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Adolph Knigge
Über den Umgang mit Menschen
Ein Buch, von dem jeder gehört hat, und das kaum
einer kennt: Das Hauptwerk des Adolph Freiherr von Knigge "Über
den Umgang mit Menschen" (1788). Als vehementer Befürworter
der französischen Aufklärung machte sich Knigge beim deutschen
Adel rasch unbeliebt und der sich bei ihm: Aus Wut über
die Verbohrtheit vieler Adeliger verzichtete er auf seinen Titel und
nannte sich nur noch "bürgerlich" Adolph Knigge. Zeitlebens
war er bemüht, für die humanistischen Ideale (und den gesunden
Menschenverstand) zu kämpfen, ohne Rücksicht auf die Fürsten
und Mächtigen seiner Zeit. Seine Ratschläge sind wohl auch
fürs heutige (Berufs-)Leben gültig.
Der Umgang mit Großen und Reichen muß aber sehr verschieden
sein, je nachdem man ihrer bedarf oder nicht, von ihnen abhängig
oder frei ist. Im ersten Fall darf man wohl nicht immer so gänzlich
seinem Herzen folgen, muß zu manchem schweigen, sich manches gefallen
lassen, darf nicht so kühn die Wahrheit sagen, obgleich ein fester,
redlicher Mann diese Geschmeidigkeit dennoch nie bis zu niedriger Schmeichelei
treiben wird. Indessen verändern kleine Umstände, sowie die
feinen Nuancen der Charaktere, das Verhältnis, weswegen ich denn
in dem Folgenden alle Regeln mit den Großen zusammenfassen und
den Lesern überlassen werde, zu ordnen und auszuwählen, was
in jeder Lage anwendbar ist.
*
Ein allgemeiner Satz für alle Fälle ist der: Dränge Dich
den Vornehmen und Reichen nicht auf, wenn Du nicht von ihnen verachtet
werden willst! Überlaufe sie nicht mit Bitten für Dich und
andre, wenn sie Deiner nicht überdrüssig werden, wenn sie
Dich nicht fliehen sollen. Laß Dich vielmehr von Ihnen aufsuchen.
Mache Dich rar, doch dies alles, ohne daß Deine Absicht merklich,
ohne daß es gezwungen scheine.
*
Suche nicht, Dir das Ansehn zu geben, als gehörest Du zu der Klasse
der Vornehmen oder lebtest wenigstens mit ihnen in engster Vertraulichkeit.
Es gibt Menschen, die durchaus dafür angesehn sein wollen, eine
größere Figur in der Welt zu spielen, in höherem Ansehn
zu stehn, als wirklich der Fall ist. Sie führen auf Unkosten ihres
Geldbeutels den Luxus der Vornehmen und Reichen in ihren Häusern
oder drängen sich in deren Zirkel ein, wo sie eine elende Figur
spielen, nur hinterherlaufen müssen und keinen frohen Genuß
haben, indes sie lehrreichern und süßern Umgang gänzlich
vernachlässigen und gute Freunde und weise Menschen von sich entfernen.
Andre lassen es sich wenigstens angelegen sein, die nichtsbedeutenden
und verderbten Sitten der Großen pünktlich nachzuahmen, ihre
hochmütige Herablassung, ihren geschäftigen Müßiggang,
ihre Zerstreuung, ihr Wichtigtun, ihre leeren Vertröstungen, ihre
seelenlosen Gespräche, ihre Zweizüngigkeit, Windbeutelei,
Gefühllosigkeit, Nachahmung der Ausländer, die Verachtung
ihrer Muttersprache, ihre fehlerhafte Schreibart, ja sogar ihre lächerlichen
Gebärden, Gewohnheiten und Gebrechen, ihr Stammeln, Lispeln, Achselzucken,
ihre Grobheit gegen niedere Kränkliche, ihr Podagra [Gicht], ihre
schlechte Hauswirtschaft, ihre dummen Launen und mehr dergleichen herrliche
Vorzüge zu kopieren und sich zu eigen zu machen. Ihnen ist der
beste Beweis für die Güte einer Sache der, daß sie sagen:
Jedermann von Stande handle so und nicht anders als wenn das
eine Narrheit heiligen könnte! Handle selbständig!
verleugne nicht Deine Grundsätze, Deinen Stand, Deine Geburt, Deine
Erziehung; so werden Hohe und Niedrige Dir ihre Achtung nicht versagen
können.
*
Man traue nicht zu sehr den freundlichen Gesichtern der mehrsten Großen,
glaube sich nicht auf dem Gipfel der Glückseligkeit, wenn der gnädige
Herr uns anlächelt, die Hand schüttelt oder uns umarmt. (...)
Man bleibe mit dieser Gattung Menschen immer in seinen Schranken, mache
sich nicht gemein mit ihnen und vernachlässige nie die äußere
unterscheidende Höflichkeit und Ehrerbietung, die man ihrem Stande
schuldig ist, sollten sie sich auch noch so sehr herablassen. Früh
oder spät fällt es ihnen doch ein, ihr Haupt wieder emporzuheben,
oder sie verabsäumen uns, wenn ein andrer Schmeichler sie an sich
zieht, und dann setzt man sich unangenehmen Demütigungen aus, die
man mit weiser Vorsicht vermeiden kann.
*
Überschreite nicht bei Deiner Gefälligkeit gegen die Großen
der Erde, in deren Händen Dein bürgerliches Glück ist,
die Grenzen der wahren Ehre. Es ist eine große Versuchung für
einen armen oder ehrbegierigen jungen Menschen, der in dem Dienst eines
schwachen Fürsten sich emporschwingen will, ob er nicht dessen
ränkevollem Minister, dem regierenden Kammerdiener oder einer tyrannischen
Buhlerin huldigen soll; aber selten nimmt das ein gutes Ende. Solche
Lieblinge stürzen sich früh oder spät selber und reißen
dann ihre Kreaturen mit in ihr Verderben; und wäre auch das nicht,
so werden doch die größten Vorteile, die man dadurch erlangen
könnte, zu teuer erkauft, wenn man dafür die Achtung weiser
und rechtschaffener Männer aufopfern muß; und da ist gewiß
immer der Fall. Der gerade Weg hingegen führt unfehlbar,
wo nicht zu einem glänzenden, doch zu einem dauerhaften Glücke.
*
Auch lasse man sich von den Erdengöttern nicht nur zu keinen Geschäften
mißbrauchen, sondern sei auch vorsichtig in allen Diensten, welche
man ihnen erweist. Sie machen leicht aus jeder Gefälligkeit eine
Pflicht und halten es nachher für Verabsäumung unsrer Schuldigkeit,
wenn wir zu einer andern Zeit uns nicht grade aufgelegt zeigen, uns
also preiszugeben. Wenigstens vergessen sie leicht, was man für
sie getan hat.
(aus: Insel Taschenbuch 273, Dritter Teil, Erstes Kapitel)
Ihr
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