Die Gazette Nr. 3, Mai 1998:

Liegen lassen

Knallroter Schutzumschlag, weiße Schrift und weißer Leineneinband - so liegt dieses graphisch ungewöhnlich ästhetisch ausgestattete Buch neben den anderen Frühjahrserscheinungen des Jahres 1998. Es fällt auf - der interessierte Leser greift danach: Das kleine handliche Format ist angenehm, dieses Buch bietet sich geradezu an, es in die Jackentasche zu stecken, überallhin mitzunehmen und darin wie ehemals in der kleinen roten Mao-Bibel zu lesen. Auch beim ersten Durchblättern hat man den Eindruck: Dies könnten Tagebuchaufzeichnungen sein, Notizen, Gedanken, Sätze, die dem Autor mitteilenswert erscheinen. Kurz - ein Buch, geeignet, auch unterwegs gelesen zu werden. Doch welche Enttäuschung für den neugierigen Leser!
Der Schriftsteller Rainald Goetz ist immer gut für eine ungewöhnliche Herausforderung - erwartet man von ihm doch zumindest etwas „Irres". „Irre", sein erstes Buch, provokativ vorgestellt beim Ingeborg-Bachmann-Preis-Wettbewerb in Klagenfurt, war ein beachtenswerter literarischer Erfolg. Es folgten Bücher mit den Titeln „Krieg", „Kontrolliert", „Festung" - Titel, die hart klingen und eine kritische, auch negative Tendenz vermitteln.
„Rave" heißt das neue Buch von Rainald Goetz. Rave (laut Duden: größere Tanzveranstaltung zu Technomusik) ist nicht nur eine Musikrichtung, es ist auch das Lebensgefühl einer ganzen Generation. „Mädchen kennenlernen - Drogen nehmen - Musik hören" - dieser Slogan könnte als Leitfaden durch das ganze Buch führen.
Der namenlose Held der Erzählung, ein junger Mann, berichtet von seinem Leben als Raver. Nacht für Nacht verbringt er seine Freizeit mit gleichgesinnten Freunden in Discos, dunklen Hotelzimmern und Bars zum „Abfeiern, Aufreißen und Ausrasten". Ob in München im Babalu oder in der Edeldisco P1, in Ibiza am Strand oder in Autos - überall flieht er den Terror des Alltags. „Bekifft, betrunken und nackt zum Sex gezwungen" heißt ein Kapitel der Erzählung. „Schatz, mach dich nackig, ich muß mit dir reden" -  ähnlich einschlägige Sprüche wiederholen sich immer wieder, werden nur manchmal durch Mitteilungen unterbrochen, daß auch Proust ein guter Schriftsteller sei, Ernst Jünger und Niklas Luhmann gelesen wird, ein kritisch-ironischer Max Biller aber nicht. „Musik und Ausgehen, Trinken, Luhmann".
Die Verneinung aller bürgerlichen Werte und Normen wird ausgekostet und ausgelebt, bis zur Neige, 270 Seiten lang. Resultat: „Wir waren alle - die Zerstörten."
Rainald Goetz kann schreiben. Verläßt er das ausschweifende Leben seines Helden für einige Seiten, gelingen ihm einfühlsame, atmosphärisch dichte Passagen. Ich denke an seine Definition des Schlagworts DJ-CULTURE, wo er als scharfer, kritischer Beobachter die Arbeit eines DJ beschreibt. Ansonsten fand ich als Leser diese Texte eine Zumutung. Weder als Zustandsbeschreibung eines Lebensgefühls noch als Tagebuchaufzeichnungen und erst recht nicht als Erzählung kann dieses Buch mich fesseln. Es hat mich ganz einfach unendlich gelangweilt.
Vielleicht sollte man noch wissen, daß das Buch „Rave" ein Teil ist eines Projekts, das Rainald Goetz im Internet fortführt. Es gehört mit zu den Vorbereitungen, die er für seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen im Sommer 98 ausarbeitet. Als Leser fragt man sich allerdings: Was verspricht sich der Suhrkamp Verlag davon, diese Texte als eigenständiges Buch zu veröffentlichen? Weder gedanklich noch als Erzählung ist „Rave" ein Beispiel für gute deutsche Gegenwartsliteratur - schade!

Brigitte Jacobsen