|
|
|
"Das überspringt Abgründe"
Interview mit Peter Gay, Autor des Buches Überlebensstrategien.
Ein langes Schweigen und gemischte Gefühle
Professor Gay, ganz am Anfang in Ihrem Buch, für das Sie den
Geschwister-Scholl-Preis bekommen haben, heißt es einmal, der
herschende Moll-Ton sei ein Teil von Ihnen selbst. Wie würden Sie
Ihre Grundstimmung bezeichnen?
Viel komplizierter als die - um es milde auszudrücken - sehr unangenehmen
Ereignisse, von denen das Buch handelt. Daß ich in Amerika sehr
schnell zuhause war und Freunde gefunden habe, daß ich dort studiert
und gearbeitet und geheiratet habe, Professor geworden bin, Gelegenheit
hatte, Bücher zu schreiben, daß die Universitäten, an
denen ich gearbeitet habe, immer sehr zuvorkommend gewesen sind - das
alles ist ja nicht in dem Buch drin.
Gab es in Ihrem Leben irgendwann einen Zeitpunkt, an dem Sie spürten,
jetzt bricht etwas Schreckliches in mein Leben ein, was meine Kindheit
beendet?
Das ist schwer zu beantworten. Ich glaube nicht, daß es ein Tag
war, eine Woche, sondern wahrscheinlich die ersten drei Monate der Nazi-Herrschaft,
wo es zum Beispiel darum ging, ob ich zu einem Gymnasium zugelassen
würde - was vorher gar keine Frage gewesen wäre. Oder der
Boykott vom 1. April, den ich selbst beobachten konnte, wenn ich einkaufen
ging: Da standen die SA-Männer in ihren braunen Hemden und hatten
solche Schilder: Kauft nicht bei Juden!" Damals wurde mir
wohl klar, daß das mein Land nicht mehr ist.
Haben Ihre Eltern gegen die infamen Reden über Jüdisches
um Sie herum ein Gegengewicht bilden können?
Sie haben es versucht, und es ist ihnen zumindest teilweise geglückt,
obwohl es natürlich gegen die täglichen Beleidigungen nicht
genug geholfen hat. Aber sie haben mir immer gesagt, ich solle nicht
glauben, was ich höre oder sehe, das sei eine Gruppe von Banditen
und Barbaren, und daß die berühmte deutsche Kultur uns gewissermaßen
mehr gehört als denen, die uns regieren.
Wie waren Ihre Erfahrungen dieser Art mit Lehrern und Mitschülern?
Das war eine der großen Überraschungen: wie angenehm oder
neutral die Schule im allgemeinen war. Es gab gewisse Feiern, von denen
ich ausgeschlossen war, zum Beispiel 1935, als das Saarland mit Deutschland
wiedervereinigt wurde: Da wurden meine jüdischen Mitschüler
und ich ausgeladen - was uns ja ganz recht war. Im großen und
ganzen bin ich anständig behandelt worden. Es gab hier und da ein
paar antisemitische Bemerkungen, die zwar dumm und gemein waren, aber
nicht so schlimm wie an manchen anderen Schulen.
Sie haben damals das entwickelt, was Sie Überlebensstrategien"
nennen, Briefmarkensammeln etwa oder Sport.
Ja, und ich habe damals schon, bei der Olympiade 1936, die Amerikaner
bewundert. Zum Beispiel Jesse Owens. Nicht nur, weil er vier Goldmedaillen
heimbrachte, sondern weil er ein sehr eleganter Läufer war. Und
deshalb konnte ich die Amerikaner feiern, als ob ich selbst einer wäre.
Und doch war die Welt um mich herum da: Da saß Hitler, da ging
Göring in seine Loge, die Leute jubelten ihm zu und machten ihre
Witze über ihn, was er ja sehr ermutigte, weil es ihn harmloser
erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war. Ich habe, als Zwölfjähriger,
meine Überlebensstrategien" wohl entwickelt, ohne zu
wissen, was ich tat. Also nicht in der Absicht, mich - sagen wir - für
eine Woche dem Nazi-Regime zu entziehen.
Gegen Ende Ihres Buches schreiben Sie, die Abgründe der menschlichen
Natur, wie sie im Holocaust zu Tage traten, hätten selbst Sigmund
Freud unsicher gemacht.
Das ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Ich weiß
nicht, was er über die Nazis gesagt hätte, wenn er den Krieg
überlebt hätte. Er ist ja bereits drei Wochen nach Ausbruch
des Zweiten Weltkriegs gestorben.
Ich wollte damit sagen: Das Ausmaß des - na, ich möchte nicht
theologisch klingen - des Bösen, der menschlichen Gemeinheit ist
von den Nazis doch ziemlich weitgehend ausprobiert worden und auch von
ihren Alliierten, den sogenannten ersten Opfern der Nazis",
also von Österreichern, Polen, Rumänen und anderen.
Die zwölf Jahre der Nazi-Herrschaft waren eine Art Generalprobe,
wie weit man gehen kann in solchen Dingen - besonders überraschend,
weil Deutschland ja so kultiviert war. Wenn man an die Flüchtlinge
aus Rußland denkt, ob Juden oder andere: Wenn sie wegwollten -
wo wollten sie dann hin? Die Antwort war: Deutschland. Weil es viel
zivilisierter war als die anderen Länder. Das war der allgemeine
Ruf des Landes, bis zum Ersten Weltkrieg und noch bis 1933.
Man hört oft die Frage, warum die jüdischen Menschen nicht
früher aus Deutschland weggegangen sind. Lag es vielleicht daran,
daß man in Deutschland nicht erkennen konnte, was sich anbahnte?
Es gibt viele Bücher über jüdische, aber auch deutsche
Selbsttäuschungen in dieser Zeit. Ob die Nazis es schaffen würden,
war am Anfang nicht klar. Auch im Ausland war die Hoffnung groß,
daß man diesen Mann irgendwie loswerden könnte. Auch Papen,
der Hitler ja an die Macht gebracht hatte, dachte so. Nicht nur wir
hatten, sondern ganz allgemein hatte man damals die Idee, die Nazis
würden abwirtschaften. Noch vier Wochen vorher, an Neujahr 1933,
war die allgemeine Überzeugung, daß die Nazis auf dem absteigenden
Ast sind.
Und warum sollte man, wenn man nicht politisch tätig war, jetzt
plötzlich Angst haben, verhaftet zu werden - besonders mein Vater
als Deutscher und verwundeter Frontkämpfer? Er hat ja auch seine
Pension noch bis 1938 weiter ausbezahlt bekommen.
Und dann die Frage, was man im Ausland tun konnte. Amerika war damals,
wie der Rest der Welt, in einer Wirtschaftsrezession. Was sollte mein
Vater dort tun - ohne Englisch, ohne einen Beruf, den er von einem Land
ins andere mitnehmen konnte?
Man hat als Leser oft den Eindruck, daß Sie sich die ganze
Zeit zwischen zwei Welten befanden, einem öffentlichen und einem
inneren Bereich, zwischen Verwirrung, manchmal auch Verzweiflung dort
und familiärer Bestärkung hier.
Ich arbeite ja schon seit dreißig Jahren über die Bourgoisie
des 19. Jahrhunderts. Ich habe ja auch eine massive, fünfbändige
Geschichte des europäischen Bürgertums im 19. Jahrhundert
geschrieben, die auch ins Deutsche übersetzt wurde (ohne dadurch
besser zu werden). Um die Mittelschichten, die middle classes",
zu verstehen, habe ich versucht, mir bestimmte Anzeichen zu erklären:
Welche Aggressionen waren damals möglich? Wie war es mit der Sexualität?
Anders als oft behauptet, gab es damals viele glückliche Ehen,
auch sexuell glückliche. Aber dazu gehörte auch die Trennung
von privatem und öffentlichem Leben. Das 19. Jahrhundert hat den
Unterschied zwischen öffentlich und privat schärfer gezogen
als alle Jahrhunderte vorher oder das 20. Jahrhundert nachher. Vielleicht
liegt mein Interesse an diesem Gegenstand daran (Ihre Frage bringt mich
jetzt darauf), daß die Trennung auch bei mir persönlich mitgespielt
hat.
Mit welchen Gefühlen haben Sie, wie jetzt schon seit einiger
Zeit, Deutschland wiedergesehen?
Der erste Besuch, 1961, war eine Katastrophe - aber das war unvermeidlich.
Ich wollte eigentlich gar nicht hin. Meine Frau und ich waren damals
im Urlaub in Frankreich und haben dann einen amerikanischen Freund in
Berlin besucht. Als wir nach Frankreich zurückkamen, habe ich aufgeatmet.
Später, Ende der 60er Jahre, ging es dann schon leichter, da lernten
wir auch deutsche Freunde kennen.
Danach kamen Besuche zu Forschungszwecken hinzu. Ich habe damals in
Berlin, in Hamburg, in Köln in den Archiven gearbeitet, wo noch
viel unausgewertetes und für einen Kulturhistoriker wertvolles
Material liegt. Diese Arbeit und die Bekanntschaft mit Deutschen wirkten
normalisierend. Als dann die Einladung auf ein Jahr ans Wissenschaftskolleg
Berlin kam, haben wir beide sie gern angenommen.
Es ist also etwas wie die Geschichte einer Wendung. Das bedeutet aber
nicht, daß ich jetzt wieder Deutscher wäre.
Sie schreiben, der Peter Fröhlich des Jahres 1938 sei noch
der Peter Gay von heute. Können Sie sagen, was das bedeutet?
Was ich damit gemeint habe, ist nur, daß ich nicht einfach ein
Amerikaner bin, der dort geboren ist und keine Erfahrungen anderswo
gemacht hat. Ich habe Erfahrungen gemacht, die für mich prägend
waren - auch wenn ich die Zeit hatte, solche Prägungen zu ändern
oder manchmal sogar zu verwerfen. Trotzdem: Ich bin als Ausländer
hingekommen, als sehr armer Ausländer. Aber: Wenn ich sagen höre,
wie unkultiviert die Amerikaner sind, dann werde ich das, was ich im
allgemeinen nicht bin: ein sehr aufgeregter Patriot, und dann streite
ich mich mit solchen Leuten.
Was aus Ihrer Vergangenheit ist prägend geblieben?
Ich glaube, man soll nicht versuchen, die Vergangenheit abzustreifen,
als ob sie völlig belanglos wäre. Das ist sie nicht. Sie hat
eine eigenartige Art und Weise, wieder aufzutauchen. Und ich habe das
vor zwei, drei Wochen erneut erlebt.
Als ich zwölf, dreizehn war, in Berlin, wohnten wir in einem Haus,
in dem ein frühpensionierter Bankier mit seiner Familie lebte,
Walter Schreiber, mit dem ich befreundet war. Er war, sagte er mir,
aus rassischen Gründen" pensioniert worden. Er hatte
mir Band für Band seine wunderbare deutsche Dickens-Ausgabe geliehen.
Am 10. November wurde er abgeholt, wie so viele andere Juden, über
dreißigtausend. Mein Vater war nicht unter ihnen, weil er nicht
so wichtig war. Anfang Dezember kam Schreiber zurück. Ich habe
ihn dann nur noch einmal getroffen, es war schmerzhaft: Er war blaß,
er konnte nicht laut sprechen, er sah beinahe senil aus. Ich fragte
ihn: Was habt ihr vor? Und er sagte mir: Wir gehen nach Schanghai. Das
war damals buchstäblich der einzige Ort der Welt, wo man ohne Papiere,
ohne Geld ein Konto eröffnen konnte. Danach war er mit Frau und
Sohn wie vom Erdboden verschwunden.
1996, als ich anfing, an meinem Buch zu arbeiten, erinnerte ich mich
an solche Dinge und versuchte, Walter Schreiber wiederzufinden. Ohne
Erfolg. Bis ich später aus England von einer Frau, die mein Buch
gelesen hatte, einen Brief bekam: Zufällig war sie mit den Schreibers
eng befreundet. Sie schrieb mir, der Sohn habe nach England fliehen
können, aber die Eltern seien in Auschwitz umgebracht worden. Das
war fürchterlich für mich. Walter Schreiber wäre zwar
aus Altersgründen auf jeden Fall in den neunziger Jahren tot gewesen,
aber daß er so gestorben ist, war für mich eine Art Erneuerung
des Schreckens von damals.
Sie haben vorhin von einer möglichen Normalisierung gesprochen.
Was können wir dafür tun?
Man sollte mit bestimmten Verallgemeinerungen sehr vorsichtig sein.
Es ist ja ganz leicht zu sagen Einmal ein Jude, immer ein Jude".
Aber ich ziehe es vor, das Wort so zu benützen, wie man Protestant"
sagt: Einmal ein Protestant heißt ja nicht, immer ein Protestant.
Andererseits soll man seine Abstammung aber auch nicht verleugnen. Ich
halte das für eine Art Feigheit. Ich hätte mich ja, wie in
Wien vor hundert Jahren üblich, taufen lassen und meinen Namen
ändern, meine jüdischen Großeltern verleugnen können.
Aber davon halte ich nicht sehr viel. Auch mein Vater wollte sich ja
nicht als Christ tarnen.
Dann die historische Erforschung der Vergangenheit, um sie in Besitz
zu nehmen, um zu verstehen, wie es eigentlich gewesen ist und wie man
miteinander auskommen kann, obwohl wir von verschiedenen Zweigen desselben
Baumes kommen.
Schließlich das Persönlichste: die Freundschaft. Für
mich ist Freundschaft etwas, wo man gewisse Fragen nicht stellt, etwa
Wer bist du?" oder Was ist deine Identität?".
Ich habe in meinen Büchern darauf hingewiesen, daß das Wort
Identität" oft zu leichtsinnig oder leichtfertig benützt
wird. Es gibt ja nicht nur eine Identität. Man identifiziert sich
mit vielem, mit den Eltern, mit dem Fußballclub, mit einer Religion.
Von Identität" wird immer so gesprochen, als ob das
ein undifferenzierter Klotz wäre; das ist meiner Meinung nach nicht
der Fall. Zur Identität gehört auch eine echte Freundschaft,
in der man darüber, ob einer Katholik oder Jude war oder ist, vielleicht
aus Neugier oder wissenschaftlichem Interesse spricht, aber vor allem
ist sie eine Situation, in der man den andern einfach annimmt. Punkt.
Das, glaube ich, übspringt viele Abgründe, die man vor sich
hat.
Das Interview wurde auf Deutsch geführt. Die Fragen
stellte Lo von Gienanth
|
|