Nr. 30, November 2000
 

 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder      Rubriken     Archiv

 
 Leseproben
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 Marcel Proust

 Bettina Gaus
 Houellebecq

 

 

Ars longa, vita brevis

Man beginnt dieses Buch eigentlich nicht. Man taucht in den Text ein, erschütterungsfrei, und läßt sich von ihm sanft und freundlich weitertragen. Schon der allererste Satz der Biographie ("Auteuil war damals noch ein Dorf.") verführt zu dieser willigen Hingabe, in der man von einer farbigen, detailreichen, atmosphärischen Szene zur nächsten geführt wird. Nach dem Eingangssatz zum Beispiel geht es gleich so einnehmend weiter:

Das große Haus lag in einem weitläufigen Park mit hohen Kastanienbäumen, mit Rasenflächen, Blumenbeeten, gepflegten Kieswegen, einem Springbrunnen und einem Fischteich. Eine Hochburg des bürgerlichen Geschmacks, eingerichtet im Stil Louis-Philippe, mit Polstersesseln und schweren Vorhängen an den Fenstern. Es gehörte Prousts vierundfünfzigjährigem Großonkel Louis Weil, der sein Vermögen mit einer Knopffabrik gemacht hatte, die fünftausend Arbeiter beschäftigte. Als seine Frau im November 1870 starb, zog er sich nach Auteuil zurück und widmete nun den größten Teil seines Lebens den Schauspielerinnen und Kurtisanen.

Geschmeichelt muß der Leser anerkennen: Er wird nicht immer in wenigen Sätzen so eingehend mit so dekorativen Umständen vertraut gemacht.
Und so bedeutsam geht es auch weiter in Haymans Proust-Biographie. Aus immer neuen, kundig ausgewählten Dokumenten und Zeugenaussagen, Briefen und Tagebüchern baut sich allmählich das immer konkretere Bild des Schriftstellers auf.
Proust zum Beispiel in den Augen seiner Schulfreunde, die seine Konversation hinreißend fanden: "Am meisten erstaunte er aber die Erwachsenen; sie waren sich alle einig in ihrem Entzücken über seine erlesene Höflichkeit und die komplizierten Schachzüge seiner Wohlgesonnenheit." Der Bewunderte konnte jedoch über sich selbst sehr hellsichtig urteilen, in klarer Distanziertheit, wie über einen anderen Menschen:

Er ist ein Mann der Erklärungen: unter dem Vorwand, einen Kameraden wie einen Vater zu lieben, liebt er ihn wie eine Frau, ist auf Plaudereien, dann auf Verabredungen aus, schreibt fiebrige Briefe, läßt einen unter dem Vorwand, nicht ernst zu sein und nur ein Pastiche zu schreiben, hören, man habe göttliche Augen und die Lippen wirkten verführerisch - mit der größten Unbeständigkeit. Das Schlimmste aber ist, ma chère, daß er nach dem Wirbel um B. diesen fallen läßt, um mit D. zu flirten, den er bald wieder aufgibt, um sich erst zu Füßen und dann in den Schoß von F. zu werfen.

Proust erscheint hier als junger Mann, der nie weiß, ob er genügend geliebt wird und der in solch quälender Unsicherheit dann zu hohe Trinkgelder gibt und auch fernere Freunde mit plötzlichen Blumengeschenken verblüfft. Dieses Geliebtwerdenwollen liest Hayman auch an den Antworten ab, die Proust zweimal, mit dreizehn und dann wieder mit dreiundzwanzig, auf den berühmten Fragebogen gab. Beim zweiten Mal sind die Geständnisse offener, das Bedürfnis nach Liebe erheblich ausgeprägter.
Im Paris der Jahrhundertwende, noch vor der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, treten wir mit dem Biographen in eine Welt des luxuriösen Adels ein, dessen Luxus jedoch nicht immer bloß sinnloses Verprassen ist, sondern eine Lebensform, eine Philosophie aus Grazie und Kunstverstand - von überwältigender Überflüssigkeit. Daß etwa Graf Montesquiou den Panzer seiner Lieblingsschildkröte mit Türkisen auslegen läßt oder aber einen Gipsabdruck der Knie der Comtesse de Castiglione besaß, hat keinerlei praktischen Nutzwert, zeigt aber - gerade deshalb - einen leidenschaftlichen Sinn für Schönheit.
An so unvergeßlichen Stellen vorbei führt Hayman den Leser zu Prousts ersten, noch recht mondänen Schriften, zu dem Duell mit dem Kritiker (wobei, besonders irrwitzig, in die Luft geschossen wurde, wenn die Beleidigung nicht sehr stark war), dann auch ein wenig in die Dreyfus-Affäre, weiter zu den mittleren Werken, zu den Verlegern, dem angebeteten Chauffeur, der selbstlosen Dienerin Céleste und schließlich zur Arbeit am Lebenswerk. Für den großen Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", sagt Hayman zutreffend, hat Proust sein eigenes Leben zur Nebensache erklärt - anders als der Dandy Oscar Wilde, der von sich behauptet hatte, in seine Werke gehe nur sein Talent ein, alles Genie aber in sein Leben.
Und doch ist Haymans vielstimmige, faktenfreudige, in heiteren Windungen dahinfließende Causerie keine große Biographie geworden.
Es liegt wirklich nicht daran, daß sich eben nur selten zwanglose Überleitungen von Szene zu Szene, von Beobachtung zu Beobachtung finden lassen. Da knirscht es dann halt manchmal etwas laut. So zum Beispiel, wenn der Autor gerade von Prousts Asthma gesprochen hat, im nächsten Absatz aber auf erotische Bedürfnisse kommen möchte und so überleitet: "Trotz seiner Krankheit machte sich seine Sexualität wieder bemerkbar." Der Satz hat eine unfreiwillige Komik (nicht nur, weil es nur sehr wenige Krankheiten gibt, die die Sexualität dauerhaft unterdrücken, nein, wegen diesem "macht sich bemerkbar", als hätte sie kurzzeitig ihre Schüchternheit abgelegt). An diesen hörbaren Scharnieren liegt es aber nicht.
Man mag sich vielleicht auch damit abfinden, daß entscheidende und prägende Details aus Prousts Leben einfach fehlen. So ist zum Beispiel an keiner Stelle davon die Rede, warum der Verlagslektor André Gide das Manuskript der "Verlorenen Zeit" abgelehnt hat - auch nicht, ein minderes Detail, von der Süffisanz, mit der er Proust später eine wirklich fehlerhafte Stelle unter die Nase gerieben hat ("Ich öffnete [das Manuskript] mit geistesabwesender Hand, und mein Pech wollte es, daß meine Aufmerksamkeit sogleich ... über den Satz stolperte, wo von einer Stirn die Rede ist, auf der die Rückenwirbel hervortreten.").
Der einigermaßen informierte Leser bedauert die nebensächliche Behandlung der Dreyfus-Affäre. Das eindeutig antisemitisch geprägte, politische Urteil gegen Dreyfus spaltete ganz Frankreich jahrzehntelang in zwei Lager. Und wer gesellschaftlich auf der Höhe bleiben wollte (oder gar, wie Proust, dort noch gar nicht angekommen war), mußte genau zusehen, auf welche Seite er sich schlug. Gehörte es am Anfang der Krise noch zum guten Ton, Dreyfus-Gegner zu sein, so war es im weiteren Verlauf auch in den adligen Salons sehr angebracht, eine gewisse Symathie für den unschuldig Verurteilten erkennen zu lassen. Was die sich entwickelnde Gesellschaftsfähigkeit dieser Meinung aber zusätzlich erschwerte, war Dreyfus' jüdische Abstammung. Das gesellschaftliche Problem war jedoch nicht einmal der bisher latente, jetzt offen und in verbaler Gewalt ausbrechende Antisemitismus im vornehmen Frankreich, sondern die Frage: Wie weit darf man sein Mitgefühl mit einem jüdischen, wenn auch ungerecht verurteilten Offizier gehen lassen? Die Frage und ihre verschiedenen Antworten spielen in mehreren Bänden der "Suche" eine tragende Rolle - nicht zuletzt deswegen, da Prousts mütterlicherseits ebenfalls jüdischer Herkunft war und das Problem also selbst spüren mußte (was er sich jedoch, hier ist nichts mehr ganz einfach, durch antisemitische Ausfälle vom Leibe hielt, um weiterhin in den feinen Salons verkehren zu können). All diese soziopsychologische Dynamik von sich scheinbar dauernd wandelnder Fremd- und Selbstwahrnehmung fehlt bei Hayman.
Ebenso die nochmalige Verschärfung des Problems durch eine gesellschaftlich nicht anerkannte sexuelle Orientierung. Und Proust war sogar beides: Halbjude und Homosexueller. Beides wird in der "Suche" ausgiebig thematisiert, sozusagen in Theorie und (heterosexuell verhüllter) Praxis. Homosexualität nahm die Gesellschaft der Zeit dann noch hin, wenn sie nicht zu auffällig wurde, wenn sie sich in die Frivolität einer Konversation einbetten ließ und ästhetisch zurückhaltend blieb. Andererseits wird der kaum verhüllte Vorwurf der Homosexualität dann zum Ostrazismus, wenn man jemanden aus einem Salon verbannen möchte (wie es dem Baron Charlus in der "Suche" geschieht). Auch diese intrikate, alles andere als eindeutige Verknüpfung zwischen Gesellschaft und Sexualität im Falle Prousts wird von Hayman nicht behandelt.
Mit anderen Worten: Diese Biographie hat keine Linie. Statt sich in den aufeinanderfolgenden Szenen eines Lebens zu verlieren, hätte sie besser an einigen Stellen einmal innegehalten und dem Leser eine kurze Bewertung der erreichten Etappe gegeben, Wachstumsschübe, Wendemarken, Wegweiser, Rück- und Vorblicke, kurz: eine Lebensbilanz. Besonders bei einem Menschen, der - manch äußerem Anschein zum Trotz - so wenig in den Tag hinein, sondern bald nur noch für sein Werk lebte wie Proust. Der am Ende nur noch ein Ziel kannte: Die Apotheose der Kunst, die in ihrer reinen Form den Tod besiegt. Hayman erwähnt nicht einmal die einzigartige Stelle in der "Suche", wo die im Schaufenster aufgestellten Bücher des eben verstorbenen Schriftstellers Bergotte ihm wie Engel eine stille Totenwache halten.
Und am Ende besiegt eine unspektakuläre Güte sogar das möglicherweise schlimmste Verbrechen: die Häßlichkeit. Hayman sagt uns, daß der Besuch des Baron Charlus im Männerbordell eine der zwei dunkelsten Szenen des Romans ist. Das mag sein. Aber wie kann ein Proust-Biograph vergessen, diese Szene mit dem reiferen Baron Charlus zu überblenden, der am Schluß des Romans als einziger sein Palais in ein Lazarett für Verwundete verwandelt (und den Verlust so vieler schöner, junger Männer in diesem sinnlosen Krieg beklagt)?
So wird das Buch für den Proust-Neuling eher zum Labyrinth. Dem schon kenntnisreichen, mit Proust vertrauten Leser schenkt es an vielen Stellen reichen Detail-Gewinn.

Fritz R. Glunk

Ronald Hayman
Marcel Proust. Sein Leben
Insel Verlag, Frankfurt am Main / Leipzig 2000
13 x 21,5 Zentimeter, 840 Seiten
DM 78,–, öS 496, sFr 62,--

Ihr Kommentar

 

 Essays     Interview    Leseproben     Net-Ticker     TextBilder      Rubriken     Archiv