Die Gazette Nr. 3, Mai 1998:
 
Selbstmord eines katholischen Bischofs

John Joseph, der fünfundsechzigjährige Bischof von Faisalabad (Pakistan), hat sich am 8. Mai im Gerichtsgebäude der Stadt erschossen. Er verübte den angekündigten Selbstmord aus Protest gegen das Todesurteil, das am 27. April im gleichen Gebäude gegen Ayub Massih verhängt worden war. Grund der Verurteilung: Ayub Massih hatte Salman Ruchdies „Satanische Verse" lobend erwähnt. 
Als der Sarg des Bischofs in sein Heimatdorf Kushpur überführt wurde, kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, die in die begleitende Menschenmenge schoß und ein junges Mädchen verletzte. 
 

Geraubte Bücher kehren zurück

Während das russische Parlament die „Beutekunst" als legitime Wiedergutmachung für die von Deutschland zugefügten Schäden und Leiden im zweiten Weltkrieg betrachtet, hat der armenische Präsident Kocharian soeben ein Dekret unterzeichnet, mit dem die von der Roten Armee aus Deutschland geraubten und nach Armenien verbrachten Bücher zurückgegeben werden sollen. Angaben über den Umfang der Rückerstattung wurden nicht gemacht. 
 

Aufstand für ein Manuskript

In der Hauptstadt der südrussischen Burjatischen Republik gingen am 5. Mai die buddhistischen Mönche auf die Straße. Sie protestierten dagegen, daß ein tibetischer Medizin-Atlas des 17. Jahrhunderts zeitweise aus dem Nationalmuseum entfernt und für eine Ausstellung in den Vereinigten Staaten ausgeliehen werden sollte. Das russische Fernsehen verbreitete Bilder, auf denen die Polizei mit Schlagstöcken gegen die Mönche vorging. Fünfzig Mönche wurden verhaftet. 
 

Lektürezeit schrumpft von zwölf auf neun Minuten täglich

Susanne Gaschke berichtete in der ZEIT vom 7. Mai über ein Bildungsmanifest „Zukunftsinvestition Jugend" (der Professoren Klaus Hurrelmann, Wilhelm Heitmeyer, Christian Pfeiffer, Roland Eckert, Jürgen Zinnecker und anderer), das alarmierende Zahlen nennt: Die Buchlektüre bei Jugendlichen sei in den fünf Jahren seit 1990 um fünfundzwanzig Prozent zurückgegangen. „Nur noch neun Minuten am Tag lassen sie heute ihren Blick über Bücher gleiten; 136 Minuten lang bleibt er auf den Fernsehschirm geheftet." Die amerikanische Kinderbuchautorin Joan Aiken wird mit dem Diktum zitiert, wer seinem Kind nicht mindestens eine Stunde am Tag vorlese, verdiene es überhaupt nicht, ein Kind zu haben. 
Die Hoffnung auf Besserung bleibt schwach in der ZEIT: „Vielleicht gibt es ein Zurück zu einer Normalität, die zwischenzeitlich verlorengegangen zu sein scheint: zu der Gewißheit, die Eltern schuldeten dem Nachwuchs eine Vorlesestunde am Abend, ein gutes Vorbild. Eine gute Erziehung, wenigstens das." 
 

Die Poesie lebt - sogar im Weißen Haus

Bei seinem dritten „Jahrtausend-Abend", einem Galadiner am 23. April, äußerte sich Bill Clinton nach dem Essen auch zur Rolle der Poesie im 21. Jahrhundert. „Hat sie irgendeinen Wert? Selbstverständlich", sagte er, „sie hat uns glücklich gemacht, nostalgisch, traurig, aber auch weiser." 
Danach lasen er und Hillary Clinton ihre Lieblingsgedichte vor. 
Das Datum, der Geburts- und Todestag Shakespeares, inspirierte den Präsidenten auch zu einigen diesbezüglichen Anmerkungen. Er habe, teilte er mit, in der High-School einmal sogar einhundert „Macbeth"-Verse auswendig gelernt. Und: „Shakespeare hat einen besseren Präsidenten aus mir gemacht." 
 

Apple und Keats’ „Ode on a Grecian Urn"

Die beiden haben schon zeitlich nichts gemeinsam. John Keats schrieb seine berühmte Ode Anfang des 19. Jahrhunderts, bevor er 1821 starb, sechsundzwanzig Jahre alt. Apple dagegen ist jüngste Zeitgeschichte - und, etwa im gleichen Alter, noch einigermaßen lebendig. Zusammengebracht hat sie ein Computerwissenschaftler aus Yale, David Gelernter. Sein neuestes Buch „Machine Beauty" ist voll waghalsiger Gedankengänge. 
Das Thema ist die Schönheit der Technik. Während wir uns über das Äußere von Schönheit gern - und auf allen Niveaus - streiten, erkennt er als ihr immerwährendes Kernprinzip „eine glückliche Ehe von Einfachheit und Macht", jenseits aller modischen Erscheinungsformen. Also etwa das, was Keats in seiner Ode unsterblich so formulierte: „Beauty is truth, truth beauty - that is all / Ye know on earth, and all ye need to know." 
Mit dieser Erkenntnis ausgerüstet, stellt Gelernter die Frage, wie es Microsoft gelingen konnte, Apples Macintosh aus den Konkurrenten-Feld zu schlagen. Freilich, da haben auch Marketing und solche Dinge eine Rolle gespielt. Aber ursächlich, meint er, war etwas ganz anderes, Psychologisches. 
Nämlich dies: Eleganz und gefälliges Aussehen sind im allgemeinen Bewußtsein keine Eigenschaften von Technik; Technik hat vielmehr effizient und stark und durchschlagend zu sein. Kurz: Technik ist männlich, Schönheit weiblich. Microsofts Betriebssystem DOS war von Anfang eine Sache für Männer: völlig undurchschaubare, komplizierte Tipp-Befehle, erst einmal schwer zu fassen, dann aber irgendwie hochgradig wirkungsvoll. Der Apple dagegen kam von Geburt an mit einer graphischen Benutzeroberfläche daher, mit Icons und Mausklicks, sofort und mühelos bedienbar - also nichts für DOS-gestählte richtige Männer. Sie akzeptierten den imitierten Graphik-Bildschirm, nun Windows genannt, und seinen leichtfüßig huschenden Mauspfeil erst dann, als die Spielereien in die männlich-herbe DOS-Umgebung aufgenommen wurden. Eine Art Initiationsritus. 
Das Argument hat, nun ja, eine gewisse Eleganz. 
 

Staat unterliegt gegen Autor

Schon 1993 hat Nabuyoshi Takashima den japanischen Staat verklagt, jetzt, fünf Jahre später, hat er wenigstens teilweise recht bekommen. 
In Japan muß das Erziehungsministerium jedes Schulbuch genehmigen, und in den meisten Fällen zwingt es den Autor, politisch anstößige Stellen umzuschreiben. Die Praxis ist schon seit Jahren umstritten. Sie wurde aber auch im Fall des Geschichtsbuchs von Takashima angewandt, hier aber wehrte sich der Autor. Er verklagte den Staat auf Schadensersatz, auf die lächerliche Summe von nicht einmal vierzehntausend Mark. „Werbebroschüren für die Regierung" nannte er die staatlich gereinigten Schulbücher. 
Und das Gericht gab ihm immerhin in einem Punkt recht. Das Ministerium darf ihm nicht die Stelle herausstreichen, an der von den Protesten gegen die Entsendung japanischer Minenräumboote in den Persischen Golf 1991 die Rede ist. Takashima bekam eine Entschädigung von zweitausendsiebenhundert Mark zugesprochen. 
Andere Streichungen mußte er hinnehmen. So werden die Schulkinder in dem Buch zum Beispiel nicht lernen, daß der Autor die japanische Berichterstattung anläßlich des Todes von Kaiser Hirohito 1988 als „übertrieben" feierlich bewertet. 
Ähnliche Urteile gegen die Regierung gab es schon einige Male, speziell im Zusammenhang mit den von Japan begangenen Grausamkeiten im Zweiten Weltkrieg. Aber die zensierende Praxis wird im allgemeinen hingenommen. 
Auch das Urteil im Fall Takashima ist erkennbar konsensfähig gesprochen: Beide Parteien überlegen sich noch, ob sie Berufung einlegen werden. 
 

Dracula im Briefkasten

Und er ist nicht allein; Frankenstein ist auch dabei und der Wolfsmensch und das Phantom der Oper ebenso. Wie kommen sie da hinein? 
Ganz einfach: per Brief. Die Post der USA möchte nämlich gern die subkulturellen Kino-Monster auf Briefmarken verewigen. Nach eigenen Angaben auch deshalb, um schon Kinder zum Briefmarkensammeln zu bringen, einem für die Post äußerst lukrativen Hobby. Aus dem Verkauf einer schon aufgelegten Bugs-Bunny-Serie beispielsweise werden Einnahmen von achtunddreißig Millionen Dollar erwartet. 
Das Monster-Projekt hat eine wortgewaltige Gegnerschaft geweckt. Und was da ins Feld geführt wird, sind „Werte" im streng klassischen Sinn. Gary Griffith etwa, der Autor eines Standardwerks über amerikanische Briefmarken, ist überzeugt, auf Briefmarken gehören nur Dinge, „die wir verehren". Andere Philatelie-Experten klagen: „Auf einer Briefmarke zu sein, hat seinen Glanz verloren." Die Kinderbuchautorin Jane Palmer fragt: „Was kommt als nächstes? Mickymaus auf dem Dollarschein?". So etwas, sagt sie, verwischt die Linie zwischen „Würde" und „Unterhaltungswert". Der Kinderpsychologe Stephan Garber möchte andere Helden sehen: „Wir haben da eine Menge Kandidaten, an die wir noch gar nicht gedacht haben." Und selbst ein durchschnittlicher Briefeschreiber würde lieber patriotische und verehrungswürdige Dinge verschicken als die Schreckensbilder: „George Washington oder das Empire State Building oder die Fahne." 
Für die Post spiegelt die geplante Serie nur die „Vielfältigkeit der Geschichte" wider. 
Nur zur genaueren literarischen Erinnerung: Frankenstein ist ursprünglich nicht das Monster, sondern sein Erfinder in dem Buch „Frankenstein oder Der Moderne Prometheus" von Mary Wollstonecraft Shelley (1818). Und Dracula ist die Erfindung von Bram (Abraham) Stoker in seinem gleichnamigen Roman von 1897. 
 

Nicht jeder Deal geht auf

Als Steve Alten dem Verlag Doubleday seine zwei Romanprojekt vorlegte, vereinbarte er dafür mehr als zwei Millionen Dollar Vorschuß. 
Der erste Roman, „Meg", war eine Geschichte über einen prähistorischen und sehr, sehr ausgehungerten Hai an den Stränden von Hawaii. Im vergangenen Sommer wurden von dem Buch hunderttausend Exemplare verkauft. Für einen sogar arrivierten deutschen Autor eine Traumzahl. Für Doubleday ein Verlustgeschäft: einhundertfünfzig Exemplare blieben ihnen im Lager. 
Dann kamen das Exposé und hundert Probeseiten für den zweiten Roman (einen Asteroiden-Einschlag auf der Erde), und Doubleday sagte nein. Der Autor fühlte sich abrupt im Stich gelassen, aber der Verlag meint, sie hätten die ganze Zeit eng mit ihm zusammengearbeitet und er habe einfach kein „akzeptables, befriedigendes Manuskript" vorgelegt. Und mit dem Mißerfolg des Vorgängers habe das schon gleich gar nichts zu tun. 
Etwa eine halbe Million des vereinbarten Vorschusses ist noch nicht ausbezahlt. Jetzt werden also wieder ein paar Anwälte tätig werden. 
Doubleday aber wird den Minus-Deal mit einem Schulterzucken abtun. Der Verlag gehört ja einer großen Mutter: Bertelsmann. 
 

Bertelsmann kauft den Papst

Noch ist der Handel nicht perfekt. Die US-amerikanische Kartellbehörde, die Federal Trade Commission, prüft noch die geplante Übernahme des Verlags Random House durch Bertelsmann für nicht bestätigte 1,3 Milliarden Dollar. Aber selbstverständlich, sagte Peter Olsen, der Chef von Bertelsmann Nordamerika, ist man optimistisch, „sonst wären wir in die Transaktion ja nicht eingestiegen". 
Zwei mächtige Gruppen in den USA, der Schriftstellerverband Authors Guild und der Agentenverband Association of Authors’ Representatives, wollen die Übernahme nicht kampflos hinnehmen und kündigten für Anfang Mai eine Beschwerde bei der Kartellbehörde an. Nach der Berechnung der beiden Gruppen hätte Bertelsmann nach dem Kauf in den USA einen Marktanteil von sechsundreißig Prozent. „Es ist schlimmer, als wir dachten", sagte Letty Cottin Pogrebin, die Präsidentin der Authors Guild, „kein einzelnes Unternehmen sollte einen derartigen Einfluß auf unsere Kultur nehmen." Bertelsmann nennt die Zahl „absurd überdreht und uninformiert" und hält einen erstaunlich genauen Anteil von allenfalls 10,9 Prozent dagegen. Eine wieder etwas andere Zählweise, diesmal vom Book Publishing Report erstellt, einem wöchentlichen Newsletter, ergibt für Bertelsmann einen Marktsektor von zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent. 
„Nach dieser Konsolidierung", meinte Paul Aiken von der Authors Guild, „ergibt sich ein wachsendes Übergewicht von Bestsellern und Prominenten-Büchern. Man befürchtet, daß die Vielfalt aus dem Markt hinausgedrängt wird, eine reale Bedrohung für die nächste Autorengeneration." 
Zu den Autoren von Random House zählen so gewinnbringende Preisträger und Namen wie Michael Crichton, Normal Mailer, John Grisham und Toni Morrison. Und, richtig, auch Papst Johannes Paul II. 
 

Neu-Deutsch

Worauf niemand gewartet hat, ist endlich da. Anfang Juni geht die erste Nummer eines neuen Magazins, ach was: „einer neuen Magazin-Generation" an die Kioske. Schon die Ankündigung von Gruner + Jahr läßt Ungeheures befürchten. XXLiving heißt das unerwartete Produkt. 
In auch für Legastheniker leicht lesbaren Kurzsätzen erfahren wir beispielsweise: „Tiefgang bleibt. Zeitgeist nicht." Das klingt geradezu nach Grundsätzen: „Tiefgang bleibt. Zeitgeist nicht." Es kommt dann aber ganz anders. Gleich hinter der schier catonischen Überschrift wird uns erläutert, was damit gemeint ist: „Dem Trend auf der Spur, sucht das neue Magazin, das erstmals Lebensgenuß mit Tiefgang verbindet, nach Antworten, kreativen Ideen und neuen Anregungen für die Gestaltung des genußvollen Lebens." Allein durch die Wortwahl enthüllt sich das neue Magazin als abgrundtief neu-deutsch. Wer demnach bei der Gestaltung eines genußvollen Lebens so seine Probleme hatte, der kann sich mit zusammen mit XXLiving auf die Suche nach Antworten machen. Vielleicht werden sie ja miteinander sogar fündig. 
Das mit dem Tiefgang macht ohnehin eher den Eindruck, als sollten damit nur die Reste eines schlechtes Gewissens beruhigt werden, das hier und da noch einer mit dem puren Lebensgenuß haben möchte. „Lebensgenuß mit Tiefgang" - so etwas zergeht einem auf der Zunge. 
Offenbar waren die Deutschen bis vor kurzem ein Volk transusiger Kopfhänger. Dann aber muß sich Frohsinn verbreitet haben, und angeblich kam der Lebensgenuß wieder zu seinem Recht. Und nicht nur das. Er wird zum Dreh- und Angelpunkt. XXLiving sagt uns das autoritativ so: „Stärker als je zuvor wird auch in Deutschland Lebensgenuß wieder als Sinn des Lebens empfunden." Hier ist jedes Wort eine helle Freude: schon die einleitende Rekordmarke schenkt Zuversicht; das folgende „auch" erlöst uns aus der Vereinsamung, endlich sind nun „auch" wir in den Club der bisher schon Genießenden aufgenommen; und „wieder" gibt uns das schöne Gefühl, hier etwas Neues, aber nicht erschreckend Neues zu kriegen. Und daß zuguterletzt noch die alte philosophische Frage nach dem Sinn des Lebens mühelos mitbeantwortet wird, leichtfüßig im Vorübergehen, nimmt uns nun wirklich die letzte Herzenslast. Der Sinn des Lebens ist ganz einfach der Lebensgenuß. Aber mit Tiefgang, schon klar. Es sieht ganz so aus, als hätten wir uns die letzten viertausend Jahre völlig umsonst abgeplagt mit der Frage. 
In diesem Schrumpf-Stil geht die frohe Botschaft unaufhaltbar weiter: XXLiving ist „Sehr modern. Sehr anders", „Frisch, modern und übersichtlich". Bis dann die freudige Erregung die letzten Syntaxreste beiseitefegt und nur noch zur ergriffenen Stammelsprache fähig ist: „Genuß. Sex. Geld. Style. Leben." 
Von den einhundertsechsundsiebzig Seiten der ersten Nummer sind achtundsechzig Seiten Anzeigen. 
Die Zeitschrift, auch das noch, „erregt neue Aufmerksamkeit", und zwar „visuell mit einer starken Bildsprache." Ja sogar „mit Texten, die etwas sagen". Aber hoffentlich und bitte immer nur das eine: „Lebensgenuß mit Tiefgang". 
 

Eine Biographie ohne Leser (vorerst)

Ravi Shankar, der seit dem 7. April achtundsiegzigjährige indische Musiker, hat in großer Offenheit sein Leben beschrieben. Das Buch mit dem Titel „Raga Mala" („Liederkranz") ist bei Genesis in London herausgekommen, überreich ausgestattet mit Ledereinband und vielen Fotos und kostet etwa neunhundert Mark. Ein durchschnittlicher Büroangestellter in Indien müßte für das Buch zwei volle Monatslöhne hinlegen. Aber große Chancen, es überhaupt zu Gesicht zu bekommen, hat er ohnehin nicht. Die Auflage beträgt nur zweitausend Exemplare, und mehr als die Hälfte davon ist schon vorab verkauft. 
„Es gibt viele", sagt der Autor, „die sich das Buch leisten können und die nicht die Zeit haben, es zu lesen." 
Der Verlag überlegt jedoch bereits eine womögliche „Billigausgabe" für den Massenmarkt. 
 

Rekordpreis für Stundenbuch

Bis vor wenigen Wochen lag der höchste Preis für ein mittelalterliches Stundenbuch bei etwas über vier Millionen Mark. So viel erbrachte 1988 in London das Stundenbuch Herzog Albrechts von Brandenburg aus der Sammlung von William Waldorf Astor. 
Am 21. April jedoch hat das Londoner Antiquariat Maggs Brothers dem Londoner Autionshaus Sotheby’s für das „Stundenbuch von Lo" den Rekordpreis von umgerechnet 6.538.500 Mark gezahlt. Das üppig illustrierte Werk aus dem Jahr 1470 hat ein ungewöhnliches großes Format: Es ist dreißig Zentimeter hoch und über zwanzig Zentimeter breit. Im Katalog stand es mit einem Schätzpreis von nur einer Million Dollar. Es stammte aus der Sammlung des französischen Antiquars Pierre Bérès.

Die Lieblingsbücher der US-Berühmtheiten

Der frühere Leiter der Stadtbibliothek von Gardiner (Maine) stellt seit 1988 jährlich eine Zelebritäten-Lektüre-Liste zusammen. Auszüge aus der letzten:
- Ein Baseball- und Football-Star glänzt mit Hemingways „Der alte Mann und das Meer".
- Ein Richter des Obersten Gerichtshofs liest am liebsten „Hamlet".
- Die Einschnellläuferin Bonnie Clair empfiehlt dagegen ihr eigenes Buch.
- Jedes Jahr kommt unter den Lieblingsbüchern auch die Bibel vor. Diesmal bei den Schauspielerinnen Debbie Reynolds und Dyan Cannon.
- Mel Gibsons Lieblingsbuch ist „Fahrenheit 451" von Ray Bradbury.
- Der gefeierte Soap-Schauspieler Fred Rogers nimmt mit Vorliebe den „Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupéry zur Hand.
- Und sogar ein deutscher Autor ist unter dan Favoriten: Rainer Maria Rilkes „Briefe an einen jungen Dichter" (der Schauspieler Kevin Spacey).
 

Autoren-Ehrung durch Briefmarke

Joseph Heller, der Autor des Antikriegsromans „Catch 22", kommt womöglich zu Briefmarkenehren. Pünktlich zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag startete die US-Postbehörde eine Umfrage, welche Motive eine Briefmarken-Serie zieren sollen, die an die sechziger Jahre erinnern wird. Hellers Konkurrenten sind unter anderem die Beatles, Woodstock, die Kennedy-Brüder, die Mondlandung und der Vietnamkrieg.
 

„Nigger" bleibt drin

Der Verlag des amerikanischen Wörterbuchs Merriam-Webster hat eine mutige Entscheidung getroffen: Dem lauthals vorgetragenen Verlangen (Die Gazette Nr. 2, April 1998), ethnisch „anstößige" Wörter aus dem Wörterbuch zu entfernen, wird nicht nachgegeben. „Ein Wörterbuch ist ein wissenschaftliches Nachschlagewerk", sagte der Marketing-Direktor von Merriam-Webster, „und kein politisches Instrument. Solange das Wort gebraucht wird, ist es unsere Verantwortung als Wörterbuchverleger, das Wort im Wörterbuch aufzuführen."
Das einzige Zugeständnis: Etwa zweihundert der einhundertsechzigtausend Wörter werden durch einen vor dem Eintrag plazierten Vermerk (in Kursivschrift) besonders gekennzeichnet. Die Wort-Definitionen selbst werden jedoch nicht nach angeblicher „politischer Korrektheit" umgeschrieben.
 
 
 

Norman Mailer und die Frauen

Norman MailerSchon nach einer kursorischen Lektüre seines Buches „The Prisoner of Sex" weiß man: Normal Mailer (im Bild: der Autor als junger Mann) hat mit der Frauenbewegung nichts im Sinn.
„Da steigt man ins Flugzeug von Boston nach New York", erzählte der Autor soeben einer großen amerikanischen Zeitschrift, „und was muß man sehen? Eine Gruppe von Frauen in Maßanzügen, unterm Arm ihren Laptop: die weibliche Ausgabe eines Mannes."
Oder, noch genauer hingesehen: Früher hätten Männer, die so zur Büroarbeit eilten, „sich immer ein wenig geniert; sie spürten, daß das kein Leben war, nur ein leeres Leben, und daß es etwas in ihnen zerstörte, das sie nicht genau benennen konnten. Und die Frauen stürzen sich darauf. Sie sind heute die Sträflingsarbeiter der Großunternehmen."
Das legt die Vermutung nahe, der Autor habe seine schneidende Beobachtungsgabe und die scharfe Zunge nicht verloren. Aber dann macht sich scheinbar doch das Alter bemerkbar. Auf die Frage, wie er sich angesichts der aufkommenden Frauenbewegung fühlte, hat der Fünfundsiebzigjährige nur noch die hoch resignative Antwort: „Wie die Briten nach dem Verlust von Indien."
Vor genau fünfzig Jahren wurde sein erster Roman veröffentlicht, „Die Nackten und die Toten".
 

Frühere First Lady schreibt

Rosalynn Carter, die Frau des Ex-Präsidenten der USA, hat ihren Kampf für die geistig Behinderten auch nach der Amtszeit ihres Mannes nicht aufgegeben. Sie schreibt derzeit an einem neuesten Buch mit dem Titel „Helping Someone With Mental Illnes". Es wird ein „mitfühlender" Ratgeber für Familien, Freunde und Pflegepersonen geistig Behinderter.
„Dieses Buch", sagte die Autorin am 23. April, „wollte ich schon lange schreiben, da mittlerweile große medizinische Fortschritte erzielt wurden; Behinderungen dieser Art können jetzt identifiziert und behandelt werden, und die davon Betroffenen können ein produktives Leben führen."
 

Utopie I

CNN fragt seine Leser, welche von fünf schwarze Utopien die Gegenwart am genauesten vorhergesagt hat. Der Gewinner ist - wie fast zu erwarten - „1984" von George Orwell (geschrieben 1949) mit siebenundreißig Prozent, dicht gefolgt von Huxleys „Schöne neue Welt" (1932) mit einunddreißig Prozent und „Fahrenheit 451 von Ray Bradbury (1953, der Roman, in dem alle Bücher verbrannt werden). Weit abgeschlagen landeten „Die Zeitmaschine" (1895) und „Der Krieg der Welten" (1898), beide von H. G. Wells. 
 

Utopie II

Aldous Huxleys Witwe ist heute achtundsechzig Jahre alt. Sie wohnt am Stadtrand von Los Angeles, und wenn sie in die umgebenden Hügel schaut, hat sie das Wahrzeichen der Stadt, dieses Riesending aus neun Buchstaben, fast vor der Nase.
 Mrs. Huxley bedauert, daß ein anderer Roman ihres Mannes nicht häufiger gelesen wird: „Die Insel". Sie nennt das Buch „die andere Seite der ‘Schönen neuen Welt’". 
Vor kurzem hat NBC den Fernsehfilm wieder ausgestrahlt, der 1980 nach „Schöne neue Welt gedreht wurde. Finanziell hatte Huxley nicht viel davon. Er hatte die Filmrechte vor dem Erscheinen des Buches verkauft: für zweitausend Dollar. Das Geld steckte der Agent ein und fuhr damit in Urlaub.
 

Wieviele Pulitzerpreise?

Es gibt nicht nur einen, sondern zweiundzwanzig verschiedene Pulitzerpreise. Meist erfahren wir immer nur vom bekanntesten, dem für Belletristik, den in diesem Jahr Philip Roth für „American Pastoral" erhalten hat. Vielleicht wissen wir auch noch vom Preis für die beste Biographie: Er ging heuer an Katherine Graham und ihre „Personal History". Mrs. Graham leitet mit achtzig Jahren noch heute die Washington Post. Auch ganze Zeitungsredaktionen bekamen dieses Jahr einen Pulitzerpreis, so die Los Angeles Times für Aktuelle Nachrichten und die New York Times für Internationale Berichterstattung. 
Darüber hinaus werden durch den Preis ausgezeichnet: Dienste für die Allgemeinheit, Recherche, Erläuternde Artikel, Gerichtsreportagen, Nationale Berichterstattung, Features, Kommentar, Kritik, Editorial, Karikatur, Photographie, Drama, Lyrik, Non-Fiction und noch ein paar andere.
Einen Sonderpreis bekam in diesem Jahr George Gershwin (dessen Bruder Ira schon 1932 einen Pulitzerpreis erhalten hatte).
Sinclair Lewis lehnte vor 72 Jahren den Pulitzerpreis ab. Begründung: Er mache einen Schriftsteller „höflich, gehorsam und unfruchtbar". Den Nobelpreis allerdings, vier Jahre später, nahm er an.
 

Grenzen der Meinungsfreiheit

Der Oberste Gerichtshof der USA hat soeben eine Klage gegen den Verlag Paladin Press ohne langen Kommentar zugelassen und den Einspruch des Verlags zurückgewiesen, der sich auf das Verfassungsrecht der Meinungsfreiheit berufen hatte. 
Paladin vertreibt ein Buch mit dem Titel „Hit Man. A Technical Manual for Independent Contractors". Es gibt detaillierte Anweisungen, wie ein Freiberufler einen Auftragsmord auszuführen hat, ohne Spuren und Beweise, welche Waffe man am besten nimmt und wie man die Leiche verschwinden läßt.
Für Lawrence Horn, einen unzufriedenen Ehemann, erschien das Buch gerade rechtzeitig. Er heuerte James E. Perry an, und der brachte Mrs. Horn um, dazu ihren achtjährigen Sohn und das Kindermädchen gleich mit. Genau nach der Gebrauchsanweisung aus dem Verlag Paladin.
Bisher waren Gerichte in ähnlichen Fällen eher zurückhaltend. De