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Silke Andrea Schuemmer
Im Mieder
(Auszug aus dem unveröffentlichten Roman Remas Haus")
Haben Sie gewußt, daß alle schönen Frauen einen Buckel
haben? Einen unsichtbaren Buckel, von dem sie mit den abenteuerlichsten
Dingen abzulenken versuchen? Meine Mutter war an sich eine sehr körperliche,
zärtliche Frau, die wußte, daß reden manchmal einfach
nicht reicht. Ihr ganzer Körper in den immer schwarzen Stoffen
war ein großes Zeichen, das sie in die Stadt und in unser Haus
schrieb. Beim Vater war sie ein Ausrufezeichen mit gerade zurückgenommenen
Ellenbogen und durchgedrückten Knien oder ein Fragezeichen, wenn
sie sich zu ihm beugte, um ihn eine Weile reden zu lassen, was er dachte.
Bei mir war sie manchmal ein ganzes Wort, das in der Tür oder neben
meinem Bett stand. Eine Begrüßung oder eine Zurechtweisung,
geschrieben in den Linien von Beinen und Armen, Hals und Bauch. Ich
lernte sie früher lesen als Bücher, und es gab in der Stadt
auf den großen Plakaten und Schildern kein einziges Wort, das
sich durch die Krümmung eines Bogens oder durch das Wechseln eines
Beins so grundlegend verändern konnte.
Ich verstand nie, solange ich in der Stadt war, weshalb meine Mutter
mir bei all unseren Zärtlichkeiten von Anfang an verboten hatte,
ihren Rücken zu berühren. Ich kannte sie nackt beim Baden,
und in Wäsche beim Umziehen, und ich sah nie etwas an diesem Stück
Haut, keine Narbe oder keine Verletzung, die mich hätten mißtrauisch
werden lassen. Und noch ein Verbot gab es in unserem Haus, an das sich
auch der Vater zu halten hatte. Im Garten wuchterten fremdartige Gewächse
vor sich hin, die meine Mutter großzog, obwohl sie wirklich nicht
schön waren, und ganz hinten, wo die älteren der Merkwürdigkeiten
besonders dicht standen, gab es eine Bank, auf der sie ab und zu saß,
wenn sie nicht gestört werden wollte. Und mir wie dem Vater war
es strengstens verboten, sie da zu stören. Wenn etwas besonders
dringend sei, solle ich vom Haus aus nach ihr rufen, aber niemals, so
sagte sie, dürfe ich sie bei dieser Bank stören, wenn sie
da saß. Aber Sie wissen ja, ich bin weniger zurückhaltend
als Sie, und kommen Sie mir bitte nicht mit Moral. Und natürlich
war ich neugierig und schlich mich einmal doch an sie heran, auf Zehenspitzen,
ganz vorsichtig, damit das Unterholz nicht knackte.
Und ich sah meine Mutter, meine eigene Mutter, sich ein paar Mal zu
allen Seiten umsehen. Dann seufzte sie und ließ sich auf die Bank
fallen. Ich sah sie die Arme zum Nacken heben, und die Hände den
Verschluß ihres Kragens lösen und auch die Knöpfe am
Rücken bis zur Hüfte. Sie schälte sich aus dem Oberteil,
trug nichts mehr darunter und zog die Schultern so feste hoch, daß
man die Anstrengung in ihrem Gesicht sehen konnte, und als sie sie wieder
fallen ließ, sackte ihr Oberkörper ein Stückchen nach
vorne.
Und da sah ich ihn: einen weißen geschwungenen, sich nach oben
verjüngenden Buckel, der schwer auf ihren Schultern lastete und
den sie mit einem erstaunlichen Muskelspiel im schwankenden Gleichgewicht
hielt. Lassen Sie mich Ihnen jetzt erst einmal beschreiben, wie er wirkte,
weil ich Sie wieder zittern sehe mit meinem Brief in der Hand, denn
natürlich sind Sie jetzt geil und klapprig. Bei den Schulterblättern
fing es an: sehnig wölbte sich das feste Fleisch nach oben, und
die Kuppel, die fast bis zu ihrem Hinterkopf reichte, war kaum merklich
mit Haarflaum bewachsen. Die Haut schimmert hell, und wenn meine Mutter
den Kopf bewegte, ging ein kurzes Zittern und Grollen durch den Buckel
auf ihrem Rücken. Sie ließ ihre Arme hängen und hatte
den Kopf gebeugt, so daß sich ihr Nacken streckte. Nur, damit
Sie sich das jetzt nicht falsch vorstellen: Nicht die Wirbelsäule
war verwachsen, sondern die Wölbung war knochenlos und anscheinend
sehr schwer, denn meine Mutter atmete lauter als sonst und ließ
die Schultern immer tiefer sinken. Und ihre sonst so schnellen und sparsamen
Bewegungen wirkten träge und mühsam. Ich mußte an die
Vögelinnen denken, die ebenfalls so einen kleinen Buckel unter
ihren Federn hatten. Das war mir vorher nicht aufgefallen. Und auch
die Engel, die meine Mutter einmal für mich gezeichnet hatte, hatten
diese Wölbung am oberen Rücken, nur verdeckten sie ihre mit
Flügeln, was meine Mutter nicht konnte.
Ich stand atemlos zwischen den Bäumen und betrachtete sie, mehr
noch, ich versuchte, sie zu lesen, wie sie da saß, aber ihr Körper
schrieb ein Wort das ich nicht kannte. Ich hatte sogar den Eindruck
als sei es mehr als ein Wort, als forme sich durch diesen Buckel ein
ganzes Gedicht aus ihren Muskeln, Knochen und Sehnen. Ich hätte
gerne meine Hände auf diesen Buckel gelegt, denn ich dachte mir,
vielleicht könnte es auch so sein, daß ich, weil ich das
Verbot übertreten hatte, plötzlich blind geworden war, und
dann ließe sich das Wort, das da auf der Bank saß, vielleicht
durch Tasten entziffern. Aber ich blieb wo ich war und fühlte mich,
als würden sich von jetzt an ganz plötzlich andere Silben
aufeinander reimen als bisher.
Jetzt weiß ich also, daß sich zwischen den ohnehin merkwürdigen
Schulterblättern von manchen Frauen noch etwas anderes befindet,
etwas, das durch verstärkte sehnige Muskeln gehalten werden muß
und das zu verstecken alle Kraft von Frauen wie meiner Mutter fordert.
Und nun war mir auch klar, weshalb ich meine Mutter dort nicht berühren
durfte. Sie erlaubte es nicht, weil sie befürchtete, ich könnte
ihn fühlen, den Buckel. Und noch mehr fürchtete sie wohl,
ich könnte fragen, woher sie diesen Auswuchs hatte, der unsichtbar
blieb bis sie sich allein glaubte. Mittlerweile denke ich, daß
sie, als ich älter wurde, vielleicht doch gerne mit mir darüber
gesprochen hätte, denn auch mein Körper zeigte später
merkwürdige Verformungen, aber dazu kam es dann nicht mehr.
Leider, wie es so kommt, trat ich, der ich immer noch zwischen den Bäumen
kauerte, dann aus Versehen auf irgendein Tier, das sofort unanständig
schrie. Und dieser kurze Laut reichte aus, und meine Mutter streckte
sich augenblicklich und war wieder hochaufgerichtet mit gradem, weißem
Engelsnacken und streifte ihr Kleid über. Mich hatte sie nicht
entdeckt, und ich weiß nicht, ob ich damit großes Glück
hatte oder grade nicht.
Ihr
Kommentar

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