verfallen, die Gesellschaft
"verfault". In "Elementarteilchen" verspielen die
Menschen ihre Zukunftschance, weil sie es nicht geschafft haben, stabile
lund lebensfähige Bindungen einzugehen. Humangenetik und Sekten,
radikale Fluchten aus der Wirklichkeit spielen daher eine zentrale Rolle
in Houellebecqs Denken: "Chemie stimmt froh, Poesie macht traurig",
schreibt er und beschließt das Gedicht "Nachmittag, Boulevard
Pasteur" mit einem "Halleluja auf die Rückkehr des Königs!".
Volker Isfort
Michel Houellebecq
Suche nach Glück. Gedichte
Dumont, Köln 2000
200 Seiten
DM 32,, öS 234, sFr 32,--
Ihr
Kommentar
|
|