|
|
|
Klaus Weinzierl
Ich meine, also bin ich"
Mit dem Deutschen kann man nicht mehr gescheit streiten. In einem gescheiten
Streit treffen Ideen aufeinander, Standpunkte, Gedanken. Die aber sind
dem Deutschen verdächtig. Der Deutsche meint lieber. Ich
würde meinen". Sagt nicht, was er meint, meint nicht, was
er sagt, meine Meinung, deine Deinung, seine Seinung. So kann man doch
nicht gescheit streiten. Wenn du das meinst, wie gesagt, ich habe
ein bißchen eine andere Meinung, aber darüber müßten
wir mal in Ruhe drüberreden. Ruf mich mal an." Der will immer
nur reden, der Deutsche, nicht streiten. Wenn es zum Äußersten
kommt, redet er mit seinem Anwalt, über den Streitwert, aber ums
Verrecken nicht selber streiten.
Wo soll er's lernen der Deutsche? Im Fernsehen? Im Fernsehen wird nur
noch geredet oder geschossen, Talkshow oder Showdown, dazwischen gibt's
keinen Streit, sondern Werbung. Wo soll er's lernen? In der Familie?
Da sitzen alle vor dem Fernseher, aber jeder vor seinem eigenen. (Seitdem
gibt's bei uns keinen Streit mehr!") In der Schule? Wirklich? Ich
sage nur Rechtschreibreform. Anstandslos haben die Lehrer das
neue Regelwerk eingeführt. Anstandslos" hat ein Sprecher
des Kultusministeriums gesagt. Ich vermute ja, die Lehrer haben mitgekriegt,
daß sie bis zum Jahr 2005 noch so weiterschreiben dürfen
wie bisher, bis dahin gehen die meisten in Pension. Wenn die Pensionsgrenze
nicht heraufgesetzt wird. Das wäre problematisch. Dann müßte
die Regierung die Grenze aber gleich auf 85 Jahre heraufsetzen, ein
Lehrer braucht ungefähr 30 Jahre lang, bis der die Regeln selber
richtig lernt, beim Korrigieren. Wer selber schreibt, schreibt. Wer
die korrigiert, die schreiben, selber aber nimmer schreibt, braucht
Regeln, meint er. Den letzten gescheiten Streit über die Rechtschreibung
hat es noch zwischen der DDR und der BRD gegeben. Sie werden es nicht
glauben, aber die hatten sich fast auf die Kleinschreibung zusammengerauft.
Dann wollte die DDR aber doch noch zehn Wörter groß schreiben,
so Wörter wie Marxismus, Held der Arbeit, Rotkäppchen-Sekt,
zehn solche Wörter. Und die Unsern hätten auch zehn Wörter
groß schreiben dürfen, Arbeitgeber, Gott, Leistung, solche
Wörter. Warum sie sich dann doch nicht zusammengerauft haben, hatte
einen ganz einfachen Grund. Die DDR wollte noch ein elftes Wort groß
schreiben - Antifaschismus. Antifaschismus wollten die Unsern nicht
großschreiben, haben sie gemeint damals.
Man kann mit dem Deutschen nicht gescheit streiten. Ich meine,
da müßte ich mich wirklich erst sachkundig machen. Ich möchte
eigentlich nicht von einer Sache reden, von der ich mir noch keine Meinung
gebildet habe."
Und ich stehe da als der ignorante Streithansl.
Ich meine, ich würde da erst mal abwarten. Ich könnte
mir vorstellen, das wird alles nicht so heiß gegessen, wie es
gekocht wird. Ich meine, du siehst das alles ein bißchen zu dramatisch."
Und ich stehe da als der Apokalyptiker.
Ich würde da erst mal ... ich könnte mir ..." Dieser
deutsche Konjunktiv-Waschlappen. Aber glauben Sie bloß nicht,
daß der Deutsche nur rumlappt. Plötzlich drückt er Sie
mit einer Revolutionsphantasie in eine Reformistenecke. Weißt
du, was ich manchmal meine? Man müßte das Ganze radikal anders
anpacken. Mir ist das alles viel zu kleinkariert. Nicht kleckern - klotzen,
aber wer traut sich denn das heute noch."
Und ich stehe da als der kleinbürgerliche Korinthenkacker.
Aber im nächsten Augenblick bin ich plötzlich der blauäugige
Politidealist. Meinst du wirklich, du könntest da was ändern?
Aber das ist doch längst beschlossene Sache, die machen doch, was
sie wollen, die ziehen das durch. Ich meine, ich bewundere ja deinen
Idealismus, irgendwie, wirklich, ich meine, das ist auch ganz wichtig,
daß es solche noch gibt wie dich, ich meine das wirklich."
Sie, wenn so einer in nächster Zeit erschlagen aufgefunden wird
und man entdeckt am Tatort die Tatwaffe, einen neuen Rechtschreib-Duden,
dann können Sie sich die Belohnung für sachdienliche Hinweise
abholen. Den habe ich erschlagen. Aber bevor ich zum Schlag aushole,
sagt der noch: Weißt du, ich kann es schon wirklich nicht
mehr hören, ich meine das jetzt nicht persönlich, aber es
gibt doch weißgott wichtigere Themen, meinst du nicht auch?"
Und in dem Augenblick, in dem ich zuschlagen will, entwaffnet er mich
mit der deutschesten aller deutschen Fragen der Deutschen: Du,
sag mal, wann haben die das eigentlich beschlossen? Und wer hat das
überhaupt beschlossen? Die können doch das doch nicht einfach
über meinen Kopf hinweg beschließen. Und warum hast du mit
vorher nichts davon gesagt? Du hörst doch sonst überall das
Gras wachsen."
Ich denke, das Grundrecht auf Meinungsfreiheit muß überdacht
werden.
(C) Klaus Weinzierl, Marktstraße 20, 80802 München
Ihr
Kommentar
|
|