Nr. 29, Oktober 2000

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 Kommentar

 Gastkolumnen

 

 

Hans Pfitzinger

Germslang
oder: Weshalb fällt mir Jean Paul auch noch in den Rücken?

Er hatte ja keine Ahnung, mein großer fränkischer Landsmann. Vor lauter Begeisterung für die französische Kultur veränderte er seinen Namen, nannte sich nicht mehr Johann Paul Friedrich Richter, sondern Jean Paul (wobei er Paul der Überlieferung nach deutsch aussprach, also nicht Pol). Und dann, im Jahr 205 nach der Großen Revolution, tritt diese französische Kultur (genauer gesagt: der daraus hervorgegangene Staat) zum verzweifelten Kampf für den Erhalt ihrer Sprache an. Bis zu sechs Monate Gefängnis drohten in Frankreich jenen Untertanen, die im öffentlichen Gebrauch Fremdwörter benutzen, für die es auch Ausdrücke in der eigenen Sprache gibt.

Endlich! Meine Freude beim Lesen dieser Nachricht war spontan und solidarisch. Trotz aller Vorbehalte gegen staatliche Eingriffe – ein ähnliches Gesetz wider den Ungeist wünschte ich mir hierzulande schon lange. Namen tun ja nichts zur Sache, aber ich würde einer gewissen Klatschkolumnistin der Zeitschrift BUNTE glatt ein Reclam-Bändchen („Schulmeisterlein Wutz" womöglich) in den Aichacher Frauenknast schicken. In früheren Jahren habe ich schon mal Kollegen und -innen per Postkarte auf ihre Vergewaltigung der deutschen Sprache hingewiesen. (Außer über locker-flockige Importe aus der T-Shirt-Kultur regte ich mich auch gern über den Begriff Azubi auf.) Klar, dass man sich damit keine Freunde schafft. Aber ich handle in Notwehr. Meine Schmerzschwelle liegt da wohl etwas tiefer, als bei den meisten Mitmenschen. Inzwischen ist nicht nur das Porto, sondern auch die Zahl der amerikanischen Begriffe im deutschen Sprachgebrauch derart angestiegen, das ich das Verschicken von mahnenden Postkarten aufgeben musste. Doch bevor der Deich vollends bricht, stemme ich mich – die Hochwasseropfer an Mosel, Rhein, Altmühl und Oder mögen mir die Metapher verzeihen – mit dieser Online-Zeitschrift verzweifelt gegen die Flut.

Ja, ich handle in Notwehr. Gelegentlich glaube ich ja, die Schreiber und Texter beharren auf ihrem Tun gar nicht extra, um mir Schmerz zuzufügen. Vielleicht wissen sie es gar nicht anders, weil sie eh nichts lesen, was älter ist als der „Spiegel" dieser Woche. Wie anders könnte sich diese von Giorgio Armani beschneiderte Journalistin denn sonst in meinen Fernseher schleichen und von „Pseudotaffness" faseln, was wohl -toughness geschrieben würde und Härte bedeuten soll? Hat sich denn die gesamte schreibende (und fernsendende) Zunft verschworen, mit dem Ziel, mich zur Weißglut zu bringen? Wie soll ich mir denn die Inflation dieser englisch-amerikanischen Vokabeln erklären, die – häufig auch noch falsch verwendet – allgegenwärtig sind: in Tageszeitungen, Magazinen, Wochenschriften, Werbetexten (Bahn, Lufthansa, Reiseveranstalter), Sportreportagen, Fernsehsendungen, Talg-Shows (so spricht es der Franke aus, korrekt, wie ich meine), Bedienungsanleitungen, Verpackungen und Radiosendungen? Da wird ständig geschrieben und gesprochen von Adventure und von Biken, von Event und Location, von Birthing und Breathing und Walking, von Big Points und genau getimeten Pässen, von Superslowmo und von Riverrafting, da werden Songs und Ereignisse gecovert, nicht die geringsten Selbstzweifel geoutet, TopNews und Tivi for Nature gesendet, da wird eine Zeitschrift mit dem Titel „Fit for Fun" zum Renner, und eine andere heißt „Eltern for Family" (weshalb die dagegen sein sollten, kapier‘ ich eh nicht).

Noch toller treiben Sie es mit Begriffen, die es im englisch-amerikanischen Sprachgebrauch gar nicht gibt: der Talkmaster etwa, der Dressman, der Pullunder oder – gesehen im Untergeschoß des Münchener Hauptbahnhofs –, die Modejuwelery. Oder das Handy (!). Im Sport- und Schaugeschäft feiern sie allüberall die „Shooting Stars", obwohl sie in den meisten Fällen „Rising Stars" meinen. Ersteres erfüllt fast den Tatbestand der Beleidigung, denn eine Sternschnuppe ist bekanntlich sehr, sehr kurzlebig., während das Etikett aufgehender Stern schon eher als Kompliment durchgeht.

Weshalb mich solche Begriffe so ärgern? Vielleicht, weil die meisten der mir lieben Schriftsteller im 19. Jahrhundert geschrieben haben. Will ich mich, als Dank für die Freude, die mir Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Jean Paul, E. T. A. Hoffmann mit ihren Büchern bereitet habe, am Kreuzzug zur Rettung und Erhaltung ihrer bedrohten Sprache beteiligen? Kann schon sein. Bin ich einer jener heimatlosen Linken, die sich – weil sie ihr sorgsam verkapseltes Nationalgefühl nicht anders äußern können – wahnhaft an korrektes Deutsch klammern? Nee, glaub ich eher nicht. Unterschwelliger Anti-Amerikanismus, ohnmächtige Wut, dass die Sieger unsere Kultur und Sprache erfolgreich kolonialisiert haben? Nicht ganz daneben.

Wobei ich den Siegern/Befreiern weniger Vorwürfe mache, als den bereitwillig kuschenden Besiegten, die in Personalunion zuvor die Mitläufer wild gewordener Radikalgermanisierer waren. Denn wie der Höhlenbewohner mit dem Bärenblut die Stärke des Gegners aufzunehmen glaubte, hofft auch der Unterdrückte stark zu werden wie der Unterdrücker, wenn er die Siegersprache und -kultur übernimmt. Der mich quälende Mensch am Schreibcomputer will deutlich machen, dass er dazugehört, zu den jungen, dynamischen, frischwärts cleanen Success-Typen, der young generation von C & A, die den endkapitalistischen Frohsinn verkörpern. It‘s the taste – der Geschmack von Macht, versteht sich, von Potenz und Jugend = Stärke. (An einer Bushaltestelle die Werbung für „Lila Pause": Crisp wie nie! Und beim Kaufen und Knuspern durfte man dann zur Belohnung an die kräftigen Oberschenkel der schnell schwimmenden Franziska von Almsick denken.)
Ja, ich gebe es zu: Ich fühle mich unterdrückt von dieser weltumspannenden, amerikanisch daherkommenden Mentalität des Macht-euch-die-Erde-untertan-Kommerzes. Ich fühle mich angezogen von Kulturen, die in Harmonie mit der Natur zu leben versuchen. Den gedankenlosen Benützern von Germslang erkläre ich deshalb: Ihr seid meine politischen Feinde! Dabei berufe ich mich auf einen Autor namens Lewis Carroll und sein Buch „Alice im Wunderland". Zugegeben, Mr. Carroll ist kein Deutscher, aber seine Schrift wurde recht sorgfältig übersetzt. In ihr las ich über den Zusammenhang zwischen Wort und Politik: Wer die Definitionen hat, erfährt Alice, hat die Macht. Auch wenn sie es nicht wissen, jene Sprachverhunzer, sie sind allesamt am Kampf um Definitionen beteiligt, und ich stehe da rigoros auf der anderen Seite, nämlich auf meiner.

Sogar mein großer fränkischer Landsmann lässt mich in Stich, verharmlost, beschwichtigt, spielt das Problem herunter, spricht von „der Unart, alles verdeutschen zu wollen." Was er wohl im Jahr 1994 zum „Wörterbuch der offiziellen Ausdrücke der französischen Sprache" gesagt hätte, in dem der air bag zum sac gonflable wird? Wir werden es nie wissen, weshalb ich wenigstens eine Äußerung Jean Pauls aus dem Jahre 1796 zitieren möchte: „An und für sich ists doch einerlei – umso mehr, da alle Sprachen wie alle Menschen miteinander verschwistert und verschwägert sind –, ob ein Wilder oder ein Ausländer ein Wort erfand, ob es wie Moos unter den deutschen Wäldern aufwuchs oder wie Festungsgras in den Pflastersteinen des römischen Forums." Aha. Doch Herr Richter sprach von der Lateinisierung des Deutschen. Hätte er je die illustrierte Zeitschrift „Stern" oder eine einzige Ausgabe der Münchener Abendzeitung aufgeschlagen, würde er sich dann noch über mich lustig machen, der Vorfahr? Jedenfalls höhnt er: „... als wenn ein Wort sich um eine bessere Naturalisationsakte zu bewerben hätte, als die ihm seine allgemeine Verständlichkeit erteilt." Der Dolchstoß gegen die eigene Sprache, Herr Paul? Nein, ich glaube eher, er konnte einfach nicht ahnen, wie schlimm es einmal werden würde, in Frankreich und Deutschland, konnte nicht wissen, womit mich diese – im besten Fall nur doofen – Quassler und Schmierer 200 Jahre später tagtäglich quälen würden. Dass wir mit all den happy fashion victims auf ihren Inline-Skates, am Ohr den Walkman, die überseeischen Vetterbegriffe wieder heim ins Reich der germanischen Sprachen holen, mag andere trösten.
Jean Paul konnte ja damals gar keine Ahnung haben.

Ihr Kommentar



Jan Ulrich Hasecke

Betreutes Saufen

Ich bin im Moment so richtig stolz auf meine deutschen Mitbürger. Die ganze Gesellschaft scheint durch und durch human geworden zu sein. Da ermorden die Neonazis am laufenden Band wehrlose Menschen auf die so ziemlich abstoßendste Art, nämlich in Horden zu fünf bis zehn feigen Mördern, und nirgends schallt mir der markige Ruf nach der Todesstrafe entgegen. Das war damals, als die RAF einen Arbeitgeberpräsidenten ermordete, mit dem der durchschnittliche Stammtisch-Deutsche nicht mehr gemein hatte als die braune Vergangenheit, noch ganz anders. Damals gebärdete man sich ebenso hemdsärmlig wie ein texanischer Gouverneur: Lieber gleich ein paar Todesurteile mehr vollstrecken, als dass einer ungeschoren davon kommt. Heute, 30 Jahre später ist Deutschland eine wahrhaft zivilisierte Gesellschaft geworden. Nun will die schweigende Mehrheit die Mörder nicht mehr auf der Flucht erschießen. Nein, die Neonazis will man mit Zivilcourage, rechten Jugendtreffs und betreutem Trinken in die Gemeinschaft der Stammtische integrieren. Dabei haben wir die Rechtsradikalen in den letzten Jahren dermaßen effektiv in die Gesellschaft integriert, dass sie nun mitten unter uns sind.

Am Wochenende war ich beispielsweise auf einer ganz normalen Party. Anwesend waren nur lauter nette, gut gekleidete, beruflich erfolgreiche Leute um die Dreißig. Da fehlte es natürlich auch nicht an der werdenden Mutter, die die aktuelle Ultraschallaufnahme ihres Babys herumreichte und mit anderen jungen Frauen über den zukünftigen Namen ihres Kindes sprach: Friedrich Wilhelm Maximilian. Es überraschte mich ein wenig, dass diese Namenswahl anscheinend keine Überraschung auslöste. Immerhin aber war man sich einig, dass man das dem deutschen Volk geschenkte Kind in den ersten Jahren wohl »Friwi« rufen wolle, weil Friedrich Wilhelm dann doch zu bombastisch sei. Ich wollte die Frau schon voller Begeisterung fragen, ob man sich mit diesem Namen vom Nationalsozialismus distanzieren wolle, um gleich nahtlos an die Dolchstoßlegende anzuknüpfen. Aber ich ließ das dann doch sein, weil es zu weit geführt hätte, den Anwesenden die politischen Feinheiten am Ende des Ersten Weltkriegs zu erläutern.

Aber da sind ja nicht nur die fast schon kafkaesk zu nennenden Momente des täglichen Lebens. Da wäre ja noch ein Roland Koch, den man nun wirklich nicht als rechtsradikale Randfigur bezeichnen kann. Im Gegenteil, Roland Koch sitzt dank seiner ausländerfeindlichen Wahlkampagne mitten im Zentrum der Macht. Und wir wollen auch nicht einen gewissen Clemens Reif vergessen, seines Zeichens CDU-Abgeordneter, den man nun endlich auch kennen gelernt hat, als er in einer Debatte über die kriminellen Machenschaften seiner Partei dem Abgeordneten der Grünen Tarek Al Wazir zugerufen hat, er solle doch zurück nach Sanaa gehen. Zwar bestritt Reif dies nachher, aber besonders zerknirscht wirkte er nicht, als er im Fernsehen sagte, er habe nur gerufen: »Ein Student aus Sanaa!« Und das sei schließlich die Wahrheit und nicht ausländerfeindlich.

Das Perfide am rechten Terror in Deutschland ist, dass seine Organisationsstrukturen rhizomatischer sind, als Deleuze und Guattari es sich je vorstellen konnten. Während die Rassisten in den Landtagen und an den Stammtischen unbehelligt ihre harmlosen Witze und parlamentarischen Zwischenrufe machen können, frisst sich das braune Gedankengut rhizomatisch durch die deutsche Scholle, um überall im Land hervorzubrechen und eine blutige Spur aus Mord und Terror hinter sich herzuziehen. Und anstatt Stammheim um einen rechten Flügel zu erweitern, bringt man das ganze abschreckende Arsenal der Sozialpädagogik gegen den rechten Terror in Stellung.

Aber ich möchte noch einmal auf Friedrich Wilhelm zurückkommen. Ich fürchte, dass er in der Schule wegen seines Namens ebenso wenig auffallen wird, wie die Henrys und Jeanines in der DDR. So muffig die DDR auch immer gewesen sein mag, die Sehnsucht der Menschen nach einem kleinen kosmopolitischen Lichtblick im grauen Alltag ist mir wesentlich sympathischer als der Ungeist, der in Friedrich Wilhelm zum Ausdruck kommt. Aber diesen Ungeist werden wir ja bald mit Jugendprojekten und betreutem Saufen in die Flasche zurückgedrängt haben.

(c) Jan Ulrich Hasecke (Alle Rechte vorbehalten.)

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