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Literarischer Traum Mitteleuropa
Interview mit György Dalos
Mittlerweile sind elf Jahre seit der politischen Wende in Mittel-
und Osteuropa vergangen. Wie würden Sie die heutigen Schreibbedingungen
der ungarischen Autoren beschreiben? Welche Rolle spielt die Literatur
im heutigen Ungarn?
Das ist eine ziemlich komplexe Frage, denn einerseits
hat die Literatur mit dem Jahr 1989 ihre vollständige Freiheit
erworben, und andererseits ist diese Freiheit mit einer Armut verbunden
und mit einem relativen Verlust der eigenen Bedeutung und Akzeptanz.
Akzeptanz von außen und Bedeutung auch für sich selbst. Die
Literatur befindet sich in einer sehr komplexen Lage und es ist wirklich
ein Wunder, dass die Kontinuität des literarischen Prozesses doch
ungefährdet - relativ ungefährdet - aus diesen sehr schweren
Jahren herausgekommen ist. Es wird regelmäßig produziert,
es gibt so etwas wie ein literarisches Leben, und es ist, wenn auch
in einem viel bescheideneren Maße als früher, doch präsent.
Haben die Autoren nicht von der neuen Freiheit profitiert? Es gibt
eigentlich keine Zensur mehr. Oder man rechnet nicht mehr mit Zensur?
Doch,
sie haben profitiert. Diese Zensur war in diesen letzten elf Jahren
nicht mehr so scharf wie früher. Sie betraf vor allem einige, wenige
Tabu-Themen, die viele Literaten auch gar nicht interessiert hatten.
Allerdings fehlt jetzt diese für sozialistische Staaten spezifische
Beteiligung des Staates an dem literarischen Prozess. Es gibt immer
wieder Unterstützungen, Förderungen und Sponsorengelder für
die Literatur. Was es aber nicht mehr gibt seit 1989, das ist die staatliche
Garantie für ihre Existenz. Und das ist eine ganz neue Lebensweise
für die Literatur. Und die Autorinnen und Autoren fühlen sich
sehr oft ausgeliefert.
... dem Markt wahrscheinlich?
... dem Markt ausgeliefert. Es
gibt noch etwas, was vielleicht nicht direkt mit der Wende zusammenhängt.
Das ist das, was man gemeinhin als Strukturwandel der Öffentlichkeit
nennt. Vor allem die neuen Medien spielen jetzt eine Rolle, die das
ganze Terrain, das ganze Umfeld der Literatur verändert.
Sie gehören zu den bekanntesten ungarischen Schriftstellern
und Essayisten im deutschsprachigen Raum. In Ihrem Aufsatz »Deutschland,
Deutschländer«, 1996 veröffentlicht, schreiben Sie über
Ihre biografische Verbundenheit zu Deutschland und Ihr Interesse an
deutschen Themen. Eines dieser Themen sind die Ost-West-Spannungen innerhalb
der heutigen Bundesrepublik, die, wie Sie darlegen, durch einen Beitrag
Ungarns gemildert werden könnten. Worin könnte diese Vermittlungsrolle
Ungarns bestehen?
Also ich habe es ein bisschen ironisch gemeint,
als ich über diese Spannungen schrieb, weil Ungarn doch eine Art
Mitverantwortung durch die Grenzöffnung 1989 dafür trägt.
Ich glaube aber ganz ernsthaft, dass die Erfahrungen der ungarischen
Gesellschaft denjenigen der ehemaligen DDR ähnlich sind und diese
ähnlichen Erfahrungen könnten vielleicht doch dazu beitragen,
etwas mehr Verständnis für die Psyche der Ostdeutschen zu
haben, da deren Mentalität heute ähnlicher der ungarischen
und polnischen als der westdeutschen ist. Und vieles was hier einfach
als Finanzproblem reflektiert wird, gehört auf eine andere Ebene.
Das ist eher eine sozialpsychologische Ebene. Und das meine ich, wenn
ich sage, dass wir Ungarn einiges dazu erklären könnten, was
den Ostdeutschen fehlt.
Seit 1995 leben Sie als Leiter des Kulturinstituts Haus Ungarn
in Berlin. Welche Aufgaben hat dieses Institut? Ist es vergleichbar
mit dem Goethe-Institut?
Es ist vergleichbar, allerdings Ungarn hat
insgesamt nur 14 solcher Auslandsinstitute, die auch vielleicht etwas
schlechter bestückt sind als die Goethe-Institute und die wiederum
beschweren sich auch wegen der Kürzungen. Also die 14 Institute
entsprechen teilweise dem alten Modell, das es in fast allen Ostblock-Staaten
gab. Das waren ursprünglich Institute, die durch Veranstaltungen
die Kultur des Landes vermitteln sollten, quasi halbdiplomatische Einrichtungen.
Jetzt ist das Berliner ungarische Kulturinstitut etwas ganz anderes
geworden. Wir versuchen, die ungarische Kultur dort zu unterstützen,
wo sie gegenwärtig ist, das heißt wir sehen unsere Rolle
nicht so sehr in den Veranstaltungen, die wir selbstverständlich
auch regelmäßig haben, sondern in einer Managertätigkeit
für die Kultur, zusammen mit ausländischen oder mit deutschen
Institutionen, wie im Falle der 51. Frankfurter Buchmesse mit dem Länderschwerpunkt
Ungarn.
Kann man sich darunter vorstellen, dass z. B. Konferenzen stattfinden
oder Lesungen?
Was 1999 in Frankfurt in Bewegung kam, das ist in
unserem Haus entwickelt worden. Und wir haben eine Buchbörse für
deutsche Verlage organisiert. Außerdem gestalten wir literarische
Programme gemeinsam mit den deutschen Verlagen ungarischer Autoren und
ungarische Image-Programme. Zum Beispiel 1998 hatten wir eine sehr erfolgreiche
Ausstellung. Wir denken oft an Piroschka, das Ungarn-Bild
der Deutschen. Und das war ein Versuch, dieses Ungarn-Bild, aber auch
das Bild der Ungarn von sich selbst ein bisschen »ironisch«
- mit wohlwollender Ironie - zu karikieren. Jetzt haben wir eine selbstironische
Ausstellung Rot-weiß-grün, das ist von einer
ungarischen, sogenannten Visuellen Fundgrube, so heißt
die Stiftung, organisiert worden. Seit hundert Jahren wurden verschiedene
Gegenstände, die diese emblematischen ungarischen Farben an sich
tragen, gesammelt. Und das ist wirklich eine sehr lukrative Ausstellung.
Also fast ohne Kommentar zeigen wir, wie seit hundert Jahren die unterschiedlichen
ideologischen Strömungen, Institutionen einzelne Menschen diese
Trikolore gesehen und gezeigt haben.
Aus persönlicher Erfahrung kennen Sie die Städte Budapest,
Wien und Berlin. Glauben Sie, dass der Begriff Mitteleuropa
in unserer Zeit eine kulturelle Bedeutung hat, oder ist er nur noch
im Wetterbericht fassbar?
Ich habe den Eindruck, dass an Mitteleuropa vor allem die ehemaligen
Ostblock-Länder interessiert waren, als diese Diskussion begann.
Milan Kundera und György Konrad haben den Diskurs begonnen. Und
von westlicher Seite war das eher für ein paar, sprich ausgewählte,
hervorragende Intellektuelle wie Enzensberger oder in den USA Susan
Sontag, interessant, die darin die wirkliche Chance sahen, die kleinen
ostmitteleuropäischen Länder aus dem kulturellen Griff der
damaligen Sowjetunion zu befreien. Heute ist es um dieses Thema ziemlich
still geworden, was vielleicht damit zusammenhängt, dass die Sorgen
der EU in einer dramatischen Weise lediglich auf einige Länder
in unserer Region konzentriert sind.
Das heißt, Mitteleuropa ist weiterhin eine Art
alter oder ausgeträumter Traum?
Nicht ausgeträumt. Aber
auch nicht verwirklicht. Das ist ein ziemlich literarischer Traum. Man
kann vielleicht immer noch gute Bücher in dieser Tradition verfassen.
Und man kann aber zu wenig politischen oder kulturellen Gewinn ziehen
aus diesem Thema.
Haben Ihre langjährigen Auslandsaufenthalte Ihr Schreiben beeinflusst?
In welcher Sprache schreiben Sie?
Ich habe durch diese Auslandsaufenthalte angefangen, Essays und
Aufsätze in deutscher Sprache zu schreiben. Allerdings bin ich
nicht so heroisch wie die verstorbene Kollegin Libuse Monikova, die
auch Belletristik auf deutsch zu schreiben wagte. Romane und Erzählungen
schreibe ich ungarisch. Zuletzt sind zwei Bücher von mir erschienen.
Eines davon, einen Roman mit dem Titel Der Gottsucher, der beim
Insel Verlag [ISBN 3-458-16968-7] herausgekommen ist, habe ich auf ungarisch
geschrieben und dann ins Deutsche mitübersetzt. Das zweite Buch
ist Olga - Pasternaks letzte Liebe, ein Essay-Roman. Dieses Buch
habe ich auf deutsch geschrieben und es ist bei der Europäischen
Verlagsanstalt in Hamburg [ISBN 3-434-50423-0] erschienen.
Das Interview führten Volkmar von Pechstaedt und
Harris Dzajic bereits am 20. April 1999, es wurde am 11. September 2000
aktualisiert.
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