Lese-Effekte
Auf dem Kanapee liest der schon zum Selbstmord entschlossene Werther der geliebten Lotte aus Ossians Gesängen vor: „Morgen wird der Wandr5er kommen, kommen der mich sah in meiner Schönheit, rings wird sein Aug im Feld mich suchen, und wird mich nicht finden." Woraufhin Ungeheuerliches geschieht:
Die ganze Gewalt dieser Worte fiel über den Unglücklichen, er warf sich vor Lotte nieder in der vollen Verzweiflung, faßte ihre Hände, drukte sie in seine Augen, wider seine Stirn, und ihr schien eine Ahndung seines schröklichen Vorhabens durch die Seele zu fliegen. Ihre Sinnen verwirrten sich, sie drukte seine Hände, drukte sie wider ihre Brust, neigte sich mit einer wehmüthigen Bewegung zu ihm, und ihre glühenden Wangen berührten sich. Die Welt vergieng ihnen, er schlang seine Arme um sie her, preßte sie an seine Brust, und dekte ihre zitternde stammelnde Lippen mit wüthenden Küssen. Werther! rief sie mit erstikter Stimme sich abwendend, Werther! Und drückte mit schwacher Hand seine Brust von der ihrigen! Werther! rief sie mit dem gefaßten Tone des edelsten Gefühls; er widerstand nicht, lies sie aus seinen Armen, und warf sich unsinnig vor sie hin. Sie riß sich auf, und ängstlicher Verwirrung, bebend zwischen Liebe und Zorn sagte sie: Das ist das laztemal! Werther! Sie sehn mich nicht wieder. Und mit dem vollsten Blick der Liebe auf den Elenden eilte sie in’s Nebenzimmer, und schloß hinter sich zu.
So im Original Goethes („Die Leiden des jungen Werthers", 1775). Der Schriftsteller und Verlagsbuchhändler Friedrich Nicolai schrieb im Jahr danach eine Parodie auf das Goethesche Erfolgswerk („Die Freuden des jungen Werthers"), in der Lotte ihrem Verlobten Albert die Szene beichtet. Albert ist großzügig:
Aber ein wenig unüberlegt haben Sie gehandelt, meine liebe Lotte. Sie hatten ihm, wie ich merke, ein Versprechen abgezwungen, daß er vor Weihnachtsabends nicht wieder kommen wollte. Sie wollten mich dadurch beruhigen, weil Sie wusten, daß ich verreisen muste, weil sie, liebste Lotte, meine Eifersucht gemerkt hatten, die ich gern vor mir selbst verborgen hätte. Ich danke Ihnen dafür (er küßte ihr die Hand). Aber da nun Werther wider sein Versprechen sich eindrang, so hätten Sie sich nicht so vertraulich mit ihm aufs Kanapee setzen, und unter vier Augen in Büchern lesen sollen. ... So haben Sie’s, liebste Lotte ohn ‘s zu denken, selbst so eingeleitet, daß sie sich ins Kabinett verschließen musten. - Die Szene war wirklich stark.
Was lernen wir daraus? Daß wir in herrlichen Zeiten leben, in denen so etwas nicht mehr passieren kann, schon deswegen nicht, weil kein Mann mehr seiner Geliebten auf Kanapee etwas vorliest.