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Wo blieb die Haltung?
Ein Erstling mit beträchtlicher Verspätung: 1978 schrieb der
Münchner Autor Hans Pleschinski die Novelle Zerstreuung,
doch bis zur Publikation vergingen 22 Jahre. Gut so, denn erst als aktueller
Leser lässt sich die Stärke dieses kleinen bösen Buches
erahnen, das der Schriftsteller Matthias Politycki im Nachwort als Protokoll
einer sanften Revolution bezeichnet. Eine friedliche Revolution
vor allem, denn Pleschinskis Text ist die Absage an den gesellschaftlichen
Kampf der 68er, weshalb ihn Politycki als eine Speerspitze für
die von ihm selbst ins Leben gerufene 78er Generation begrüßt.
Für die Generation danach.
Pleschinski Protagonisten, einem politisch engagierten Filmemacher in
Bremen, ist Mitte des Jahres 1975 die Haltung abhanden gekommen. Kämpfen,
wofür? Die alten Überzeugungen wirken allmählich ranzig,
an die Stelle von dogmatischen Parolen sind Selbstzweifel getreten und
eine gehörige Portion Überdruss. Der aromalose Westdeutsche
ohne Zutat, der sich politikresistent in kleine Wohlstandsträume
geflüchtet hat, ist offensichtlich nicht aus der Reserve zu locken,
so dass auch dem Kämpfer von einst die Lust am Protest abhanden
gekommen ist. Das Land berührt ihn nicht mehr, er leidet nicht
mal an ihm. Es lässt ihn vollkommen kalt: Aber es ist beleidigend,
was man mir an Umwelt gibt, stöhnt er in seinem Monolog,
die Suche nach Intensität und Authentizität stellt sich in
den Vordergrund. Auch die DDR ist keineswegs ein Alternativland.
Beim Besuch der Verwandten in Stralsund diskutiert er sich mit seiner
kommunistischen Kusine halb zu Tode:
Hätte sie ein passendes Bügeleisen gehabt, hätte sie
sich die ganze Welt zurechtgebügelt. Bei alldem sah sie tatsächlich
glücklich aus. Diese Art Preußen nennen sich stolz SEDler
und zetern präpotent in ihrem Stacheldrahtgehege. Ihre geruchsimmune
Forschheit hat mich zur Weißglut gebracht.
Der graue, laue, unentschlossene Seelenzustand des Protagonisten ändert
sich schlagartig, als er liest, der Zustand, in den ihn die Bundesrepublik
versetzt, ändert sich schlagartig, als er liest, dass der spanische
Diktator Franco im Sterben liegt. Spanien, der alte romantische Traum,
das Land aus Licht und Schatten verheisst ihm die Konstraste, die er
in der Wurstfläche Bundesrepublik nicht mehr finden
kann. So kehrt er dem Land, in dem der Eigenheimbau als Vollendung
der Erdentage gilt, den Rücken und setzt sich in den Zug.
Doch das spanische Versprechen wird nicht eingelöst. Der Protagonist
sucht die Klarheit des Südens und bleibt dennoch in seiner Reiseführerbilderwelt
gefangen. Zwar erahnt er die Strenge des vormodern anmutendes Landes,
bestaunt die ungebremste Geistigkeit auf den Bildern El Grecos , doch
findet er nicht die richtige Haltung.
Was man braucht ist ein elegantes Verhältnis zur Realität.
Was bringt die flügellahme Seriosität ein? Ein Leben als Kartoffel
auf der Gemüsereibe. Das Aristokratische ist ganz abhanden
gekommen: Ich habe zu sehr vergessen, daß ich es bin, der die
Welt belebt.
Ein weiterer Aufbruch schließt sich an, eine Aufbruch in Sinnlichkeit,
Stil und Lebensfreude, ein Aufbruch nach Paris, ein Aufbruch in den
Hedonismus und die Ent-Politisierung, die damals ihre ersten Gehversuche
startete. Die Leichtigkeit und Frische, mit der Pleschinski in seiner
Novelle Orientierungslosigkeit und Selbstzweifel auslotet und die Zerstreuungen
seiner Hauptfigur in die Nähe der Selbstauflösung treibt,
kam jedoch auch der 78er Generation schnell abhanden.
Volker Isfort
Hans Pleschinski
Zerstreuung. Spanische Novelle
13 x 19 Zentimeter, 128 Seiten
32 Mark, 31 234 öS, 31 sFr
Ihr
Kommentar
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