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Ars longa, vita brevis
Man beginnt dieses Buch eigentlich nicht. Man taucht in den Text
ein, erschütterungsfrei, und läßt sich von ihm sanft
und freundlich weitertragen. Schon der allererste Satz der Biographie
("Auteuil war damals noch ein Dorf.") verführt zu dieser
willigen Hingabe, in der man von einer farbigen, detailreichen, atmosphärischen
Szene zur nächsten geführt wird.
Nach dem Eingangssatz zum Beispiel geht es gleich so einnehmend weiter:
Das große Haus lag in einem weitläufigen
Park mit hohen Kastanienbäumen, mit Rasenflächen, Blumenbeeten,
gepflegten Kieswegen, einem Springbrunnen und einem Fischteich. Eine
Hochburg des bürgerlichen Geschmacks, eingerichtet im Stil Louis-Philippe,
mit Polstersesseln und schweren Vorhängen an den Fenstern. Es gehörte
Prousts vierundfünfzigjährigem Großonkel Louis Weil,
der sein Vermögen mit einer Knopffabrik gemacht hatte, die fünftausend
Arbeiter beschäftigte. Als seine Frau im November 1870 starb, zog
er sich nach Auteuil zurück und widmete nun den größten
Teil seines Lebens den Schauspielerinnen und Kurtisanen.
Geschmeichelt muß der Leser anerkennen: Er wird nicht immer in wenigen
Sätzen so eingehend mit so dekorativen Umständen vertraut
gemacht.
Und so bedeutsam geht es auch weiter in Haymans Proust-Biographie. Aus
immer neuen, kundig ausgewählten Dokumenten und Zeugenaussagen,
Briefen und Tagebüchern baut sich allmählich das immer konkretere
Bild des Schriftstellers auf.
Proust zum Beispiel in den Augen seiner Schulfreunde, die seine Konversation
hinreißend fanden: "Am meisten erstaunte er aber die Erwachsenen;
sie waren sich alle einig in ihrem Entzücken über seine erlesene
Höflichkeit und die komplizierten Schachzüge seiner Wohlgesonnenheit."
Der Bewunderte konnte jedoch über sich selbst sehr hellsichtig
urteilen, in klarer Distanziertheit, wie über einen anderen Menschen:
Er ist ein Mann der Erklärungen: unter dem Vorwand,
einen Kameraden wie einen Vater zu lieben, liebt er ihn wie eine Frau,
ist auf Plaudereien, dann auf Verabredungen aus, schreibt fiebrige Briefe,
läßt einen unter dem Vorwand, nicht ernst zu sein und nur
ein Pastiche zu schreiben, hören, man habe göttliche Augen
und die Lippen wirkten verführerisch - mit der größten
Unbeständigkeit. Das Schlimmste aber ist, ma chère, daß
er nach dem Wirbel um B. diesen fallen läßt, um mit D. zu
flirten, den er bald wieder aufgibt, um sich erst zu Füßen
und dann in den Schoß von F. zu werfen.
Proust erscheint hier als junger Mann, der nie weiß, ob er genügend
geliebt wird und der in solch quälender Unsicherheit dann zu hohe
Trinkgelder gibt und auch fernere Freunde mit plötzlichen Blumengeschenken
verblüfft. Dieses Geliebtwerdenwollen liest Hayman auch an den
Antworten ab, die Proust zweimal, mit dreizehn und dann wieder mit dreiundzwanzig,
auf den berühmten Fragebogen gab. Beim zweiten Mal sind die Geständnisse
offener, das Bedürfnis nach Liebe erheblich ausgeprägter.
Im Paris der Jahrhundertwende, noch vor der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts,
treten wir mit dem Biographen in eine Welt des luxuriösen Adels
ein, dessen Luxus jedoch nicht immer bloß sinnloses Verprassen
ist, sondern eine Lebensform, eine Philosophie aus Grazie und Kunstverstand
- von überwältigender Überflüssigkeit. Daß
etwa Graf Montesquiou den Panzer seiner Lieblingsschildkröte mit
Türkisen auslegen läßt oder aber einen Gipsabdruck der
Knie der Comtesse de Castiglione besaß, hat keinerlei praktischen
Nutzwert, zeigt aber - gerade deshalb - einen leidenschaftlichen Sinn
für Schönheit.
An so unvergeßlichen Stellen vorbei führt Hayman den Leser
zu Prousts ersten, noch recht mondänen Schriften, zu dem Duell
mit dem Kritiker (wobei, besonders irrwitzig, in die Luft geschossen
wurde, wenn die Beleidigung nicht sehr stark war), dann auch ein wenig
in die Dreyfus-Affäre, weiter zu den mittleren Werken, zu den Verlegern,
dem angebeteten Chauffeur, der selbstlosen Dienerin Céleste und
schließlich zur Arbeit am Lebenswerk. Für den großen
Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", sagt Hayman
zutreffend, hat Proust sein eigenes Leben zur Nebensache erklärt
- anders als der Dandy Oscar Wilde, der von sich behauptet hatte, in
seine Werke gehe nur sein Talent ein, alles Genie aber in sein Leben.
Und doch ist Haymans vielstimmige, faktenfreudige, in heiteren Windungen
dahinfließende Causerie keine große Biographie geworden.
Es liegt wirklich nicht daran, daß sich eben nur selten zwanglose
Überleitungen von Szene zu Szene, von Beobachtung zu Beobachtung
finden lassen. Da knirscht es dann halt manchmal etwas laut. So zum
Beispiel, wenn der Autor gerade von Prousts Asthma gesprochen hat, im
nächsten Absatz aber auf erotische Bedürfnisse kommen möchte
und so überleitet: "Trotz seiner Krankheit machte sich seine
Sexualität wieder bemerkbar." Der Satz hat eine unfreiwillige
Komik (nicht nur, weil es nur sehr wenige Krankheiten gibt, die die
Sexualität dauerhaft unterdrücken, nein, wegen diesem "macht
sich bemerkbar", als hätte sie kurzzeitig ihre Schüchternheit
abgelegt). An diesen hörbaren Scharnieren liegt es aber nicht.
Man mag sich vielleicht auch damit abfinden, daß entscheidende
und prägende Details aus Prousts Leben einfach fehlen. So ist zum
Beispiel an keiner Stelle davon die Rede, warum der Verlagslektor André
Gide das Manuskript der "Verlorenen Zeit" abgelehnt hat -
auch nicht, ein minderes Detail, von der Süffisanz, mit der er
Proust später eine wirklich fehlerhafte Stelle unter die Nase gerieben
hat ("Ich öffnete [das Manuskript] mit geistesabwesender Hand,
und mein Pech wollte es, daß meine Aufmerksamkeit sogleich ...
über den Satz stolperte, wo von einer Stirn die Rede ist, auf der
die Rückenwirbel hervortreten.").
Der einigermaßen informierte Leser bedauert die nebensächliche
Behandlung der Dreyfus-Affäre. Das eindeutig antisemitisch geprägte,
politische Urteil gegen Dreyfus spaltete ganz Frankreich jahrzehntelang
in zwei Lager. Und wer gesellschaftlich auf der Höhe bleiben wollte
(oder gar, wie Proust, dort noch gar nicht angekommen war), mußte
genau zusehen, auf welche Seite er sich schlug. Gehörte es am Anfang
der Krise noch zum guten Ton, Dreyfus-Gegner zu sein, so war es im weiteren
Verlauf auch in den adligen Salons sehr angebracht, eine gewisse Symathie
für den unschuldig Verurteilten erkennen zu lassen. Was die sich
entwickelnde Gesellschaftsfähigkeit dieser Meinung aber zusätzlich
erschwerte, war Dreyfus' jüdische Abstammung. Das gesellschaftliche
Problem war jedoch nicht einmal der bisher latente, jetzt offen und
in verbaler Gewalt ausbrechende Antisemitismus im vornehmen Frankreich,
sondern die Frage: Wie weit darf man sein Mitgefühl mit einem jüdischen,
wenn auch ungerecht verurteilten Offizier gehen lassen? Die Frage und
ihre verschiedenen Antworten spielen in mehreren Bänden der "Suche"
eine tragende Rolle - nicht zuletzt deswegen, da Prousts mütterlicherseits
ebenfalls jüdischer Herkunft war und das Problem also selbst spüren
mußte (was er sich jedoch, hier ist nichts mehr ganz einfach,
durch antisemitische Ausfälle vom Leibe hielt, um weiterhin in
den feinen Salons verkehren zu können). All diese soziopsychologische
Dynamik von sich scheinbar dauernd wandelnder Fremd- und Selbstwahrnehmung
fehlt bei Hayman.
Ebenso die nochmalige Verschärfung des Problems durch eine gesellschaftlich
nicht anerkannte sexuelle Orientierung. Und Proust war sogar beides:
Halbjude und Homosexueller. Beides wird in der "Suche" ausgiebig
thematisiert, sozusagen in Theorie und (heterosexuell verhüllter)
Praxis. Homosexualität nahm die Gesellschaft der Zeit dann noch
hin, wenn sie nicht zu auffällig wurde, wenn sie sich in die Frivolität
einer Konversation einbetten ließ und ästhetisch zurückhaltend
blieb. Andererseits wird der kaum verhüllte Vorwurf der Homosexualität
dann zum Ostrazismus, wenn man jemanden aus einem Salon verbannen möchte
(wie es dem Baron Charlus in der "Suche" geschieht). Auch
diese intrikate, alles andere als eindeutige Verknüpfung zwischen
Gesellschaft und Sexualität im Falle Prousts wird von Hayman nicht
behandelt.
Mit anderen Worten: Diese Biographie hat keine Linie. Statt sich in
den aufeinanderfolgenden Szenen eines Lebens zu verlieren, hätte
sie besser an einigen Stellen einmal innegehalten und dem Leser eine
kurze Bewertung der erreichten Etappe gegeben, Wachstumsschübe,
Wendemarken, Wegweiser, Rück- und Vorblicke, kurz: eine Lebensbilanz.
Besonders bei einem Menschen, der - manch äußerem Anschein
zum Trotz - so wenig in den Tag hinein, sondern bald nur noch für
sein Werk lebte wie Proust. Der am Ende nur noch ein Ziel kannte: Die
Apotheose der Kunst, die in ihrer reinen Form den Tod besiegt. Hayman
erwähnt nicht einmal die einzigartige Stelle in der "Suche",
wo die im Schaufenster aufgestellten Bücher des eben verstorbenen
Schriftstellers Bergotte ihm wie Engel eine stille Totenwache halten.
Und am Ende besiegt eine unspektakuläre Güte sogar das möglicherweise
schlimmste Verbrechen: die Häßlichkeit. Hayman sagt uns,
daß der Besuch des Baron Charlus im Männerbordell eine der
zwei dunkelsten Szenen des Romans ist. Das mag sein. Aber wie kann ein
Proust-Biograph vergessen, diese Szene mit dem reiferen Baron Charlus
zu überblenden, der am Schluß des Romans als einziger sein
Palais in ein Lazarett für Verwundete verwandelt (und den Verlust
so vieler schöner, junger Männer in diesem sinnlosen Krieg
beklagt)?
So wird das Buch für den Proust-Neuling eher zum Labyrinth. Dem
schon kenntnisreichen, mit Proust vertrauten Leser schenkt es an vielen
Stellen reichen Detail-Gewinn.
Fritz R. Glunk
Ronald Hayman
Marcel Proust. Sein Leben
Insel Verlag, Frankfurt am Main / Leipzig 2000
13 x 21,5 Zentimeter, 840 Seiten
DM 78,, öS 496, sFr 62,--
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