Nr. 29, Oktober 2000

 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

   
Interview
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
   

 

Literarischer Traum Mitteleuropa

Interview mit György Dalos

Mittlerweile sind elf Jahre seit der politischen Wende in Mittel- und Osteuropa vergangen. Wie würden Sie die heutigen Schreibbedingungen der ungarischen Autoren beschreiben? Welche Rolle spielt die Literatur im heutigen Ungarn?
Das ist eine ziemlich komplexe Frage, denn einerseits hat die Literatur mit dem Jahr 1989 ihre vollständige Freiheit erworben, und andererseits ist diese Freiheit mit einer Armut verbunden und mit einem relativen Verlust der eigenen Bedeutung und Akzeptanz. Akzeptanz von außen und Bedeutung auch für sich selbst. Die Literatur befindet sich in einer sehr komplexen Lage und es ist wirklich ein Wunder, dass die Kontinuität des literarischen Prozesses doch ungefährdet - relativ ungefährdet - aus diesen sehr schweren Jahren herausgekommen ist. Es wird regelmäßig produziert, es gibt so etwas wie ein literarisches Leben, und es ist, wenn auch in einem viel bescheideneren Maße als früher, doch präsent.

Haben die Autoren nicht von der neuen Freiheit profitiert? Es gibt eigentlich keine Zensur mehr. Oder man rechnet nicht mehr mit Zensur?
Doch, sie haben profitiert. Diese Zensur war in diesen letzten elf Jahren nicht mehr so scharf wie früher. Sie betraf vor allem einige, wenige Tabu-Themen, die viele Literaten auch gar nicht interessiert hatten. Allerdings fehlt jetzt diese für sozialistische Staaten spezifische Beteiligung des Staates an dem literarischen Prozess. Es gibt immer wieder Unterstützungen, Förderungen und Sponsorengelder für die Literatur. Was es aber nicht mehr gibt seit 1989, das ist die staatliche Garantie für ihre Existenz. Und das ist eine ganz neue Lebensweise für die Literatur. Und die Autorinnen und Autoren fühlen sich sehr oft ausgeliefert.

... dem Markt wahrscheinlich?
... dem Markt ausgeliefert. Es gibt noch etwas, was vielleicht nicht direkt mit der Wende zusammenhängt. Das ist das, was man gemeinhin als ›Strukturwandel der Öffentlichkeit‹ nennt. Vor allem die neuen Medien spielen jetzt eine Rolle, die das ganze Terrain, das ganze Umfeld der Literatur verändert.

Sie gehören zu den bekanntesten ungarischen Schriftstellern und Essayisten im deutschsprachigen Raum. In Ihrem Aufsatz »Deutschland, Deutschländer«, 1996 veröffentlicht, schreiben Sie über Ihre biografische Verbundenheit zu Deutschland und Ihr Interesse an deutschen Themen. Eines dieser Themen sind die Ost-West-Spannungen innerhalb der heutigen Bundesrepublik, die, wie Sie darlegen, durch einen Beitrag Ungarns gemildert werden könnten. Worin könnte diese Vermittlungsrolle Ungarns bestehen?
Also ich habe es ein bisschen ironisch gemeint, als ich über diese Spannungen schrieb, weil Ungarn doch eine Art Mitverantwortung durch die Grenzöffnung 1989 dafür trägt. Ich glaube aber ganz ernsthaft, dass die Erfahrungen der ungarischen Gesellschaft denjenigen der ehemaligen DDR ähnlich sind und diese ähnlichen Erfahrungen könnten vielleicht doch dazu beitragen, etwas mehr Verständnis für die Psyche der Ostdeutschen zu haben, da deren Mentalität heute ähnlicher der ungarischen und polnischen als der westdeutschen ist. Und vieles was hier einfach als Finanzproblem reflektiert wird, gehört auf eine andere Ebene. Das ist eher eine sozialpsychologische Ebene. Und das meine ich, wenn ich sage, dass wir Ungarn einiges dazu erklären könnten, was den Ostdeutschen fehlt.

Seit 1995 leben Sie als Leiter des Kulturinstituts ›Haus Ungarn‹ in Berlin. Welche Aufgaben hat dieses Institut? Ist es vergleichbar mit dem Goethe-Institut?
Es ist vergleichbar, allerdings Ungarn hat insgesamt nur 14 solcher Auslandsinstitute, die auch vielleicht etwas schlechter bestückt sind als die Goethe-Institute und die wiederum beschweren sich auch wegen der Kürzungen. Also die 14 Institute entsprechen teilweise dem alten Modell, das es in fast allen Ostblock-Staaten gab. Das waren ursprünglich Institute, die durch Veranstaltungen die Kultur des Landes vermitteln sollten, quasi halbdiplomatische Einrichtungen. Jetzt ist das Berliner ungarische Kulturinstitut etwas ganz anderes geworden. Wir versuchen, die ungarische Kultur dort zu unterstützen, wo sie gegenwärtig ist, das heißt wir sehen unsere Rolle nicht so sehr in den Veranstaltungen, die wir selbstverständlich auch regelmäßig haben, sondern in einer Managertätigkeit für die Kultur, zusammen mit ausländischen oder mit deutschen Institutionen, wie im Falle der 51. Frankfurter Buchmesse mit dem Länderschwerpunkt Ungarn.

Kann man sich darunter vorstellen, dass z. B. Konferenzen stattfinden oder Lesungen?
Was 1999 in Frankfurt in Bewegung kam, das ist in unserem Haus entwickelt worden. Und wir haben eine Buchbörse für deutsche Verlage organisiert. Außerdem gestalten wir literarische Programme gemeinsam mit den deutschen Verlagen ungarischer Autoren und ungarische Image-Programme. Zum Beispiel 1998 hatten wir eine sehr erfolgreiche Ausstellung. Wir denken oft an ›Piroschka‹, das Ungarn-Bild der Deutschen. Und das war ein Versuch, dieses Ungarn-Bild, aber auch das Bild der Ungarn von sich selbst ein bisschen »ironisch« - mit wohlwollender Ironie - zu karikieren. Jetzt haben wir eine selbstironische Ausstellung ›Rot-weiß-grün‹, das ist von einer ungarischen, sogenannten ›Visuellen Fundgrube‹, so heißt die Stiftung, organisiert worden. Seit hundert Jahren wurden verschiedene Gegenstände, die diese emblematischen ungarischen Farben an sich tragen, gesammelt. Und das ist wirklich eine sehr lukrative Ausstellung. Also fast ohne Kommentar zeigen wir, wie seit hundert Jahren die unterschiedlichen ideologischen Strömungen, Institutionen einzelne Menschen diese Trikolore gesehen und gezeigt haben.

Aus persönlicher Erfahrung kennen Sie die Städte Budapest, Wien und Berlin. Glauben Sie, dass der Begriff ›Mitteleuropa‹ in unserer Zeit eine kulturelle Bedeutung hat, oder ist er nur noch im Wetterbericht fassbar?
Ich habe den Eindruck, dass an Mitteleuropa vor allem die ehemaligen Ostblock-Länder interessiert waren, als diese Diskussion begann. Milan Kundera und György Konrad haben den Diskurs begonnen. Und von westlicher Seite war das eher für ein paar, sprich ausgewählte, hervorragende Intellektuelle wie Enzensberger oder in den USA Susan Sontag, interessant, die darin die wirkliche Chance sahen, die kleinen ostmitteleuropäischen Länder aus dem kulturellen Griff der damaligen Sowjetunion zu befreien. Heute ist es um dieses Thema ziemlich still geworden, was vielleicht damit zusammenhängt, dass die Sorgen der EU in einer dramatischen Weise lediglich auf einige Länder in unserer Region konzentriert sind.

Das heißt, ›Mitteleuropa‹ ist weiterhin eine Art alter oder ausgeträumter Traum?
Nicht ausgeträumt. Aber auch nicht verwirklicht. Das ist ein ziemlich literarischer Traum. Man kann vielleicht immer noch gute Bücher in dieser Tradition verfassen. Und man kann aber zu wenig politischen oder kulturellen Gewinn ziehen aus diesem Thema.

Haben Ihre langjährigen Auslandsaufenthalte Ihr Schreiben beeinflusst? In welcher Sprache schreiben Sie?
Ich habe durch diese Auslandsaufenthalte angefangen, Essays und Aufsätze in deutscher Sprache zu schreiben. Allerdings bin ich nicht so heroisch wie die verstorbene Kollegin Libuse Monikova, die auch Belletristik auf deutsch zu schreiben wagte. Romane und Erzählungen schreibe ich ungarisch. Zuletzt sind zwei Bücher von mir erschienen. Eines davon, einen Roman mit dem Titel Der Gottsucher, der beim Insel Verlag [ISBN 3-458-16968-7] herausgekommen ist, habe ich auf ungarisch geschrieben und dann ins Deutsche mitübersetzt. Das zweite Buch ist Olga - Pasternaks letzte Liebe, ein Essay-Roman. Dieses Buch habe ich auf deutsch geschrieben und es ist bei der Europäischen Verlagsanstalt in Hamburg [ISBN 3-434-50423-0] erschienen.

Das Interview führten Volkmar von Pechstaedt und Harris Dzajic bereits am 20. April 1999, es wurde am 11. September 2000 aktualisiert.
Copyright © 1998-2000 by wortlaut.de, Göttingen


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




 

 

 

 

 

 


 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv