|
|
|
Hanjo Seißler
Nazis fallen nicht vom Himmel
Sie haben das Land zu ihrem Privateigentum erklärt. Sie haben
das Recht ihrem Vereinsrecht unterworfen. Sie haben die Würde des
Menschen nach ihrem Bilde beurteilt. Sie haben die Feindseligkeit zu
ihrem Programm erhoben. Sie haben die Angst vor Fremden und Fremdem
zu ihrer Entlastung benutzt. Sie haben den Rufmord zu ihrem Stilmittel
gemacht. Sie haben die Lüge zu ihrem Nutzen eingesetzt. Sie haben
Glauben und Gutgläubigkeit mit Füßen getreten. Sie haben
alles, was eine Demokratie ausmacht, durch ihre Selbstgefälligkeit,
durch ihre Engherzigkeit, durch ihre Selbstgerechtigkeit und durch ihre
Engstirnigkeit zertrampelt.
Hier ist nicht die Rede von den Kriminellen der Nationalsozialistischen
Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), Nazis genannt. Auch sind nicht deren
Nachahmer, kopfkranke Muskelprotze und Krawallmacher, gemeint. Die möchten
zwar gern und dürfen nur allzu oft. Denn, die so genannten verfassungsschützenden
Organe der Bundesrepublik Deutschland nehmen zwar den winzigsten Splitter
im Hintern eines "Linken" auf tausend Meter wahr, den Baseballken
in der Hand rechter Schläger jedoch sehen sie selbst dann nicht,
wenn sie unmittelbar vor den Gewalttätern stehen. Was vermutlich
die Folge einer Verbindehautentzündung ist.
Es ist die Rede von einem Verein, der seit Gründung der zweiten
Republik auf deutschem Boden so tut, als sei er christlichen Werten
verpflichtet. Dessen Führer allerdings, den Hilfe suchenden Zimmermann
Josef und seine schwangere Freundin Maria, klopften sie denn heute an,
sie ohne langes Federlesen des Landes verwiesen: "Unnütze
Wirtschaftsflüchtlinge!" So, wie sie allen Andersdenkenden
lustvoll ins Kreuz treten, wenn sie sie denn schon nicht mehr ans Kreuz
nageln dürfen, wie es einst dem Erstgeborenen der Maria geschah.
Vonwegen Globalisierung. Die dient einzig dem Kapital! "Das
ist gottgewollt. Ist das klar?" So darf das Kapital ungehindert
über den Globus vagabundieren. Wenn indes die Völker der Erde
ihm folgen wollen, dann ist die Hölle los. Das Credo der Politklerikalen
lautet: "Wer zahlt, schafft an!"
Die haben die Interessen ihrer Partei stets mit denen des Staates gleichgesetzt:
"Wer nicht für uns ist, der ist gegen den Staat!" Und:
"GehnSe doch nach drüben!" Kritische Fragen kommen ihnen
vor wie Majestätsbeleidigungen. Sie haben, wie weiland der Adel
und heute die Mafia, ihren eigenen Ehrenkodex über die Gesetze
gestellt: "Die Person des Helmut Kohl muss aus zweierlei Sicht
gesehen werden: Einmal als Staatsmann, Einheitskanzler und Groß-Europäer.
Das andere Mal als Trickbetrüger." Das ist, als ob zwischen
Al Capone, dem regelmäßigen Kirchgänger und Al Capone,
dem heillosen Schwerverbrecher unterschieden werden müsste.
Sie haben stets Zensuren vergeben und so getan, als dürften sie
die Maßstäbe setzen, die gelten sollen, wenns darum
geht, das Handeln und das Wesen anderer zu bewerten. Sie haben die Bevölkerung
des Landes in Gute und Böse aufgeteilt: "Marktwirtschaftlich
abzocken und marode Unternehmen mit Steuergeldern aufpäppeln
was spricht dagegen?" Aber "Sozialhilfe in Anspruch
nehmen, Arbeitslosen-Versicherung einlösen, Rente beziehen
wo denken Sie hin!" Sie haben in die öffentliche Debatte die
Drohgebärde als Argument eingebracht. Das muss nicht brachial geschehen,
das lässt sich hervorragend verbal Ehre abschneiden, Brunnen
vergiften, falsch Zeugnis reden erledigen: "Die Sozen waren
immer gegen die Einheit." Im Übrigen: "Wenn ihr nicht
so wollt wie wir, dann werdet ihr schon sehen, was ihr davon habt!"
Sie haben Frömmlern und Blauäugigen scheinheilig Honig um
den Bart geschmiert. Das "C" im Namen ihres Vereins ist nicht
mehr als der Wurm auf dem Haken eines Anglers ein Köder.
Kurzum: Sie haben die guten Sitten, Stil und Anstand in der politischen
Auseinandersetzung in den Staub geworfen. Sie haben dem Dümmsten
klar gemacht: "Handle nur lange genug skrupelresistent und bedenkentragend,
erbarmungslos und selbstmitleidig, ungesetzlich und rechthaberisch,
vereinnahmend und eingebungsfrei, besitzergreifend und fallenlassend,
dann wirst du dein Ziel erreichen."
Sie fummelten am Grundgesetz herum, um das Asylrecht auszuhebeln. Nebenbei
bemerkt: Diese Fummelei war nicht ihre erste. Sie taten es vorher und
nachher, wobei sie ständig mit spitzem Finger auf andere zeigten
und zeigen und sie verdächtigen, Hand an die "freiheitlich
demokratische Grundordnung" zu legen. Sie sprachen schon vor Jahren
von unerwünschter Durchrassung". Sie schüren Hass
dadurch, dass sie Neid auf doppelte Staatsangehörigkeiten wecken.
Sie wollen "asylantenfreie Zonen" in "ihren" Städten.
Sie hetzen mit Parolen wie "Kinder statt Inder". Sie schwätzen
von "Asylanten, die nur deshalb nach Deutschland kommen, um sich
hier gratis satt zu essen, warm zu kleiden und sich ein Dach überm
Kopf zu beschaffen, ohne zu arbeiten". Sie machen dadurch mies,
dass sie von "Schein-Flüchtlingen, die die kriminelle Szene
bereichern" schwadronieren. Sie lassen Asylbewerber, denen gemeingefährliche
Geisteskranke die Existenzgrundlage überm Kopf abgefackelt haben,
mit der Begründung ausweisen, denen fehle "die Existenzgrundlage".
Sie schmeißen zugewanderte Menschen aus dem Land, die von besoffenen
Deutschen invalid geprügelt worden sind, und sagen dazu, die könnten
"mit solchen Traumata wohl kaum noch in Deutschland integriert
werden".
Sie wollen "die Lufthoheit über den Stammtischen" zurückerobern,
"die Zuwanderung" und das "Ausländerproblem"
und was sonst noch an Niedertracht dazu gehört "zum Wahlkampfthema
machen". Sie propagieren "die deutsche Leitkultur"
und meinen "An deutschem Wesen, soll die ganze Welt genesen".
Sie seibeln ein Deutsch zusammen, dass es das Stinktier graust, aber
fordern von Fremden, sie sollten eine "Prüfung in deutscher
Sprache" ablegen. Sie kümmern sich um "den rechten Rand"
in einer Weise, dass rechts von ihnen nur noch ein Abgrund gähnt.
Sie säen Wind und tun so, als wunderten sie sich darüber,
dass andere Sturm ernten.
Das Furchtbare daran ist, dass die Funktions- und Mandatsträger
der einstmals ruhmreichen Partei sozialdemokratischen Ursprungs nichts
dagegen setzten. Schlimmer noch: Sie fuhren über weite Strecken
auf dem Trittbrett der schwarzen Dampfwalze mit. Ohne rot zu bleiben!
Mit der Parole "Das Boot ist voll!", hauten sie Ertrinkenden,
die versuchten an Bord des vermeintlichen Rettungsbootes Deutschland
zu gelangen, wie mit einem Paddel, auf die klammernden Finger. "Wer
von denen auch nur eine Straftaten begeht, fliegt raus", jodelten
sie in Bierzelten. In einer von ihnen geführten Landesregierung
"ersetzten" sie eine barmherzige sozialdemokratische Christin
durch einen gnadenlosen klerikalen Militaristen. Der spuckt auf "Linke"
und plaudert mit "Bomberjacken in Springerstiefeln". Die Quittung
dafür, dass sie ihre Ideale ohne Not über Bord geworfen haben,
werden sie kriegen, die Dezimalsokraten.
Bei der Organisation, die hinter jeden Buchstaben ihres abgekürzten
Namens einen Punkt setzt, damit selbst Volltrottel merken, dass sie
wirklich das Letzte ist, läufts nur im Detail anders. Die
hat ihr Engagement für den Rechtsstaat schon vor vielen Jahren
an der Garderobe derer abgegeben, die Posten zu vergeben haben. Von
den Mitgliedern und Funktionären einer Partei, deren Sinnen und
Trachten sich ausschließlich auf die eigene Versorgung richtet,
kann niemand meinen, dass sie sich zu etwas aufraffen, das ihnen Unbequemlichkeiten
bereiten könnte. Das sind Marktwirtschafter, die genau wissen,
dass die von ihnen als sakrosankt hingestellte Gesellschaftsform nichts
weiter ist, als die Fortsetzung des Faustrechts mit anderen Mitteln.
Sozial-Darwinismus. Recht behält, wer sich nicht aufs Maul hauen
lässt. Recht hat, wer anderen auf die Schnauze haut. Symbolisch,
versteht sich. "Man" hat Manieren. Haben, haben, haben. Dieses
haben. Jenes haben. Dieses Jenes auch noch haben. Und wenn sie tausendmal
rufen "Widerspruch". Jeder rafft, was er raffen kann. So läuft
das Spiel. Was ist anderes von Leuten zu erwarten, die einem erkannten
Fremdenfeind, einem überdies überführten Lügner
und ertappten Fälscher in Hessen die Stange halten? Die legen Lippenbekenntnissen
ab, aber doch auf gar keinen Fall irgendein einträgliches, einflussverheißendes
Amt.
"Wer nichts anfasst, kann nichts fallen lassen", werden sich
die Moralinsauren in der ehedem grünen Kutte sagen. Und: "Wer
sich zu weit aus dem Fenster lehnt, dem kanns geschehen, dass
er auf die Schnauze fällt." Maulhelden. Papiertiger. Windeier.
Mutanten. Karrieristen. Typen, die sich ums Verrecken auf dem Teufelsrad
oben halten wollen. "Das müssen Sie doch verstehen, nationale
Gefühle müssen auch bedient werden." Als ob es nicht
reichte, diejenigen, die das brauchen, von weißblauen Bierzeltbewohnern
und deren sudetendeutschen Landsmannschaften befriedigen zu lassen.
Eine lächerliche Clique satter Claqueure, die mit der Mimik und
Gestik derer, die von ihrer Wichtigkeit durchdrungen sind, allem abgeschworen
hat, wofür sie früher laut singend die Schwurhand hob. "Pardon,
wir müssen uns um uns selber kümmern."
Was für Vorbilder, die alles tun, den Zukurzgekommenen das Gefühl
zu geben, es sei völlig in Ordnung, die Macht zu ergreifen, Raffgier
zu entwickeln, Großmannsgehabe an den Tag zu legen, zu lügen,
zu fälschen, kein Unrechtsbewusstsein zu haben, keine Scham empfinden
zu können. Die haben den Hermann Busenbaum nie gelesen. Der jesuitische
Moraltheologe (1600-1668) hat eben nicht gesagt: "Der Zweck heiligt
die Mittel." Er hat erklärt "Wenn der Zweck erlaubt ist,
sind auch die Mittel erlaubt" Das ist etwas völlig anderes
als das, was sich die politische Klasse zu ihrer Rechtfertigung zurechtgelegt
hat. Vor allem aber hat er hinzugefügt, unlautere Mittel seien
auf jeden Fall ausgeschlossen. Gewalt ist eben nicht nur körperliche
Gewalt. Ja, dumpf pöbelnde Gewalt ist vom Übel. Aber
Menschen sind von Typen im Gewand des älteren Staatsmannes
oder der entsprechenden Staatsfrau auf eine viel feiner ziselierte
Art kaputt zu machen. Nur Dummköpfe ziehen noch marodierend durchs
Land.
Was ist ein "Heil Hitler", gegrölt von Leuten, die kaum
ihren Namen schreiben können? Was bedeutet es, wenn verwirrte,
rachsüchtige Entrechtete Wehrlose "klatschen"? Was sind
existenzbedrohte Kleinstbürger, die sich dankbar daran erinnern,
dass der Adel den Prügelknaben ins Leben rief? Was sind uniformierte
Kahlköpfe, die Friedhöfe schänden? Was sind all diese
offenen bösartigen Gemeinheiten gemessen an "Kinder statt
Inder", "unerwünschte Durchrassung", "aslyantenfreie
Zone", "die doppelte Staatsangehörigkeit fördert
die Entfremdung der Deutschen zu Gunsten von Ausländern",
"das Boot ist voll" oder wie sich die versteckte, verdeckte,
verkommene Niedertracht deutscher Honoratioren sonst äußert?
Was ist die der Hoffnungslosigkeit entsprungene Brutalität gemessen
am brutalen Beschiss "Die bald blühenden Landschaften
im Osten zahlen wir aus der Portokasse" mit dem 17 Millionen
Menschen, die von 1933 bis 1989, 56 Jahre lang, Diktaturen ertragen
mussten, ins vergoldete Elend gelockt worden sind? Was ist der Hausfriedensbruch
durch randalierende quasköpfige Jugendliche gemessen an der Besetzung
öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten durch die Parteien? Was
ist der Überfall auf Tagungsstätten und Veranstaltungen von
jeweils anders Organisierten gemessen am bewaffneten Eindringen deutscher
Soldateska auf dem Balkan?
Woher sollen Menschen, deren Würde angeblich unantastbar ist,
wissen, was die Würde eines anderen Menschen ist, wenn sie selbst
seit langem ohne Würde sind? Wie sollen Menschen, denen von westdeutschen
"Treuhändern" die Arbeitsplätze Grundlage
der Würde des Menschen in der Marktwirtschaft! unbarmherzig
zerstört wurden, erfahren, dass es von Schwäche und mickrigem
Charakter zeugt, sich zum Abbau seiner Frustrationen, Opfer und nicht
Gegner zu suchen? Wann erzählt wer den Nicht-Privilegierten in
Deutschland, dass sie von globalvirtuellen Einheits-Gewinnlern verarscht
werden, wenn die ihnen wie die Hütchen-Spieler auf dem Kurfürstendamm
in Berlin weismachen, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied?
Wer setzte das Gerücht, "die rechte Gewalt" gehe vom
Osten aus und ähnliche Verleumdungen in die Welt? Wer weiß
nicht, dass braune Schweinereien in aller Regel im Westen ersonnen werden?
Wer lässt zu, dass zehn Jahre nach dem Anschluss der Deutschen
Demokratischen Republik noch immer sorgfältig zwischen Deutschland
West und Deutschland Ost unterschieden wird? Wer hat den Nutzen davon,
wenn sich Ostdeutsche und Westdeutsche an die Wäsche gehen? Wer
reibt sich die Hände, wenn ihm hirnamputierte Braune die Drecksarbeit
abnehmen? Wer hält Moral in der Politik für unprofessionell
und altmodisch? Wer ächtet diktatorische Systeme in Sonntagsreden
und entsendet den handelsvertretenden Außenminister gleichzeitig
zum Klinkenputzen in diese Länder? Wer soll nach dem Grundgesetz
an der politischen Willensbildung des Volkes mitwirken und setzt alles
daran, dass sich im Volk kein eigener Willen bildet? Wer behauptet jedes
Mal, wenn sich in Bundeswehr oder Polizei ein braunes Moorloch auftut,
dass sei "eine Ausnahme"? Wer tut für sich alles und
nur erzwungenermaßen was fürs Volk? Wer verspottet Bedürftige
und schafft den Ständestaat für Kranke? Wer heult Krokodilstränen,
wenn Fremde, Sonderlinge oder einfach nur Andere, halbtot oder tot geschlagen
werden? Wer gibt denen, an denen die Zivilisation offenbar vorübergerauscht
ist, das schlimmste Beispiel? Es fällt kein Nazi vom Himmel.
Bei den etablierten Parteien liegt der Nazi im Pfeffer.
Ihr
Kommentar
György Dalos
Hungerstreik anno 1971
Kommentar zu einem Briefwechsel zwischen Georg Lukács und János
Kádár
(2. Teil; Fortsetzung aus Nr.
29, Oktober 2000)
Kommentar
1
Der heftige Briefwechsel zwischen zwei historischen Persönlichkeiten,
György Lukács (1885-1971) und János Kádár
(1912-1989), erscheint mir ein hinreichender Grund, nach fast drei Jahrzehnten
auf ein dramatisches Ereignis meines Lebens, auf den gemeinsamen Hungerstreik
mit Miklós Haraszti im Februar und März 1971, zurückzukommen.
Lukács, der zu dieser Zeit bereits von seiner tödlichen
Krankheit wußte, intervenierte mehrmals in unserer Angelegenheit.
Wir erfuhren davon und hielten es später für wahrscheinlich,
daß diese Einmischung wesentlich zum Erfolg unserer Aktion, der
Aufhebung der Polizeiaufsicht, beigetragen hatte.
Die Ereignisse, in deren Folge beide Briefpartner Miklós Haraszti
und mich unisono und abwertend als "Maoisten" qualifizieren,
hängen nicht mit Harasztis, sondern mit meiner Vergangenheit zusammen.
Haraszti stand über Studentenfreundschaften lediglich in lockerer
Beziehung zu jener chinafreundlichen Gruppe, die damals an Budapester
Hochschulen eine mehr oder weniger offene Propagandatätigkeit aufnahm.
Sichtbares Ziel dieser Tätigkeit war es, den kommunistischen Jugendverband
zu aktiverer Unterstützung des vietnamesischen Kampfes gegen die
USA zu bewegen. Es wurde ein Solidaritätskomitee gegründet,
das mal legal, mal ohne Genehmigung Kundgebungen organisierte und deshalb
schließlich im Dezember 1966 von den Funktionären des Kommunistischen
Jugendverbandes KISZ aufgelöst wurde. Zwei Wortführer dieses
Komitees, die Studenten György Pór und Miklós Haraszti,
wurden aus dem Jugendverband ausgeschlossen, aus der alma mater relegiert
und unter Polizeiaufsicht gestellt.
Dem harten Kern der konspirativen Gruppe, welche die nicht genehmigten
Aktionen (u.a. eine Demonstration am 1. Mai 1967 gegen die griechische
Militärjunta) organisiert hatte und der auch ich angehörte,
wurde ein Jahr später der Prozeß gemacht. Gründe für
die Anklage "Verschwörung gegen den Staat" gab es mehr
als genug. Die sich als "Gruppe Ungarischer Revolutionärer
Kommunisten" bezeichnende Vereinigung hatte unter anderem einen
Programmentwurf erarbeitet, dessen Punkt Nr. 34 "den gewaltsamen
Sturz der revisionistischen Diktatur" und die Verwirklichung eines
Sozialismus chinesischen Typus in Ungarn zum Ziel hatte. Es handelte
sich dabei um studentische Wortgewalt, und auch die Verbreitung des
Papiers war nicht sehr groß: Im weiteren Umfeld der Gruppe befanden
sich ungefähr fünfzig bis sechzig Studentinnen und Studenten.
Für osteuropäische Verhältnisse fielen die Urteile nicht
besonders streng aus: Der Hauptangeklagte György Pór erhielt
eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren, und außer ihm
mußten nur drei Mitglieder der Gruppe tatsächlich hinter
Gitter. Alle anderen (unter ihnen ich) erhielten verschiedene Strafen
auf Bewährung. Härter waren die weniger spektakulären
Nebenstrafen: Ausschluß aus allen Hochschulen, Berufs- und Publikationsverbot
sowie die übliche "Nachbehandlung" durch die Staatssicherheit,
welche die Betroffenen noch jahrelang zu allerlei Verhören und
"Anhörungen" vorlud. Pór wanderte schließlich
im Mai 1975 wegen dieser kontinuierlichen Belästigungen aus. Er
wurde ausgebürgert und durfte die ungarische Grenze erst 1988 wieder
überschreiten.
Miklós Haraszti hingegen wurde nicht einmal als Zeuge zum Maoistenprozeß
vorgeladen. Seine Polizeiaufsicht wurde im Januar 1968 aufgehoben, und
man ließ ihn sein Studium am Philosophischen Institut fortsetzen.
Außer persönlichen Konflikten trennte ihn von unserer Gruppe
die Tatsache, daß er weniger an Ideologie als an Aktion interessiert
war und Konspiration als Methode ablehnte. In seiner Haltung und seinen
Ideen war er westlicher als wir: Die antibürokratische Attitüde
und das Latino-Temperament des Che Guevara zogen ihn weit mehr an als
die Prinzipienhaftigkeit eines Lenin. Außerdem verspürte
er eine spontane Sympathie für Gandhi, Martin Luther King und überhaupt
für die Gedankenwelt der Bürgerrechte. Von ihm hörte
ich zum ersten Mal den Satz von Thoreau, daß "der Platz eines
anständigen Menschen in einem Polizeistaat der Kerker ist."
Durch unseren gemeinsamen Hungerstreik wollte er eigentlich Thoreau
auf die spezifischen ungarischen Verhältnisse anwenden, und er
wollte die Idee des gewaltlosen Widerstandes auch bei mir, und sei es
mit Gewalt, durchsetzen.
Viele Mitglieder der zersprengten Maoistengruppe suchten jetzt seine
Gesellschaft, weil sie sich erhofften, über seine Kontakte an der
Universität ihre Agitation fortsetzen zu können. Die Inhalte
veränderten sich: Theoretisch dominierte der antiautoritäre
Hintergrund der westlichen Studentenbewegungen. Die Diskussionen drehten
sich um studentische Selbstverwaltung, um die Chancengleichheit von
Arbeiterkindern im Studium, und wenn die Teilnehmer mutiger waren, dann
wurde sogar die Zerstörung des Prager Frühlings thematisiert.
Man las, was es zu lesen gab, man schaute Filme und hörte Musik.
In dieser seltsamen Mischung aus Angst und Hoffnung entstand zwischen
mir und Haraszti eine literarische Koalition. Wir lasen unsere Gedichte
in kleinen Kellertheatern, Gymnasien, Studentenheimen und sogar Kasernen
überall, wohin man uns einlud. Wir hielten Lesungen ab und
machten kein Hehl aus unseren Gedanken.
Über uns schwebte die segnende Hand des "bärtigen Doktors"
(so nannte ihn Haraszti in einem Lied der Politsong-Gruppe "Gerilla").
Dieser sozialistische Bolivar hoffte auf einen internationalen Freiheitskrieg
gegen die USA, der den Menschen in "eine kalte tötende Maschine",
so der Revolutionär wörtlich 1967 in seinem Brief an den Tricontinental-Kongreß
in Havanna, verwandeln würde. Ein Spitzenfunktionär der ungarischen
KP lehnte diese Haltung als eine "gegen den Marxismus gerichtete
menschenfeindliche Theorie" ab. Wir jedoch sahen das Christusgesicht
auf den T-Shirts, die glückliche Kommilitonen von ihrem staatlich
genehmigten 30-Tage-Westreisen mitbrachten. Nach den Fratzen der Apparatschiks,
die wir so gut kannten, war es eine wahre Offenbarung, daß ein
Revolutionär auch so aussehen konnte.
2
Im Dezember 1969 veröffentlichte Haraszti sein Gedicht "Die
Fehler des Che" in einer Budapester Literaturzeitschrift. Im Grunde
handelte es sich um eine Parodie auf die Einwände der osteuropäischen
Parteibürokraten gegen Guevara. Postwendend verurteilte ein Kritiker
der Parteizeitung Harasztis "uferlose Demokratie" und "revolutionäre
Askese" Haltungen, die seiner Meinung nach "zur Tragödie
führen" konnten. Der Name des Dichters wurde in diesem Artikel
nicht genannt, was der Kritik einen offiziösen Charakter verlieh.
Eine Woche später berichteten AP, Le Monde und schließlich
auch die Süddeutsche Zeitung über die "Guevara-Diskussion"
in Ungarn. Das Münchner Blatt brachte dieses Ereignis in direkten
Zusammenhang mit dem gleichzeitig stattfindenden Prager Prozeß
gegen den linken Studentenführer Petr Uhl und titelte: "Mit
Mao und Guevara gegen Kádár und Husák."
Der deutsche Fernsehjournalist Wolfgang Dern reiste daraufhin nach Budapest,
um einen Film über die Stimmung unter der ungarischen Jugend zu
drehen. Bei seiner Recherche stieß er schon bald auf Haraszti,
der bereit war, ihm ein kurzes Interview zu geben. Dern war hocherfreut,
weil er schon zahlreiche Absagen hatte hinnehmen müssen
bereits das Wort "Westjournalist" klang gefährlich.
Bei dem Gespräch in Harasztis Wohnung spielte ich den Dolmetscher
und war bemüht, nicht nur die Antworten, sondern auch die Fragen
mäßigend zu beeinflussen. Ich glaube, das Interview geriet
tatsächlich harmlos. Trotzdem holte mich die Polizei am nächsten
Morgen ab. Durch Drohungen wollten sie mich dazu bringen, bei Miklós
Haraszti die Rücknahme des Interviews zu erreichen. Die Drohungen
hatten sehr viel Realitätsgehalt, denn mein Urteil von 1968 war
zur Bewährung ausgesetzt, und jedes Gericht konnte erreichen, daß
ich meine sieben Monate absitzen mußte. Wenn es sich um mein eigenes
Interview gehandelt hätte, wäre ich sofort zum Nachgeben bereit
gewesen. Aber jeder Versuch, Miklos Haraszti von irgendetwas abbringen
zu wollen, wäre vergebliche Liebesmüh gewesen.
So wurde die westdeutsche Reportage zum Ausgangspunkt jenes Polizeiverfahrens
gegen Haraszti wegen "staatsfeindlicher Hetze", das im Mai
1970 mit einer Hausdurchsuchung begann. Im Zuge des Verfahrens wurde
jedoch alles nur Erdenkliche aufgerollt: Seine Tätigkeit an der
Universität, seine Lesungen und auch sein Privatleben. Insgesamt
wurden etwa sechzig Zeugen vorgeladen, unter anderem auch ich. Der Berg
gebar jedoch zunächst nur ein winziges Mäuschen. Es wurde
keine Anklage erhoben, man blieb bei der polizeilichen Verwarnung und
dem Ausschluß aus der Universität, direkt vor dem Diplom.
Auch Harasztis Bruder wurde relegiert, weil die Polizei eine Satire
bei ihm fand, in der unter anderem der fatale Satz stand: "Kádár
ist doof". Was mich betrifft, so schien ich zunächst mit heiler
Haut davongekommen zu sein.
Anfang Juni jedoch erhielt ich die Vorladung zu einer Anhörung.
Man teilte mir mit, das Gespräch habe nichts mit dem Verfahren
Haraszti zu tun, und stellte mir verschiedene Fragen nach Lesungen.
Aber ich hatte den Eindruck, daß die Art meiner Antworten völlig
gleichgültig war. Die merkwürdigste Frage bezog sich darauf,
welche verbotenen Bücher ich in der Parlamentsbibliothek gern hätte
ausleihen wollen. Tatsächlich hatte ich dort nach ungarischen Ausgaben
von Kant, Hegel, Fichte und anderen Autoren gesucht, die ich in die
Übersetzung eines sowjetischen philosophischen Traktats einbauen
wollte. Doch es blieb mir ein Rätsel, was nun eigentlich der Gegenstand
der staatlichen Neugier war. Schließlich stand mein Verhörer
auf, beugte sich über mich und stellte wie in einem schlechten
Krimi die obligatorische Fangfrage: "Sagt Ihnen dieser Name etwas
Schopenhauer?"
Drei Tage später wurde ich erneut vorgeladen, diesmal auf das Polizeipräsidium.
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was sie nun wieder von mir wollten.
Meine Frau Rimma begleitete mich dorthin. Nach einigem Warten fragte
mich ein Polizeiarzt, ob ich an irgendeiner akuten Krankheit leide,
womöglich an einer Herzkrankheit . Nach meinem beruhigenden Nein
wurde ich einem hohen Offizier vorgeführt, der mir den Beschluß
vorlas, daß ich mich "auf dem Gebiet von Budapest unter Polizeiaufsicht"
zu stellen hätte. Das also war der Sinn der Anhörung gewesen
man hatte eine Ouvertüre gebraucht, um die polizeiliche
Maßnahme einzuleiten. Dann wurde ich darüber aufgeklärt,
welche Einschränkungen diese nach sich ziehen würde. Zwischen
neun Uhr abends und fünf Uhr morgens sollte ich meine Wohnung und
die Hauptstadt überhaupt nicht verlassen. Theater, Kinos, Restaurants
und andere öffentliche Lokalitäten hatte ich zu meiden. Jeden
Sonntag sollte ich mich um neun Uhr im Polizeirevier melden, und die
Ordnungshüter waren befugt, jede Nacht bei mir zu erscheinen, um
meine Anwesenheit zu kontrollieren.
Am schmerzhaftesten war jedoch Punkt "d", der mir untersagte,
in meiner Wohnung einen Telefonanschluß in Anspruch zu nehmen.
Erst seit zwei Wochen war ich, nach fünf Jahren Wartezeit, glücklicher
Besitzer der Rufnummer 120503. Ich empfand es als besondere Grausamkeit,
als der Mitarbeiter der Post uns am selben Nachmittag aufsuchte, mit
einer riesengroßen Schere die Leitung zerschnitt und das Gerät
in seine voluminöse Tasche steckte Doch schon bald bekam ich aufgrund
einer Intervention des Schriftstellerverbands mein Gerät zurück,
verbunden mit der Drohung: "Im Falle einer negativen Veränderung
Ihres Verhaltens kann die polizeiliche Behörde die Vergünstigung
zurückziehen." Doch diese dachte gar nicht daran, denn die
Leitung brauchte sie selber, um meine Gespräche abhören zu
können.
Genau einen Monat später wurde auch Haraszti unter Polizeiaufsicht
gestellt. Damals arbeitete er bereits in der Traktorenfabrik "Roter
Stern" als Fräser. Er hatte dort die Arbeit aufgenommen, weil
er fürchtete, wegen "Asozialität" festgenommen zu
werden. Aus dieser Episode entstand später seine berühmt gewordene
Reportage "Stücklohn".
Durch diese Art der Gleichbehandlung waren wir sozusagen aneinandergekettet,
und dieser Zustand belastete sehr unsere ursprünglich freiwillige
Koalition. Jetzt stellte sich heraus, mit welch unterschiedlicher Natur
uns das Schicksal versehen hatte. Haraszti erlebte die Polizeiaufsicht
als herausfordernde moralische Situation und großartige Chance
für weitere Zusammenstöße mit den Behörden, während
ich nur von einem bodenlosen Gefühl der Scham und Demütigung
besetzt war.
An einem frühen lauen Augustabend gingen meine Frau und ich spazieren,
und plötzlich blieben wir vor dem Kino "Toldi" stehen.
Man spielte den amerikanischen Film "Erdbeeren und Blut."
Unsere Wohnung war von dort aus bequem in zehn Minuten erreichbar, so
daß einer Rückkehr bis neun nichts im Wege stand. Allerdings
gehörte das Kino "Toldi" eindeutig zu den öffentlichen
Lokalitäten. Über unsere diesbezüglichen Hemmungen setzten
wir uns jedoch schnell hinweg. Rimma ging zur Kasse und kaufte zwei
Eintrittskarten. Das Publikum der vorhergehenden Vorstellung strömte
bereits aus dem Kino. Wir hatten bereits begonnen, uns in die Schlange
einzufädeln, die in den Zuschauersaal wollte, als wir plötzlich
IHN erblickten.
Es war nicht hundertprozentig sicher, daß er "unser Mann"
war, aber er starrte uns an. Wir setzten uns auf die Bank vor dem Kino
und warteten. Er wartete auch. Wir standen auf und gingen zur Vitrine,
als wollten wir die Fotos von dem Film anschauen. Er ging ebenfalls
zum Schaufenster. "Warten wir noch ein bißchen", sagte
meine Frau, und wir setzen uns wieder hin. Daraufhin entfernte er sich
vom Schaufenster. Wir unternahmen noch einige Versuche, uns von der
Seite unbemerkt in die Vorhalle einzuschleichen, aber wir konnten seinen
starren Blick nicht loswerden. Schließlich entschieden wir uns,
auf dieses Kinoerlebnis mit zweifelhaftem Ausgang zu verzichten.
Ein wenig möchte ich diese Geschichte relativieren. Selbstverständlich
wußte ich, daß in meinem Land und in den Nachbarstaaten
schlimmere Dinge passiert waren und immer noch passierten, und ich konnte
mir vorstellen, was es bedeutete, etwa in Brasilien, Ghana oder Afghanistan,
selbst wenn man sich auf freiem Fuß befand, kritischer Intellektueller
zu sein. Andererseits war mein damaliger Seelenzustand äußerst
kritisch.. Zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben erfuhr ich, daß
jeden Augenblick an meiner menschlichen Würde gerüttelt wurde.
Jedesmal, wenn ich einen Verlag oder eine Redaktion aufsuchte, fühlte
ich mich, als ginge ein schlechter Geruch von mir aus. Mein Bekanntenkreis
war sichtlich klein geworden, und irgendwann hielten nur noch ein paar
linksradikale Freunde die Beziehung zu mir aufrecht. Meine einzige Hoffnung
bestand darin, daß die Behörden meine Dauerdepression als
musterhafte staatsbürgerliche Haltung goutieren würden. Doch
gegen eine solche Hoffnung stand die Tatsache, daß die Antworten
auf meine zahllosen Eingaben nur noch in Briefkopf und Unterschrift
unterscheidbar waren. Der Text war nahezu identisch: Die Polizeimaßnahme
sei gesetzmäßig, und es gebe keine weiteren Rechtsmittel.
Vieles sprach für die Annahme, daß eine Lösung, wenn
es denn überhaupt eine solche geben konnte, nur aus Harasztis Ghandi-Taktik
entstehen konnte, über die wir uns für den Fall der Fälle
bereits im Oktober einig geworden waren.
Meine Polizeiaufsicht wurde am 9. Dezember um ein weiteres halbes Jahr
verlängert. Daraufhin schrieb ich eine Erklärung, in der ich
mit ernstgemeinter kommunistischer Rhetorik mitteilte, daß ich
"die Unterschrift unter dem diesbezüglichen Dokument verweigere,
dessen Punkte nicht akzeptiere und für die daraus entstehenden
schwerwiegenden Folgen jede Verantwortung den polizeiliche Organen zuschreibe.
(...) Daß ich mich für diese Form des Ungehorsam entscheide,
diktiert mir mein kommunistisches Engagement und mein staatsbürgerliches
Verantwortungsbewußtsein." Diese Erklärung verschickte
ich an einige Dutzend Institutionen und Privatpersonen, hauptsächlich
an namhafte Intellektuelle. Die ersten offiziellen Antworten folgten
dem bereits bekannten Strickmuster, nur war die gesellschaftliche Ebene
bedrohlich höher geworden. Zum ersten Mal erhielt ich einen Brief,
den ein Minister persönlich signiert hatte. András Benkei
bestätigte die Entscheidung und bezeichnete meine Eingabe als """vervielfältigtes
Zirkular", ein rechtlicher Terminus, der wenig Gutes verhieß.
3
Als am 9. Januar auch Harasztis Polizeiaufsicht verlängert wurde,
wußte ich, daß damit die Kollision mit der Staatsmacht vorprogrammiert
war. Die Sprache unserer "Gemeinsamen Erklärung" war
nicht nur radikaler als meine eigene, sondern enthielt einen Frontalangriff
auf die Behörde:
"Das Innenministerium beschäftigt sich systematisch mit der
Beurteilung von literarischen Fachfragen. Ohne Verfahren sammelt und
konfisziert es Manuskripte, analysiert Gedichte und zeigt sich bereit,
die kompliziertesten Symbole zu deuten, während es in ästhetischen
und ideologischen Fragen eine erstaunliche Unwissenheit an den Tag legt.
Die Beamten der Polizei glauben unter dem Mantel der Geheimhaltung alles
zu Papier bringen zu dürfen. Diese Tendenz in der Praxis des Innenministeriums
richtet sich (jenseits des Mißbrauchs der Rechtsnormen und der
offensichtlichen Verstöße gegen das Gesetz) gegen den demokratischen
Diskurs von sozialistischen Künstlern und somit gegen den gesellschaftlichen
Fortschritt. (...) Wir, die Unterzeichner, erklären, daß
wir uns künftig den freiheitseinschränkenden Maßnahmen
der Polizeiaufsicht nicht mehr unterwerfen. (...) Wir sind uns dessen
bewußt, daß die Behörden uns infolge unserer Entscheidung
mehrere Monate Haftstrafen und Zwangsarbeit aufbürden können.
Jegliche Verantwortung dafür liegt jedoch bei den Organen des Innenministeriums,
welche gesetzeswidrige Maßnahmen veranlassen oder diese bewilligen..."
Diesen Text verschickten wir an einige Adressaten mit der Post. Zur
Wohnung von György Lukács am Belgrádrakpart brachten
wir jedoch die Erklärung persönlich. Wir warfen den Briefumschlag
in den Briefschlitz an der Wohnungstür und rannten dann atemlos
die Treppe hinunter. Besonders wohl fühlten wir uns nicht bei dieser
Aktion.
Persönlich kannten wir György Lukács nicht. Für
mich galt er als "Revisionist", und ich las nur seine literaturtheoretischen
Arbeiten. Haraszti hingegen hatte einen Begriff von seiner Philosophie,
doch ihn störte Lukács´ apologetisches Verhältnis
zum "real existierenden Sozialismus". Anderthalb Jahre vor
der Szene im Treppenhaus hatte er in einer Literaturzeitschrift gespöttelt
über das berühmte und schwache Bonmot des großen Philosophen:
"Der schlechteste Sozialismus ist besser als der beste Kapitalismus."
Haraszti verglich diesen Satz, den Namen des Meisters wohltuend verschweigend,
mit Pangloss Weisheit aus Voltaires "Candide", die jener
selbst noch auf dem Scheiterhaufen während des Autodafé
in Lissabon verkündet hatte: "Diese Welt ist die beste aller
existierenden Welten." Und jetzt suchten wir ausgerechnet bei Lukács
Unterstützung.
Ich vermute, der alte Mann hatte gleich zum Telefon gegriffen und vor
allem den Kulturchef der Partei, György Aczél, angerufen.
Dieser war nun bereit, meiner Bitte vom Juni des Vorjahres nachzukommen
und mich zu empfangen. Er bestellte mich in das "Weiße Haus"
(Sitz des ZK am Donauufer, heute Haus der parlamentarischen Fraktionen)
für acht Uhr morgens am 15. Januar 1971. Vielleicht ahnten die
Genossen zu dieser Zeit bereits, daß die Geheimpolizei in unserem
Fall über das Ziel hinausgeschossen war. Trotzdem war ihre Reaktion
nicht besonders geglückt. Vielleicht machte ich einen schlechten
Eindruck auch durch meine äußere Erscheinung: Aufgrund meiner
Armut war ich sommerlich gekleidet, und auch meine Schuhe ließen
einiges zu wünschen übrig. Ich zitiere aus meinem Gedächtnisprotokoll,
das ich gleich nach der Rückkehr aus dem "Weißen Haus"
verfertigt hatte.
ACZÉL Ich finde es merkwürdig, daß Sie ausgerechnet
Lukács´ Hilfe in Anspruch nehmen, den Sie, falls Sie an
die Macht kämen, binnen fünf Minuten liquidieren würden.
ICH Genosse Aczél überschätzt die Gefahr der Machtübernahme
unsererseits. Außerdem hätten wir keinen Grund, Lukács
zu "liquidieren", sondern sind ihm vielmehr dankbar für
seine Intervention.
ACZÉL Ich kenne diesen Typus (mich G. D.) aus der Arbeiterbewegung
diejenigen, die billige Zigaretten rauchten, obwohl sie sich
auch teure leisten könnten, und bewußt lumpige Kleider tragen.
Sie sind Bürgerkinder, wollen jedoch als Kommunisten erscheinen.
(...)
ICH
Möchte betonen, daß es keine Organisation und auch kein Verbrechen
unsererseits gibt und die Polizei Entsprechendes auch nicht beweisen
kann. Hingegen mischt sie sich in literarische Angelegenheiten ein.
ACZÉL
Das weiß ich nicht. Haben Sie Kontakte zu den Chinesen? Hat Haraszti
welche?
ICH
Keine, hatte ich auch nie.
ACZÉL
Falls es Ihnen in Ungarn nicht gefällt, geben wir Ihnen einen Paß
zur Auswanderung nach China oder Albanien.
ICH
Wozu sollten Staatsbürger, welche die Gesetze einhalten, auswandern,
während sie zu Hause nützlich sein möchten, woran sie
jedoch gehindert werden?
ACZÉL
Wie ist Ihr Verhältnis zum System?
ICH
Seit der Verschwörung, die ich heute als eine dumme und schädliche
Geschichte betrachte, habe ich nichts gegen das System unternommen.
Ich wollte mich anpassen, was jedoch mißlungen ist, und zwar nicht
durch meine Schuld. (...) Ich bin hundertprozentig sicher, daß
die Polizei ihre Maßnahmen vor dem Gesetz mit nichts begründen
kann. Deshalb halte ich den Ungehorsam aufrecht.
ACZÉL
Ich freue mich nicht darüber. Sie werden doch eingesperrt, wegen
Regelverletzung, oder ich weiß nicht, weswegen. Ich bin kein Polizist.
Sie sollten einen anständigen Brief an (den Innenminister
G. D.) Benkei schreiben, in dem Sie Ihre Motive darlege. Sie sollten
nicht vergessen, daß Sie sich im Grunde nicht einfach gut, sondern
besonders gut benehmen sollten. Sie haben nämlich bereits einiges
auf dem Kerbholz.
.
Aczél spielte bewußt mit dem maoistischen Grünschnabel,
der dem System propagandistische Vorteile versprach. Seinerzeit hatten
wir während des Prozesses 1968 dafür gesorgt, daß das
Regime neben unserem verbalen Terror geradezu als liberal und rechtsstaatlich
erschien. Jene im Konjunktiv gestellte Frage, was wir denn täten,
wenn wir an die Macht kämen, stellte die tatsächliche Frage
in den Schatten, was denn wirklich geschehen war, als SIE nach 1956
die Macht wieder übernommen hatten. Merkwürdigerweise akzeptierte
selbst Lukács den Vorwurf des Maoismus aus dem Mund von Menschen,
die ihn 1967 vor seiner Wiederaufnahme in die Partei trotz seiner
Rolle in der kommunistischen Bewegung seit 1918 - als "Konterrevolutionär"
verfemten und ihn übrigens ebenso wie uns mit "freier Ausreise"
unter Druck setzen wollten, obwohl für ihn ein etwas komfortableres
Land auserkoren worden war.
Heute ist all das in Ungarn übrigens völlig egal. Sowohl Aczél
als auch Lukács gelten in den Augen der rechten Öffentlichkeit
als marxistische Kläffer, und Haraszti, der in der ersten freien
Wahlperiode zwischen 1990 und 1994 Parlamentsabgeordneter wurde und
im Medienausschuß saß, wurde gar mit ihnen, es ist kaum
zu glauben, in denselben Topf geworfen (Originalton: "jüdischer
Liberalbolschewist", "Aczél-Boy"). Nur trägt
der Hauptankläger heute einen anderen Namen: Er ist ein ehemaliger
IM, heißt István Csurka und ist Vorsitzender der in der
Nationalversammlung vertretenen rechtsradikalen "Partei des Ungarischen
Lebens und der Gerechtigkeit". Gleichzeitig werde ich als "exmaoistischer
Romantrödler" betitelt, der für die "Verjudung der
ungarischen Literatur" auf der Frankfurter Buchmesse verantwortlich
sei. Trauriges ungarisches Leben, traurige ungarische Gerechtigkeit.
Mit dem krausen Gespräch im "Weißen Haus" zwischen
mir und Aczél schienen damals zunächst alle Möglichkeiten
für eine gütliche Lösung erschöpft. Der Staat ging
nun auf Konfrontationskurs. Dies erfuhren wir aus einem Brief des Aczél-Intimus
György Kardos, Direktor eines der beiden staatlichen Literaturverlage.
Kardos, nach dem Krieg ein Offizier der Sicherheitsorgane, später
ebenso Opfer von Säuberungen wie Kádár oder Aczél,
schrieb uns unbeugsame Sätze wie zum Beispiel diesen:
"Offensichtlich wollen Sie das Innenministerium dazu zwingen, ein
rechtliches Verfahren gegen Sie einzuleiten, und Sie hoffen darauf,
daß die zu erwartende milde Strafe kein zu hoher Preis für
die Werbung sein wird, die Sie in der bourgeoisen Weltpresse für
sich verbuchen könnten ..." In dieser Frage gab es übrigens
eine Meinungsverschiedenheit zwischen mir und Haraszti. Ich wollte damals,
"solange der Krieg in Vietnam wütet", dem Klassenfeind
keine Munition liefern. Er hingegen versuchte, unseren Fall in "Le
Monde" zu publizieren - ein übrigens nicht besonders USA-freundliches
Blatt. Jemand war soeben nach Paris gefahren und hatte die Nachricht
mitgenommen, aber die "bourgeoise Weltpresse" war offensichtlich
nicht geneigt, das liberale Image der Volksrepublik Ungarn unseretwegen
in Frage zu stellen.
[3. Teil und Schluß im Dezember]
Ihr
Kommentar
Vasile V. Poenaru
Toronto im Blick
Wie kanadisch sind die Kanadier rund um den CN-Turm?
Wie sehen die Lagerstätten der Indianerfilme in Wirklichkeit aus?
Wie viele "echte" Kanadier gibt es noch? Was gehört dazu,
drin zu sein im System? Wie weit ist Kanada von den Menschen entfernt,
die es ihr Zuhause nennen?
What one man can do, another can do: Nordamerika
hat schon immer auf brave Pioniere gewartet: auf Kraftkerle, die Neuland
fruchtbar machen, die moderne Technologien über jedwelche Grenzen
des Denkbaren hinweg zaubern sollen. Nordamerika wollte schon immer
mehr.
Auf der EXPO in Hannover hatte Kanada den zweitgrößten Pavillon
nach Deutschland. Wenn man sich ein Fußballfeld denkt, hat man
einen Begriff davon. Gezeigt wurde natürlich vor allem die einmalige
Vielfalt der Natur und der Menschen. Die sagenhaften kanadischen Wälder
agierten gleichsam als multimedialer dramatischer Treffpunkt zwischen
dem natürlichen und dem technischen Verständnis der Stunde:
Auf einmal fing ein Wald Feuer. Der Kampf zwischen den Elementen gestaltete
sich im Zeichen der Herausforderung, Mensch, Natur und Technik unter
denselben Hut zu bringen.
Die technische Lösung dieser Perspektive kam erstaunlich gut an,
denn es wurden sowohl virtuelle als auch natürliche Aktanten dazu
herangezogen. Das Wasser war echt, der Brand hingegen simuliert. So
einfach dieses Konzept scheinen mag, so gewaltig wirkte es dank der
vorzüglichen Inszenierung. Durch das anschaulich abgestimmte Augenspiel
der Springbrunnen wurde der virtuelle Brand im multimedialen Erlebnisbereich
gelöscht.
Auf der einen Seite kann man hier sehen, wie der Mensch mithilfe moderner
Technik sich der Natur bemächtigt: nicht um ihrer Herr zu werden,
sondern um das ökologische Gleichgewicht des immer kleiner gedachten
Globus verantwortungsbewußt zu bewahren. Zugleich aber rückt
anhand dieses Bildes eine neue Überlegung das Gegeneinander von
fingierter und tatsächlicher Wirklichkeit in den Vordergrund. Gewöhnlich
ist es ja eher so, daß Imaginäres in das Reich der Wirklichkeit
eindringt, um Welten entstehen zu lassen. Dieses Mal jedoch dringt die
Wirklichkeit in den funktional-ästhetisch verklärten Bereich
entfesselter Einbildungskraft ein, wodurch die Akzeptanz einer elektronisch
simulierten Lebhaftigkeit der kanadisch geprägten Radiographie
unserer Zeit ungemein potenziert wird.
Es gibt aber in Kanada außer den Wäldern auch noch Glas
und Stahl: Es gibt einen Punkt auf der Karte, der Toronto heißt.
Und die kleine Großstadt Toronto schminkt sich. Sie will die Augen
der Menschen ergötzen, die sich - und sei es auch nur für
eine kurze Weile - als Teil der vielseitig integrierten Kulturlandschaft
am Ontario-See verstehen. Shaping Toronto's Future: Dieses ehrgeizige
Projekt der Stadtplaner ist bereits voriges Jahr in Angriff genommen
worden; besonders das Hafenviertel wurde in Hinblick auf eine möglichst
ausgeglichene und umweltfreundliche Neugestaltung bedacht. Nun sollen
Architecture and Urban Design Awards verliehen werden.
Eine unabhängige Jury wird die Gewinner des Award of Excellence
und der Honourable Mention in vier Kategorien entscheiden und im September
bekanntgeben. Alle eingereichten Projekte werden von der City of Toronto
veröffenlicht und vom 6. bis zum 13. September in der Rotunda of
City Hall ausgestellt.
Daß die Zukunft der Stadt nicht zuletzt in ästhetisch-funktionaler
Hinsicht aus dem ergiebigen Gedanken- und Perspektivenaustausch einer
großer Anzahl Sachkundiger hervorgehen soll, entspricht dem offenen
Gemeinschaftsgeist, mit dem man sich in Toronto so sehr schmückt.
Über das äußere Aussehen des groben Rahmens hinweg kommt
es diesbezüglich auch auf viele konkrete Einzelheiten an, die man
auf Anhieb gerne übersieht. Finanzielle Beihilfe für Hausbesitzer,
die nicht genug Geld haben, um dringende Reparationen durchzuführen,
gehören dazu.
Das Image eines jeden Ortes hängt sehr vom Blickwinkel des Betrachters
ab. Aus dem Flugzeug sieht Toronto fast so gut aus wie auf den Ansichtskarten,
auf der Autobahn fast so unpersönlich wie in der U-Bahn, und an
manchen unterirdischen Strecken der Straßenbahn fehlen gleichsam
nur noch die Räuber zum idealen Überfall. Wer durch die Innenstadt
spaziert - und das tun nicht Wenige - muß manchmal auch vorsichtiger
sein, als man eigentlich meinen könnte.
Es gibt aber noch ein weiteres wandelndes Bezugssystem, von dem aus
man den Blick auf Toronto richten kann: das Fahrrad. Und dafür
wurden in unserem auflebenden Großraum viele attraktive Routen
eingerichtet. Im Juni wurde wieder die Toronto Bike Week veranstaltet:
eine großzügige Möglichkeit, die eigentliche Seite der
Stadt für Jung und Alt im Rhythmus der zwei Räder zu erschließen.
Radfahren und Spazierengehen wollen die naturnahen Torontoer von nun
an nämlich noch größer schreiben.
Und wenn es darum geht, in Gedanken ein bißchen innerhalb der
Anschaulichkeit des Treffpunkts zu verweilen, den jeder Einzelne aufgrund
seines eigenen Erfahrungs- und Erwartungshorizonts mitgestalten soll,
schießen gleich die vielen Festivals in den Blick, die im Sommer
auf einen zukommen. Sie bringen das Verständnis anderer Sprachkulturen
näher, die die Menschen unser nennen, und bieten eine gute Gelegenheit,
den Multikulturalismus der Metropole nicht als Demagogie, sondern als
wahrhaften Lebensstil zu definieren.
Rund um den Erdball ändern Ortschaften ihr Antlitz. Barcelona,
das neue Jerusalem städtischer Planung, erfuhr an sich die überwältigende
Selbstsetzung einer Idee. Und es ist noch gar nicht so lange her. Yokohama.
London. New York. Sie sind nicht mehr, was sie waren. Metamorphosen
ungestümer Konglomerate aus Menschen, Stahl und Beton gingen mit
erstaunlicher Wirkungskraft vor sich hin. Sie bewirkten untern anderem
tiefgreifende Mutationen der geistigen Identität mehr oder weniger
in sich geschlossener Gemeinschaften.
Und immer wieder wird von dem modernen Hi-Tech-Menschen das Eine bedacht:
Wie soll die Stadt des kommenden Jahrtausends aussehen? Gibt es verbindliche
kulturelle Werte, die ihr zugrunde liegen können?
Toronto ist ein Ort, wo es außer Wolkenkratzern, Technologie
und Geld noch Menschen gibt. Nicht nur steinreiche, sondern auch Hunderttausende
von bitterarmen. Gemeinsam haben sie das Jahr 2000 passieren müssen.
Wer auf die einen schaut, sieht auch die anderen. Das Bild von Toronto
hängt in seiner unbarmherzigen Gewachsenheit vor der Weltöffentlichkeit.
Hier befindet sich einer der Schnittpunkte des Erdballs: In gewisser
Hinsicht darf man davon ausgehen, daß die Großtadt Toronto,
ein tatlüsternes, kraftstrotzendes Schwesterchen von New York,
New York, als versinnbildlichendem Scheinwerfer der kanadischen Gegenwart
fungiert. Im Spiegelbild ihrer Wolkenkratzer gedeiht eine anschauliche
Zerrform der multikulturellen und weitgehend computerisierten inwendigen
Landschaft dessen, was die Seele dieser vielbelebten Welt am Rande des
Ontario-Sees ausmacht.
Die gemütliche Seite des Lebens wird in Toronto freilich oft als
unzulänglich empfunden, wohingegen die "Konkurrenz" in
Montreal ernsthafte Ansprüche auf das Prädikat eines Paradieses
der geistigen Entfaltung und der Unterhaltungsmöglichkeiten erhebt.
Montreal, das sei Europa, Toronto hingegen Amerika. Viele Wolkenkratzer,
wenig Kultur.
Aus der Vielfalt seiner Individualität heraus vermag Toronto nichtsdestoweniger
eine einmalig ausgeglichene und in sich geschlossene Konstellation unerschöpflicher
Ausformungen des Gemeinschaftsgeistes zu bieten, die die verschienensten
Kulturen integrieren will und in dieser Hinsicht weltweit ihresgleichen
sucht. Manchmal gelingt es.
Ein paar Gemeinplätze prägen die geläufige Vorstellung
vom Leben nördlich der Großen Seen. Darunter die Erwartung
sozialer Sicherheit und vorzüglicher Lebensqualität. Doch
die vielgepriesene Sicherheit ist so sicher nicht. Die vielen Armen
werden immer ärmer und sind immer mehr auf sich allein angewiesen.
Es gibt kaum einen Bereich des öffentlichen Lebens, an den nicht
soziale Unruhen rütteln.
Von klein auf wird einer mit diesem Gedanken vertraut. Schauplatz Schule:
Frieden oder Ferien in Toronto? Seit ein paar Jahren harrt diese Frage
einer Antwort. Und es ist nicht die einzige. Annähernd 300000 Schüler-Eltern
blicken immer wieder erwartungsvoll und mehr oder weniger parteiisch
auf den Ausgang des wüsten Streites, der zwischen dem Toronto District
School Board, den Lehrern und dem Wartungspersonal ausgefochten wird.
.
Hie Provinzialregierung, da Lehrer und Verwaltungspersonal. "The
Government of Ontario is bad news for public education": eine Anzeige,
die bereits nicht minder als McDonalds oder als der CN-Turm zum Alltag
der Menschen in Toronto gehört. Wie ein Balsam für die vielen
Wunden des öffentlichen Unterrichts klingt da die Vorstellung der
wohltuenden Ferien, die stets einen friedfertigen Anschein der Ruhe
und Ordnungsmäßigkeit zeitigen.
Einwanderungsland Kanada. Unmengen von Hoffnungen und schwunghaften
Zukunftsbildern haften an dem blendenden Spiegelbild eines Visums. Die
nationale Identität der Kanadier wird vielerorts groß geschrieben,
wohl gerade deswegen, weil es sie kaum gibt.
Am Ausgang des 20. Jahrhunderts nach Kanada auswandern heißt
nicht auswandern. Es fällt schwer, hier fremd zu sein. Freilich
wird man allein durch die Tatsache der Umsiedlung nach dem Neuen Kontinent
noch lange nicht zum "Einheimischen", sondern man bleibt strenggenommen
- wenigstens ein paar Jahre lang - ein Fremder in der Fremde. Doch man
empfindet sich nicht als Teil einer Minderheit. Als Fremder ist man
in Kanada zuhause. Seltsamerweise sind es gerade die Ureinwohner der
alten, sich unendlich weit ausstreckenden Jagdgebiete, die eine auffallende
Minderheit ausmachen, gerade weil sie - im Unterschied zu allen anderen
- schon immer hier waren. Als Neuling gehört man in Kanada der
Mehrheit zu und wird folglich gerade deswegen im Nu mit der Fremde vertraut,
die hier als Zuhause waltet.
Aber die glänzende Perspektive am Ausgang des Jahrtausends mag
trügen. Der zwar durch und durch ergiebige Überblick bleibt
am frohen Schein der Ansichtskarten haften und reicht kaum dazu, das
Make-up der Stadt ganz mitzuerfassen.
Die fortschrittlich und tatkräftig stimmenden Wolkenkratzer lassen
eine verheißungsvolle Seite ungebändigter Produktionswut
der Finanzen durchblicken, an der mancher Schicksalsmacher des hochtechnologisierten
Alltags seine Wonne hat. Der drittwichtigste geschäftliche Anziehungspunkt
der Welt entfaltet mit Stolz seine wirtschaftlichen, politischen und
kulturellen Dimensionen und Valenzen. Mit neidvoller Bewunderung blickt
der Besucher auf den CN-Turm hinauf - geblendet von dem gewaltigen Antlitz
allmächtiger Bilder, anhand derer sich der Einzelne das Image des
Ganzen ausmalt.
Und doch fallen Sein und Schein manchmal weit auseinander. Die vielen
verführerischen Lichter, die bei Nacht aus weiter Ferne recht malerisch
anmuten, erweisen sich als gar nicht mehr so viele, wenn man auf den
beiweilen geradezu dunklen Straßen der Großstadt unterwegs
ist.
Obdachlose streifen durch die Stadt, um den Schein ihres zumutbaren
Sinns zu erhaschen. Daß es für sie keinen Platz gibt, wird
lautstark verleugnet. Doch mancher mußte bereits daran glauben.
Ob die Menschen, die auf den Straßen von Toronto hausen, freie
Bürger sind, ist fraglich. Sie haben jedenfalls nicht den Anschein,
es zu sein. Ganz frei sind wohl auch die Politiker nicht, die manchmal
über eine wohlstilisierte und trotzdem nicht den Schein wahrende
Wirklichkeit stolpern müssen.
Über die Homeless in Toronto wird in den "erhabenen"
Kreisen mit Vorliebe oft verächtlich gesprochen. Wohlfahrtsleute.
Faulenzer. Drogensüchtige. Das sind ein paar der Schimpfwörter,
mit denen sie in Sekundenschnelle abgestempelt werden. Daß die
frierenden Verkörperungen von erschütternden Erfahrungen,
Träumen und Ängsten ihrerseits Menschen sind, so wie du und
ich, klingt eher unwahrscheinlich. Man denkt sich von dieser Überlegung
lieber weg und versinkt in einer angenehmen Neutralität globaler
Binsenwahrheiten, die stets bereit liegen, um aus der moralischen Sackgasse
einer brutalen Wirklichkeit herauszuhelfen. Daß die Polizei die
Obdachlosen noch im Jahre 1999 regelmäßig bei Nacht zu jagen
pflegte, ist wohlbekannt. Manche Personen fanden das sogar recht und
billig. Es ist wirklich nicht leicht, auf den Straßen von Toronto
zu überleben. Davon wissen auch ältere Leute ein Lied zu singen,
die etwa von unmenschlichen Vermietern im Handumdrehen aus der Wohnung
geschmissen wurden, weil sie mit der ungebändigten Geldgier der
Hausbesitzer nicht mehr Schritt halten konnten. Home, sweet home, heißt
es. Was aber, wenn einer kein Dach über dem Kopf hat? Wie klingen
dann Worte wie Lebensqualität und Zukunft?
Eine hervorragende Persönlichkeit unter den Ausgestoßenen
in Toronto ist ein gebürtiger Deutscher. Für Hans Scholze
ist es schon seit zwölf Jahren nichts Ungewöhnliches, in Toronto
obdachlos zu sein. Dem Fünfundsechzigjährigen reicht die kümmerliche
Pension nicht dafür aus, Miete zu zahlen. Nahrung und Zigaretten
kann er sich gerade noch leisten.
Früher hatte er einmal ein Leben, jetzt hat er keine Zähne
mehr. Als Scholze 1957 aus Deutschland nach Kanada auswanderte, war
er voller guter Vorsätze und Hoffnungen. Irgendwann aber zerrannen
ihm die Träume. Sein Weniges an Gut und Habe wurde ihm gestohlen
- es ist schwer, etwas auf der Straße zu besitzen. Er wohnt in
einer selbstgebastelten Holzkarre unmittelbar an dem regsten Straßenverkehr.
Wenn er will, kann er sein Zuhause abtransportieren, mit vier Fahrradrädern
schafft er das. Doch er will nicht: Kein Platz ist so sicher wie die
kleine Wiese gleichsam mitten drin im Verkehr. Hier blicken ständig
tausend Augen auf ihn. Hier kann ihm nichts passieren.
Als nach dem gewaltigen Schneesturm im Januar 1999 auf Anordnung des
Bürgermeisters von Toronto Soldaten eingesetzt wurden, um die Unmenge
Schnee wegzuschaufeln, die die Stadt lahmgelegt hatte, wurde Hans Scholze
aus Versehen lebendig begraben. Ein ehemaliger Arbeitskollege suchte
nach ihm unter dem Schneehügel und rettete ihm das Leben.
Wer mit dem Auto an seiner mobilen Welt zerschütterter Träume
vorbeifährt, ahnt manchmal, daß Erfolg und Versagen ineinanderfließen
können. Schicksal oder Lifestyle? Die Frage betrifft nicht nur
einen Einzelnen, sondern die ganze "Homeless Community of Toronto".
Die schreiende Wirklichkeit reißt sich ins Auge. Oft geht der
Blick vorbei.
Der rechte Umgang mit Freiheit: Wie weit reicht er? Und wo fängt
er an? Der CN-Turm stürzt gegen den Himmel, Stadt und Leute folgen
etwas beklommen. Demokratie, das ist ein kompliziertes Wort. Auch hier.
Es sieht ganz so aus, als sei die Metropole ein klein bißchen
aus ihrem verheißungsvollen Namen herausgefallen, dem sie nun
gleichsam mühselig nacheilt. Der kleine Mann auf der Straße
und der dicke Mann im Amt reden durcheinander. Das neue Konzept der
Stadt Toronto wird neu entworfen.
Toronto ist ein neugeborener Lebensraum, hervorgegangen aus sechs verschiedenen
Städten und der metropolitanischen Regierung. Am 1. Januar 1998
entstand offiziell eine neue sich auf 622 Quadratkilometer (240 Quadratmeilen)
ausstreckende Stadt mit 2,4 Millionen Einwohnern. Aus den jeweiligen
Selbstverständissen der einzelnen hierbei zu einem funktionstüchtigen
Ganzen zusammengeschmolzenen Teilen erwuchs das unabdingbare Bedürfnis
einer globalen Anschauungsweise. Toronto als ein einziger in sich geschlossener
Körper will nun seine Identität behaupten. Ein entsprechend
neuer offizieller Plan zur Beseelung dieses Körpers wird jetzt
erdacht, damit Toronto nicht nur weiter im Glanze seiner prächtigen
Vergangenheit selbstgefällig vor dem ergötzten Blick der Weltöffentlichkeit
dahintreibt, sondern mit zumutbarer Beständigkeit einem klar umrissenen
und haltbaren Ziel entgegenstrebt.
Mit welchen Idealen wachsen die Kanadier heran? Treffpunkt Raves: Die
Rattenfänger in Downtown. Welche Rolle spielen die so umstrittenen
Raves in der Ausbildung des postmodernen Stadtkindes? Sie waren eine
Erscheinungsform der Unterwelt. Nun gehören sie zum Selbstverständnis
der vielseitigen Subkultur in Toronto. Raves sind nicht bloße
Drogenpartys, bei denen die Sinne der Teilnehmer im kollektiven Rausch
trüb werden. Aus dem Herumexperimentieren mit Sensationen wurde
langsam ein Riesengeschäft. Die Illusionsfabriken produzieren Empfindungen,
die auf dem Gemütsmarkt besonders gefragt sind. Sie vermitteln
den Eindruck eines greifbaren Sinns.
Warum verbringen Torontoer Jugendliche die Nächte zu Tausenden
in dürftigen, ungelüfteten Räumlichkeiten, um das tolle
Delirium der Stunde zu erleben? Große Worte wie Frieden, Zugehörigkeit
und Glück werden ausgesprochen. Die Vorstellung eines neuen Zeitgeistes
rückt näher. In Anlehnung an die sechziger Jahre sublimiert
man die überpersönliche Erfahrung der Liebe und eine erhabene,
kaum fest umrissene Andersheit. Die Musik ist es, die den Sog bewirkt.
Bei einer bestimmtem Rhythmusschwelle interferiert der Schall nämlich
mit den elektromagnetischen Schwingungen des menschlichen Gehirns und
erzeugt dadurch ein euphorisches Gefühl des Wohlbefindens.
In letzter Zeit haben bei den Raves Phantasien hervorbringende Drogen
wie Ecstasy (Methamphetamine), GHB (Gamma Hydroxy Butyrate) und Special
K (Ketamine) den herkömmlichen Marihuana- und Alkoholgenuß
verdrängt. Ecstasy, auch E genannt, behauptet dabei den unbestrittenen
ersten Platz unter den Wirkstoffen zum Glücklichsein. Für
30 Dollar dringt man noch tiefer ein in die eigentliche Seite des nächtlichen
Tiefenerlebnisses. Vorigen Sommer kam ein Raver in Toronto anscheinend
wegen einer Überdosis ums Leben. Ein Sicherheitsprotokoll wurde
aufgezeichnet, das die Veranstalter in Zukunft dazu verpflichtet, unter
anderem Trinkwasser und ärztlichen Beistand sicherzustellen.
Da sie es erst seit seit wenigen Jahren bis an die Öffentlichkeit
geschafft haben, schockieren diese lauten Partys manchmal nicht wenig.
Sie zu verbieten wäre jedoch keine Lösung. Sonst könnten
die Bürger von Toronto leicht denen von Hameln gleichen, die den
Rattenfänger vertreiben wollten und dabei all ihre Kinder loswurden.
Die Generationen leben oft aneinander vorbei, Harmonie hat viele Schattierungen.
Angesichts der bestehenden Nachfrage werden die Raves - diesseits oder
jenseits des gesetzlichen Rahmens - in absehbarer Zukunft auf jeden
Fall weiterfahren. Sie spiegeln den Entfremdungsprozeß einer Gesellschaft
wider, die zwischen Multi-Individuation und kollektiver Trance hin-
und hergeschüttelt wird.
Toronto bedeutet Treffpunkt. Dies ist die Herausforderung der Stunde.
Denn Menschen, die sich treffen, haben einander nicht unbedingt gern.
Aus den begrifflich wie plastisch gefilterten Einzelperspektiven heraus
stürzt dieser Raum auf seine umstrittene Zukunft zu - vorerst eine
noch nicht zu Ende gedachte Idee. Diese soll die modellierenden Energien
der Weltstadt entfesseln. Und an der Idee von Toronto kann jeder mitdenken.
Ihr
Kommentar
Henky Hentschel
Brief aus Havanna
Freunde, Feinde, Mitmenschen!
Als Vorspeise ein Zitat:
"... und ich riß mich am Riemen und biß die Zähne
zusammen und schiß auf die Kultur, die mit ihrer dämlichen
Metaphysik immer der Glückseligkeit in die Quere kommt."
Das steht so in "Drei traurige Tiger", diesem ernsthaft verrückten
Cuba-Roman von Guillermo Cabrera Infante, dem Mann, der später
seinem Land gegenüber fast so gehässig wurde wie Zoe Valdès,
und das ist nicht leicht. Beide sind ausgewandert, abgehauen oder desertiert,
wie das hier offiziell heißt. Beider Blut ist gesättigt mit
Partikeln afrohispanischer Kultur, das Cabreras mit vorrevolutionären,
von US-Viren infizierten Teilchen, das der jungen Obszönen mit
neueren, die die Revolution geformt hat.
Aber Cabrera ist im Hain eines kulturellen Wäldchens groß
geworden, während die Valdés schon als Kind durch einen
kulturellen Regenwald trippelte. Daß Metaphysik und Glückseligkeit
nicht unbedingt Zwillinge sind, haben sie beide bemerkt. Daß die
Abwesenheit des einen das Wachstum der anderen erleichtern würde,
ist allerdings auch eine schwer zu haltende These.
Hier ist seit einer Weile der Sommer vorbei, ein Rekordsommer. Selten
haben die Cubaner so viel Schweiß vergossen (was sie auf Grund
ihrer subtropisch-sozialistischen Intelligenz gar nicht gerne tun).
Selten haben die Hautpilze so viel Boden gut gemacht. Selten ist das
kulturelle Angebot so ins Kraut geschossen. Wenn ich noch wäre,
wie ich als junger Mann war, als ich auf jede Vernissage gerannt bin,
in jedes Konzert und in alle Theater, ich hätte den Schöpfer
bitten müssen, mich zu klonen - und zwar mehrfach.
Meiner heutigen Reife entsprechend habe ich das Überangebot damit
bekämpft, daß ich mich weigerte, meine Stammkneipe mehr als
einmal die Woche alleine zu lassen. Nicht nur, daß Karneval war
und die großen Wagen mit den federgeschmückten Mulattinnen
und afrocubanischen Tanzgruppen den überfüllten Malecon hinunterzogen,
daß an der 'Piragua' Issac Delgado seine Salsa in die feuchtheiße
Luft der Nächte schleuderte, daß der 'Salon Rosado' der Brauerei
'La Tropical' - dieser mythische 'Salon Rosado', der eigentlich ein
Amphitheater unter den Sternen ist wie das 'Tropicana' - daß dieser
Salon Tanzmusik rund um die Uhr anbot und zwar vom Feinsten, daß
im 'Coppelia', dem Eistempel im Vedado, die Pop-, Rock- und Rapgruppen
Tausende aus dem Häuschen brachten, neinnein, das war beileibe
nicht alles. Da war der Zirkus, da erschien peruanische Folklore, da
eröffnete Manuel Mendive eine Ausstellung, Cubas Schlachtschiff
der bildenden Künste, dem sie in Miami auch schon mal öffentlich
sein vielleicht bestes Bild (es stellte einen harmlosen Pfau dar) öffentlich
verbrannt haben, nur weil er in Cuba lebt. Da waren Theaterpremieren,
Puppenspiele, Kindertheater, Vernissagen, Rumbas und Boleros, Humoristen,
Chöre, lyrische Lieder und und und. Die Qual der Wahl wurde zu
schmerzhaft, und ich hielt mich da raus.
Der Sommer ist vorbei und jetzt steuern wir die Zeit der Festivals an,
des Jazz-Festivals, des Theater-Festivals, des Tanz-Festivals, des Festivals
des lateinamerikanischen Films, der Biennale von Havanna, und bestimmt
habe ich bei dieser Aufzählung noch zwei oder drei vergessen.
Wie ein Land der Dritten Welt mitten in einem Wirtschaftskrieg der USA
all das auf die Beine stellen und zum Teil aus dem Boden stampfen kann,
wird vielen ein Rätsel sein. Das Rätsel hat eine Lösung:
Am Anfang war das Wort, und das Wort war Fidel, und Fidel war das Wort,
und das Wort erklärte Kultur zu einem Artikel, der allen zusteht
und nicht einer Elite und nicht irgendwelchen Impresarios und nicht
irgendwelchen Agenten und nicht dem Fernsehen. Ohne eine Kultur der
Massen, meinte der Comandante, bekommen wir auch keine politische Kultur,
und ohne die können wir Washington gegenüber einpacken.
Die Cubaner kleckern nicht, sie klotzen. Gab es vor dem Sieg der Revolution
zwei Kunstschulen im ganzen Land, sind es heute 46. Rund 14000 Studenten
haben in den letzten vierzig Jahren an der Kunsthochschule ihren Abschluß
gemacht. Aus neun Galerien sind mehr als 120 geworden, und mitten in
der Krise produziert das Land rund 30 Filme pro Jahr. Jetzt läuft
ein ehrgeiziger Plan, innerhalb von zehn Jahren 40000 zusätzliche
Kunstlehrer auszubilden.
Läge Cuba weiter nördlich, könnte man sagen, daß
Company Segundo, Mendive, Buena Vista Social Club, Erdbeer und Schokolade
oder Chucho Valdés die Spitzen einiger Eisberge sind. Hier sieht
man sie eher als die wuchtigen Riesen in einem cubanischen Kult-Urwald.
Und dieser Wald wächst weiter, denn längst wuchert er nicht
nur in Havanna und den Provinzhauptstädten. Da geht das Nationalballett
in die Berge des Ostens, und Alicia Alonso, weltberühmt, tanzt
vor Männern aller Hautfarben, die zu Pferde gekommen und stundenlang
geritten sind, um sie zu sehen. Das staatliche Symphonie-Orchester reist
in Zuckerdörfer, die so weit ab liegen, daß kein Tourist
sie jemals zu sehen bekommt. Die Nationaloper macht sich mit ihrem ganzen
Tross in den unwegsamen Escambray auf, und der Musiker Felix Chapotím
taucht mit seiner Gruppe unversehens auf einem Festival des Son auf,
das allenfalls lokale Bedeutung hat. Die Kultur in diesem Land hat sich
auf die Socken gemacht, und ihre Anwesenheit im täglichen Leben
ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Wo 12000 Künstlergruppen
mit nahezu 70000 Mitgliedern (Gesamtbevölkerung: elf Millionen)
rund 250000 Vorstellungen im Jahr geben und von dieser Arbeit auch noch
leben können, hat sie eine Barriere übersprungen und gehört
den Leuten. Die zahlen einen Obolus von einem bis drei cubanischen Pesos,
das sind zwischen zehn und dreißig Pfennig, falls irgendein Spektakel
sie anzieht. Dafür bekommen sie, was Cabrera Infante nicht glauben
mag: ein bißchen Glückseligkeit, gepaart mit Metaphysik.

Ihr
Kommentar
|
|