| Von der Vergeblichkeit an sich
Ein rätselhaftes, ein spannendes Buch.
Die dramatis personae: der stilvoll in Beruf und Familienglück
gesettelte Restaurator Peter Schönlein, seine adäquate Frau Christa,
dann Lisa, die sich ohne Ideale in der dröhnenden Jetztzeit eingerichtet
hat, und Mathias Boker, der inständige, aber schon verzweifelte Lessing-Interpret.
Vom Rand her spielen mit: ein Galerist sowie der Maler Karl Kreiner und
sein geistig entrückter Vater.
Die Handlung in der niederbayerischen Provinz beginnt mit einem Ehebruch.
Schönlein besucht Lisa (wofür er eigentlich gar keinen Grund
hat) und schläft mit ihr, irgendwie plötzlich. Boker fasziniert
Christa mit seinen welterlösenden Lessing-Suaden. Schönleins
Verhältnis mit Lisa reißt die scheinbare Lebensidylle ein: Lisa
erzählt Boker davon, der stellt Schönlein, wenn auch verständnis-
und erfolglos, zur Rede, Christa wirft sich, ebenso erfolglos, Boker an
den Hals, Schönlein macht sich unauffindbar, Christa findet eine neue
Stellung im Kulturbetrieb, und die schwangere Lisa heiratet Boker.
Fast keiner kommt hier unbeschädigt davon. Boker erkennt, daß
nicht einmal seine eigene Welt allein durch endlose Lessing-Lektüre
zu retten ist. Christa schleppt nur noch ein fahles Abziehbild ihrer humanistischen
Ideale in ihre neue Existenz. Am schlimmsten trifft es Schönlein:
Er wird fast, nein: ausgesprochen wahnsinnig über dem Zusammenbruch
seiner inszenierten Kunstsinnigkeit. Nur Lisa behält einigermaßen
den Kopf oben; sie hat von Anfang nicht sehr tief nach dem Sinn des Lebens
gesucht, sondern sich ohne Selbstzweifel und leicht angeschmuddelt in einer
poppigen Benutzer-Oberfläche eingerichtet.
Solche Wiedergabe sagt nichts über den Wert des Romans. Das Interesse,
das er hervorgerufen hat und ihm den Ingeborg-Bachmann-Preis beschert hat,
liegt erstens an seinem Thema und zweitens an seiner sprachlichen Form.
Das Thema ist nicht eigentlich, wie der Klappentext meint, die Suche
nach Normalität, nach „einer Lebensform, die sich weder durch die
Abgrenzung von der Gesellschaft noch durch Anpassung ausdrücken muß".
Das hieße diesen Erstling doch ein wenig zu hoch hängen (ein
solches, für heutige Verhältnisse viel zu ehrgeiziges Lebensprogramm
wurde, soweit wir wissen, zuletzt im „Parzival" Walthers von der Vogelweide
oder allenfalls in Castigliones „Cortegiano" entworfen). Nein: Diese vier
Personen suchen nicht irgendeine Normalität, sondern sich selbst.
Sie scheinen sich so sehr abhanden gekommen, daß bei einem sagen
wir: mittleren Problem immer gleich die ganze Person unterzugehen droht.
Sie werden alle leer ausgehen, ohne Anwort auf ihre Frage. Denn eine
Wirklichkeit, an der man das eigene Gewicht spüren, ja sich reiben
könnte, gibt es, so der Roman, nicht mehr. Alles ist nur noch vor-
und nachgemachte Scheinwelt, alles ist modisch und medial vermittelt und
vorgetäuscht, alles eine, so Lisa mit drastischem Durchblick, „Scheiß-Serie"
wie im Fernsehen. Logisch, daß zum Schluß der wahnsinnige Schönlein
einen Fernseher hinter eine leere Staffelei stellt und die Welt nur noch
so sieht, so tatenlos anglotzt, in der Hand eine Fernbedienung, die er
nicht benützt. Die Leere vor ihm ist ohne Metaphysik, das Nichts ohne
Mystik. Und die letzten Zeilen des Romans lauten:
Er lächelt so selig. Nein, sagt er, er ist nicht
verrückt, niemals verrückt gewesen. Ich bin nicht verrückt.
Er ist ebensowenig verrückt, wie all die anderen Leute da draußen
verrückt sind. Und die Leute sind bekanntlich nicht verrückt.
Alles ist normal. Wir sind alle ganz normal.
Das ist also kein persönliches Scheitern, schon gar kein irgendwie
tragisches, sondern eine Generalabrechnung, ein vernichtendes Welt-Urteil
ohne Berufungsinstanz. Eine durch und durch nihilistische Aussage. Dazu
nur eine kleine Anmerkung: Es nicht dem Autor anzukreiden, daß diesem
modernisierten Nihilismus-Avatar die aufregende Größe seiner
Vorgänger fehlt. Niemann muß mit dem arbeiten, was er vorfindet.
Und da findet er eben nicht mehr, wie noch Nietzsche, einen mächtigen
Gegner, dem er ins Gesicht sagt: Dich gibt es ja gar nicht. Und so wirkt
derselbe Angriff heute leider ein bißchen dünnblütig. Ein
nach „Schöner wohnen"-Rezepten dekoriertes Haus niederzumachen, ist
nun wirklich keine Heldentat.
Das klassische Argument gegen die Absurdität des literarischen
Nihilismus ging bekanntlich so: Und es bleibt doch etwas bestehen im angeblich
restlosen Untergang, und zwar das Kunstwerk, das eben diesen Untergang
behauptet. Dies nur nebenbei und als Überleitung zur Sprache des Romans.
Sie ist in hohem Maß bemerkenswert und innovativ. Der Autor hat
hier ein ganz neuartiges Ausdrucksmittelmit gefunden. Der Roman ist weithin
als innerer Monolog verfaßt, und in diesen hat der Autor einen zusätzlichen
inneren Monolog eingefügt, allein mit dem leichtgängigen Mittel
der Kursivschrift. Es ist nicht immer sofort klar (und das ergibt Spannung
und produktive Rätselhaftigkeit), wer da zuallerinnerst spricht. Die
Figur? Der Autor? Gar eine Art Geist der Erzählung? Manchmal ist es
auch nicht mehr als Hintergrundrauschen. Zwei Beispiele:
Dann schwieg Christa. Der Spruch war natürlich fies
gewesen. Na und! Er hat dich geschlagen. Er hat dich also geschlagen,
prima. Was für eine Frechheit, ihr gegenüber diesen unerträglich
besserwisserischen Ton anzuschlagen! Dieses Weib, mit ihrem aufgeblasenen
Bauch! Die soll sich doch lieber in irgendeine Ecke verkriechen und
schämen! Hier in diesem ekligen Bräustüberl, wo sie auch
hingehört! Als ob diese bleiche knochige einfältige Ziege
das Recht hätte, so mit ihr zu sprechen!
Und wenn dieser Umstand schon nicht Glück genannt
werden kann, so ist es doch andererseits tröstlich zu wissen, daß
ich immerhin dort nicht mehr anzukommen versuche, wo man gar nicht ankommen
kann. Und weil man, wenn man schon angeblich aus aller Wirklichkeit
hinausgefallen ist, wenn einem dort schon keine Maske und keine Rolle mehr
zuzustehen und selbst das Unglück einen nicht mehr haben zu wollen
scheint, sich endlich, jenseits von alledem, um so besser und fester in
allem aufgehoben wiederfindet, erweist sich dieses nur scheinbare Nichtstun,
mein
Dasitzen und Voranstarren in diesen anderen Raum, der sich da vor mir aufgetan
hat, micht sanft, durch seinen Tunnel aus unablässig sich erneuernden
Bildern hindurch, in sich hineinzieht, erweist sich am Ende also dieser
zuletzt erklommene höchste Gipfel der Hingabe als der tiefste Sinn
seiner Existenz. Und aller Existenz überhaupt.
Nicht nur mit diesem Kunstgriff, sondern erkennbar in einer alles andere
als anspruchslosen Sprache ist der siebenundreißigjährige Autor
mehr als ein Talent. Niemanns Prosa, mit ihrer stilsicheren Registervielfalt
und doppelbödigen Präzision, ist hier auf dem Weg zur einer wohltuend
disziplinierten Virtuosität.
Fazit: Lesen und auf seinen nächsten Roman gespannt sein. |
Norbert Niemann
Wie man’s nimmt
Carl Hanser Verlag, München 1998
432 Seiten, 13 x 21 cm
DM 46,--, öS 336, sFr 43,50
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