Nr. 29, Oktober 2000

 Essays      Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder    Rubriken     Archiv

 
TextBilder
 
 
 
 
 
 
 
 
 Buchkunst
 Lyrik
 Kurzprosa
 Fotogalerie
 Notierungen
 Die Marginalie

 

Klaus Weinzierl

„Ich meine, also bin ich"

Mit dem Deutschen kann man nicht mehr gescheit streiten. In einem gescheiten Streit treffen Ideen aufeinander, Standpunkte, Gedanken. Die aber sind dem Deutschen verdächtig. Der Deutsche meint lieber. „Ich würde meinen". Sagt nicht, was er meint, meint nicht, was er sagt, meine Meinung, deine Deinung, seine Seinung. So kann man doch nicht gescheit streiten. „Wenn du das meinst, wie gesagt, ich habe ein bißchen eine andere Meinung, aber darüber müßten wir mal in Ruhe drüberreden. Ruf mich mal an." Der will immer nur reden, der Deutsche, nicht streiten. Wenn es zum Äußersten kommt, redet er mit seinem Anwalt, über den Streitwert, aber ums Verrecken nicht selber streiten.
Wo soll er's lernen der Deutsche? Im Fernsehen? Im Fernsehen wird nur noch geredet oder geschossen, Talkshow oder Showdown, dazwischen gibt's keinen Streit, sondern Werbung. Wo soll er's lernen? In der Familie? Da sitzen alle vor dem Fernseher, aber jeder vor seinem eigenen. („Seitdem gibt's bei uns keinen Streit mehr!") In der Schule? Wirklich? Ich sage nur Rechtschreibreform. „Anstandslos haben die Lehrer das neue Regelwerk eingeführt. „Anstandslos" hat ein Sprecher des Kultusministeriums gesagt. Ich vermute ja, die Lehrer haben mitgekriegt, daß sie bis zum Jahr 2005 noch so weiterschreiben dürfen wie bisher, bis dahin gehen die meisten in Pension. Wenn die Pensionsgrenze nicht heraufgesetzt wird. Das wäre problematisch. Dann müßte die Regierung die Grenze aber gleich auf 85 Jahre heraufsetzen, ein Lehrer braucht ungefähr 30 Jahre lang, bis der die Regeln selber richtig lernt, beim Korrigieren. Wer selber schreibt, schreibt. Wer die korrigiert, die schreiben, selber aber nimmer schreibt, braucht Regeln, meint er. Den letzten gescheiten Streit über die Rechtschreibung hat es noch zwischen der DDR und der BRD gegeben. Sie werden es nicht glauben, aber die hatten sich fast auf die Kleinschreibung zusammengerauft. Dann wollte die DDR aber doch noch zehn Wörter groß schreiben, so Wörter wie Marxismus, Held der Arbeit, Rotkäppchen-Sekt, zehn solche Wörter. Und die Unsern hätten auch zehn Wörter groß schreiben dürfen, Arbeitgeber, Gott, Leistung, solche Wörter. Warum sie sich dann doch nicht zusammengerauft haben, hatte einen ganz einfachen Grund. Die DDR wollte noch ein elftes Wort groß schreiben - Antifaschismus. Antifaschismus wollten die Unsern nicht großschreiben, haben sie gemeint damals.
Man kann mit dem Deutschen nicht gescheit streiten. „Ich meine, da müßte ich mich wirklich erst sachkundig machen. Ich möchte eigentlich nicht von einer Sache reden, von der ich mir noch keine Meinung gebildet habe."
Und ich stehe da als der ignorante Streithansl.
„Ich meine, ich würde da erst mal abwarten. Ich könnte mir vorstellen, das wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Ich meine, du siehst das alles ein bißchen zu dramatisch." Und ich stehe da als der Apokalyptiker.
„Ich würde da erst mal ... ich könnte mir ..." Dieser deutsche Konjunktiv-Waschlappen. Aber glauben Sie bloß nicht, daß der Deutsche nur rumlappt. Plötzlich drückt er Sie mit einer Revolutionsphantasie in eine Reformistenecke. „Weißt du, was ich manchmal meine? Man müßte das Ganze radikal anders anpacken. Mir ist das alles viel zu kleinkariert. Nicht kleckern - klotzen, aber wer traut sich denn das heute noch."
Und ich stehe da als der kleinbürgerliche Korinthenkacker.
Aber im nächsten Augenblick bin ich plötzlich der blauäugige Politidealist. „Meinst du wirklich, du könntest da was ändern? Aber das ist doch längst beschlossene Sache, die machen doch, was sie wollen, die ziehen das durch. Ich meine, ich bewundere ja deinen Idealismus, irgendwie, wirklich, ich meine, das ist auch ganz wichtig, daß es solche noch gibt wie dich, ich meine das wirklich." Sie, wenn so einer in nächster Zeit erschlagen aufgefunden wird und man entdeckt am Tatort die Tatwaffe, einen neuen Rechtschreib-Duden, dann können Sie sich die Belohnung für sachdienliche Hinweise abholen. Den habe ich erschlagen. Aber bevor ich zum Schlag aushole, sagt der noch: „Weißt du, ich kann es schon wirklich nicht mehr hören, ich meine das jetzt nicht persönlich, aber es gibt doch weißgott wichtigere Themen, meinst du nicht auch?"
Und in dem Augenblick, in dem ich zuschlagen will, entwaffnet er mich mit der deutschesten aller deutschen Fragen der Deutschen: „Du, sag mal, wann haben die das eigentlich beschlossen? Und wer hat das überhaupt beschlossen? Die können doch das doch nicht einfach über meinen Kopf hinweg beschließen. Und warum hast du mit vorher nichts davon gesagt? Du hörst doch sonst überall das Gras wachsen."
Ich denke, das Grundrecht auf Meinungsfreiheit muß überdacht werden.

(C) Klaus Weinzierl, Marktstraße 20, 80802 München


Ihr Kommentar

 
 Essays     Interview      Leseproben    Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv