Die Gazette Nr. 3, Mai 1998:

Sollen Manager Gedichte lesen?

von Steffen Herbold

In meinem Buch "Poesie für Manager" habe ich versucht, auf spielerische Art eine schwierige Klientel für die Sache der Poesie zu gewinnen. Nicht einfach, denn alles Poetische ist langsam, winzig und still - und das sind bekanntlich nicht gerade die gefragtesten Kalküle der Welt. Aber dennoch: In der Langsamkeit, Winzigkeit und Stille liegt mehr als reine Beschaulichkeit. Poesie birgt immer auch kritsches Potential, und jedes Gedicht scheint zu sagen, daß alles seine Richtigkeit hat, aber dennoch etwas nicht in Ordnung ist (und sei es auch nur dadurch, daß sich Gedichte durch ihre hartnäckige Unverkäuflichkeit gegen den herrschenden ökonomischen Diskurs sperren, und dadurch für dessen Türwächter, unsere Manager, von Interesse sein müßten).
Alles hat seine Richtigkeit, und doch ist etwas nicht in Ordnung. Wie könnte man unser latentes Unbehagen an der Brave New World, mit der wir uns tagtäglich auseinandersetzen, knapper formulieren? Allein, dieser formschöne Satz im Design larmoyanter Ratlosigkeit, geschrieben mit jenem Programm, das so verlockend "Fenster" heißt, veröffentlicht schließlich in jenem Netz, das den stolzen Vornamen "Inter" trägt, dieser Satz artikuliert nicht einmal die Symptome, geschweige denn die Diagnose einer Krankheit, an der wir zweifellos wissentlich leiden, ohne jedoch über ihren Verlauf im Bilde zu sein. Er ist viel weniger: Er ist lediglich Ausdruck einer Ahnung. Oder noch geringer, einem wunderbaren Filmtitel aus den Achtzigern folgend: Er beschreibt einen Zustand Before The Rise Of Premonition, jenem im Hinterkopf schwebenden Hauch des Unbehagens noch vor dem Aufkeimen einer Vorahnung. Also: Es geht um fast nichts. Aber Poesie kann eben diesen lauen Wind orten. Marktforschung für die Seele, würde ich einem reinrassigen Ökonomen sagen.
Die untergeordnete Frage, ob Manager Gedichte lesen sollen, besitzt in diesem Zusammenhang einen ähnlichen Stellenwert, wie die untergeordnete Frage, ob jeder von uns in der Lage sein sollte, sein Auto selbst zu reparieren. Und deshalb ist die Frage zwar untergeordnet, doch sehr wichtig. Denn: Es geht nicht lediglich um Erkenntnis, sondern um Erkenntnis mit Folgen. Und die weinselige After Midnight-Formel "man müßte eigentlich ..." ist letztlich nur ein Beruhigungsdragée, örtliche Betäubung unseres latenten Unbehagens beim Eintritt ins neue Jahrtausend. Es ist etwas nicht in Ordnung, auch und gerade wenn der shareholder-value stimmt. Anders gesagt: Ist das nun arbeitsteilig, was wir hier betreiben, oder ist es Entfremdung? (Die einen fahren die Autos, die anderen reparieren sie. Die einen schreiben Gedichte, und die anderen?) Nun, die vielbeschworene Komplexität unseres Alltags ist unser Problem, und nicht das Problem des Alltags.
Bei aller Bescheidenheit: Der Ruf nach "Poesie für Manager" ist zugleich der Ruf nach etwas Menschlichem, nach etwas Gesellschaftlichem, nach einem Entwurf, der nicht die Ökonomie um sich selbst kreisen läßt und uns zu deren Statisterie (Humanressourcen!) degradiert und degeneriert. Und damit kein Mißverständnis aufkommt: Poesie ist beileibe nicht das Allerwichtigste. Vielleicht aber könnte sie das Lesezeichen sein, das an derjenigen Stelle im Buch steckt, an der wir noch selbst entscheiden könnten, wie die Geschichte weitergeht.