Fotogalerie Michael Peuckert
Al
Azhar Moschee, Kairo.
Seit über tausend Jahren wird hier, im Innenhof der ältesten
Universität der Welt, das Rezitieren des Korans gelehrt. Der Vortrag
geschieht in einer Art Sprechgesang, der keineswegs monoton, sondern höchst
melodiös ist. Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, die richtigen
Töne zu treffe. Yussuf Ibrahim, der Lehrer, ist streng. Den kleinsten
Ausrutscher, und sei es nur eine Nuance daneben, quittiert er mit einem
schnellen, schmerzhaften Schlag auf Hände oder Beine des Probanden.
Es seien schließlich Gottes und des Propheten eigene Worte, und die
dürfen nicht verunstaltet werden. Jede fehlende Stelle läßt
er so lange wiederholen, bis sie sitzt. Und schafft es der Schüler
irgendwann vor lauter Schluchzen und Tränen gar nicht mehr, den Satz
korrekt wiederzugeben, schließt Yussuf die Augen, atmet tief ein
und sing den Vers so gefühlvoll, daß ihm im gleichen Augenblick
alle Strenge aus dem Gesicht weicht. Das Antlitz eines Engels kann kaum
sanfter sein. Aber nur für einen kurzen Augenblick, dann zischt schon
wieder der Stock.