Marginalie
Sport ist schädlicher als rauchen
Im Jahre der Fußballweltmeisterschaften, das der berühmte
Germanen-Pele dazu benutzt, Angst im deutschen Sportvolk zu säen,
indem er ihnen mit weit aufgerissenen Augen erzählt, wir könnten
den Anschluß an die Weltspitze verlieren, wenn wir nicht in zehn
deutschen Städten ein FC-Bayern-Stadion, das in jedem Falle immer
Franz-Beckenbauer-Stadion zu heißen hat, errichten, muß man
einfach einmal die Luft anhalten und dann dem Rundlederkaiser Franz den
Vogel zeigen, von dem er immer noch nicht glaubt, daß er ihn hat.
Er möchte uns weismachen, die Welt hielte den Atem an, wenn der Fußball
ins Trudeln kommt. Weit gefehlt, er befindet sich schon seit längerer
Zeit im Abseits. Es ist schlicht langweilig, was uns diese Ballbubis vorschwindeln.
Nur Leute, die an den Fan-Unterhosen oder an den Spezialabfüllungen
von echtem Vorstopper-Achselschweiß verdienen, können ein Interesse
daran haben, um diesen dahindümpelnden Fußballsport noch ein
600 Millionen teures Stadion herumzubauen.
Der ganze Sport sollte für eine Weile ruhiggestellt werden, wie
es in den Nervenkliniken heißt. Die ganze Urinprobenliteratur, diese
zum Himmel gähnende Sportverbandspräsidentenpräsenz, der
schwelende Schwachsinn der Gesundheitssportpropheten hängt mir zum
Hals heraus.
Sport ist die ungesündeste Art aller Überlebensversuche.
Sport hetzt uns aufeinander. Sport ist die legalisierte Beihilfe zum Mord.
Wer dem Schwächeren einredet, er könnte, unter Aufgabe aller
Regeln, stärker sein, müßte die Krankenhauskosten für
den Stärkeren übernehmen.
Fußballspieler sind inzwischen grätschende Körperverletzer,
die unterhalb des Spiels sofort zum Kampf finden, Gegnern die Fortpflanzungsorgane
zerquetschen, die Ellenbogen in die Kinnladen schmettern oder mit angewinkelten
Beinen und Anlauf dem Feind in den Rücken donnern. Wer Fußball
um Geld spielt, sollte einen Pflichtpsychiater bezahlen müssen.
Als ein Vorzugsschüler von Berti Vogts im Ehrenkleid der deutschen
Nationalkillertruppe einem widerlichen Gegner, der ihm den Ball wegnehmen
wollte, fast die gesamte Vorderfront zersammert hatte, zuckten wir alle
ein bißchen zusammen. Der Täter aber setzte sein dümmstes
Gesicht auf und speichelte den Reporter an: „Wenn ich das nicht darf, dann
brauche ich gar nicht erst aufzulaufen."
Vorbei die Zeiten, als das berüchtigte Lama noch in der Bundeliga
sein Unwesen trieb. Timo K., für damalige Zeiten auch nicht sehr regelgerecht,
hatte die Gewohnheit, dem Verteidiger, der von ihm nicht umspielt werden
wollte, gezielt in das linke Auge zu spucken und rechts vorbeizugehen.
Es war ein Künstler.
Vorbei die Zeiten, in denen Ente Lippens seinem Gegner während
des Dribblings die Telephonnummern von liebesbereiten Mädchen zuflüsterte.
Es war ein Komiker.
Vorbei die Zeiten, als Torwart „Radi" dem Nationalrechtsaußen
Berti Kraus (Kickers Offenbach) nach einem leicht weggefangenen Torschuß
den Ball noch einmal hinrollte und dazu sagte: „Versuchs nochmal!" und
Kraus, rasend vor Wut, ihm den Ball noch einmal in die Arme drosch. Radi
war alles zusammen: Sportler, Komiker, Sänger, Mensch.
Heute sind Fußballer nichts anderes mehr als Fußballer.
Sie sind reicher als früher. Sie wirken, wenn sie öffentlich
vernommen werden, dümmer als ihre Vorgänger. Es kann täuschen.
Vermutlich plappern sie nur nach, was ihre „Betreuer", die sehr teuer sind,
vorplappern. Der ganze Circus ist absolut ungenießbar.
Man putzt ihnen die Schuhe, die Zähne, den Hintern, singt sie
mit ihren Bankkonten in den Schlaf, und man erlaubt ihnen obendrein noch
in Interviews mit Journalisten, die wenigstens versucht haben, ihren Beruf
zu erlernen, dummdreiste Antworten zu geben. Schafft diese Gladiatoren
ab!
Sie sind gut trainiert. Jaja. Sie laufen lange, sie laufen schnell.
Sie laufen an ihren Gegnern vorbei. Alles ohne Ball.
Es sieht aus wie ein Homerun. Langweilig.
Andere sportarten sind noch langweiliger. Alles was über mehr
als 800 Meter gelaufen wird, gewinnen geklonte Gazellenmenschen aus Kenia.
Olympische Spiele reißen keinen mehr aus dem Sessel hinter dem Ofen.
Triathlon ist noch bescheuerter als Marathonlauf. Wie kams denn eigentlich
dazu?
Der idiotische Marathonlauf, der sich auf einen wichtigtuerischen Griechen
bezieht, dem man überhaupt nicht aufgetragen hatte, nach Athen zu
laufen, um die Siegesbotschaft mitzuteilen, man hätte dort die Perser
puttemacht, und der dann - bei dieser Hitze erklärlich - tot zusammenbrach
und dann noch ein paar tausend Jahre lang für diese Dummheit geehrt
wurde, war der Versuch, alle vier Jahre wieder einen toten Läufer
zu bekommen, der, das macht die Sache noch kindischer, gar keinen Sieg
mehr mitzuteilen hatte.
Nachdem es schon lange keinen toten Marathonsieger mehr gegeben hat,
erfand man den Triathlon. Erfolg Null. Diese Trottel überstehen alles.
Kein Wunder, daß Boxer inzwischen dazu übergegangen sind, den
Gegnern die Extremitäten abzubeißen, damit wieder was los ist
in der Arena.
Schaut in den Spiegel, Leute, wenn ihr zwei Stunden über die Straßen
gejoggt seid. Es schaut n i c h t s dabei heraus. Sport
ist die Lösung keines Problems.
Sport ist selber eins.
Daß in einem gesunden Körper eine gesunde Seele sein könnte,
warum nicht? Aber Sport macht den Körper nicht gesund.
Es muß uns vor vielen Jahren ein hochbezahlter Philosoph ungeheuer
falsch Bescheid gesagt haben.
Mens ist nicht sana und sano ist nicht in corpore, wenn ich meinem
Alter die Hacken zeigen will.
Sitzenbleiben, Freunde, wenn die gehmuskeln sauer sind. Wenn dein Fahrrad
auf den Großglockner will und du bist schon ein bißchen älter,
laß es fahren.
Sport ist lebensgefährlich.
Dieter Hildebrandt