Die Gazette Nr. 3, Mai 1998:

 Lyrik
 
Mariela Sartorius 

Gerade jetzt (I)

Gerade jetzt
bricht ein Fingernagel ab
blättert jemand um
verlangt einer die Rechnung
wischt ein Kind die Tafel nicht gründlich
genug ab
müht sich eine Linkshänderin mit einem
Schöpflöffel
Bleibt ein Stück Folie vom Aufreißen eines
Buches an den Händen kleben
spritzt Eiter aus einem aufgedrückten Pickel
an den Spiegel
reißt ein Faden
beschließt jemand, dem allen ein Ende zu setzen.

Gerade jetzt (II)

behält jemand das vorletzte Wort
wird ein Messer nicht gezückt
erstirbt kein Lachen
kommt einer geschoren davon
unterbleibt eine Frage
geht ein Familienvater
nur zum Zigarettenholen
und kehrt gleich darauf wieder
wirft niemand den ersten Stein
bleiben aller Augen trocken
vergißt ein Mann die Peitsche
kam einer, sah und verlor
beschließt jemand
dem allen kein Ende zu setzen

Kommentar der Autorin:

Lieber Freund! 

Eine der wenig verschämtesten Bitten, die mir seit langem gestellt wurden, war die Ihre, ein eigenes Gedicht zu erläutern oder gar zu deuten. 
Sind Sie des Teufels? 
Nie und nimmer werde ich mich entblößen. "Eine gute Regel für Schriftsteller: erkläre nicht zu viel", rät schon Somerset Maugham. Und warum? Wahrscheinlich hat er Theodor Fontanes Aussage über Dichter verinnerlicht: „Das ganze Metier hat einen Knacks weg." 
Wieso sollte ich also zum Beispiel zugeben, daß das Dichten im Gegensatz zum Verfassen weitschweifigerer Texte für mich eine extrem monologische Angelegenheit ist, solipsistisch bis zur Unkeuschheit? 
Mit dem selbstsüchtigen Unterfangen will ich weder belehren noch zerstreuen. Umso wollüstiger die Befriedigung des eigenen Bedürfnisses zu dichten. Dieses Bedürfnis tritt jedoch nicht unvermutet auf, so wie auch die Lust auf ein Glas Bier oder auf das Kratzen eines Mückenstichs nichts weiter als folgerichtig ist. 
Was also geht dem Verfassen eines Gedichts voraus? Ein Durst? Ein Stich? Wohl beides. Es ist der glasklare Moment im Schnittpunkt zwischen dem Verlangen nach Unterwerfung unter Form und Maß und einem explodierenden Freiheitsdrang nach Kühle und Helle. Das sind lichte Augenblicke, in denen sich Strenge und Luxus gegenseitig vorwärtstreiben. 
Nietzsche meint: „Schreibe mit Blut; und du wirst erfahren, daß Blut Geist ist." Hoch gegriffen. Mir genügt schon, an diesem Schnittpunkt zwischen Sinnlichkeit und ordnendem Verstand aufzustehen, den gastlichen Tisch, das warme Bett, das aussichtsreiche Gespräch zu verlassen und mit dem Dichten zu beginnen. Ich befolge dann auch die Aufforderung dieses Dinges zwischen Blut und Geist: der Seele. Manchmal muß man einfach ein Liedchen pfeifen. 
Mehr kriegen Sie nicht.