Sollen Manager Gedichte lesen?
von Steffen Herbold
In meinem Buch "Poesie für Manager" habe ich versucht, auf spielerische
Art eine schwierige Klientel für die Sache der Poesie zu gewinnen.
Nicht einfach, denn alles Poetische ist langsam, winzig und still - und
das sind bekanntlich nicht gerade die gefragtesten Kalküle der Welt.
Aber dennoch: In der Langsamkeit, Winzigkeit und Stille liegt mehr als
reine Beschaulichkeit. Poesie birgt immer auch kritsches Potential, und
jedes Gedicht scheint zu sagen, daß alles seine Richtigkeit hat,
aber dennoch etwas nicht in Ordnung ist (und sei es auch nur dadurch, daß
sich Gedichte durch ihre hartnäckige Unverkäuflichkeit gegen
den herrschenden ökonomischen Diskurs sperren, und dadurch für
dessen Türwächter, unsere Manager, von Interesse sein müßten).
Alles hat seine Richtigkeit, und doch ist etwas nicht in Ordnung. Wie
könnte man unser latentes Unbehagen an der Brave New World, mit der
wir uns tagtäglich auseinandersetzen, knapper formulieren? Allein,
dieser formschöne Satz im Design larmoyanter Ratlosigkeit, geschrieben
mit jenem Programm, das so verlockend "Fenster" heißt, veröffentlicht
schließlich in jenem Netz, das den stolzen Vornamen "Inter" trägt,
dieser Satz artikuliert nicht einmal die Symptome, geschweige denn die
Diagnose einer Krankheit, an der wir zweifellos wissentlich leiden, ohne
jedoch über ihren Verlauf im Bilde zu sein. Er ist viel weniger: Er
ist lediglich Ausdruck einer Ahnung. Oder noch geringer, einem wunderbaren
Filmtitel aus den Achtzigern folgend: Er beschreibt einen Zustand Before
The Rise Of Premonition, jenem im Hinterkopf schwebenden Hauch des Unbehagens
noch vor dem Aufkeimen einer Vorahnung. Also: Es geht um fast nichts. Aber
Poesie kann eben diesen lauen Wind orten. Marktforschung für die Seele,
würde ich einem reinrassigen Ökonomen sagen.
Die untergeordnete Frage, ob Manager Gedichte lesen sollen, besitzt
in diesem Zusammenhang einen ähnlichen Stellenwert, wie die untergeordnete
Frage, ob jeder von uns in der Lage sein sollte, sein Auto selbst zu reparieren.
Und deshalb ist die Frage zwar untergeordnet, doch sehr wichtig. Denn:
Es geht nicht lediglich um Erkenntnis, sondern um Erkenntnis mit Folgen.
Und die weinselige After Midnight-Formel "man müßte eigentlich
..." ist letztlich nur ein Beruhigungsdragée, örtliche Betäubung
unseres latenten Unbehagens beim Eintritt ins neue Jahrtausend. Es ist
etwas nicht in Ordnung, auch und gerade wenn der shareholder-value stimmt.
Anders gesagt: Ist das nun arbeitsteilig, was wir hier betreiben, oder
ist es Entfremdung? (Die einen fahren die Autos, die anderen reparieren
sie. Die einen schreiben Gedichte, und die anderen?) Nun, die vielbeschworene
Komplexität unseres Alltags ist unser Problem, und nicht das Problem
des Alltags.
Bei aller Bescheidenheit: Der Ruf nach "Poesie für Manager" ist
zugleich der Ruf nach etwas Menschlichem, nach etwas Gesellschaftlichem,
nach einem Entwurf, der nicht die Ökonomie um sich selbst kreisen
läßt und uns zu deren Statisterie (Humanressourcen!) degradiert
und degeneriert. Und damit kein Mißverständnis aufkommt: Poesie
ist beileibe nicht das Allerwichtigste. Vielleicht aber könnte sie
das Lesezeichen sein, das an derjenigen Stelle im Buch steckt, an der wir
noch selbst entscheiden könnten, wie die Geschichte weitergeht.