Kommentar
Buddelt Jack Lang wieder aus!
von Ulrich Greiwe
„Ich sehe sie schon, die Krokodilstränen, wie sie wieder fließen
werden, wenn er sterben sollte. Ein großer Mann der Politik und der
Kultur ist tot! Man könnte an Gott verzweifeln: Soviele Gangster dürfen
weitermachen, aber er ..." Der alte Prager Freund sprach von Vaclav Havel.
Politik und Kultur, kein Staatsführer weit und breit, der beides
noch leidenschaftlich verkörpert, nach Mitterand, auch de Gaulle,
nach Brandt, dem Puschkin-Freund Gorbatschow, auch Helmut Schmidt (dessen
kulturelle Sympathie dummerweise unerschätzt wird). Politiker heute
sind Marionetten der Globalisierung. Es wird einer neuen Generation bedürfen,
die sich auf die menschlichen Wurzeln des Daseins besinnt.
Vorerst bräuchte es wieder Chefredakteure, die ein existentieller
Druck mit dem seelenerweiternden und umsichtfördernden Elixier wohlverwurzelter,
also nicht wolkig-geschraubter Kultur verbindet. Aber statt Augstein, der
immerhin an Tschechow einen Narren gefressen hat, regiert mittlerweile
ein 68er vom Schlage eines Stefan Aust ohne Leitartikelmut den „Spiegel".
„Die Zeit" wird statt kulturell ehrgeiziger Führungsfiguren wie Theo
Sommer oder Josef Müller-Marein inzwischen von einem Wirtschaftsexperten
durch die Orkane der ohnehin überökonomisierten Welt gesteuert.
Manchmal wundert man sich, wieso einige Leitartikler bei ihren eigenen
Ergüssen nicht einschlafen. Zum Beispiel Hans Kilz (der Name der Zeitung,
der er vorsteht, ist unwichtig, denn was er an Hoffnungs- und Placebo-Formeln
produziert, ist austauschbar). Wie lange sollen wir uns diese dünen
Leitartikel-Beschwörungen noch zu Gemüte führen: „Zu den
beiden großen europäischen Problemen, der Wettbewerbsfähigkeit
im globalisierten Markt und der quälend hohen Arbeitslosigkeit, wird
die gemeinsame Währung - zumindest vorerst - wenig Enlastendes beitragen
können" (Kilz am 25. April 1998). „Zumindest vorerst"! Viel Leitartikuliertes
ist heute Teil der offiziellen Behauptungspolitik. Kilz hat große
Verdienste um die politische Selbstreinigung der Bundesrepublik: Er hat
für den „Spiegel" die Flick-Affäre bearbeitet, wurde deshalb
von Augstein später als Chefredakteur durchgesetzt - und genauso schnell
wieder ausgebootet. Im Journalismus ist es ja nicht wie in der Liebe: Der
Anfang passiert meist genauso kurz und knapp wie das Ende. In der wahren
Liebe leidet man länger, im Journalismus wechselt man einfach das
Blatt. Oder den Kanal.
Ideenvoller Journalismus ist etwas anderes. Wenn doch bloß einer
von denen, die demnächst bei Havel in Krokodilstränen ausbrechen
(was, bitte, erst in zehn, zwanzig Jahren sein möge!), schon jetzt
im Sinne Havels dafür kämpfen würde, daß ein Mann
wie Jack Lang der erste europäische Kulturminister wird. Es gehört
ja zu den großen Kuriosa unserer Zeit, daß der bedeutendste
Kämpfer für die europäische Vereinigung, Helmut Kohl, gleichzeitig
ihr langweiligster Interpret ist - aber müssen Europa-Leitartikler
deshalb auch zum Gähnen sein? Sagen wir es doch ganz deutlich: So
langweilig und so placebohaft hohl wie die führenden Politiker Europas,
außer Delors, über Europa reden, stirbt es in den Herzen der
europäischen Jugend, bevor es richtig lebt. Diese sprachliche Glätte
europäischer Spitzenpolitiker hängt mit der kulturellen Impotenz
zusammen, die offenbar in ihrem Leben und Kämpfen herrscht.
Vielleicht entwickelt sich wieder ein Journalismus, der von der Konkurrenz
scharfsinnigen Zusammenhangdenkens in den Magazinen und Zeitungen untereinander
lebt. Der Zusammenhang zwischen dem Niedergang der deutsch erzählenden
Literatur und dem Untergang des deutschen Kinofilms ist noch gar nicht
das Thema der Feuilletons. In beiden Kunstformen wird jetzt die jahrzehntelange
Vernachlässigung packender Erzählkunst zugunsten essayistischer
Romanbastarde à la Handke und Botho Strauß virulent. Da sind
selbst die Iren weiter. Patrick McCabe hat jüngst darauf hingewiesen,
daß die Wiedergeburt des international angesehenen irischen Films
ohne den Aufschwung der zeitgenössischen irischen Literatur nicht
denkbar wäre.
Mit dieser unserer kullturellen Elite ist kein neues, spannendes kulturelles
Deutschland zu pflanzen. Viel zu viele Marketing-Hardliner, die darauf
drängen, alle Kohl-Biographien von Busche bis Dreher doch bitte noch
in diesem Frühling auf den Markt zu werfen, weil ab Oktober nur noch
wenige davon was wissen wollen und sich dann mit aller Macht offenbaren
wird, daß es sich bei der langatmigen Ära Kohl bezeichnenderweise
um einen der langweiligsten kulturellen Abschnitte der Republik handelt.
Mögen also die kulturellen Provinzfürsten hierzulande ihre
Eigenbrödelei weiterbetreiben, mag ein Bundeskultusminister nicht
mal zu den Optionen der rot-grünen Pragmatiker gehören: Ein europäischer
Kulturminister von der inneren Lebendigkeit und der äußeren
Einfallskraft eines Jack Lang würde eine packende, problemnahe Kultur
in Europa im Wettbewerb mit den USA erfrischen.
Ulrich Greiwe ist freier Schriftsteller, Autor des Buches "Augstein - in gewisses Doppelleben", Ko-Autor des Filmregisseurs Wolfgang Petersen bei dessen Erst-Memoiren "Ich liebe die großen Geschichten" und veröffentlichte zuletzt "Die Kraft der Vorbilder" ( bei Kösel).