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Hans Pfitzinger Germslang Er hatte ja keine Ahnung, mein großer fränkischer Landsmann. Vor lauter Begeisterung für die französische Kultur veränderte er seinen Namen, nannte sich nicht mehr Johann Paul Friedrich Richter, sondern Jean Paul (wobei er Paul der Überlieferung nach deutsch aussprach, also nicht Pol). Und dann, im Jahr 205 nach der Großen Revolution, tritt diese französische Kultur (genauer gesagt: der daraus hervorgegangene Staat) zum verzweifelten Kampf für den Erhalt ihrer Sprache an. Bis zu sechs Monate Gefängnis drohten in Frankreich jenen Untertanen, die im öffentlichen Gebrauch Fremdwörter benutzen, für die es auch Ausdrücke in der eigenen Sprache gibt. Endlich! Meine Freude beim Lesen dieser Nachricht war spontan und solidarisch. Trotz aller Vorbehalte gegen staatliche Eingriffe ein ähnliches Gesetz wider den Ungeist wünschte ich mir hierzulande schon lange. Namen tun ja nichts zur Sache, aber ich würde einer gewissen Klatschkolumnistin der Zeitschrift BUNTE glatt ein Reclam-Bändchen (Schulmeisterlein Wutz" womöglich) in den Aichacher Frauenknast schicken. In früheren Jahren habe ich schon mal Kollegen und -innen per Postkarte auf ihre Vergewaltigung der deutschen Sprache hingewiesen. (Außer über locker-flockige Importe aus der T-Shirt-Kultur regte ich mich auch gern über den Begriff Azubi auf.) Klar, dass man sich damit keine Freunde schafft. Aber ich handle in Notwehr. Meine Schmerzschwelle liegt da wohl etwas tiefer, als bei den meisten Mitmenschen. Inzwischen ist nicht nur das Porto, sondern auch die Zahl der amerikanischen Begriffe im deutschen Sprachgebrauch derart angestiegen, das ich das Verschicken von mahnenden Postkarten aufgeben musste. Doch bevor der Deich vollends bricht, stemme ich mich die Hochwasseropfer an Mosel, Rhein, Altmühl und Oder mögen mir die Metapher verzeihen mit dieser Online-Zeitschrift verzweifelt gegen die Flut. Ja, ich handle in Notwehr. Gelegentlich glaube ich ja, die Schreiber und Texter beharren auf ihrem Tun gar nicht extra, um mir Schmerz zuzufügen. Vielleicht wissen sie es gar nicht anders, weil sie eh nichts lesen, was älter ist als der Spiegel" dieser Woche. Wie anders könnte sich diese von Giorgio Armani beschneiderte Journalistin denn sonst in meinen Fernseher schleichen und von Pseudotaffness" faseln, was wohl -toughness geschrieben würde und Härte bedeuten soll? Hat sich denn die gesamte schreibende (und fernsendende) Zunft verschworen, mit dem Ziel, mich zur Weißglut zu bringen? Wie soll ich mir denn die Inflation dieser englisch-amerikanischen Vokabeln erklären, die häufig auch noch falsch verwendet allgegenwärtig sind: in Tageszeitungen, Magazinen, Wochenschriften, Werbetexten (Bahn, Lufthansa, Reiseveranstalter), Sportreportagen, Fernsehsendungen, Talg-Shows (so spricht es der Franke aus, korrekt, wie ich meine), Bedienungsanleitungen, Verpackungen und Radiosendungen? Da wird ständig geschrieben und gesprochen von Adventure und von Biken, von Event und Location, von Birthing und Breathing und Walking, von Big Points und genau getimeten Pässen, von Superslowmo und von Riverrafting, da werden Songs und Ereignisse gecovert, nicht die geringsten Selbstzweifel geoutet, TopNews und Tivi for Nature gesendet, da wird eine Zeitschrift mit dem Titel Fit for Fun" zum Renner, und eine andere heißt Eltern for Family" (weshalb die dagegen sein sollten, kapier ich eh nicht). Noch toller treiben Sie es mit Begriffen, die es im englisch-amerikanischen Sprachgebrauch gar nicht gibt: der Talkmaster etwa, der Dressman, der Pullunder oder gesehen im Untergeschoß des Münchener Hauptbahnhofs , die Modejuwelery. Oder das Handy (!). Im Sport- und Schaugeschäft feiern sie allüberall die Shooting Stars", obwohl sie in den meisten Fällen Rising Stars" meinen. Ersteres erfüllt fast den Tatbestand der Beleidigung, denn eine Sternschnuppe ist bekanntlich sehr, sehr kurzlebig., während das Etikett aufgehender Stern schon eher als Kompliment durchgeht. Weshalb mich solche Begriffe so ärgern? Vielleicht, weil die meisten der mir lieben Schriftsteller im 19. Jahrhundert geschrieben haben. Will ich mich, als Dank für die Freude, die mir Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Jean Paul, E. T. A. Hoffmann mit ihren Büchern bereitet habe, am Kreuzzug zur Rettung und Erhaltung ihrer bedrohten Sprache beteiligen? Kann schon sein. Bin ich einer jener heimatlosen Linken, die sich weil sie ihr sorgsam verkapseltes Nationalgefühl nicht anders äußern können wahnhaft an korrektes Deutsch klammern? Nee, glaub ich eher nicht. Unterschwelliger Anti-Amerikanismus, ohnmächtige Wut, dass die Sieger unsere Kultur und Sprache erfolgreich kolonialisiert haben? Nicht ganz daneben. Wobei ich den Siegern/Befreiern weniger Vorwürfe mache, als den
bereitwillig kuschenden Besiegten, die in Personalunion zuvor die Mitläufer
wild gewordener Radikalgermanisierer waren. Denn wie der Höhlenbewohner
mit dem Bärenblut die Stärke des Gegners aufzunehmen glaubte,
hofft auch der Unterdrückte stark zu werden wie der Unterdrücker,
wenn er die Siegersprache und -kultur übernimmt. Der mich quälende
Mensch am Schreibcomputer will deutlich machen, dass er dazugehört,
zu den jungen, dynamischen, frischwärts cleanen Success-Typen,
der young generation von C & A, die den endkapitalistischen Frohsinn
verkörpern. Its the taste der Geschmack von Macht,
versteht sich, von Potenz und Jugend = Stärke. (An einer Bushaltestelle
die Werbung für Lila Pause": Crisp wie nie! Und beim
Kaufen und Knuspern durfte man dann zur Belohnung an die kräftigen
Oberschenkel der schnell schwimmenden Franziska von Almsick denken.) Sogar mein großer fränkischer Landsmann lässt mich
in Stich, verharmlost, beschwichtigt, spielt das Problem herunter, spricht
von der Unart, alles verdeutschen zu wollen." Was er wohl
im Jahr 1994 zum Wörterbuch der offiziellen Ausdrücke
der französischen Sprache" gesagt hätte, in dem der air
bag zum sac gonflable wird? Wir werden es nie wissen, weshalb ich wenigstens
eine Äußerung Jean Pauls aus dem Jahre 1796 zitieren möchte:
An und für sich ists doch einerlei umso mehr, da alle
Sprachen wie alle Menschen miteinander verschwistert und verschwägert
sind , ob ein Wilder oder ein Ausländer ein Wort erfand,
ob es wie Moos unter den deutschen Wäldern aufwuchs oder wie Festungsgras
in den Pflastersteinen des römischen Forums." Aha. Doch Herr
Richter sprach von der Lateinisierung des Deutschen. Hätte er je
die illustrierte Zeitschrift Stern" oder eine einzige Ausgabe
der Münchener Abendzeitung aufgeschlagen, würde er sich dann
noch über mich lustig machen, der Vorfahr? Jedenfalls höhnt
er: ... als wenn ein Wort sich um eine bessere Naturalisationsakte
zu bewerben hätte, als die ihm seine allgemeine Verständlichkeit
erteilt." Der Dolchstoß gegen die eigene Sprache, Herr Paul?
Nein, ich glaube eher, er konnte einfach nicht ahnen, wie schlimm es
einmal werden würde, in Frankreich und Deutschland, konnte nicht
wissen, womit mich diese im besten Fall nur doofen Quassler
und Schmierer 200 Jahre später tagtäglich quälen würden.
Dass wir mit all den happy fashion victims auf ihren Inline-Skates,
am Ohr den Walkman, die überseeischen Vetterbegriffe wieder heim
ins Reich der germanischen Sprachen holen, mag andere trösten.
Betreutes Saufen Ich bin im Moment so richtig stolz auf meine deutschen Mitbürger.
Die ganze Gesellschaft scheint durch und durch human geworden zu sein.
Da ermorden die Neonazis am laufenden Band wehrlose Menschen auf die
so ziemlich abstoßendste Art, nämlich in Horden zu fünf
bis zehn feigen Mördern, und nirgends schallt mir der markige Ruf
nach der Todesstrafe entgegen. Das war damals, als die RAF einen Arbeitgeberpräsidenten
ermordete, mit dem der durchschnittliche Stammtisch-Deutsche nicht mehr
gemein hatte als die braune Vergangenheit, noch ganz anders. Damals
gebärdete man sich ebenso hemdsärmlig wie ein texanischer
Gouverneur: Lieber gleich ein paar Todesurteile mehr vollstrecken, als
dass einer ungeschoren davon kommt. Heute, 30 Jahre später ist
Deutschland eine wahrhaft zivilisierte Gesellschaft geworden. Nun will
die schweigende Mehrheit die Mörder nicht mehr auf der Flucht erschießen.
Nein, die Neonazis will man mit Zivilcourage, rechten Jugendtreffs und
betreutem Trinken in die Gemeinschaft der Stammtische integrieren. Dabei
haben wir die Rechtsradikalen in den letzten Jahren dermaßen effektiv
in die Gesellschaft integriert, dass sie nun mitten unter uns sind. Aber da sind ja nicht nur die fast schon kafkaesk zu nennenden Momente
des täglichen Lebens. Da wäre ja noch ein Roland Koch, den
man nun wirklich nicht als rechtsradikale Randfigur bezeichnen kann.
Im Gegenteil, Roland Koch sitzt dank seiner ausländerfeindlichen
Wahlkampagne mitten im Zentrum der Macht. Und wir wollen auch nicht
einen gewissen Clemens Reif vergessen, seines Zeichens CDU-Abgeordneter,
den man nun endlich auch kennen gelernt hat, als er in einer Debatte
über die kriminellen Machenschaften seiner Partei dem Abgeordneten
der Grünen Tarek Al Wazir zugerufen hat, er solle doch zurück
nach Sanaa gehen. Zwar bestritt Reif dies nachher, aber besonders zerknirscht
wirkte er nicht, als er im Fernsehen sagte, er habe nur gerufen: »Ein
Student aus Sanaa!« Und das sei schließlich die Wahrheit
und nicht ausländerfeindlich. |
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