Nr. 29, Oktober 2000

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Rilkes „Leser"

Man kann den Akt des Lesens mit einem gespaltenen Subjekt erklären, das sich zwischen Welt und Buch aufteilt oder das in seiner Leselust die „Beständigkeit seines Ich" als „gesicherte Kulturarbeit genießt" oder aber, ganz anders, sich - vielleicht lesesüchtig - „in den Rissen des Textes zugleich mit Angst und Genuß verliert" oder aber, wiederum ganz anders, durch die Interaktion zwischen Text und Leser Sinn konstituiert, einen Horizont verschiebt, sich also bleibend verwandelt - oder aber dies alles in den Bildern eines Gedichts von Rilke:


Der Leser

Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wende voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
ob er es ist, er da mit seinem Schatten
Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis
er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Züge, die geordnet waren,
blieben für immer umgestellt.


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