| Mariela Sartorius
Gerade jetzt (I)
Gerade jetzt
bricht ein Fingernagel ab
blättert jemand um
verlangt einer die Rechnung
wischt ein Kind die Tafel nicht gründlich
genug ab
müht sich eine Linkshänderin mit einem
Schöpflöffel
Bleibt ein Stück Folie vom Aufreißen eines
Buches an den Händen kleben
spritzt Eiter aus einem aufgedrückten Pickel
an den Spiegel
reißt ein Faden
beschließt jemand, dem allen ein Ende zu setzen.
Gerade jetzt (II)
behält jemand das vorletzte Wort
wird ein Messer nicht gezückt
erstirbt kein Lachen
kommt einer geschoren davon
unterbleibt eine Frage
geht ein Familienvater
nur zum Zigarettenholen
und kehrt gleich darauf wieder
wirft niemand den ersten Stein
bleiben aller Augen trocken
vergißt ein Mann die Peitsche
kam einer, sah und verlor
beschließt jemand
dem allen kein Ende zu setzen |
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Kommentar der Autorin:
Lieber Freund!
Eine der wenig verschämtesten Bitten, die mir seit langem gestellt
wurden, war die Ihre, ein eigenes Gedicht zu erläutern oder gar zu
deuten.
Sind Sie des Teufels?
Nie und nimmer werde ich mich entblößen. "Eine gute Regel
für Schriftsteller: erkläre nicht zu viel", rät schon Somerset
Maugham. Und warum? Wahrscheinlich hat er Theodor Fontanes Aussage über
Dichter verinnerlicht: „Das ganze Metier hat einen Knacks weg."
Wieso sollte ich also zum Beispiel zugeben, daß das Dichten im
Gegensatz zum Verfassen weitschweifigerer Texte für mich eine extrem
monologische Angelegenheit ist, solipsistisch bis zur Unkeuschheit?
Mit dem selbstsüchtigen Unterfangen will ich weder belehren noch
zerstreuen. Umso wollüstiger die Befriedigung des eigenen Bedürfnisses
zu dichten. Dieses Bedürfnis tritt jedoch nicht unvermutet auf, so
wie auch die Lust auf ein Glas Bier oder auf das Kratzen eines Mückenstichs
nichts weiter als folgerichtig ist.
Was also geht dem Verfassen eines Gedichts voraus? Ein Durst? Ein Stich?
Wohl beides. Es ist der glasklare Moment im Schnittpunkt zwischen dem Verlangen
nach Unterwerfung unter Form und Maß und einem explodierenden Freiheitsdrang
nach Kühle und Helle. Das sind lichte Augenblicke, in denen sich Strenge
und Luxus gegenseitig vorwärtstreiben.
Nietzsche meint: „Schreibe mit Blut; und du wirst erfahren, daß
Blut Geist ist." Hoch gegriffen. Mir genügt schon, an diesem Schnittpunkt
zwischen Sinnlichkeit und ordnendem Verstand aufzustehen, den gastlichen
Tisch, das warme Bett, das aussichtsreiche Gespräch zu verlassen und
mit dem Dichten zu beginnen. Ich befolge dann auch die Aufforderung dieses
Dinges zwischen Blut und Geist: der Seele. Manchmal muß man einfach
ein Liedchen pfeifen.
Mehr kriegen Sie nicht. |