Die Gazette Nr. 3, Mai 1998:

Marginalie

Sport ist schädlicher als rauchen

Im Jahre der Fußballweltmeisterschaften, das der berühmte Germanen-Pele dazu benutzt, Angst im deutschen Sportvolk zu säen, indem er ihnen mit weit aufgerissenen Augen erzählt, wir könnten den Anschluß an die Weltspitze verlieren, wenn wir nicht in zehn deutschen Städten ein FC-Bayern-Stadion, das in jedem Falle immer Franz-Beckenbauer-Stadion zu heißen hat, errichten, muß man einfach einmal die Luft anhalten und dann dem Rundlederkaiser Franz den Vogel zeigen, von dem er immer noch nicht glaubt, daß er ihn hat. Er möchte uns weismachen, die Welt hielte den Atem an, wenn der Fußball ins Trudeln kommt. Weit gefehlt, er befindet sich schon seit längerer Zeit im Abseits. Es ist schlicht langweilig, was uns diese Ballbubis vorschwindeln. Nur Leute, die an den Fan-Unterhosen oder an den Spezialabfüllungen von echtem Vorstopper-Achselschweiß verdienen, können ein Interesse daran haben, um diesen dahindümpelnden Fußballsport noch ein 600 Millionen teures  Stadion herumzubauen.
Der ganze Sport sollte für eine Weile ruhiggestellt werden, wie es in den Nervenkliniken heißt. Die ganze Urinprobenliteratur, diese zum Himmel gähnende Sportverbandspräsidentenpräsenz, der schwelende Schwachsinn der Gesundheitssportpropheten hängt mir zum Hals heraus.
Sport ist die ungesündeste Art aller Überlebensversuche. Sport hetzt uns aufeinander. Sport ist die legalisierte Beihilfe zum Mord. Wer dem Schwächeren einredet, er könnte, unter Aufgabe aller Regeln, stärker sein, müßte die Krankenhauskosten für den Stärkeren übernehmen.
Fußballspieler sind inzwischen grätschende Körperverletzer, die unterhalb des Spiels sofort zum Kampf finden, Gegnern die Fortpflanzungsorgane zerquetschen, die Ellenbogen in die Kinnladen schmettern oder mit angewinkelten Beinen und Anlauf dem Feind in den Rücken donnern. Wer Fußball um Geld spielt, sollte einen Pflichtpsychiater bezahlen müssen.
Als ein Vorzugsschüler von Berti Vogts im Ehrenkleid der deutschen Nationalkillertruppe einem widerlichen Gegner, der ihm den Ball wegnehmen wollte, fast die gesamte Vorderfront zersammert hatte, zuckten wir alle ein bißchen zusammen. Der Täter aber setzte sein dümmstes Gesicht auf und speichelte den Reporter an: „Wenn ich das nicht darf, dann brauche ich gar nicht erst aufzulaufen."
Vorbei die Zeiten, als das berüchtigte Lama noch in der Bundeliga sein Unwesen trieb. Timo K., für damalige Zeiten auch nicht sehr regelgerecht, hatte die Gewohnheit, dem Verteidiger, der von ihm nicht umspielt werden wollte, gezielt in das linke Auge zu spucken und rechts vorbeizugehen. Es war ein Künstler.
Vorbei die Zeiten, in denen Ente Lippens seinem Gegner während des Dribblings die Telephonnummern von liebesbereiten Mädchen zuflüsterte. Es war ein Komiker.
Vorbei die Zeiten, als Torwart „Radi" dem Nationalrechtsaußen Berti Kraus (Kickers Offenbach) nach einem leicht weggefangenen Torschuß den Ball noch einmal hinrollte und dazu sagte: „Versuchs nochmal!" und Kraus, rasend vor Wut, ihm den Ball noch einmal in die Arme drosch. Radi war alles zusammen: Sportler, Komiker, Sänger, Mensch.
Heute sind Fußballer nichts anderes mehr als Fußballer. Sie sind reicher als früher. Sie wirken, wenn sie öffentlich vernommen werden, dümmer als ihre Vorgänger. Es kann täuschen. Vermutlich plappern sie nur nach, was ihre „Betreuer", die sehr teuer sind, vorplappern. Der ganze Circus ist absolut ungenießbar.
Man putzt ihnen die Schuhe, die Zähne, den Hintern, singt sie mit ihren Bankkonten in den Schlaf, und man erlaubt ihnen obendrein noch in Interviews mit Journalisten, die wenigstens versucht haben, ihren Beruf zu erlernen, dummdreiste Antworten zu geben. Schafft diese Gladiatoren ab!
Sie sind gut trainiert. Jaja. Sie laufen lange, sie laufen schnell. Sie laufen an ihren Gegnern vorbei. Alles ohne Ball.
Es sieht aus wie ein Homerun. Langweilig.
Andere sportarten sind noch langweiliger. Alles was über mehr als 800 Meter gelaufen wird, gewinnen geklonte Gazellenmenschen aus Kenia. Olympische Spiele reißen keinen mehr aus dem Sessel hinter dem Ofen. Triathlon ist noch bescheuerter als Marathonlauf. Wie kams denn eigentlich dazu?
Der idiotische Marathonlauf, der sich auf einen wichtigtuerischen Griechen bezieht, dem man überhaupt nicht aufgetragen hatte, nach Athen zu laufen, um die Siegesbotschaft mitzuteilen, man hätte dort die Perser puttemacht, und der dann - bei dieser Hitze erklärlich - tot zusammenbrach und dann noch ein paar tausend Jahre lang für diese Dummheit geehrt wurde, war der Versuch, alle vier Jahre wieder einen toten Läufer zu bekommen, der, das macht die Sache noch kindischer, gar keinen Sieg mehr mitzuteilen hatte.
Nachdem es schon lange keinen toten Marathonsieger mehr gegeben hat, erfand man den Triathlon. Erfolg Null. Diese Trottel überstehen alles. Kein Wunder, daß Boxer inzwischen dazu übergegangen sind, den Gegnern die Extremitäten abzubeißen, damit wieder was los ist in der Arena.
Schaut in den Spiegel, Leute, wenn ihr zwei Stunden über die Straßen gejoggt seid. Es schaut  n  i c h t s  dabei heraus. Sport ist die Lösung keines Problems.
Sport ist selber eins.
Daß in einem gesunden Körper eine gesunde Seele sein könnte, warum nicht? Aber Sport macht den Körper nicht gesund.
Es muß uns vor vielen Jahren ein hochbezahlter Philosoph ungeheuer falsch Bescheid gesagt haben.
Mens ist nicht sana und sano ist nicht in corpore, wenn ich meinem Alter die Hacken zeigen will.
Sitzenbleiben, Freunde, wenn die gehmuskeln sauer sind. Wenn dein Fahrrad auf den Großglockner will und du bist schon ein bißchen älter, laß es fahren.
Sport ist lebensgefährlich.

Dieter Hildebrandt