| Selbstmord eines katholischen
Bischofs
John Joseph, der fünfundsechzigjährige Bischof von Faisalabad
(Pakistan), hat sich am 8. Mai im Gerichtsgebäude der Stadt erschossen.
Er verübte den angekündigten Selbstmord aus Protest gegen das
Todesurteil, das am 27. April im gleichen Gebäude gegen Ayub Massih
verhängt worden war. Grund der Verurteilung: Ayub Massih hatte Salman
Ruchdies „Satanische Verse" lobend erwähnt.
Als der Sarg des Bischofs in sein Heimatdorf Kushpur überführt
wurde, kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, die in die begleitende
Menschenmenge schoß und ein junges Mädchen verletzte.
Geraubte Bücher kehren zurück
Während das russische Parlament die „Beutekunst" als legitime Wiedergutmachung
für die von Deutschland zugefügten Schäden und Leiden im
zweiten Weltkrieg betrachtet, hat der armenische Präsident Kocharian
soeben ein Dekret unterzeichnet, mit dem die von der Roten Armee aus Deutschland
geraubten und nach Armenien verbrachten Bücher zurückgegeben
werden sollen. Angaben über den Umfang der Rückerstattung wurden
nicht gemacht.
Aufstand für ein Manuskript
In der Hauptstadt der südrussischen Burjatischen Republik gingen
am 5. Mai die buddhistischen Mönche auf die Straße. Sie protestierten
dagegen, daß ein tibetischer Medizin-Atlas des 17. Jahrhunderts zeitweise
aus dem Nationalmuseum entfernt und für eine Ausstellung in den Vereinigten
Staaten ausgeliehen werden sollte. Das russische Fernsehen verbreitete
Bilder, auf denen die Polizei mit Schlagstöcken gegen die Mönche
vorging. Fünfzig Mönche wurden verhaftet.
Lektürezeit schrumpft von zwölf auf neun Minuten täglich
Susanne Gaschke berichtete in der ZEIT vom 7. Mai über ein Bildungsmanifest
„Zukunftsinvestition Jugend" (der Professoren Klaus Hurrelmann, Wilhelm
Heitmeyer, Christian Pfeiffer, Roland Eckert, Jürgen Zinnecker und
anderer), das alarmierende Zahlen nennt: Die Buchlektüre bei Jugendlichen
sei in den fünf Jahren seit 1990 um fünfundzwanzig Prozent zurückgegangen.
„Nur noch neun Minuten am Tag lassen sie heute ihren Blick über Bücher
gleiten; 136 Minuten lang bleibt er auf den Fernsehschirm geheftet." Die
amerikanische Kinderbuchautorin Joan Aiken wird mit dem Diktum zitiert,
wer seinem Kind nicht mindestens eine Stunde am Tag vorlese, verdiene es
überhaupt nicht, ein Kind zu haben.
Die Hoffnung auf Besserung bleibt schwach in der ZEIT: „Vielleicht
gibt es ein Zurück zu einer Normalität, die zwischenzeitlich
verlorengegangen zu sein scheint: zu der Gewißheit, die Eltern schuldeten
dem Nachwuchs eine Vorlesestunde am Abend, ein gutes Vorbild. Eine gute
Erziehung, wenigstens das."
Die Poesie lebt - sogar im Weißen Haus
Bei seinem dritten „Jahrtausend-Abend", einem Galadiner am 23. April,
äußerte sich Bill Clinton nach dem Essen auch zur Rolle der
Poesie im 21. Jahrhundert. „Hat sie irgendeinen Wert? Selbstverständlich",
sagte er, „sie hat uns glücklich gemacht, nostalgisch, traurig, aber
auch weiser."
Danach lasen er und Hillary Clinton ihre Lieblingsgedichte vor.
Das Datum, der Geburts- und Todestag Shakespeares, inspirierte den
Präsidenten auch zu einigen diesbezüglichen Anmerkungen. Er habe,
teilte er mit, in der High-School einmal sogar einhundert „Macbeth"-Verse
auswendig gelernt. Und: „Shakespeare hat einen besseren Präsidenten
aus mir gemacht."
Apple und Keats’ „Ode on a Grecian Urn"
Die beiden haben schon zeitlich nichts gemeinsam. John Keats schrieb
seine berühmte Ode Anfang des 19. Jahrhunderts, bevor er 1821 starb,
sechsundzwanzig Jahre alt. Apple dagegen ist jüngste Zeitgeschichte
- und, etwa im gleichen Alter, noch einigermaßen lebendig. Zusammengebracht
hat sie ein Computerwissenschaftler aus Yale, David Gelernter. Sein neuestes
Buch „Machine Beauty" ist voll waghalsiger Gedankengänge.
Das
Thema ist die Schönheit der Technik. Während wir uns über
das Äußere von Schönheit gern - und auf allen Niveaus -
streiten, erkennt er als ihr immerwährendes Kernprinzip „eine glückliche
Ehe von Einfachheit und Macht", jenseits aller modischen Erscheinungsformen.
Also etwa das, was Keats in seiner Ode unsterblich so formulierte: „Beauty
is truth, truth beauty - that is all / Ye know on earth, and all ye need
to know."
Mit dieser Erkenntnis ausgerüstet, stellt Gelernter die Frage,
wie es Microsoft gelingen konnte, Apples Macintosh aus den Konkurrenten-Feld
zu schlagen. Freilich, da haben auch Marketing und solche Dinge eine Rolle
gespielt. Aber ursächlich, meint er, war etwas ganz anderes, Psychologisches.
Nämlich dies: Eleganz und gefälliges Aussehen sind im allgemeinen
Bewußtsein keine Eigenschaften von Technik; Technik hat vielmehr
effizient und stark und durchschlagend zu sein. Kurz: Technik ist männlich,
Schönheit weiblich. Microsofts Betriebssystem DOS war von Anfang eine
Sache für Männer: völlig undurchschaubare, komplizierte
Tipp-Befehle, erst einmal schwer zu fassen, dann aber irgendwie hochgradig
wirkungsvoll. Der Apple dagegen kam von Geburt an mit einer graphischen
Benutzeroberfläche daher, mit Icons und Mausklicks, sofort und mühelos
bedienbar - also nichts für DOS-gestählte richtige Männer.
Sie akzeptierten den imitierten Graphik-Bildschirm, nun Windows genannt,
und seinen leichtfüßig huschenden Mauspfeil erst dann, als die
Spielereien in die männlich-herbe DOS-Umgebung aufgenommen wurden.
Eine Art Initiationsritus.
Das Argument hat, nun ja, eine gewisse Eleganz.
Staat unterliegt gegen Autor
Schon 1993 hat Nabuyoshi Takashima den japanischen Staat verklagt, jetzt,
fünf Jahre später, hat er wenigstens teilweise recht bekommen.
In Japan muß das Erziehungsministerium jedes Schulbuch genehmigen,
und in den meisten Fällen zwingt es den Autor, politisch anstößige
Stellen umzuschreiben. Die Praxis ist schon seit Jahren umstritten. Sie
wurde aber auch im Fall des Geschichtsbuchs von Takashima angewandt, hier
aber wehrte sich der Autor. Er verklagte den Staat auf Schadensersatz,
auf die lächerliche Summe von nicht einmal vierzehntausend Mark. „Werbebroschüren
für die Regierung" nannte er die staatlich gereinigten Schulbücher.
Und das Gericht gab ihm immerhin in einem Punkt recht. Das Ministerium
darf ihm nicht die Stelle herausstreichen, an der von den Protesten gegen
die Entsendung japanischer Minenräumboote in den Persischen Golf 1991
die Rede ist. Takashima bekam eine Entschädigung von zweitausendsiebenhundert
Mark zugesprochen.
Andere Streichungen mußte er hinnehmen. So werden die Schulkinder
in dem Buch zum Beispiel nicht lernen, daß der Autor die japanische
Berichterstattung anläßlich des Todes von Kaiser Hirohito 1988
als „übertrieben" feierlich bewertet.
Ähnliche Urteile gegen die Regierung gab es schon einige Male,
speziell im Zusammenhang mit den von Japan begangenen Grausamkeiten im
Zweiten Weltkrieg. Aber die zensierende Praxis wird im allgemeinen hingenommen.
Auch das Urteil im Fall Takashima ist erkennbar konsensfähig gesprochen:
Beide Parteien überlegen sich noch, ob sie Berufung einlegen werden.
Dracula im Briefkasten
Und er ist nicht allein; Frankenstein ist auch dabei und der Wolfsmensch
und das Phantom der Oper ebenso. Wie kommen sie da hinein?
Ganz einfach: per Brief. Die Post der USA möchte nämlich
gern die subkulturellen Kino-Monster auf Briefmarken verewigen. Nach eigenen
Angaben auch deshalb, um schon Kinder zum Briefmarkensammeln zu bringen,
einem für die Post äußerst lukrativen Hobby. Aus dem Verkauf
einer schon aufgelegten Bugs-Bunny-Serie beispielsweise werden Einnahmen
von achtunddreißig Millionen Dollar erwartet.
Das Monster-Projekt hat eine wortgewaltige Gegnerschaft geweckt. Und
was da ins Feld geführt wird, sind „Werte" im streng klassischen Sinn.
Gary Griffith etwa, der Autor eines Standardwerks über amerikanische
Briefmarken, ist überzeugt, auf Briefmarken gehören nur Dinge,
„die wir verehren". Andere Philatelie-Experten klagen: „Auf einer Briefmarke
zu sein, hat seinen Glanz verloren." Die Kinderbuchautorin Jane Palmer
fragt: „Was kommt als nächstes? Mickymaus auf dem Dollarschein?".
So etwas, sagt sie, verwischt die Linie zwischen „Würde" und „Unterhaltungswert".
Der Kinderpsychologe Stephan Garber möchte andere Helden sehen: „Wir
haben da eine Menge Kandidaten, an die wir noch gar nicht gedacht haben."
Und selbst ein durchschnittlicher Briefeschreiber würde lieber patriotische
und verehrungswürdige Dinge verschicken als die Schreckensbilder:
„George Washington oder das Empire State Building oder die Fahne."
Für die Post spiegelt die geplante Serie nur die „Vielfältigkeit
der Geschichte" wider.
Nur zur genaueren literarischen Erinnerung: Frankenstein ist ursprünglich
nicht das Monster, sondern sein Erfinder in dem Buch „Frankenstein oder
Der Moderne Prometheus" von Mary Wollstonecraft Shelley (1818). Und Dracula
ist die Erfindung von Bram (Abraham) Stoker in seinem gleichnamigen Roman
von 1897.
Nicht jeder Deal geht auf
Als Steve Alten dem Verlag Doubleday seine zwei Romanprojekt vorlegte,
vereinbarte er dafür mehr als zwei Millionen Dollar Vorschuß.
Der erste Roman, „Meg", war eine Geschichte über einen prähistorischen
und sehr, sehr ausgehungerten Hai an den Stränden von Hawaii. Im vergangenen
Sommer wurden von dem Buch hunderttausend Exemplare verkauft. Für
einen sogar arrivierten deutschen Autor eine Traumzahl. Für Doubleday
ein Verlustgeschäft: einhundertfünfzig Exemplare blieben ihnen
im Lager.
Dann kamen das Exposé und hundert Probeseiten für den zweiten
Roman (einen Asteroiden-Einschlag auf der Erde), und Doubleday sagte nein.
Der Autor fühlte sich abrupt im Stich gelassen, aber der Verlag meint,
sie hätten die ganze Zeit eng mit ihm zusammengearbeitet und er habe
einfach kein „akzeptables, befriedigendes Manuskript" vorgelegt. Und mit
dem Mißerfolg des Vorgängers habe das schon gleich gar nichts
zu tun.
Etwa eine halbe Million des vereinbarten Vorschusses ist noch nicht
ausbezahlt. Jetzt werden also wieder ein paar Anwälte tätig werden.
Doubleday aber wird den Minus-Deal mit einem Schulterzucken abtun.
Der Verlag gehört ja einer großen Mutter: Bertelsmann.
Bertelsmann kauft den Papst
Noch ist der Handel nicht perfekt. Die US-amerikanische Kartellbehörde,
die Federal Trade Commission, prüft noch die geplante Übernahme
des Verlags Random House durch Bertelsmann für nicht bestätigte
1,3 Milliarden Dollar. Aber selbstverständlich, sagte Peter Olsen,
der Chef von Bertelsmann Nordamerika, ist man optimistisch, „sonst wären
wir in die Transaktion ja nicht eingestiegen".
Zwei mächtige Gruppen in den USA, der Schriftstellerverband Authors
Guild und der Agentenverband Association of Authors’ Representatives, wollen
die Übernahme nicht kampflos hinnehmen und kündigten für
Anfang Mai eine Beschwerde bei der Kartellbehörde an. Nach der Berechnung
der beiden Gruppen hätte Bertelsmann nach dem Kauf in den USA einen
Marktanteil von sechsundreißig Prozent. „Es ist schlimmer, als wir
dachten", sagte Letty Cottin Pogrebin, die Präsidentin der Authors
Guild, „kein einzelnes Unternehmen sollte einen derartigen Einfluß
auf unsere Kultur nehmen." Bertelsmann nennt die Zahl „absurd überdreht
und uninformiert" und hält einen erstaunlich genauen Anteil von allenfalls
10,9 Prozent dagegen. Eine wieder etwas andere Zählweise, diesmal
vom Book Publishing Report erstellt, einem wöchentlichen Newsletter,
ergibt für Bertelsmann einen Marktsektor von zwanzig bis fünfundzwanzig
Prozent.
„Nach dieser Konsolidierung", meinte Paul Aiken von der Authors Guild,
„ergibt sich ein wachsendes Übergewicht von Bestsellern und Prominenten-Büchern.
Man befürchtet, daß die Vielfalt aus dem Markt hinausgedrängt
wird, eine reale Bedrohung für die nächste Autorengeneration."
Zu den Autoren von Random House zählen so gewinnbringende Preisträger
und Namen wie Michael Crichton, Normal Mailer, John Grisham und Toni Morrison.
Und, richtig, auch Papst Johannes Paul II.
Neu-Deutsch
Worauf niemand gewartet hat, ist endlich da. Anfang Juni geht die erste
Nummer eines neuen Magazins, ach was: „einer neuen Magazin-Generation"
an die Kioske. Schon die Ankündigung von Gruner + Jahr läßt
Ungeheures befürchten. XXLiving heißt das unerwartete Produkt.
In auch für Legastheniker leicht lesbaren Kurzsätzen erfahren
wir beispielsweise: „Tiefgang bleibt. Zeitgeist nicht." Das klingt geradezu
nach Grundsätzen: „Tiefgang bleibt. Zeitgeist nicht." Es kommt dann
aber ganz anders. Gleich hinter der schier catonischen Überschrift
wird uns erläutert, was damit gemeint ist: „Dem Trend auf der Spur,
sucht das neue Magazin, das erstmals Lebensgenuß mit Tiefgang verbindet,
nach Antworten, kreativen Ideen und neuen Anregungen für die Gestaltung
des genußvollen Lebens." Allein durch die Wortwahl enthüllt
sich das neue Magazin als abgrundtief neu-deutsch. Wer demnach bei der
Gestaltung eines genußvollen Lebens so seine Probleme hatte, der
kann sich mit zusammen mit XXLiving auf die Suche nach Antworten machen.
Vielleicht werden sie ja miteinander sogar fündig.
Das mit dem Tiefgang macht ohnehin eher den Eindruck, als sollten damit
nur die Reste eines schlechtes Gewissens beruhigt werden, das hier und
da noch einer mit dem puren Lebensgenuß haben möchte. „Lebensgenuß
mit Tiefgang" - so etwas zergeht einem auf der Zunge.
Offenbar waren die Deutschen bis vor kurzem ein Volk transusiger Kopfhänger.
Dann aber muß sich Frohsinn verbreitet haben, und angeblich kam der
Lebensgenuß wieder zu seinem Recht. Und nicht nur das. Er wird zum
Dreh- und Angelpunkt. XXLiving sagt uns das autoritativ so: „Stärker
als je zuvor wird auch in Deutschland Lebensgenuß wieder als Sinn
des Lebens empfunden." Hier ist jedes Wort eine helle Freude: schon die
einleitende Rekordmarke schenkt Zuversicht; das folgende „auch" erlöst
uns aus der Vereinsamung, endlich sind nun „auch" wir in den Club der bisher
schon Genießenden aufgenommen; und „wieder" gibt uns das schöne
Gefühl, hier etwas Neues, aber nicht erschreckend Neues zu kriegen.
Und daß zuguterletzt noch die alte philosophische Frage nach dem
Sinn des Lebens mühelos mitbeantwortet wird, leichtfüßig
im Vorübergehen, nimmt uns nun wirklich die letzte Herzenslast. Der
Sinn des Lebens ist ganz einfach der Lebensgenuß. Aber mit Tiefgang,
schon klar. Es sieht ganz so aus, als hätten wir uns die letzten viertausend
Jahre völlig umsonst abgeplagt mit der Frage.
In diesem Schrumpf-Stil geht die frohe Botschaft unaufhaltbar weiter:
XXLiving ist „Sehr modern. Sehr anders", „Frisch, modern und übersichtlich".
Bis dann die freudige Erregung die letzten Syntaxreste beiseitefegt und
nur noch zur ergriffenen Stammelsprache fähig ist: „Genuß. Sex.
Geld. Style. Leben."
Von den einhundertsechsundsiebzig Seiten der ersten Nummer sind achtundsechzig
Seiten Anzeigen.
Die Zeitschrift, auch das noch, „erregt neue Aufmerksamkeit", und zwar
„visuell mit einer starken Bildsprache." Ja sogar „mit Texten, die etwas
sagen". Aber hoffentlich und bitte immer nur das eine: „Lebensgenuß
mit Tiefgang".
Eine Biographie ohne Leser (vorerst)
Ravi Shankar, der seit dem 7. April achtundsiegzigjährige indische
Musiker, hat in großer Offenheit sein Leben beschrieben. Das Buch
mit dem Titel „Raga Mala" („Liederkranz") ist bei Genesis in London herausgekommen,
überreich ausgestattet mit Ledereinband und vielen Fotos und kostet
etwa neunhundert Mark. Ein durchschnittlicher Büroangestellter in
Indien müßte für das Buch zwei volle Monatslöhne hinlegen.
Aber große Chancen, es überhaupt zu Gesicht zu bekommen, hat
er ohnehin nicht. Die Auflage beträgt nur zweitausend Exemplare, und
mehr als die Hälfte davon ist schon vorab verkauft.
„Es gibt viele", sagt der Autor, „die sich das Buch leisten können
und die nicht die Zeit haben, es zu lesen."
Der Verlag überlegt jedoch bereits eine womögliche „Billigausgabe"
für den Massenmarkt.
Rekordpreis für Stundenbuch
Bis vor wenigen Wochen lag der höchste Preis für ein mittelalterliches
Stundenbuch bei etwas über vier Millionen Mark. So viel erbrachte
1988 in London das Stundenbuch Herzog Albrechts von Brandenburg aus der
Sammlung von William Waldorf Astor.
Am 21. April jedoch hat das Londoner Antiquariat Maggs Brothers dem
Londoner Autionshaus Sotheby’s für das „Stundenbuch von Lo" den Rekordpreis
von umgerechnet 6.538.500 Mark gezahlt. Das üppig illustrierte Werk
aus dem Jahr 1470 hat ein ungewöhnliches großes Format: Es ist
dreißig Zentimeter hoch und über zwanzig Zentimeter breit. Im
Katalog stand es mit einem Schätzpreis von nur einer Million Dollar.
Es stammte aus der Sammlung des französischen Antiquars Pierre Bérès. |
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Die Lieblingsbücher
der US-Berühmtheiten
Der frühere Leiter der Stadtbibliothek von Gardiner
(Maine) stellt seit 1988 jährlich eine Zelebritäten-Lektüre-Liste
zusammen. Auszüge aus der letzten:
- Ein Baseball- und Football-Star glänzt mit Hemingways
„Der alte Mann und das Meer".
- Ein Richter des Obersten Gerichtshofs liest am liebsten
„Hamlet".
- Die Einschnellläuferin Bonnie Clair empfiehlt
dagegen ihr eigenes Buch.
- Jedes Jahr kommt unter den Lieblingsbüchern auch
die Bibel vor. Diesmal bei den Schauspielerinnen Debbie Reynolds und Dyan
Cannon.
- Mel Gibsons Lieblingsbuch ist „Fahrenheit 451" von
Ray Bradbury.
- Der gefeierte Soap-Schauspieler Fred Rogers nimmt mit
Vorliebe den „Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupéry zur
Hand.
- Und sogar ein deutscher Autor ist unter dan Favoriten:
Rainer Maria Rilkes „Briefe an einen jungen Dichter" (der Schauspieler
Kevin Spacey).
Autoren-Ehrung durch Briefmarke
Joseph Heller, der Autor des Antikriegsromans „Catch 22",
kommt womöglich zu Briefmarkenehren. Pünktlich zu seinem fünfundsiebzigsten
Geburtstag startete die US-Postbehörde eine Umfrage, welche Motive
eine Briefmarken-Serie zieren sollen, die an die sechziger Jahre erinnern
wird. Hellers Konkurrenten sind unter anderem die Beatles, Woodstock, die
Kennedy-Brüder, die Mondlandung und der Vietnamkrieg.
„Nigger" bleibt drin
Der Verlag des amerikanischen Wörterbuchs Merriam-Webster
hat eine mutige Entscheidung getroffen: Dem lauthals vorgetragenen Verlangen
(Die Gazette Nr. 2, April 1998), ethnisch „anstößige" Wörter
aus dem Wörterbuch zu entfernen, wird nicht nachgegeben. „Ein Wörterbuch
ist ein wissenschaftliches Nachschlagewerk", sagte der Marketing-Direktor
von Merriam-Webster, „und kein politisches Instrument. Solange das Wort
gebraucht wird, ist es unsere Verantwortung als Wörterbuchverleger,
das Wort im Wörterbuch aufzuführen."
Das einzige Zugeständnis: Etwa zweihundert der einhundertsechzigtausend
Wörter werden durch einen vor dem Eintrag plazierten Vermerk (in Kursivschrift)
besonders gekennzeichnet. Die Wort-Definitionen selbst werden jedoch nicht
nach angeblicher „politischer Korrektheit" umgeschrieben.
Norman Mailer und die Frauen
Schon
nach einer kursorischen Lektüre seines Buches „The Prisoner of Sex"
weiß man: Normal Mailer (im Bild: der Autor als junger Mann) hat
mit der Frauenbewegung nichts im Sinn.
„Da steigt man ins Flugzeug von Boston nach New York",
erzählte der Autor soeben einer großen amerikanischen Zeitschrift,
„und was muß man sehen? Eine Gruppe von Frauen in Maßanzügen,
unterm Arm ihren Laptop: die weibliche Ausgabe eines Mannes."
Oder, noch genauer hingesehen: Früher hätten
Männer, die so zur Büroarbeit eilten, „sich immer ein wenig geniert;
sie spürten, daß das kein Leben war, nur ein leeres Leben, und
daß es etwas in ihnen zerstörte, das sie nicht genau benennen
konnten. Und die Frauen stürzen sich darauf. Sie sind heute die Sträflingsarbeiter
der Großunternehmen."
Das legt die Vermutung nahe, der Autor habe seine schneidende
Beobachtungsgabe und die scharfe Zunge nicht verloren. Aber dann macht
sich scheinbar doch das Alter bemerkbar. Auf die Frage, wie er sich angesichts
der aufkommenden Frauenbewegung fühlte, hat der Fünfundsiebzigjährige
nur noch die hoch resignative Antwort: „Wie die Briten nach dem Verlust
von Indien."
Vor genau fünfzig Jahren wurde sein erster Roman
veröffentlicht, „Die Nackten und die Toten".
Frühere First Lady schreibt
Rosalynn Carter, die Frau des Ex-Präsidenten der
USA, hat ihren Kampf für die geistig Behinderten auch nach der Amtszeit
ihres Mannes nicht aufgegeben. Sie schreibt derzeit an einem neuesten Buch
mit dem Titel „Helping Someone With Mental Illnes". Es wird ein „mitfühlender"
Ratgeber für Familien, Freunde und Pflegepersonen geistig Behinderter.
„Dieses Buch", sagte die Autorin am 23. April, „wollte
ich schon lange schreiben, da mittlerweile große medizinische Fortschritte
erzielt wurden; Behinderungen dieser Art können jetzt identifiziert
und behandelt werden, und die davon Betroffenen können ein produktives
Leben führen."
Utopie I
CNN fragt seine Leser, welche von fünf schwarze Utopien
die Gegenwart am genauesten vorhergesagt hat. Der Gewinner ist - wie fast
zu erwarten - „1984" von George Orwell (geschrieben 1949) mit siebenundreißig
Prozent, dicht gefolgt von Huxleys „Schöne neue Welt" (1932) mit einunddreißig
Prozent und „Fahrenheit 451 von Ray Bradbury (1953, der Roman, in dem alle
Bücher verbrannt werden). Weit abgeschlagen landeten „Die Zeitmaschine"
(1895) und „Der Krieg der Welten" (1898), beide von H. G. Wells.
Utopie II
Aldous Huxleys Witwe ist heute achtundsechzig Jahre alt.
Sie wohnt am Stadtrand von Los Angeles, und wenn sie in die umgebenden
Hügel schaut, hat sie das Wahrzeichen der Stadt, dieses Riesending
aus neun Buchstaben, fast vor der Nase.
Mrs. Huxley bedauert, daß ein anderer Roman
ihres Mannes nicht häufiger gelesen wird: „Die Insel". Sie nennt das
Buch „die andere Seite der ‘Schönen neuen Welt’".
Vor kurzem hat NBC den Fernsehfilm wieder ausgestrahlt,
der 1980 nach „Schöne neue Welt gedreht wurde. Finanziell hatte Huxley
nicht viel davon. Er hatte die Filmrechte vor dem Erscheinen des Buches
verkauft: für zweitausend Dollar. Das Geld steckte der Agent ein und
fuhr damit in Urlaub.
Wieviele Pulitzerpreise?
Es gibt nicht nur einen, sondern zweiundzwanzig verschiedene
Pulitzerpreise. Meist erfahren wir immer nur vom bekanntesten, dem für
Belletristik, den in diesem Jahr Philip Roth für „American Pastoral"
erhalten hat. Vielleicht wissen wir auch noch vom Preis für die beste
Biographie: Er ging heuer an Katherine Graham und ihre „Personal History".
Mrs. Graham leitet mit achtzig Jahren noch heute die Washington Post. Auch
ganze Zeitungsredaktionen bekamen dieses Jahr einen Pulitzerpreis, so die
Los Angeles Times für Aktuelle Nachrichten und die New York Times
für Internationale Berichterstattung.
Darüber hinaus werden durch den Preis ausgezeichnet:
Dienste für die Allgemeinheit, Recherche, Erläuternde Artikel,
Gerichtsreportagen, Nationale Berichterstattung, Features, Kommentar, Kritik,
Editorial, Karikatur, Photographie, Drama, Lyrik, Non-Fiction und noch
ein paar andere.
Einen Sonderpreis bekam in diesem Jahr George Gershwin
(dessen Bruder Ira schon 1932 einen Pulitzerpreis erhalten hatte).
Sinclair Lewis lehnte vor 72 Jahren den Pulitzerpreis
ab. Begründung: Er mache einen Schriftsteller „höflich, gehorsam
und unfruchtbar". Den Nobelpreis allerdings, vier Jahre später, nahm
er an.
Grenzen der Meinungsfreiheit
Der Oberste Gerichtshof der USA hat soeben eine Klage
gegen den Verlag Paladin Press ohne langen Kommentar zugelassen und den
Einspruch des Verlags zurückgewiesen, der sich auf das Verfassungsrecht
der Meinungsfreiheit berufen hatte.
Paladin vertreibt ein Buch mit dem Titel „Hit Man. A
Technical Manual for Independent Contractors". Es gibt detaillierte Anweisungen,
wie ein Freiberufler einen Auftragsmord auszuführen hat, ohne Spuren
und Beweise, welche Waffe man am besten nimmt und wie man die Leiche verschwinden
läßt.
Für Lawrence Horn, einen unzufriedenen Ehemann,
erschien das Buch gerade rechtzeitig. Er heuerte James E. Perry an, und
der brachte Mrs. Horn um, dazu ihren achtjährigen Sohn und das Kindermädchen
gleich mit. Genau nach der Gebrauchsanweisung aus dem Verlag Paladin.
Bisher waren Gerichte in ähnlichen Fällen eher
zurückhaltend. De |