Die Gazette Nr. 3, Mai 1998:

 Die Adresse
 
„Die sehr reichen Stunden" 

Es ist nur eine kleine, ganz und gar unkommerzielle Adresse, zudem sieht sie aus, als sei sie schon eine Zeitlang nicht mehr aktualisiert worden, und das sogenannte Auditorium, eine Sammlung klassischer Musikstücke, funktioniert auch nicht so recht. Aber die Website enthält einen wunderbaren Buchschatz. 
Sie nennt sich Webmuseum und zeigt auch eine gut kommentierte Kollektion berühmter Bilder vom 13. Jahrhundert bis herauf zu David Hockney (und zwei unterschiedlich gut illustrierte Rundgänge durch Paris). Die Bildersammlung des Museums ist schon deshalb empfehlenswert, weil sie dem Bilderräuber Gates offensichtlich entgangen ist. 
Ihr Prunkstück aus der Welt der Bücher ist jedoch ist das Stundenbuch von 1416 mit dem schönen Titel „Les très riches heures du Duc de Berry". Dazu werden einige kurze Erläuterungen geliefert, etwa wer der Auftraggeber des Prachtbandes war und von wem und wie es gemalt wurde. Außerdem werden in einem Glossar (auf Englisch) einige dazugehörige Fachausdrücke erklärt wie etwa Holzschnitt, illuminiertes Manuskript oder Miniatur, zwar sehr knapp und unprofessoral, aber dafür liebenswert persönlich. 
Aus dem verschwenderisch illustrierten Stundenbuch des Duc de Berry und seinen einhundertneunundzwanzig Miniaturen hätte man natürlich eine einzige, große Website machen können. Aber hier werden immerhin die zwölf Monatsbilder wiedergegeben, zum Beispiel der Februar: Februar
Das Werk, der unbestrittene Höhepunkt der spätmittelalterlichen Buchmalerei, war schon bei seiner Entstehung eine Berühmtheit. Die Monatsbilder von Städten, Landschaften und Bauern, von Schlössern und ihren Adligen zeigen einen zarten Realismus und liebenswürdige Detailtreue in künstlerischer Vollendung. Begonnen wurden die Buchillustrationen von den Brüdern Limburg und erst siebzig Jahre später von Jean Colombe vollendet. 
Dieses Buch- und Bild-Angebot hat ein junger Franzose privat und ganz allein ins Netz gestellt, Nicolas Pioch. Er gibt nicht nur Auszüge aus seiner Biographie, sonder erläutert auch, warum er - so ganz anders als die offizielle französische Web-Philosophie - sein virtuelles Mini-Museum in englischer Sprache aufgebaut hat: Da es Besucher aus aller Welt willkommen heißt, schien es ihm das Vernünftigste, und zu einer mehrsprachigen Version hat er einfach keine Zeit. 
Bei allen kleinen Fehlern ist Piochs Webmuseum doch ein nachahmenswertes Beispiel für die guten Chancen zur Seriosität, die das Internet schier jedem von uns bietet. 
Tip: Man sollte sich beeilen mit einem Besuch, möglicherweise wird die Kollektion demnächst geschlossen.

Webmuseum