Die Gazette Nr. 3, Mai 1998:

 Kommentar

Buddelt Jack Lang wieder aus!

von Ulrich Greiwe

„Ich sehe sie schon, die Krokodilstränen, wie sie wieder fließen werden, wenn er sterben sollte. Ein großer Mann der Politik und der Kultur ist tot! Man könnte an Gott verzweifeln: Soviele Gangster dürfen weitermachen, aber er ..." Der alte Prager Freund sprach von Vaclav Havel.
Politik und Kultur, kein Staatsführer weit und breit, der beides noch leidenschaftlich verkörpert, nach Mitterand, auch de Gaulle, nach Brandt, dem Puschkin-Freund Gorbatschow, auch Helmut Schmidt (dessen kulturelle Sympathie dummerweise unerschätzt wird). Politiker heute sind Marionetten der Globalisierung. Es wird einer neuen Generation bedürfen, die sich auf die menschlichen Wurzeln des Daseins besinnt.
Vorerst bräuchte es wieder Chefredakteure, die ein existentieller Druck mit dem seelenerweiternden und umsichtfördernden Elixier wohlverwurzelter, also nicht wolkig-geschraubter Kultur verbindet. Aber statt Augstein, der immerhin an Tschechow einen Narren gefressen hat, regiert mittlerweile ein 68er vom Schlage eines Stefan Aust ohne Leitartikelmut den „Spiegel". „Die Zeit" wird statt kulturell ehrgeiziger Führungsfiguren wie Theo Sommer oder Josef Müller-Marein inzwischen von einem Wirtschaftsexperten durch die Orkane der ohnehin überökonomisierten Welt gesteuert. Manchmal wundert man sich, wieso einige Leitartikler bei ihren eigenen Ergüssen nicht einschlafen. Zum Beispiel Hans Kilz (der Name der Zeitung, der er vorsteht, ist unwichtig, denn was er an Hoffnungs- und Placebo-Formeln produziert, ist austauschbar). Wie lange sollen wir uns diese dünen Leitartikel-Beschwörungen noch zu Gemüte führen: „Zu den beiden großen europäischen Problemen, der Wettbewerbsfähigkeit im globalisierten Markt und der quälend hohen Arbeitslosigkeit, wird die gemeinsame Währung - zumindest vorerst - wenig Enlastendes beitragen können" (Kilz am 25. April 1998). „Zumindest vorerst"! Viel Leitartikuliertes ist heute Teil der offiziellen Behauptungspolitik. Kilz hat große Verdienste um die politische Selbstreinigung der Bundesrepublik: Er hat für den „Spiegel" die Flick-Affäre bearbeitet, wurde deshalb von Augstein später als Chefredakteur durchgesetzt - und genauso schnell wieder ausgebootet. Im Journalismus ist es ja nicht wie in der Liebe: Der Anfang passiert meist genauso kurz und knapp wie das Ende. In der wahren Liebe leidet man länger, im Journalismus wechselt man einfach das Blatt. Oder den Kanal.
Ideenvoller Journalismus ist etwas anderes. Wenn doch bloß einer von denen, die demnächst bei Havel in Krokodilstränen ausbrechen (was, bitte, erst in zehn, zwanzig Jahren sein möge!), schon jetzt im Sinne Havels dafür kämpfen würde, daß ein Mann wie Jack Lang der erste europäische Kulturminister wird. Es gehört ja zu den großen Kuriosa unserer Zeit, daß der bedeutendste Kämpfer für die europäische Vereinigung, Helmut Kohl, gleichzeitig ihr langweiligster Interpret ist - aber müssen Europa-Leitartikler deshalb auch zum Gähnen sein? Sagen wir es doch ganz deutlich: So langweilig und so placebohaft hohl wie die führenden Politiker Europas, außer Delors, über Europa reden, stirbt es in den Herzen der europäischen Jugend, bevor es richtig lebt. Diese sprachliche Glätte europäischer Spitzenpolitiker hängt mit der kulturellen Impotenz zusammen, die offenbar in ihrem Leben und Kämpfen herrscht.
Vielleicht entwickelt sich wieder ein Journalismus, der von der Konkurrenz scharfsinnigen Zusammenhangdenkens in den Magazinen und Zeitungen untereinander lebt. Der Zusammenhang zwischen dem Niedergang der deutsch erzählenden Literatur und dem Untergang des deutschen Kinofilms ist noch gar nicht das Thema der Feuilletons. In beiden Kunstformen wird jetzt die jahrzehntelange Vernachlässigung packender Erzählkunst zugunsten essayistischer Romanbastarde à la Handke und Botho Strauß virulent. Da sind selbst die Iren weiter. Patrick McCabe hat jüngst darauf hingewiesen, daß die Wiedergeburt des international angesehenen irischen Films ohne den Aufschwung der zeitgenössischen irischen Literatur nicht denkbar wäre.
Mit dieser unserer kullturellen Elite ist kein neues, spannendes kulturelles Deutschland zu pflanzen. Viel zu viele Marketing-Hardliner, die darauf drängen, alle Kohl-Biographien von Busche bis Dreher doch bitte noch in diesem Frühling auf den Markt zu werfen, weil ab Oktober nur noch wenige davon was wissen wollen und sich dann mit aller Macht offenbaren wird, daß es sich bei der langatmigen Ära Kohl bezeichnenderweise um einen der langweiligsten kulturellen Abschnitte der Republik handelt.
Mögen also die kulturellen Provinzfürsten hierzulande ihre Eigenbrödelei weiterbetreiben, mag ein Bundeskultusminister nicht mal zu den Optionen der rot-grünen Pragmatiker gehören: Ein europäischer Kulturminister von der inneren Lebendigkeit und der äußeren Einfallskraft eines Jack Lang würde eine packende, problemnahe Kultur in Europa im Wettbewerb mit den USA erfrischen.

Ulrich Greiwe ist freier Schriftsteller, Autor des Buches "Augstein - in gewisses Doppelleben", Ko-Autor des Filmregisseurs Wolfgang Petersen bei dessen Erst-Memoiren "Ich liebe die großen Geschichten" und veröffentlichte zuletzt "Die Kraft der Vorbilder" ( bei Kösel).