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Tja, die Kulturen Man könnte meinen, wir leben längst - um ein mißgebildetes Wort einmal adverbial zu verwenden - multikulti, so viele Kulturen tummeln sich bei uns (etwa die Fahrkultur oder neuerdings die, bewahre!, Leitkultur). Mit einer der etablierteren, der Streitkultur, notabene: der demokratischen, befaßt sich Bettina Gaus in "Die scheinheilige Republik". Von ihrer jahrelangen Tätigkeit in Nairobi kommt sie zurück nach Berlin und ist fasziniert: Was für ein zivilisiertes Land [beginnt das Buch].
Eine gepflegte, freundliche Angestellte der Bundestagsverwaltung hinter
einem weißen Resopalschreibtisch händigt mir eine kleine
Plastikkarte mit meinem Foto und meinem Namen aus. Unsere Bekanntschaft
ist erst wenige Es tut gut, so etwas zu lesen. Und sei es nur deshalb, weil wir aus
Bequemlichkeit anfangen, uns an freundliche Gelassenheiten dieser Art
zu gewöhnen, obwohl sie alles andere als selbstverständlich
sind (man braucht nur, mit etwas gutem Gedächtnis, dreiundzwanzig
Jahre zurückzudenken an deutsche Herbste und damit Einherdröhnendes).
Schon mit diesem unverstellten Blick "von außen" ist
Bettina Gaus eine dankbare Lektüre. hat sich immer eher als Vermittler zwischen verschiedenen
Positionen denn als Repräsentant einer bestimmten Haltung verstanden
und erkennbar unter der Einsicht gelitten, daß dieses Amtsverständnis
für die Kanzlerschaft nicht ausreichte. Noch in seiner ersten Regierungserklärung
im November 1998 erweckt er den Eindruck, jede Meinung immer für
genauso richtig oder falsch zu halten wie ihr Gegenteil. Nichts habe
er gegen Eliten, so sagt er, aber es komme eben darauf an, was man unter
Eliten verstehe. Angebots- und Nachfragepolitik seien kein Widerspruch.
Sie stünden nicht für eine rechte oder linke Wirtschaftspolitik,
sondern für eine moderne Politik der sozialen Marktwirtschaft. Man erkennt an diesem Absatz wie unter der Lupe ein wesentliches Charakteristikum
des Buches: Bettina Gaus argumentiert nicht politikwissenschaftlich
(hier also nicht mit dem Vorwurf des Korporatismus), sondern mit dem
neugierigen Menschenverstand des aufgeklärten Bürgers, der
demokratischen Citoyenne. Mit so geschärften Augen denunziert sie
dann auch die aufgeregten Leserbriefdebatten über ein Rap-Konzert
(sie hätte ebensogut die Rechtschreibreform nennen können)
als fatalen Eskapismus. Zutreffend nennt sie den gängigen Politikertyp
nur noch "einen Verwalter der Macht". Damit rückt zum
Beispiel auch die Verdruckstheit unserer Europapolitiker in ein klareres
Licht: Keiner sagt, was er wirklich über die Beitrittschancen der
Türkei denkt, aus Angst vor Konsensverlust. Die bündnisgrünen Fraktionsvorsitzenden Kerstin Müller und Rezzo Schlauch versuchen während der Nato-Angriffe gegen Jugoslawien sogar ein Pressegespräch mit immerhin 60 Teilnehmern "unter drei" zu setzen. Falls wir wörtlich zitieren wollten, könnten wir die entsprechenden Passagen mit dem Pressesprecher abstimmen, wird uns mitgeteilt. Erst ein bissiger Zwischenruf - "Ist das im Krieg jetzt immer so, daß wir unsere Artikel vorlegen müssen?" - veranlaßt die Repräsentantin einer Partei, die in ihren Gründerjahren selbst Fraktionssitzungen öffentlich abgehalten hat, den Inhalt des Gesprächs dann doch für die Berichterstattung freizugeben. Immer wieder stößt die Leserin bei der Lektüre auf
so erfrischende Beobachtungen, fällige Erinnerungen, entwaffnende
Vorhalte, die ihr den Trott der faulen Gewohnheiten stören und
zu der Erkenntnis zwingen: Tatsächlich, da ist etwas nicht in Ordnung. Die Behauptung, Abgeordneten stünden alle Wege offen, verrät, daß die meisten Parlamentarier ihrem Berufsstand selbst keine große Achtung mehr entgegenbringen. Sie brauchen für ihr Selbstwertgefühl den Glauben, daß sie gewiß in einem anderen Gewerbe mindestens ebenso erfolgreich wären. Eine Einstiegsvoraussetzung für den Beruf des Politikers ist [aber] eine feste Überzeugung und der Wunsch, Anhänger und Mitstreiter für diese Überzeugung zu gewinnen. Darüber hinaus bedeutet die Arbeit per definitionem Dienst an der Allgemeinheit. Besserwisser, die solche nötigen Anmahnungen (wie auch die immer
wieder vorzubringende Erinnerung an Artikel 38,1 GG) naiv nennen, sind
nur noch Zyniker und uninteressant. Die parteiübergreifenden Bemühungen um die konsensuale "vernünftige" Lösung von Problemen schränken die Informationsfreiheit ein. Nicht etwa, weil Zensur ausgeübt würde: Die ist gar nicht notwendig. Nachrichten, die von den Entscheidungsträgern für unwesentlich oder überflüssig gehalten werden, haben ganz ohne Anwendung äußeren Zwangs keine Aussicht, ins öffentliche Bewußtsein zu dringen. Schärfer gesagt: "1984" war eine schwarze Utopie, die nicht in Erfüllung gegangen ist; die "Schöne neue Welt" hat aber, wenn wir so geistlos weitermachen, alle Chancen einer schier unmerklichen Realisierung. Alexandra Simon Bettina Gaus
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