Nr. 30, November 2000
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:

 Hanjo Seißler
 György Dalos
 Toronto
 Brief aus Cuba


 

 

Hanjo Seißler

Nazis fallen nicht vom Himmel

Sie haben das Land zu ihrem Privateigentum erklärt. Sie haben das Recht ihrem Vereinsrecht unterworfen. Sie haben die Würde des Menschen nach ihrem Bilde beurteilt. Sie haben die Feindseligkeit zu ihrem Programm erhoben. Sie haben die Angst vor Fremden und Fremdem zu ihrer Entlastung benutzt. Sie haben den Rufmord zu ihrem Stilmittel gemacht. Sie haben die Lüge zu ihrem Nutzen eingesetzt. Sie haben Glauben und Gutgläubigkeit mit Füßen getreten. Sie haben alles, was eine Demokratie ausmacht, durch ihre Selbstgefälligkeit, durch ihre Engherzigkeit, durch ihre Selbstgerechtigkeit und durch ihre Engstirnigkeit zertrampelt.

Hier ist nicht die Rede von den Kriminellen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Nazis genannt. Auch sind nicht deren Nachahmer, kopfkranke Muskelprotze und Krawallmacher, gemeint. Die möchten zwar gern und dürfen nur allzu oft. Denn, die so genannten verfassungsschützenden Organe der Bundesrepublik Deutschland nehmen zwar den winzigsten Splitter im Hintern eines "Linken" auf tausend Meter wahr, den Baseballken in der Hand rechter Schläger jedoch sehen sie selbst dann nicht, wenn sie unmittelbar vor den Gewalttätern stehen. Was vermutlich die Folge einer Verbindehautentzündung ist.

Es ist die Rede von einem Verein, der seit Gründung der zweiten Republik auf deutschem Boden so tut, als sei er christlichen Werten verpflichtet. Dessen Führer allerdings, den Hilfe suchenden Zimmermann Josef und seine schwangere Freundin Maria, klopften sie denn heute an, sie ohne langes Federlesen des Landes verwiesen: "Unnütze Wirtschaftsflüchtlinge!" So, wie sie allen Andersdenkenden lustvoll ins Kreuz treten, wenn sie sie denn schon nicht mehr ans Kreuz nageln dürfen, wie es einst dem Erstgeborenen der Maria geschah. Vonwegen – Globalisierung. Die dient einzig dem Kapital! "Das ist gottgewollt. Ist das klar?" So darf das Kapital ungehindert über den Globus vagabundieren. Wenn indes die Völker der Erde ihm folgen wollen, dann ist die Hölle los. Das Credo der Politklerikalen lautet: "Wer zahlt, schafft an!"

Die haben die Interessen ihrer Partei stets mit denen des Staates gleichgesetzt: "Wer nicht für uns ist, der ist gegen den Staat!" Und: "GehnSe doch nach drüben!" Kritische Fragen kommen ihnen vor wie Majestätsbeleidigungen. Sie haben, wie weiland der Adel und heute die Mafia, ihren eigenen Ehrenkodex über die Gesetze gestellt: "Die Person des Helmut Kohl muss aus zweierlei Sicht gesehen werden: Einmal als Staatsmann, Einheitskanzler und Groß-Europäer. Das andere Mal als Trickbetrüger." Das ist, als ob zwischen Al Capone, dem regelmäßigen Kirchgänger und Al Capone, dem heillosen Schwerverbrecher unterschieden werden müsste.
Sie haben stets Zensuren vergeben und so getan, als dürften sie die Maßstäbe setzen, die gelten sollen, wenn‘s darum geht, das Handeln und das Wesen anderer zu bewerten. Sie haben die Bevölkerung des Landes in Gute und Böse aufgeteilt: "Marktwirtschaftlich abzocken und marode Unternehmen mit Steuergeldern aufpäppeln – was spricht dagegen?" Aber – "Sozialhilfe in Anspruch nehmen, Arbeitslosen-Versicherung einlösen, Rente beziehen – wo denken Sie hin!" Sie haben in die öffentliche Debatte die Drohgebärde als Argument eingebracht. Das muss nicht brachial geschehen, das lässt sich hervorragend verbal – Ehre abschneiden, Brunnen vergiften, falsch Zeugnis reden – erledigen: "Die Sozen waren immer gegen die Einheit." Im Übrigen: "Wenn ihr nicht so wollt wie wir, dann werdet ihr schon sehen, was ihr davon habt!"

Sie haben Frömmlern und Blauäugigen scheinheilig Honig um den Bart geschmiert. Das "C" im Namen ihres Vereins ist nicht mehr als der Wurm auf dem Haken eines Anglers – ein Köder. Kurzum: Sie haben die guten Sitten, Stil und Anstand in der politischen Auseinandersetzung in den Staub geworfen. Sie haben dem Dümmsten klar gemacht: "Handle nur lange genug skrupelresistent und bedenkentragend, erbarmungslos und selbstmitleidig, ungesetzlich und rechthaberisch, vereinnahmend und eingebungsfrei, besitzergreifend und fallenlassend, dann wirst du dein Ziel erreichen."

Sie fummelten am Grundgesetz herum, um das Asylrecht auszuhebeln. Nebenbei bemerkt: Diese Fummelei war nicht ihre erste. Sie taten es vorher und nachher, wobei sie ständig mit spitzem Finger auf andere zeigten und zeigen und sie verdächtigen, Hand an die "freiheitlich demokratische Grundordnung" zu legen. Sie sprachen schon vor Jahren von „unerwünschter Durchrassung". Sie schüren Hass dadurch, dass sie Neid auf doppelte Staatsangehörigkeiten wecken. Sie wollen "asylantenfreie Zonen" in "ihren" Städten. Sie hetzen mit Parolen wie "Kinder statt Inder". Sie schwätzen von "Asylanten, die nur deshalb nach Deutschland kommen, um sich hier gratis satt zu essen, warm zu kleiden und sich ein Dach überm Kopf zu beschaffen, ohne zu arbeiten". Sie machen dadurch mies, dass sie von "Schein-Flüchtlingen, die die kriminelle Szene bereichern" schwadronieren. Sie lassen Asylbewerber, denen gemeingefährliche Geisteskranke die Existenzgrundlage überm Kopf abgefackelt haben, mit der Begründung ausweisen, denen fehle "die Existenzgrundlage". Sie schmeißen zugewanderte Menschen aus dem Land, die von besoffenen Deutschen invalid geprügelt worden sind, und sagen dazu, die könnten "mit solchen Traumata wohl kaum noch in Deutschland integriert werden".
Sie wollen "die Lufthoheit über den Stammtischen" zurückerobern, "die Zuwanderung" und das "Ausländerproblem" und was sonst noch an Niedertracht dazu gehört "zum Wahlkampfthema machen". Sie propagieren "die deutsche Leitkultur" und meinen "An deutschem Wesen, soll die ganze Welt genesen". Sie seibeln ein Deutsch zusammen, dass es das Stinktier graust, aber fordern von Fremden, sie sollten eine "Prüfung in deutscher Sprache" ablegen. Sie kümmern sich um "den rechten Rand" in einer Weise, dass rechts von ihnen nur noch ein Abgrund gähnt. Sie säen Wind und tun so, als wunderten sie sich darüber, dass andere Sturm ernten.

Das Furchtbare daran ist, dass die Funktions- und Mandatsträger der einstmals ruhmreichen Partei sozialdemokratischen Ursprungs nichts dagegen setzten. Schlimmer noch: Sie fuhren über weite Strecken auf dem Trittbrett der schwarzen Dampfwalze mit. Ohne rot zu bleiben! Mit der Parole "Das Boot ist voll!", hauten sie Ertrinkenden, die versuchten an Bord des vermeintlichen Rettungsbootes Deutschland zu gelangen, wie mit einem Paddel, auf die klammernden Finger. "Wer von denen auch nur eine Straftaten begeht, fliegt raus", jodelten sie in Bierzelten. In einer von ihnen geführten Landesregierung "ersetzten" sie eine barmherzige sozialdemokratische Christin durch einen gnadenlosen klerikalen Militaristen. Der spuckt auf "Linke" und plaudert mit "Bomberjacken in Springerstiefeln". Die Quittung dafür, dass sie ihre Ideale ohne Not über Bord geworfen haben, werden sie kriegen, die Dezimalsokraten.

Bei der Organisation, die hinter jeden Buchstaben ihres abgekürzten Namens einen Punkt setzt, damit selbst Volltrottel merken, dass sie wirklich das Letzte ist, läuft‘s nur im Detail anders. Die hat ihr Engagement für den Rechtsstaat schon vor vielen Jahren an der Garderobe derer abgegeben, die Posten zu vergeben haben. Von den Mitgliedern und Funktionären einer Partei, deren Sinnen und Trachten sich ausschließlich auf die eigene Versorgung richtet, kann niemand meinen, dass sie sich zu etwas aufraffen, das ihnen Unbequemlichkeiten bereiten könnte. Das sind Marktwirtschafter, die genau wissen, dass die von ihnen als sakrosankt hingestellte Gesellschaftsform nichts weiter ist, als die Fortsetzung des Faustrechts mit anderen Mitteln. Sozial-Darwinismus. Recht behält, wer sich nicht aufs Maul hauen lässt. Recht hat, wer anderen auf die Schnauze haut. Symbolisch, versteht sich. "Man" hat Manieren. Haben, haben, haben. Dieses haben. Jenes haben. Dieses Jenes auch noch haben. Und wenn sie tausendmal rufen "Widerspruch". Jeder rafft, was er raffen kann. So läuft das Spiel. Was ist anderes von Leuten zu erwarten, die einem erkannten Fremdenfeind, einem überdies überführten Lügner und ertappten Fälscher in Hessen die Stange halten? Die legen Lippenbekenntnissen ab, aber doch auf gar keinen Fall irgendein einträgliches, einflussverheißendes Amt.

"Wer nichts anfasst, kann nichts fallen lassen", werden sich die Moralinsauren in der ehedem grünen Kutte sagen. Und: "Wer sich zu weit aus dem Fenster lehnt, dem kann‘s geschehen, dass er auf die Schnauze fällt." Maulhelden. Papiertiger. Windeier. Mutanten. Karrieristen. Typen, die sich ums Verrecken auf dem Teufelsrad oben halten wollen. "Das müssen Sie doch verstehen, nationale Gefühle müssen auch bedient werden." Als ob es nicht reichte, diejenigen, die das brauchen, von weißblauen Bierzeltbewohnern und deren sudetendeutschen Landsmannschaften befriedigen zu lassen. Eine lächerliche Clique satter Claqueure, die mit der Mimik und Gestik derer, die von ihrer Wichtigkeit durchdrungen sind, allem abgeschworen hat, wofür sie früher laut singend die Schwurhand hob. "Pardon, wir müssen uns um uns selber kümmern."

Was für Vorbilder, die alles tun, den Zukurzgekommenen das Gefühl zu geben, es sei völlig in Ordnung, die Macht zu ergreifen, Raffgier zu entwickeln, Großmannsgehabe an den Tag zu legen, zu lügen, zu fälschen, kein Unrechtsbewusstsein zu haben, keine Scham empfinden zu können. Die haben den Hermann Busenbaum nie gelesen. Der jesuitische Moraltheologe (1600-1668) hat eben nicht gesagt: "Der Zweck heiligt die Mittel." Er hat erklärt "Wenn der Zweck erlaubt ist, sind auch die Mittel erlaubt" Das ist etwas völlig anderes als das, was sich die politische Klasse zu ihrer Rechtfertigung zurechtgelegt hat. Vor allem aber hat er hinzugefügt, unlautere Mittel seien auf jeden Fall ausgeschlossen. Gewalt ist eben nicht nur körperliche Gewalt. Ja, dumpf pöbelnde Gewalt ist vom Übel. Aber – Menschen sind – von Typen im Gewand des älteren Staatsmannes oder der entsprechenden Staatsfrau – auf eine viel feiner ziselierte Art kaputt zu machen. Nur Dummköpfe ziehen noch marodierend durchs Land.

Was ist ein "Heil Hitler", gegrölt von Leuten, die kaum ihren Namen schreiben können? Was bedeutet es, wenn verwirrte, rachsüchtige Entrechtete Wehrlose "klatschen"? Was sind existenzbedrohte Kleinstbürger, die sich dankbar daran erinnern, dass der Adel den Prügelknaben ins Leben rief? Was sind uniformierte Kahlköpfe, die Friedhöfe schänden? Was sind all diese offenen bösartigen Gemeinheiten gemessen an "Kinder statt Inder", "unerwünschte Durchrassung", "aslyantenfreie Zone", "die doppelte Staatsangehörigkeit fördert die Entfremdung der Deutschen zu Gunsten von Ausländern", "das Boot ist voll" oder wie sich die versteckte, verdeckte, verkommene Niedertracht deutscher Honoratioren sonst äußert?

Was ist die der Hoffnungslosigkeit entsprungene Brutalität gemessen am brutalen Beschiss – "Die bald blühenden Landschaften im Osten zahlen wir aus der Portokasse" – mit dem 17 Millionen Menschen, die von 1933 bis 1989, 56 Jahre lang, Diktaturen ertragen mussten, ins vergoldete Elend gelockt worden sind? Was ist der Hausfriedensbruch durch randalierende quasköpfige Jugendliche gemessen an der Besetzung öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten durch die Parteien? Was ist der Überfall auf Tagungsstätten und Veranstaltungen von jeweils anders Organisierten gemessen am bewaffneten Eindringen deutscher Soldateska auf dem Balkan?

Woher sollen Menschen, deren Würde angeblich unantastbar ist, wissen, was die Würde eines anderen Menschen ist, wenn sie selbst seit langem ohne Würde sind? Wie sollen Menschen, denen von westdeutschen "Treuhändern" die Arbeitsplätze – Grundlage der Würde des Menschen in der Marktwirtschaft! – unbarmherzig zerstört wurden, erfahren, dass es von Schwäche und mickrigem Charakter zeugt, sich zum Abbau seiner Frustrationen, Opfer und nicht Gegner zu suchen? Wann erzählt wer den Nicht-Privilegierten in Deutschland, dass sie von globalvirtuellen Einheits-Gewinnlern verarscht werden, wenn die ihnen – wie die Hütchen-Spieler auf dem Kurfürstendamm in Berlin – weismachen, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied?

Wer setzte das Gerücht, "die rechte Gewalt" gehe vom Osten aus und ähnliche Verleumdungen in die Welt? Wer weiß nicht, dass braune Schweinereien in aller Regel im Westen ersonnen werden? Wer lässt zu, dass – zehn Jahre nach dem Anschluss der Deutschen Demokratischen Republik – noch immer sorgfältig zwischen Deutschland West und Deutschland Ost unterschieden wird? Wer hat den Nutzen davon, wenn sich Ostdeutsche und Westdeutsche an die Wäsche gehen? Wer reibt sich die Hände, wenn ihm hirnamputierte Braune die Drecksarbeit abnehmen? Wer hält Moral in der Politik für unprofessionell und altmodisch? Wer ächtet diktatorische Systeme in Sonntagsreden und entsendet den handelsvertretenden Außenminister gleichzeitig zum Klinkenputzen in diese Länder? Wer soll nach dem Grundgesetz an der politischen Willensbildung des Volkes mitwirken und setzt alles daran, dass sich im Volk kein eigener Willen bildet? Wer behauptet jedes Mal, wenn sich in Bundeswehr oder Polizei ein braunes Moorloch auftut, dass sei "eine Ausnahme"? Wer tut für sich alles und nur erzwungenermaßen was fürs Volk? Wer verspottet Bedürftige und schafft den Ständestaat für Kranke? Wer heult Krokodilstränen, wenn Fremde, Sonderlinge oder einfach nur Andere, halbtot oder tot geschlagen werden? Wer gibt denen, an denen die Zivilisation offenbar vorübergerauscht ist, das schlimmste Beispiel? – Es fällt kein Nazi vom Himmel. Bei den etablierten Parteien liegt der Nazi im Pfeffer.

Ihr Kommentar



György Dalos

Hungerstreik anno 1971
Kommentar zu einem Briefwechsel zwischen Georg Lukács und János Kádár
(2. Teil; Fortsetzung aus Nr. 29, Oktober 2000)

Kommentar

1
Der heftige Briefwechsel zwischen zwei historischen Persönlichkeiten, György Lukács (1885-1971) und János Kádár (1912-1989), erscheint mir ein hinreichender Grund, nach fast drei Jahrzehnten auf ein dramatisches Ereignis meines Lebens, auf den gemeinsamen Hungerstreik mit Miklós Haraszti im Februar und März 1971, zurückzukommen. Lukács, der zu dieser Zeit bereits von seiner tödlichen Krankheit wußte, intervenierte mehrmals in unserer Angelegenheit. Wir erfuhren davon und hielten es später für wahrscheinlich, daß diese Einmischung wesentlich zum Erfolg unserer Aktion, der Aufhebung der Polizeiaufsicht, beigetragen hatte.
Die Ereignisse, in deren Folge beide Briefpartner Miklós Haraszti und mich unisono und abwertend als "Maoisten" qualifizieren, hängen nicht mit Harasztis, sondern mit meiner Vergangenheit zusammen. Haraszti stand über Studentenfreundschaften lediglich in lockerer Beziehung zu jener chinafreundlichen Gruppe, die damals an Budapester Hochschulen eine mehr oder weniger offene Propagandatätigkeit aufnahm. Sichtbares Ziel dieser Tätigkeit war es, den kommunistischen Jugendverband zu aktiverer Unterstützung des vietnamesischen Kampfes gegen die USA zu bewegen. Es wurde ein Solidaritätskomitee gegründet, das mal legal, mal ohne Genehmigung Kundgebungen organisierte und deshalb schließlich im Dezember 1966 von den Funktionären des Kommunistischen Jugendverbandes KISZ aufgelöst wurde. Zwei Wortführer dieses Komitees, die Studenten György Pór und Miklós Haraszti, wurden aus dem Jugendverband ausgeschlossen, aus der alma mater relegiert und unter Polizeiaufsicht gestellt.
Dem harten Kern der konspirativen Gruppe, welche die nicht genehmigten Aktionen (u.a. eine Demonstration am 1. Mai 1967 gegen die griechische Militärjunta) organisiert hatte und der auch ich angehörte, wurde ein Jahr später der Prozeß gemacht. Gründe für die Anklage "Verschwörung gegen den Staat" gab es mehr als genug. Die sich als "Gruppe Ungarischer Revolutionärer Kommunisten" bezeichnende Vereinigung hatte unter anderem einen Programmentwurf erarbeitet, dessen Punkt Nr. 34 "den gewaltsamen Sturz der revisionistischen Diktatur" und die Verwirklichung eines Sozialismus chinesischen Typus in Ungarn zum Ziel hatte. Es handelte sich dabei um studentische Wortgewalt, und auch die Verbreitung des Papiers war nicht sehr groß: Im weiteren Umfeld der Gruppe befanden sich ungefähr fünfzig bis sechzig Studentinnen und Studenten.
Für osteuropäische Verhältnisse fielen die Urteile nicht besonders streng aus: Der Hauptangeklagte György Pór erhielt eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren, und außer ihm mußten nur drei Mitglieder der Gruppe tatsächlich hinter Gitter. Alle anderen (unter ihnen ich) erhielten verschiedene Strafen auf Bewährung. Härter waren die weniger spektakulären Nebenstrafen: Ausschluß aus allen Hochschulen, Berufs- und Publikationsverbot sowie die übliche "Nachbehandlung" durch die Staatssicherheit, welche die Betroffenen noch jahrelang zu allerlei Verhören und "Anhörungen" vorlud. Pór wanderte schließlich im Mai 1975 wegen dieser kontinuierlichen Belästigungen aus. Er wurde ausgebürgert und durfte die ungarische Grenze erst 1988 wieder überschreiten.
Miklós Haraszti hingegen wurde nicht einmal als Zeuge zum Maoistenprozeß vorgeladen. Seine Polizeiaufsicht wurde im Januar 1968 aufgehoben, und man ließ ihn sein Studium am Philosophischen Institut fortsetzen. Außer persönlichen Konflikten trennte ihn von unserer Gruppe die Tatsache, daß er weniger an Ideologie als an Aktion interessiert war und Konspiration als Methode ablehnte. In seiner Haltung und seinen Ideen war er westlicher als wir: Die antibürokratische Attitüde und das Latino-Temperament des Che Guevara zogen ihn weit mehr an als die Prinzipienhaftigkeit eines Lenin. Außerdem verspürte er eine spontane Sympathie für Gandhi, Martin Luther King und überhaupt für die Gedankenwelt der Bürgerrechte. Von ihm hörte ich zum ersten Mal den Satz von Thoreau, daß "der Platz eines anständigen Menschen in einem Polizeistaat der Kerker ist." Durch unseren gemeinsamen Hungerstreik wollte er eigentlich Thoreau auf die spezifischen ungarischen Verhältnisse anwenden, und er wollte die Idee des gewaltlosen Widerstandes auch bei mir, und sei es mit Gewalt, durchsetzen.
Viele Mitglieder der zersprengten Maoistengruppe suchten jetzt seine Gesellschaft, weil sie sich erhofften, über seine Kontakte an der Universität ihre Agitation fortsetzen zu können. Die Inhalte veränderten sich: Theoretisch dominierte der antiautoritäre Hintergrund der westlichen Studentenbewegungen. Die Diskussionen drehten sich um studentische Selbstverwaltung, um die Chancengleichheit von Arbeiterkindern im Studium, und wenn die Teilnehmer mutiger waren, dann wurde sogar die Zerstörung des Prager Frühlings thematisiert. Man las, was es zu lesen gab, man schaute Filme und hörte Musik. In dieser seltsamen Mischung aus Angst und Hoffnung entstand zwischen mir und Haraszti eine literarische Koalition. Wir lasen unsere Gedichte in kleinen Kellertheatern, Gymnasien, Studentenheimen und sogar Kasernen – überall, wohin man uns einlud. Wir hielten Lesungen ab und machten kein Hehl aus unseren Gedanken.
Über uns schwebte die segnende Hand des "bärtigen Doktors" (so nannte ihn Haraszti in einem Lied der Politsong-Gruppe "Gerilla"). Dieser sozialistische Bolivar hoffte auf einen internationalen Freiheitskrieg gegen die USA, der den Menschen in "eine kalte tötende Maschine", so der Revolutionär wörtlich 1967 in seinem Brief an den Tricontinental-Kongreß in Havanna, verwandeln würde. Ein Spitzenfunktionär der ungarischen KP lehnte diese Haltung als eine "gegen den Marxismus gerichtete menschenfeindliche Theorie" ab. Wir jedoch sahen das Christusgesicht auf den T-Shirts, die glückliche Kommilitonen von ihrem staatlich genehmigten 30-Tage-Westreisen mitbrachten. Nach den Fratzen der Apparatschiks, die wir so gut kannten, war es eine wahre Offenbarung, daß ein Revolutionär auch so aussehen konnte.

2
Im Dezember 1969 veröffentlichte Haraszti sein Gedicht "Die Fehler des Che" in einer Budapester Literaturzeitschrift. Im Grunde handelte es sich um eine Parodie auf die Einwände der osteuropäischen Parteibürokraten gegen Guevara. Postwendend verurteilte ein Kritiker der Parteizeitung Harasztis "uferlose Demokratie" und "revolutionäre Askese" – Haltungen, die seiner Meinung nach "zur Tragödie führen" konnten. Der Name des Dichters wurde in diesem Artikel nicht genannt, was der Kritik einen offiziösen Charakter verlieh. Eine Woche später berichteten AP, Le Monde und schließlich auch die Süddeutsche Zeitung über die "Guevara-Diskussion" in Ungarn. Das Münchner Blatt brachte dieses Ereignis in direkten Zusammenhang mit dem gleichzeitig stattfindenden Prager Prozeß gegen den linken Studentenführer Petr Uhl und titelte: "Mit Mao und Guevara gegen Kádár und Husák."
Der deutsche Fernsehjournalist Wolfgang Dern reiste daraufhin nach Budapest, um einen Film über die Stimmung unter der ungarischen Jugend zu drehen. Bei seiner Recherche stieß er schon bald auf Haraszti, der bereit war, ihm ein kurzes Interview zu geben. Dern war hocherfreut, weil er schon zahlreiche Absagen hatte hinnehmen müssen – bereits das Wort "Westjournalist" klang gefährlich.
Bei dem Gespräch in Harasztis Wohnung spielte ich den Dolmetscher und war bemüht, nicht nur die Antworten, sondern auch die Fragen mäßigend zu beeinflussen. Ich glaube, das Interview geriet tatsächlich harmlos. Trotzdem holte mich die Polizei am nächsten Morgen ab. Durch Drohungen wollten sie mich dazu bringen, bei Miklós Haraszti die Rücknahme des Interviews zu erreichen. Die Drohungen hatten sehr viel Realitätsgehalt, denn mein Urteil von 1968 war zur Bewährung ausgesetzt, und jedes Gericht konnte erreichen, daß ich meine sieben Monate absitzen mußte. Wenn es sich um mein eigenes Interview gehandelt hätte, wäre ich sofort zum Nachgeben bereit gewesen. Aber jeder Versuch, Miklos Haraszti von irgendetwas abbringen zu wollen, wäre vergebliche Liebesmüh‘ gewesen.
So wurde die westdeutsche Reportage zum Ausgangspunkt jenes Polizeiverfahrens gegen Haraszti wegen "staatsfeindlicher Hetze", das im Mai 1970 mit einer Hausdurchsuchung begann. Im Zuge des Verfahrens wurde jedoch alles nur Erdenkliche aufgerollt: Seine Tätigkeit an der Universität, seine Lesungen und auch sein Privatleben. Insgesamt wurden etwa sechzig Zeugen vorgeladen, unter anderem auch ich. Der Berg gebar jedoch zunächst nur ein winziges Mäuschen. Es wurde keine Anklage erhoben, man blieb bei der polizeilichen Verwarnung und dem Ausschluß aus der Universität, direkt vor dem Diplom. Auch Harasztis Bruder wurde relegiert, weil die Polizei eine Satire bei ihm fand, in der unter anderem der fatale Satz stand: "Kádár ist doof". Was mich betrifft, so schien ich zunächst mit heiler Haut davongekommen zu sein.
Anfang Juni jedoch erhielt ich die Vorladung zu einer Anhörung. Man teilte mir mit, das Gespräch habe nichts mit dem Verfahren Haraszti zu tun, und stellte mir verschiedene Fragen nach Lesungen. Aber ich hatte den Eindruck, daß die Art meiner Antworten völlig gleichgültig war. Die merkwürdigste Frage bezog sich darauf, welche verbotenen Bücher ich in der Parlamentsbibliothek gern hätte ausleihen wollen. Tatsächlich hatte ich dort nach ungarischen Ausgaben von Kant, Hegel, Fichte und anderen Autoren gesucht, die ich in die Übersetzung eines sowjetischen philosophischen Traktats einbauen wollte. Doch es blieb mir ein Rätsel, was nun eigentlich der Gegenstand der staatlichen Neugier war. Schließlich stand mein Verhörer auf, beugte sich über mich und stellte wie in einem schlechten Krimi die obligatorische Fangfrage: "Sagt Ihnen dieser Name etwas – Schopenhauer?"
Drei Tage später wurde ich erneut vorgeladen, diesmal auf das Polizeipräsidium. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was sie nun wieder von mir wollten. Meine Frau Rimma begleitete mich dorthin. Nach einigem Warten fragte mich ein Polizeiarzt, ob ich an irgendeiner akuten Krankheit leide, womöglich an einer Herzkrankheit . Nach meinem beruhigenden Nein wurde ich einem hohen Offizier vorgeführt, der mir den Beschluß vorlas, daß ich mich "auf dem Gebiet von Budapest unter Polizeiaufsicht" zu stellen hätte. Das also war der Sinn der Anhörung gewesen – man hatte eine Ouvertüre gebraucht, um die polizeiliche Maßnahme einzuleiten. Dann wurde ich darüber aufgeklärt, welche Einschränkungen diese nach sich ziehen würde. Zwischen neun Uhr abends und fünf Uhr morgens sollte ich meine Wohnung und die Hauptstadt überhaupt nicht verlassen. Theater, Kinos, Restaurants und andere öffentliche Lokalitäten hatte ich zu meiden. Jeden Sonntag sollte ich mich um neun Uhr im Polizeirevier melden, und die Ordnungshüter waren befugt, jede Nacht bei mir zu erscheinen, um meine Anwesenheit zu kontrollieren.
Am schmerzhaftesten war jedoch Punkt "d", der mir untersagte, in meiner Wohnung einen Telefonanschluß in Anspruch zu nehmen. Erst seit zwei Wochen war ich, nach fünf Jahren Wartezeit, glücklicher Besitzer der Rufnummer 120503. Ich empfand es als besondere Grausamkeit, als der Mitarbeiter der Post uns am selben Nachmittag aufsuchte, mit einer riesengroßen Schere die Leitung zerschnitt und das Gerät in seine voluminöse Tasche steckte Doch schon bald bekam ich aufgrund einer Intervention des Schriftstellerverbands mein Gerät zurück, verbunden mit der Drohung: "Im Falle einer negativen Veränderung Ihres Verhaltens kann die polizeiliche Behörde die Vergünstigung zurückziehen." Doch diese dachte gar nicht daran, denn die Leitung brauchte sie selber, um meine Gespräche abhören zu können.
Genau einen Monat später wurde auch Haraszti unter Polizeiaufsicht gestellt. Damals arbeitete er bereits in der Traktorenfabrik "Roter Stern" als Fräser. Er hatte dort die Arbeit aufgenommen, weil er fürchtete, wegen "Asozialität" festgenommen zu werden. Aus dieser Episode entstand später seine berühmt gewordene Reportage "Stücklohn".
Durch diese Art der Gleichbehandlung waren wir sozusagen aneinandergekettet, und dieser Zustand belastete sehr unsere ursprünglich freiwillige Koalition. Jetzt stellte sich heraus, mit welch unterschiedlicher Natur uns das Schicksal versehen hatte. Haraszti erlebte die Polizeiaufsicht als herausfordernde moralische Situation und großartige Chance für weitere Zusammenstöße mit den Behörden, während ich nur von einem bodenlosen Gefühl der Scham und Demütigung besetzt war.
An einem frühen lauen Augustabend gingen meine Frau und ich spazieren, und plötzlich blieben wir vor dem Kino "Toldi" stehen. Man spielte den amerikanischen Film "Erdbeeren und Blut." Unsere Wohnung war von dort aus bequem in zehn Minuten erreichbar, so daß einer Rückkehr bis neun nichts im Wege stand. Allerdings gehörte das Kino "Toldi" eindeutig zu den öffentlichen Lokalitäten. Über unsere diesbezüglichen Hemmungen setzten wir uns jedoch schnell hinweg. Rimma ging zur Kasse und kaufte zwei Eintrittskarten. Das Publikum der vorhergehenden Vorstellung strömte bereits aus dem Kino. Wir hatten bereits begonnen, uns in die Schlange einzufädeln, die in den Zuschauersaal wollte, als wir plötzlich IHN erblickten.
Es war nicht hundertprozentig sicher, daß er "unser Mann" war, aber er starrte uns an. Wir setzten uns auf die Bank vor dem Kino und warteten. Er wartete auch. Wir standen auf und gingen zur Vitrine, als wollten wir die Fotos von dem Film anschauen. Er ging ebenfalls zum Schaufenster. "Warten wir noch ein bißchen", sagte meine Frau, und wir setzen uns wieder hin. Daraufhin entfernte er sich vom Schaufenster. Wir unternahmen noch einige Versuche, uns von der Seite unbemerkt in die Vorhalle einzuschleichen, aber wir konnten seinen starren Blick nicht loswerden. Schließlich entschieden wir uns, auf dieses Kinoerlebnis mit zweifelhaftem Ausgang zu verzichten.
Ein wenig möchte ich diese Geschichte relativieren. Selbstverständlich wußte ich, daß in meinem Land und in den Nachbarstaaten schlimmere Dinge passiert waren und immer noch passierten, und ich konnte mir vorstellen, was es bedeutete, etwa in Brasilien, Ghana oder Afghanistan, selbst wenn man sich auf freiem Fuß befand, kritischer Intellektueller zu sein. Andererseits war mein damaliger Seelenzustand äußerst kritisch.. Zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben erfuhr ich, daß jeden Augenblick an meiner menschlichen Würde gerüttelt wurde. Jedesmal, wenn ich einen Verlag oder eine Redaktion aufsuchte, fühlte ich mich, als ginge ein schlechter Geruch von mir aus. Mein Bekanntenkreis war sichtlich klein geworden, und irgendwann hielten nur noch ein paar linksradikale Freunde die Beziehung zu mir aufrecht. Meine einzige Hoffnung bestand darin, daß die Behörden meine Dauerdepression als musterhafte staatsbürgerliche Haltung goutieren würden. Doch gegen eine solche Hoffnung stand die Tatsache, daß die Antworten auf meine zahllosen Eingaben nur noch in Briefkopf und Unterschrift unterscheidbar waren. Der Text war nahezu identisch: Die Polizeimaßnahme sei gesetzmäßig, und es gebe keine weiteren Rechtsmittel. Vieles sprach für die Annahme, daß eine Lösung, wenn es denn überhaupt eine solche geben konnte, nur aus Harasztis Ghandi-Taktik entstehen konnte, über die wir uns für den Fall der Fälle bereits im Oktober einig geworden waren.
Meine Polizeiaufsicht wurde am 9. Dezember um ein weiteres halbes Jahr verlängert. Daraufhin schrieb ich eine Erklärung, in der ich mit ernstgemeinter kommunistischer Rhetorik mitteilte, daß ich "die Unterschrift unter dem diesbezüglichen Dokument verweigere, dessen Punkte nicht akzeptiere und für die daraus entstehenden schwerwiegenden Folgen jede Verantwortung den polizeiliche Organen zuschreibe. (...) Daß ich mich für diese Form des Ungehorsam entscheide, diktiert mir mein kommunistisches Engagement und mein staatsbürgerliches Verantwortungsbewußtsein." Diese Erklärung verschickte ich an einige Dutzend Institutionen und Privatpersonen, hauptsächlich an namhafte Intellektuelle. Die ersten offiziellen Antworten folgten dem bereits bekannten Strickmuster, nur war die gesellschaftliche Ebene bedrohlich höher geworden. Zum ersten Mal erhielt ich einen Brief, den ein Minister persönlich signiert hatte. András Benkei bestätigte die Entscheidung und bezeichnete meine Eingabe als """vervielfältigtes Zirkular", ein rechtlicher Terminus, der wenig Gutes verhieß.

3
Als am 9. Januar auch Harasztis Polizeiaufsicht verlängert wurde, wußte ich, daß damit die Kollision mit der Staatsmacht vorprogrammiert war. Die Sprache unserer "Gemeinsamen Erklärung" war nicht nur radikaler als meine eigene, sondern enthielt einen Frontalangriff auf die Behörde:
"Das Innenministerium beschäftigt sich systematisch mit der Beurteilung von literarischen Fachfragen. Ohne Verfahren sammelt und konfisziert es Manuskripte, analysiert Gedichte und zeigt sich bereit, die kompliziertesten Symbole zu deuten, während es in ästhetischen und ideologischen Fragen eine erstaunliche Unwissenheit an den Tag legt. Die Beamten der Polizei glauben unter dem Mantel der Geheimhaltung alles zu Papier bringen zu dürfen. Diese Tendenz in der Praxis des Innenministeriums richtet sich (jenseits des Mißbrauchs der Rechtsnormen und der offensichtlichen Verstöße gegen das Gesetz) gegen den demokratischen Diskurs von sozialistischen Künstlern und somit gegen den gesellschaftlichen Fortschritt. (...) Wir, die Unterzeichner, erklären, daß wir uns künftig den freiheitseinschränkenden Maßnahmen der Polizeiaufsicht nicht mehr unterwerfen. (...) Wir sind uns dessen bewußt, daß die Behörden uns infolge unserer Entscheidung mehrere Monate Haftstrafen und Zwangsarbeit aufbürden können. Jegliche Verantwortung dafür liegt jedoch bei den Organen des Innenministeriums, welche gesetzeswidrige Maßnahmen veranlassen oder diese bewilligen..."
Diesen Text verschickten wir an einige Adressaten mit der Post. Zur Wohnung von György Lukács am Belgrádrakpart brachten wir jedoch die Erklärung persönlich. Wir warfen den Briefumschlag in den Briefschlitz an der Wohnungstür und rannten dann atemlos die Treppe hinunter. Besonders wohl fühlten wir uns nicht bei dieser Aktion.
Persönlich kannten wir György Lukács nicht. Für mich galt er als "Revisionist", und ich las nur seine literaturtheoretischen Arbeiten. Haraszti hingegen hatte einen Begriff von seiner Philosophie, doch ihn störte Lukács´ apologetisches Verhältnis zum "real existierenden Sozialismus". Anderthalb Jahre vor der Szene im Treppenhaus hatte er in einer Literaturzeitschrift gespöttelt über das berühmte und schwache Bonmot des großen Philosophen: "Der schlechteste Sozialismus ist besser als der beste Kapitalismus." Haraszti verglich diesen Satz, den Namen des Meisters wohltuend verschweigend, mit Pangloss‘ Weisheit aus Voltaires "Candide", die jener selbst noch auf dem Scheiterhaufen während des Autodafé in Lissabon verkündet hatte: "Diese Welt ist die beste aller existierenden Welten." Und jetzt suchten wir ausgerechnet bei Lukács Unterstützung.
Ich vermute, der alte Mann hatte gleich zum Telefon gegriffen und vor allem den Kulturchef der Partei, György Aczél, angerufen. Dieser war nun bereit, meiner Bitte vom Juni des Vorjahres nachzukommen und mich zu empfangen. Er bestellte mich in das "Weiße Haus" (Sitz des ZK am Donauufer, heute Haus der parlamentarischen Fraktionen) für acht Uhr morgens am 15. Januar 1971. Vielleicht ahnten die Genossen zu dieser Zeit bereits, daß die Geheimpolizei in unserem Fall über das Ziel hinausgeschossen war. Trotzdem war ihre Reaktion nicht besonders geglückt. Vielleicht machte ich einen schlechten Eindruck auch durch meine äußere Erscheinung: Aufgrund meiner Armut war ich sommerlich gekleidet, und auch meine Schuhe ließen einiges zu wünschen übrig. Ich zitiere aus meinem Gedächtnisprotokoll, das ich gleich nach der Rückkehr aus dem "Weißen Haus" verfertigt hatte.

ACZÉL Ich finde es merkwürdig, daß Sie ausgerechnet Lukács´ Hilfe in Anspruch nehmen, den Sie, falls Sie an die Macht kämen, binnen fünf Minuten liquidieren würden.
ICH Genosse Aczél überschätzt die Gefahr der Machtübernahme unsererseits. Außerdem hätten wir keinen Grund, Lukács zu "liquidieren", sondern sind ihm vielmehr dankbar für seine Intervention.
ACZÉL Ich kenne diesen Typus (mich – G. D.) aus der Arbeiterbewegung – diejenigen, die billige Zigaretten rauchten, obwohl sie sich auch teure leisten könnten, und bewußt lumpige Kleider tragen. Sie sind Bürgerkinder, wollen jedoch als Kommunisten erscheinen. (...)
ICH
Möchte betonen, daß es keine Organisation und auch kein Verbrechen unsererseits gibt und die Polizei Entsprechendes auch nicht beweisen kann. Hingegen mischt sie sich in literarische Angelegenheiten ein.
ACZÉL
Das weiß ich nicht. Haben Sie Kontakte zu den Chinesen? Hat Haraszti welche?
ICH
Keine, hatte ich auch nie.
ACZÉL
Falls es Ihnen in Ungarn nicht gefällt, geben wir Ihnen einen Paß zur Auswanderung nach China oder Albanien.
ICH
Wozu sollten Staatsbürger, welche die Gesetze einhalten, auswandern, während sie zu Hause nützlich sein möchten, woran sie jedoch gehindert werden?
ACZÉL
Wie ist Ihr Verhältnis zum System?
ICH
Seit der Verschwörung, die ich heute als eine dumme und schädliche Geschichte betrachte, habe ich nichts gegen das System unternommen. Ich wollte mich anpassen, was jedoch mißlungen ist, und zwar nicht durch meine Schuld. (...) Ich bin hundertprozentig sicher, daß die Polizei ihre Maßnahmen vor dem Gesetz mit nichts begründen kann. Deshalb halte ich den Ungehorsam aufrecht.
ACZÉL
Ich freue mich nicht darüber. Sie werden doch eingesperrt, wegen Regelverletzung, oder ich weiß nicht, weswegen. Ich bin kein Polizist. Sie sollten einen anständigen Brief an (den Innenminister – G. D.) Benkei schreiben, in dem Sie Ihre Motive darlege. Sie sollten nicht vergessen, daß Sie sich im Grunde nicht einfach gut, sondern besonders gut benehmen sollten. Sie haben nämlich bereits einiges auf dem Kerbholz.
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Aczél spielte bewußt mit dem maoistischen Grünschnabel, der dem System propagandistische Vorteile versprach. Seinerzeit hatten wir während des Prozesses 1968 dafür gesorgt, daß das Regime neben unserem verbalen Terror geradezu als liberal und rechtsstaatlich erschien. Jene im Konjunktiv gestellte Frage, was wir denn täten, wenn wir an die Macht kämen, stellte die tatsächliche Frage in den Schatten, was denn wirklich geschehen war, als SIE nach 1956 die Macht wieder übernommen hatten. Merkwürdigerweise akzeptierte selbst Lukács den Vorwurf des Maoismus aus dem Mund von Menschen, die ihn 1967 vor seiner Wiederaufnahme in die Partei – trotz seiner Rolle in der kommunistischen Bewegung seit 1918 - als "Konterrevolutionär" verfemten und ihn übrigens ebenso wie uns mit "freier Ausreise" unter Druck setzen wollten, obwohl für ihn ein etwas komfortableres Land auserkoren worden war.
Heute ist all das in Ungarn übrigens völlig egal. Sowohl Aczél als auch Lukács gelten in den Augen der rechten Öffentlichkeit als marxistische Kläffer, und Haraszti, der in der ersten freien Wahlperiode zwischen 1990 und 1994 Parlamentsabgeordneter wurde und im Medienausschuß saß, wurde gar mit ihnen, es ist kaum zu glauben, in denselben Topf geworfen (Originalton: "jüdischer Liberalbolschewist", "Aczél-Boy"). Nur trägt der Hauptankläger heute einen anderen Namen: Er ist ein ehemaliger IM, heißt István Csurka und ist Vorsitzender der in der Nationalversammlung vertretenen rechtsradikalen "Partei des Ungarischen Lebens und der Gerechtigkeit". Gleichzeitig werde ich als "exmaoistischer Romantrödler" betitelt, der für die "Verjudung der ungarischen Literatur" auf der Frankfurter Buchmesse verantwortlich sei. Trauriges ungarisches Leben, traurige ungarische Gerechtigkeit.
Mit dem krausen Gespräch im "Weißen Haus" zwischen mir und Aczél schienen damals zunächst alle Möglichkeiten für eine gütliche Lösung erschöpft. Der Staat ging nun auf Konfrontationskurs. Dies erfuhren wir aus einem Brief des Aczél-Intimus György Kardos, Direktor eines der beiden staatlichen Literaturverlage. Kardos, nach dem Krieg ein Offizier der Sicherheitsorgane, später ebenso Opfer von Säuberungen wie Kádár oder Aczél, schrieb uns unbeugsame Sätze wie zum Beispiel diesen:
"Offensichtlich wollen Sie das Innenministerium dazu zwingen, ein rechtliches Verfahren gegen Sie einzuleiten, und Sie hoffen darauf, daß die zu erwartende milde Strafe kein zu hoher Preis für die Werbung sein wird, die Sie in der bourgeoisen Weltpresse für sich verbuchen könnten ..." In dieser Frage gab es übrigens eine Meinungsverschiedenheit zwischen mir und Haraszti. Ich wollte damals, "solange der Krieg in Vietnam wütet", dem Klassenfeind keine Munition liefern. Er hingegen versuchte, unseren Fall in "Le Monde" zu publizieren - ein übrigens nicht besonders USA-freundliches Blatt. Jemand war soeben nach Paris gefahren und hatte die Nachricht mitgenommen, aber die "bourgeoise Weltpresse" war offensichtlich nicht geneigt, das liberale Image der Volksrepublik Ungarn unseretwegen in Frage zu stellen.

[3. Teil und Schluß im Dezember]

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Vasile V. Poenaru

Toronto im Blick

Wie kanadisch sind die Kanadier rund um den CN-Turm? Wie sehen die Lagerstätten der Indianerfilme in Wirklichkeit aus? Wie viele "echte" Kanadier gibt es noch? Was gehört dazu, drin zu sein im System? Wie weit ist Kanada von den Menschen entfernt, die es ihr Zuhause nennen?
What one man can do, another can do: Nordamerika hat schon immer auf brave Pioniere gewartet: auf Kraftkerle, die Neuland fruchtbar machen, die moderne Technologien über jedwelche Grenzen des Denkbaren hinweg zaubern sollen. Nordamerika wollte schon immer mehr.

Auf der EXPO in Hannover hatte Kanada den zweitgrößten Pavillon nach Deutschland. Wenn man sich ein Fußballfeld denkt, hat man einen Begriff davon. Gezeigt wurde natürlich vor allem die einmalige Vielfalt der Natur und der Menschen. Die sagenhaften kanadischen Wälder agierten gleichsam als multimedialer dramatischer Treffpunkt zwischen dem natürlichen und dem technischen Verständnis der Stunde: Auf einmal fing ein Wald Feuer. Der Kampf zwischen den Elementen gestaltete sich im Zeichen der Herausforderung, Mensch, Natur und Technik unter denselben Hut zu bringen.

Die technische Lösung dieser Perspektive kam erstaunlich gut an, denn es wurden sowohl virtuelle als auch natürliche Aktanten dazu herangezogen. Das Wasser war echt, der Brand hingegen simuliert. So einfach dieses Konzept scheinen mag, so gewaltig wirkte es dank der vorzüglichen Inszenierung. Durch das anschaulich abgestimmte Augenspiel der Springbrunnen wurde der virtuelle Brand im multimedialen Erlebnisbereich gelöscht.

Auf der einen Seite kann man hier sehen, wie der Mensch mithilfe moderner Technik sich der Natur bemächtigt: nicht um ihrer Herr zu werden, sondern um das ökologische Gleichgewicht des immer kleiner gedachten Globus verantwortungsbewußt zu bewahren. Zugleich aber rückt anhand dieses Bildes eine neue Überlegung das Gegeneinander von fingierter und tatsächlicher Wirklichkeit in den Vordergrund. Gewöhnlich ist es ja eher so, daß Imaginäres in das Reich der Wirklichkeit eindringt, um Welten entstehen zu lassen. Dieses Mal jedoch dringt die Wirklichkeit in den funktional-ästhetisch verklärten Bereich entfesselter Einbildungskraft ein, wodurch die Akzeptanz einer elektronisch simulierten Lebhaftigkeit der kanadisch geprägten Radiographie unserer Zeit ungemein potenziert wird.

Es gibt aber in Kanada außer den Wäldern auch noch Glas und Stahl: Es gibt einen Punkt auf der Karte, der Toronto heißt. Und die kleine Großstadt Toronto schminkt sich. Sie will die Augen der Menschen ergötzen, die sich - und sei es auch nur für eine kurze Weile - als Teil der vielseitig integrierten Kulturlandschaft am Ontario-See verstehen. Shaping Toronto's Future: Dieses ehrgeizige Projekt der Stadtplaner ist bereits voriges Jahr in Angriff genommen worden; besonders das Hafenviertel wurde in Hinblick auf eine möglichst ausgeglichene und umweltfreundliche Neugestaltung bedacht. Nun sollen Architecture and Urban Design Awards verliehen werden.

Eine unabhängige Jury wird die Gewinner des Award of Excellence und der Honourable Mention in vier Kategorien entscheiden und im September bekanntgeben. Alle eingereichten Projekte werden von der City of Toronto veröffenlicht und vom 6. bis zum 13. September in der Rotunda of City Hall ausgestellt.

Daß die Zukunft der Stadt nicht zuletzt in ästhetisch-funktionaler Hinsicht aus dem ergiebigen Gedanken- und Perspektivenaustausch einer großer Anzahl Sachkundiger hervorgehen soll, entspricht dem offenen Gemeinschaftsgeist, mit dem man sich in Toronto so sehr schmückt. Über das äußere Aussehen des groben Rahmens hinweg kommt es diesbezüglich auch auf viele konkrete Einzelheiten an, die man auf Anhieb gerne übersieht. Finanzielle Beihilfe für Hausbesitzer, die nicht genug Geld haben, um dringende Reparationen durchzuführen, gehören dazu.

Das Image eines jeden Ortes hängt sehr vom Blickwinkel des Betrachters ab. Aus dem Flugzeug sieht Toronto fast so gut aus wie auf den Ansichtskarten, auf der Autobahn fast so unpersönlich wie in der U-Bahn, und an manchen unterirdischen Strecken der Straßenbahn fehlen gleichsam nur noch die Räuber zum idealen Überfall. Wer durch die Innenstadt spaziert - und das tun nicht Wenige - muß manchmal auch vorsichtiger sein, als man eigentlich meinen könnte.

Es gibt aber noch ein weiteres wandelndes Bezugssystem, von dem aus man den Blick auf Toronto richten kann: das Fahrrad. Und dafür wurden in unserem auflebenden Großraum viele attraktive Routen eingerichtet. Im Juni wurde wieder die Toronto Bike Week veranstaltet: eine großzügige Möglichkeit, die eigentliche Seite der Stadt für Jung und Alt im Rhythmus der zwei Räder zu erschließen. Radfahren und Spazierengehen wollen die naturnahen Torontoer von nun an nämlich noch größer schreiben.

Und wenn es darum geht, in Gedanken ein bißchen innerhalb der Anschaulichkeit des Treffpunkts zu verweilen, den jeder Einzelne aufgrund seines eigenen Erfahrungs- und Erwartungshorizonts mitgestalten soll, schießen gleich die vielen Festivals in den Blick, die im Sommer auf einen zukommen. Sie bringen das Verständnis anderer Sprachkulturen näher, die die Menschen unser nennen, und bieten eine gute Gelegenheit, den Multikulturalismus der Metropole nicht als Demagogie, sondern als wahrhaften Lebensstil zu definieren.

Rund um den Erdball ändern Ortschaften ihr Antlitz. Barcelona, das neue Jerusalem städtischer Planung, erfuhr an sich die überwältigende Selbstsetzung einer Idee. Und es ist noch gar nicht so lange her. Yokohama. London. New York. Sie sind nicht mehr, was sie waren. Metamorphosen ungestümer Konglomerate aus Menschen, Stahl und Beton gingen mit erstaunlicher Wirkungskraft vor sich hin. Sie bewirkten untern anderem tiefgreifende Mutationen der geistigen Identität mehr oder weniger in sich geschlossener Gemeinschaften.

Und immer wieder wird von dem modernen Hi-Tech-Menschen das Eine bedacht: Wie soll die Stadt des kommenden Jahrtausends aussehen? Gibt es verbindliche kulturelle Werte, die ihr zugrunde liegen können?

Toronto ist ein Ort, wo es außer Wolkenkratzern, Technologie und Geld noch Menschen gibt. Nicht nur steinreiche, sondern auch Hunderttausende von bitterarmen. Gemeinsam haben sie das Jahr 2000 passieren müssen. Wer auf die einen schaut, sieht auch die anderen. Das Bild von Toronto hängt in seiner unbarmherzigen Gewachsenheit vor der Weltöffentlichkeit.

Hier befindet sich einer der Schnittpunkte des Erdballs: In gewisser Hinsicht darf man davon ausgehen, daß die Großtadt Toronto, ein tatlüsternes, kraftstrotzendes Schwesterchen von New York, New York, als versinnbildlichendem Scheinwerfer der kanadischen Gegenwart fungiert. Im Spiegelbild ihrer Wolkenkratzer gedeiht eine anschauliche Zerrform der multikulturellen und weitgehend computerisierten inwendigen Landschaft dessen, was die Seele dieser vielbelebten Welt am Rande des Ontario-Sees ausmacht.
Die gemütliche Seite des Lebens wird in Toronto freilich oft als unzulänglich empfunden, wohingegen die "Konkurrenz" in Montreal ernsthafte Ansprüche auf das Prädikat eines Paradieses der geistigen Entfaltung und der Unterhaltungsmöglichkeiten erhebt. Montreal, das sei Europa, Toronto hingegen Amerika. Viele Wolkenkratzer, wenig Kultur.

Aus der Vielfalt seiner Individualität heraus vermag Toronto nichtsdestoweniger eine einmalig ausgeglichene und in sich geschlossene Konstellation unerschöpflicher Ausformungen des Gemeinschaftsgeistes zu bieten, die die verschienensten Kulturen integrieren will und in dieser Hinsicht weltweit ihresgleichen sucht. Manchmal gelingt es.

Ein paar Gemeinplätze prägen die geläufige Vorstellung vom Leben nördlich der Großen Seen. Darunter die Erwartung sozialer Sicherheit und vorzüglicher Lebensqualität. Doch die vielgepriesene Sicherheit ist so sicher nicht. Die vielen Armen werden immer ärmer und sind immer mehr auf sich allein angewiesen. Es gibt kaum einen Bereich des öffentlichen Lebens, an den nicht soziale Unruhen rütteln.

Von klein auf wird einer mit diesem Gedanken vertraut. Schauplatz Schule: Frieden oder Ferien in Toronto? Seit ein paar Jahren harrt diese Frage einer Antwort. Und es ist nicht die einzige. Annähernd 300000 Schüler-Eltern blicken immer wieder erwartungsvoll und mehr oder weniger parteiisch auf den Ausgang des wüsten Streites, der zwischen dem Toronto District School Board, den Lehrern und dem Wartungspersonal ausgefochten wird.
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Hie Provinzialregierung, da Lehrer und Verwaltungspersonal. "The Government of Ontario is bad news for public education": eine Anzeige, die bereits nicht minder als McDonalds oder als der CN-Turm zum Alltag der Menschen in Toronto gehört. Wie ein Balsam für die vielen Wunden des öffentlichen Unterrichts klingt da die Vorstellung der wohltuenden Ferien, die stets einen friedfertigen Anschein der Ruhe und Ordnungsmäßigkeit zeitigen.

Einwanderungsland Kanada. Unmengen von Hoffnungen und schwunghaften Zukunftsbildern haften an dem blendenden Spiegelbild eines Visums. Die nationale Identität der Kanadier wird vielerorts groß geschrieben, wohl gerade deswegen, weil es sie kaum gibt.

Am Ausgang des 20. Jahrhunderts nach Kanada auswandern heißt nicht auswandern. Es fällt schwer, hier fremd zu sein. Freilich wird man allein durch die Tatsache der Umsiedlung nach dem Neuen Kontinent noch lange nicht zum "Einheimischen", sondern man bleibt strenggenommen - wenigstens ein paar Jahre lang - ein Fremder in der Fremde. Doch man empfindet sich nicht als Teil einer Minderheit. Als Fremder ist man in Kanada zuhause. Seltsamerweise sind es gerade die Ureinwohner der alten, sich unendlich weit ausstreckenden Jagdgebiete, die eine auffallende Minderheit ausmachen, gerade weil sie - im Unterschied zu allen anderen - schon immer hier waren. Als Neuling gehört man in Kanada der Mehrheit zu und wird folglich gerade deswegen im Nu mit der Fremde vertraut, die hier als Zuhause waltet.

Aber die glänzende Perspektive am Ausgang des Jahrtausends mag trügen. Der zwar durch und durch ergiebige Überblick bleibt am frohen Schein der Ansichtskarten haften und reicht kaum dazu, das Make-up der Stadt ganz mitzuerfassen.

Die fortschrittlich und tatkräftig stimmenden Wolkenkratzer lassen eine verheißungsvolle Seite ungebändigter Produktionswut der Finanzen durchblicken, an der mancher Schicksalsmacher des hochtechnologisierten Alltags seine Wonne hat. Der drittwichtigste geschäftliche Anziehungspunkt der Welt entfaltet mit Stolz seine wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Dimensionen und Valenzen. Mit neidvoller Bewunderung blickt der Besucher auf den CN-Turm hinauf - geblendet von dem gewaltigen Antlitz allmächtiger Bilder, anhand derer sich der Einzelne das Image des Ganzen ausmalt.

Und doch fallen Sein und Schein manchmal weit auseinander. Die vielen verführerischen Lichter, die bei Nacht aus weiter Ferne recht malerisch anmuten, erweisen sich als gar nicht mehr so viele, wenn man auf den beiweilen geradezu dunklen Straßen der Großstadt unterwegs ist.

Obdachlose streifen durch die Stadt, um den Schein ihres zumutbaren Sinns zu erhaschen. Daß es für sie keinen Platz gibt, wird lautstark verleugnet. Doch mancher mußte bereits daran glauben.
Ob die Menschen, die auf den Straßen von Toronto hausen, freie Bürger sind, ist fraglich. Sie haben jedenfalls nicht den Anschein, es zu sein. Ganz frei sind wohl auch die Politiker nicht, die manchmal über eine wohlstilisierte und trotzdem nicht den Schein wahrende Wirklichkeit stolpern müssen.

Über die Homeless in Toronto wird in den "erhabenen" Kreisen mit Vorliebe oft verächtlich gesprochen. Wohlfahrtsleute. Faulenzer. Drogensüchtige. Das sind ein paar der Schimpfwörter, mit denen sie in Sekundenschnelle abgestempelt werden. Daß die frierenden Verkörperungen von erschütternden Erfahrungen, Träumen und Ängsten ihrerseits Menschen sind, so wie du und ich, klingt eher unwahrscheinlich. Man denkt sich von dieser Überlegung lieber weg und versinkt in einer angenehmen Neutralität globaler Binsenwahrheiten, die stets bereit liegen, um aus der moralischen Sackgasse einer brutalen Wirklichkeit herauszuhelfen. Daß die Polizei die Obdachlosen noch im Jahre 1999 regelmäßig bei Nacht zu jagen pflegte, ist wohlbekannt. Manche Personen fanden das sogar recht und billig. Es ist wirklich nicht leicht, auf den Straßen von Toronto zu überleben. Davon wissen auch ältere Leute ein Lied zu singen, die etwa von unmenschlichen Vermietern im Handumdrehen aus der Wohnung geschmissen wurden, weil sie mit der ungebändigten Geldgier der Hausbesitzer nicht mehr Schritt halten konnten. Home, sweet home, heißt es. Was aber, wenn einer kein Dach über dem Kopf hat? Wie klingen dann Worte wie Lebensqualität und Zukunft?

Eine hervorragende Persönlichkeit unter den Ausgestoßenen in Toronto ist ein gebürtiger Deutscher. Für Hans Scholze ist es schon seit zwölf Jahren nichts Ungewöhnliches, in Toronto obdachlos zu sein. Dem Fünfundsechzigjährigen reicht die kümmerliche Pension nicht dafür aus, Miete zu zahlen. Nahrung und Zigaretten kann er sich gerade noch leisten.

Früher hatte er einmal ein Leben, jetzt hat er keine Zähne mehr. Als Scholze 1957 aus Deutschland nach Kanada auswanderte, war er voller guter Vorsätze und Hoffnungen. Irgendwann aber zerrannen ihm die Träume. Sein Weniges an Gut und Habe wurde ihm gestohlen - es ist schwer, etwas auf der Straße zu besitzen. Er wohnt in einer selbstgebastelten Holzkarre unmittelbar an dem regsten Straßenverkehr. Wenn er will, kann er sein Zuhause abtransportieren, mit vier Fahrradrädern schafft er das. Doch er will nicht: Kein Platz ist so sicher wie die kleine Wiese gleichsam mitten drin im Verkehr. Hier blicken ständig tausend Augen auf ihn. Hier kann ihm nichts passieren.

Als nach dem gewaltigen Schneesturm im Januar 1999 auf Anordnung des Bürgermeisters von Toronto Soldaten eingesetzt wurden, um die Unmenge Schnee wegzuschaufeln, die die Stadt lahmgelegt hatte, wurde Hans Scholze aus Versehen lebendig begraben. Ein ehemaliger Arbeitskollege suchte nach ihm unter dem Schneehügel und rettete ihm das Leben.

Wer mit dem Auto an seiner mobilen Welt zerschütterter Träume vorbeifährt, ahnt manchmal, daß Erfolg und Versagen ineinanderfließen können. Schicksal oder Lifestyle? Die Frage betrifft nicht nur einen Einzelnen, sondern die ganze "Homeless Community of Toronto". Die schreiende Wirklichkeit reißt sich ins Auge. Oft geht der Blick vorbei.

Der rechte Umgang mit Freiheit: Wie weit reicht er? Und wo fängt er an? Der CN-Turm stürzt gegen den Himmel, Stadt und Leute folgen etwas beklommen. Demokratie, das ist ein kompliziertes Wort. Auch hier.

Es sieht ganz so aus, als sei die Metropole ein klein bißchen aus ihrem verheißungsvollen Namen herausgefallen, dem sie nun gleichsam mühselig nacheilt. Der kleine Mann auf der Straße und der dicke Mann im Amt reden durcheinander. Das neue Konzept der Stadt Toronto wird neu entworfen.

Toronto ist ein neugeborener Lebensraum, hervorgegangen aus sechs verschiedenen Städten und der metropolitanischen Regierung. Am 1. Januar 1998 entstand offiziell eine neue sich auf 622 Quadratkilometer (240 Quadratmeilen) ausstreckende Stadt mit 2,4 Millionen Einwohnern. Aus den jeweiligen Selbstverständissen der einzelnen hierbei zu einem funktionstüchtigen Ganzen zusammengeschmolzenen Teilen erwuchs das unabdingbare Bedürfnis einer globalen Anschauungsweise. Toronto als ein einziger in sich geschlossener Körper will nun seine Identität behaupten. Ein entsprechend neuer offizieller Plan zur Beseelung dieses Körpers wird jetzt erdacht, damit Toronto nicht nur weiter im Glanze seiner prächtigen Vergangenheit selbstgefällig vor dem ergötzten Blick der Weltöffentlichkeit dahintreibt, sondern mit zumutbarer Beständigkeit einem klar umrissenen und haltbaren Ziel entgegenstrebt.

Mit welchen Idealen wachsen die Kanadier heran? Treffpunkt Raves: Die Rattenfänger in Downtown. Welche Rolle spielen die so umstrittenen Raves in der Ausbildung des postmodernen Stadtkindes? Sie waren eine Erscheinungsform der Unterwelt. Nun gehören sie zum Selbstverständnis der vielseitigen Subkultur in Toronto. Raves sind nicht bloße Drogenpartys, bei denen die Sinne der Teilnehmer im kollektiven Rausch trüb werden. Aus dem Herumexperimentieren mit Sensationen wurde langsam ein Riesengeschäft. Die Illusionsfabriken produzieren Empfindungen, die auf dem Gemütsmarkt besonders gefragt sind. Sie vermitteln den Eindruck eines greifbaren Sinns.

Warum verbringen Torontoer Jugendliche die Nächte zu Tausenden in dürftigen, ungelüfteten Räumlichkeiten, um das tolle Delirium der Stunde zu erleben? Große Worte wie Frieden, Zugehörigkeit und Glück werden ausgesprochen. Die Vorstellung eines neuen Zeitgeistes rückt näher. In Anlehnung an die sechziger Jahre sublimiert man die überpersönliche Erfahrung der Liebe und eine erhabene, kaum fest umrissene Andersheit. Die Musik ist es, die den Sog bewirkt. Bei einer bestimmtem Rhythmusschwelle interferiert der Schall nämlich mit den elektromagnetischen Schwingungen des menschlichen Gehirns und erzeugt dadurch ein euphorisches Gefühl des Wohlbefindens.

In letzter Zeit haben bei den Raves Phantasien hervorbringende Drogen wie Ecstasy (Methamphetamine), GHB (Gamma Hydroxy Butyrate) und Special K (Ketamine) den herkömmlichen Marihuana- und Alkoholgenuß verdrängt. Ecstasy, auch E genannt, behauptet dabei den unbestrittenen ersten Platz unter den Wirkstoffen zum Glücklichsein. Für 30 Dollar dringt man noch tiefer ein in die eigentliche Seite des nächtlichen Tiefenerlebnisses. Vorigen Sommer kam ein Raver in Toronto anscheinend wegen einer Überdosis ums Leben. Ein Sicherheitsprotokoll wurde aufgezeichnet, das die Veranstalter in Zukunft dazu verpflichtet, unter anderem Trinkwasser und ärztlichen Beistand sicherzustellen.

Da sie es erst seit seit wenigen Jahren bis an die Öffentlichkeit geschafft haben, schockieren diese lauten Partys manchmal nicht wenig. Sie zu verbieten wäre jedoch keine Lösung. Sonst könnten die Bürger von Toronto leicht denen von Hameln gleichen, die den Rattenfänger vertreiben wollten und dabei all ihre Kinder loswurden. Die Generationen leben oft aneinander vorbei, Harmonie hat viele Schattierungen. Angesichts der bestehenden Nachfrage werden die Raves - diesseits oder jenseits des gesetzlichen Rahmens - in absehbarer Zukunft auf jeden Fall weiterfahren. Sie spiegeln den Entfremdungsprozeß einer Gesellschaft wider, die zwischen Multi-Individuation und kollektiver Trance hin- und hergeschüttelt wird.

Toronto bedeutet Treffpunkt. Dies ist die Herausforderung der Stunde. Denn Menschen, die sich treffen, haben einander nicht unbedingt gern. Aus den begrifflich wie plastisch gefilterten Einzelperspektiven heraus stürzt dieser Raum auf seine umstrittene Zukunft zu - vorerst eine noch nicht zu Ende gedachte Idee. Diese soll die modellierenden Energien der Weltstadt entfesseln. Und an der Idee von Toronto kann jeder mitdenken.

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Henky Hentschel

Brief aus Havanna

Freunde, Feinde, Mitmenschen!

Als Vorspeise ein Zitat:
"... und ich riß mich am Riemen und biß die Zähne zusammen und schiß auf die Kultur, die mit ihrer dämlichen Metaphysik immer der Glückseligkeit in die Quere kommt."
Das steht so in "Drei traurige Tiger", diesem ernsthaft verrückten Cuba-Roman von Guillermo Cabrera Infante, dem Mann, der später seinem Land gegenüber fast so gehässig wurde wie Zoe Valdès, und das ist nicht leicht. Beide sind ausgewandert, abgehauen oder desertiert, wie das hier offiziell heißt. Beider Blut ist gesättigt mit Partikeln afrohispanischer Kultur, das Cabreras mit vorrevolutionären, von US-Viren infizierten Teilchen, das der jungen Obszönen mit neueren, die die Revolution geformt hat.
Aber Cabrera ist im Hain eines kulturellen Wäldchens groß geworden, während die Valdés schon als Kind durch einen kulturellen Regenwald trippelte. Daß Metaphysik und Glückseligkeit nicht unbedingt Zwillinge sind, haben sie beide bemerkt. Daß die Abwesenheit des einen das Wachstum der anderen erleichtern würde, ist allerdings auch eine schwer zu haltende These.
Hier ist seit einer Weile der Sommer vorbei, ein Rekordsommer. Selten haben die Cubaner so viel Schweiß vergossen (was sie auf Grund ihrer subtropisch-sozialistischen Intelligenz gar nicht gerne tun). Selten haben die Hautpilze so viel Boden gut gemacht. Selten ist das kulturelle Angebot so ins Kraut geschossen. Wenn ich noch wäre, wie ich als junger Mann war, als ich auf jede Vernissage gerannt bin, in jedes Konzert und in alle Theater, ich hätte den Schöpfer bitten müssen, mich zu klonen - und zwar mehrfach.
Meiner heutigen Reife entsprechend habe ich das Überangebot damit bekämpft, daß ich mich weigerte, meine Stammkneipe mehr als einmal die Woche alleine zu lassen. Nicht nur, daß Karneval war und die großen Wagen mit den federgeschmückten Mulattinnen und afrocubanischen Tanzgruppen den überfüllten Malecon hinunterzogen, daß an der 'Piragua' Issac Delgado seine Salsa in die feuchtheiße Luft der Nächte schleuderte, daß der 'Salon Rosado' der Brauerei 'La Tropical' - dieser mythische 'Salon Rosado', der eigentlich ein Amphitheater unter den Sternen ist wie das 'Tropicana' - daß dieser Salon Tanzmusik rund um die Uhr anbot und zwar vom Feinsten, daß im 'Coppelia', dem Eistempel im Vedado, die Pop-, Rock- und Rapgruppen Tausende aus dem Häuschen brachten, neinnein, das war beileibe nicht alles. Da war der Zirkus, da erschien peruanische Folklore, da eröffnete Manuel Mendive eine Ausstellung, Cubas Schlachtschiff der bildenden Künste, dem sie in Miami auch schon mal öffentlich sein vielleicht bestes Bild (es stellte einen harmlosen Pfau dar) öffentlich verbrannt haben, nur weil er in Cuba lebt. Da waren Theaterpremieren, Puppenspiele, Kindertheater, Vernissagen, Rumbas und Boleros, Humoristen, Chöre, lyrische Lieder und und und. Die Qual der Wahl wurde zu schmerzhaft, und ich hielt mich da raus.
Der Sommer ist vorbei und jetzt steuern wir die Zeit der Festivals an, des Jazz-Festivals, des Theater-Festivals, des Tanz-Festivals, des Festivals des lateinamerikanischen Films, der Biennale von Havanna, und bestimmt habe ich bei dieser Aufzählung noch zwei oder drei vergessen.
Wie ein Land der Dritten Welt mitten in einem Wirtschaftskrieg der USA all das auf die Beine stellen und zum Teil aus dem Boden stampfen kann, wird vielen ein Rätsel sein. Das Rätsel hat eine Lösung: Am Anfang war das Wort, und das Wort war Fidel, und Fidel war das Wort, und das Wort erklärte Kultur zu einem Artikel, der allen zusteht und nicht einer Elite und nicht irgendwelchen Impresarios und nicht irgendwelchen Agenten und nicht dem Fernsehen. Ohne eine Kultur der Massen, meinte der Comandante, bekommen wir auch keine politische Kultur, und ohne die können wir Washington gegenüber einpacken.
Die Cubaner kleckern nicht, sie klotzen. Gab es vor dem Sieg der Revolution zwei Kunstschulen im ganzen Land, sind es heute 46. Rund 14000 Studenten haben in den letzten vierzig Jahren an der Kunsthochschule ihren Abschluß gemacht. Aus neun Galerien sind mehr als 120 geworden, und mitten in der Krise produziert das Land rund 30 Filme pro Jahr. Jetzt läuft ein ehrgeiziger Plan, innerhalb von zehn Jahren 40000 zusätzliche Kunstlehrer auszubilden.
Läge Cuba weiter nördlich, könnte man sagen, daß Company Segundo, Mendive, Buena Vista Social Club, Erdbeer und Schokolade oder Chucho Valdés die Spitzen einiger Eisberge sind. Hier sieht man sie eher als die wuchtigen Riesen in einem cubanischen Kult-Urwald. Und dieser Wald wächst weiter, denn längst wuchert er nicht nur in Havanna und den Provinzhauptstädten. Da geht das Nationalballett in die Berge des Ostens, und Alicia Alonso, weltberühmt, tanzt vor Männern aller Hautfarben, die zu Pferde gekommen und stundenlang geritten sind, um sie zu sehen. Das staatliche Symphonie-Orchester reist in Zuckerdörfer, die so weit ab liegen, daß kein Tourist sie jemals zu sehen bekommt. Die Nationaloper macht sich mit ihrem ganzen Tross in den unwegsamen Escambray auf, und der Musiker Felix Chapotím taucht mit seiner Gruppe unversehens auf einem Festival des Son auf, das allenfalls lokale Bedeutung hat. Die Kultur in diesem Land hat sich auf die Socken gemacht, und ihre Anwesenheit im täglichen Leben ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Wo 12000 Künstlergruppen mit nahezu 70000 Mitgliedern (Gesamtbevölkerung: elf Millionen) rund 250000 Vorstellungen im Jahr geben und von dieser Arbeit auch noch leben können, hat sie eine Barriere übersprungen und gehört den Leuten. Die zahlen einen Obolus von einem bis drei cubanischen Pesos, das sind zwischen zehn und dreißig Pfennig, falls irgendein Spektakel sie anzieht. Dafür bekommen sie, was Cabrera Infante nicht glauben mag: ein bißchen Glückseligkeit, gepaart mit Metaphysik.

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