Nr. 29, Oktober 2000
 

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 Pleschinski

 Szenen
 Obersalzberg
 Der Prospekt

 

 

Wo blieb die Haltung?

Ein Erstling mit beträchtlicher Verspätung: 1978 schrieb der Münchner Autor Hans Pleschinski die Novelle „Zerstreuung“, doch bis zur Publikation vergingen 22 Jahre. Gut so, denn erst als aktueller Leser lässt sich die Stärke dieses kleinen bösen Buches erahnen, das der Schriftsteller Matthias Politycki im Nachwort als Protokoll einer „sanften Revolution“ bezeichnet. Eine friedliche Revolution vor allem, denn Pleschinskis Text ist die Absage an den gesellschaftlichen Kampf der 68er, weshalb ihn Politycki als eine Speerspitze für die von ihm selbst ins Leben gerufene 78er Generation begrüßt. Für die Generation danach.

Pleschinski Protagonisten, einem politisch engagierten Filmemacher in Bremen, ist Mitte des Jahres 1975 die Haltung abhanden gekommen. Kämpfen, wofür? Die alten Überzeugungen wirken allmählich ranzig, an die Stelle von dogmatischen Parolen sind Selbstzweifel getreten und eine gehörige Portion Überdruss. Der „aromalose Westdeutsche ohne Zutat“, der sich politikresistent in kleine Wohlstandsträume geflüchtet hat, ist offensichtlich nicht aus der Reserve zu locken, so dass auch dem Kämpfer von einst die Lust am Protest abhanden gekommen ist. Das Land berührt ihn nicht mehr, er leidet nicht mal an ihm. Es lässt ihn vollkommen kalt: „Aber es ist beleidigend, was man mir an Umwelt gibt“, stöhnt er in seinem Monolog, die Suche nach Intensität und Authentizität stellt sich in den Vordergrund. Auch die DDR ist keineswegs ein Alternativland.

Beim Besuch der Verwandten in Stralsund diskutiert er sich mit seiner kommunistischen Kusine halb zu Tode:

Hätte sie ein passendes Bügeleisen gehabt, hätte sie sich die ganze Welt zurechtgebügelt. Bei alldem sah sie tatsächlich glücklich aus. Diese Art Preußen nennen sich stolz SEDler und zetern präpotent in ihrem Stacheldrahtgehege. Ihre geruchsimmune Forschheit hat mich zur Weißglut gebracht.


Der graue, laue, unentschlossene Seelenzustand des Protagonisten ändert sich schlagartig, als er liest, der Zustand, in den ihn die Bundesrepublik versetzt, ändert sich schlagartig, als er liest, dass der spanische Diktator Franco im Sterben liegt. Spanien, der alte romantische Traum, das Land aus Licht und Schatten verheisst ihm die Konstraste, die er in der „Wurstfläche“ Bundesrepublik nicht mehr finden kann. So kehrt er dem Land, „in dem der Eigenheimbau als Vollendung der Erdentage gilt“, den Rücken und setzt sich in den Zug. Doch das spanische Versprechen wird nicht eingelöst. Der Protagonist sucht die Klarheit des Südens und bleibt dennoch in seiner Reiseführerbilderwelt gefangen. Zwar erahnt er die Strenge des vormodern anmutendes Landes, bestaunt die ungebremste Geistigkeit auf den Bildern El Grecos , doch findet er nicht die richtige Haltung.

Was man braucht ist ein elegantes Verhältnis zur Realität. Was bringt die flügellahme Seriosität ein? Ein Leben als Kartoffel auf der Gemüsereibe. – Das Aristokratische ist ganz abhanden gekommen: Ich habe zu sehr vergessen, daß ich es bin, der die Welt belebt.


Ein weiterer Aufbruch schließt sich an, eine Aufbruch in Sinnlichkeit, Stil und Lebensfreude, ein Aufbruch nach Paris, ein Aufbruch in den Hedonismus und die Ent-Politisierung, die damals ihre ersten Gehversuche startete. Die Leichtigkeit und Frische, mit der Pleschinski in seiner Novelle Orientierungslosigkeit und Selbstzweifel auslotet und die Zerstreuungen seiner Hauptfigur in die Nähe der Selbstauflösung treibt, kam jedoch auch der 78er Generation schnell abhanden.

Volker Isfort

Hans Pleschinski
Zerstreuung. Spanische Novelle
13 x 19 Zentimeter, 128 Seiten
32 Mark, 31 234 öS, 31 sFr

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