Nr. 29, Oktober 2000
 
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 Kommentar

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 György Dalos
 Costa, Das Foto
 
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 - aus Palästina


 

 

György Dalos

Hungerstreik anno 1971
Kommentar zu einem Briefwechsel zwischen Georg Lukács und János Kádár

Zu Beginn des Jahres 2000 stellten mir der Journalist Gábor Murányi und die Kunsthistorikerin Edit Sasvári freundlicherweise einige Dokumente aus dem ehemaligen Archiv der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei zur Verfügung, die sich auf meine politische Sturm- und Drang-Zeit in den frühen siebziger Jahren bezogen. Das wichtigste unter ihnen ist meiner Ansicht nach der nun folgende Briefwechsel und die dazugehörige Aktennotiz, die ich als Betroffener mit meinen subjektiven Anmerkungen ergänze.

A.

Streng geheim!
KJ/6
Aktennotiz für die Mitglieder des Sekretariats (des ZK der USAP)

Werte Genossen!
Sicherlich sind Sie bereits auf den Fall der maoistischen, anarchistischen jungen Leute namens Dalos und Haraszti gestoßen, der in akademischen und ähnlichen Bereichen bekannt wurde. In letzter Zeit nahm die Sache eine etwas schärfere Wende, indem die oben Genannten festgenommen worden sind und es anschließend in gewissen Kreisen zu einer Kampagne von Stimmungsmachern gekommen ist. Mit der Angelegenheit beschäftigen sich die Genossen Biszku und Aczél sowie die zuständigen exekutiven Organe der Partei und des Staates.
In diese Angelegenheit bin auch ich involviert, denn der Genosse György Lukács hat bei mir zweimal interveniert. Das wesentliche Material auf dem heutigen Stand schicke ich Ihnen als persönliche Information zu, inklusive der neueren Korrespondenz, die unser Verhältnis zu Lukács beleuchtet.
Das Material bitte ich zurückzuschicken.
22. Februar 1971
Mit Gruß
János Kádár

B.

Budapest, 15. Februar 1971

Lieber Genosse Kádár!

In den letzten Tagen erhielt ich die Information, daß György Dalos und Miklós Haraszti interniert worden sind.
In diesem Zusammenhang – zurückkommend auf unser Gespräch – möchte ich Dir folgendes mitteilen. Zuerst wiederhole ich, daß ich mit der sogenannten maoistischen Ideologie der oben Genannten nicht einverstanden bin. Diese Ideologie habe ich in der Öffentlichkeit der Weltpresse kritisiert. Zweitens bejahe ich nicht ihre Taktik, die Einhaltung der polizeilichen Maßnahmen zu verweigern, denn die Gesetzlichkeit hat zwei Seiten, und sie verpflichtet den einzelnen Staatsbürger ebenso wie die staatlichen Organe.
Nichtsdestoweniger muß ich Dir erklären, und zwar mit ernsthaftem Nachdruck, daß hier meiner Meinung nach die Organe der Staatsgewalt einen schwerwiegenden politischen Fehler und eine ausdrückliche Gesetzeswidrigkeit begangen haben. Dies vor allem deshalb, weil aus den Texten, welche die Polizeiaufsicht begründen sollen, klar wird, daß die oben Genannten wegen Vertretung ihrer Ansichten unter Polizeiaufsicht gestellt worden sind. Wenn sie außerdem irgend etwas begangen hätten, dann hätte man gegen sie ein gesetzliches Verfahren einleiten müssen, was die Pflicht der zuständigen Organe gewesen wäre. Wenn aber jemand wegen Äußerung nichtsozialistischer (und seien es noch so nebulöse oder fehlerhafte) Ansichten unter Polizeiaufsicht gestellt wird, dann bedeutet dies praktisch eine Rückkehr zu den Methoden der Ära Rákosi, und morgen kann bereits die Praxis allgemein werden, daß man jeden Ideologen, der durch seine Ansichten auf Mißfallen stößt oder einen Streit herausfordert, in ähnlicher Weise unter Polizeiaufsicht stellt. Ich behaupte nicht, daß die allgemeine Verbreitung eines derartigen Verfahrens heute in irgend jemandes Interesse liegt, aber Du weißt selbst, zu welch fatalen Folgen die Schaffung von fehlerhaften und gesetzeswidrigen Präzedenzfällen in der Politik führen kann. Zweitens merke ich an, daß die zuständigen Organe in der jetzigen gespannten Lage, offensichtlich unter Berufung auf das eigene Prestige, durch einen an und für sich unwesentlichen Fall Spannungen provoziert haben, die jederzeit Gegenaktionen seitens der Jugend und auf diesem Grund noch größere Vergeltungsmaßnahmen auslösen können. Ich glaube, es ist nicht notwendig, Dich auf diese Gefahr aufmerksam zu machen.
Schließlich eine persönliche Bemerkung. In dieser Angelegenheit habe ich bereits an den Genossen Aczél geschrieben und mit Dir gesprochen. Offensichtlich war die Folge meiner Warnungen dann die Internierung. Gleichzeitig und parallel dazu führen die leitenden Mitarbeiter der Partei eine Reihe von Gesprächen und Konsultationen in freundschaftlicher Atmosphäre mit mir, wo sie mich in verschiedenen, sehr komplizierten Fragen um meine Meinung bitten und mir versichern, daß das, was ich sage, auf sie einen tiefen Eindruck macht. Diese Doppelbödigkeit kann ich nicht mit ehrlichen Motiven erklären. Statt des angeblich tiefen Eindrucks, den ich mit meinen Meinungen in Fragen von großer Tragweite ausübe, möchte ich lieber, daß man in kleineren Fragen auf meinen Rat hört und so schnell wie möglich den Fall von György Dalos und Miklós Haraszti bereinigt.
Mit kommunistischem Gruß
György Lukács

(darunter handschriftlich: Gesehen. J. Kádár. 20. II.)

C.

(Ohne Datum)

Lieber Genosse Kádár!

Ich muß unsere einseitige Korrespondenz über den Fall Haraszti-Dalos fortsetzen. Aus einer Quelle, die ich aus gutem Grund nicht aufdecken will, aber auf deren Glaubwürdigkeit ich voll vertraue, erhielt ich die folgende Information.
Haraszti und Dalos schwebten nach acht Tagen Hungerstreik in Lebensgefahr. Dann wurde der Beginn der ärztlichen Behandlung an die Bedingung gebunden, daß sie mit dem Hungerstreik aufhören. Die beiden Gefangenen wurden in zwei verschiedenen Spitälern mehrmals mißhandelt, und auch die Gattin von Dalos (eine Frau!) wurde geschlagen! In diesem Augenblick halte ich es für völlig überflüssig, mich über ideologische Nuancen zu verbreiten, so zum Beispiel darüber, wie sich diese „Behandlung" von politischen Gefangenen mit den Äußerungen des Parteitags oder mit irgendeiner Politik, die etwas auf sich gibt, vereinbaren läßt. Ich wollte Dich nur mit Nachdruck auf diese Behandlung aufmerksam machen und auf die tragische Möglichkeit hinweisen, daß diese auch zum Tod (!) von zwei Menschen führen kann.
Schließlich nur so viel: Für Dich als ehemaligen gefolterten Gefangenen des ÁVH (...), der Du in schwierigen Zeiten darauf geachtet hast, daß in dem von Dir geführten Land trotz bürgerkriegsähnlicher Zustände politische Gefangene nicht mißhandelt wurden, ist es eine Frage der persönlichen politischen Ehre, ob Du die erwähnte Information untersuchst - und falls nur ein Bruchteil davon stimmt, ein Verfahren gegen diejenigen einleitest, die durch derartige Taten den Sozialismus beschmutzen.
Mit Vertrauen auf Deine politische Moral und mit kommunistischem Gruß
György Lukács

(darunter handschriftlich: Gesehen. Kádár. 20. II.)

D.

Dem Genossen György Lukács
Budapest V.
Belgrád rakpart 2.

Verehrter Genosse Lukács!

Am Samstag (dem 20. Februar 1971 – G. D.) erhielt ich gleichzeitig Deinen Brief vom 15. dieses
Monats in der Angelegenheit von György Dalos und Miklós Haraszti sowie Dein ergänzendes Anschreiben. Im folgenden kann ich die von Dir gestellten Fragen beantworten.
Dalos und Haraszti wurden nicht wegen ihrer – übrigens unakzeptablen – maoistischen und anarchistischen Ansichten, sondern ihrer die Interessen des Landes und seine politische Ordnung schädigenden Taten und Handlungen unter Polizeiaufsicht gestellt.
-In Deinem Brief teilst Du mit, daß Du selbst ihren staatsbürgerlichen Ungehorsam, ihre „Taktik", die Polizeiaufsicht „zu verweigern", nicht akzeptieren kannst. Meine Anmerkung:
Mittlerweile habe ich ihre von Dir übermittelte „Erklärung" und andere Machenschaften kennengelernt. Ich kann sagen, daß es keinen organisierten Staat auf der Welt gibt, der eine derartige Ignoranz und Arroganz wortlos hinnehmen würde, und selbstverständlich kann sie auch die Volksrepublik Ungarn nicht dulden.
- Du behauptest, in dieser Angelegenheit an den Genossen Aczél geschrieben und mit mir gesprochen zu haben, und daß „die Internierung das Ergebnis Deiner Warnung" gewesen sei. Dies ist Deinerseits ein Irrtum und, was die Tatsachen betrifft, unwahr. Meine Anmerkung:
Aufgrund Deiner Intervention ließ ich pflichtgemäß und sorgfältig untersuchen, ob seitens der verfahrenden Behörden nicht irgendein faktischer Irrtum, eine Befangenheit, eine Kompetenzüberschreitung oder eine andere ähnliche Ordnungswidrigkeit vorliegt. Ich stellte fest, daß das Verfahren begründet ist und den gesetzlichen Vorschriften entspricht.
- Es ist eine Tatsache, daß Dalos und Haraszti wegen der Umgehung der Polizeiaufsicht zur Verantwortung gezogen und zu fünfundzwanzig Tagen Haft verurteilt wurden, welche die oben genannten zur Zeit absitzen. Dies geschah jedoch unabhängig von jeglicher Intervention und wäre in jedem Fall geschehen, denn dies verlangen die Vorschriften des Gesetzes.
- In Deinem Brief behauptest Du, ohne die Tatsachen zu kennen - aufgrund eines einseitigen, befangenen und das Geschehen verfälschenden Geschwätzes - daß die ärztliche Behandlung der beiden Gefangenen an Bedingungen gebunden wurde und daß sie selbst und ihre Familienangehörigen mißhandelt wurden. Meine Anmerkung: Dies ist unwahr und eine Verleumdung gegenüber der verfahrenden Behörden.
- Jetzt noch etwas zum Kern der Sache - ausschließlich aufgrund der zweifellosen Tatsachen, die Du und ich gleichermaßen kennen, beginnend mit der frei gefaßten schriftlichen Erklärung von Dalos und Haraszti, die wir beide besitzen. Worum geht es eigentlich?
Als Dalos und Haraszti die von ihnen als ungerecht betrachtete Verlängerung der Polizeiaufsicht mitgeteilt wurde, standen für sie, nur von ihnen abhängig, mehrere Haltungen, mehrere Wege offen.
Eins: Sie nehmen die Maßnahme zur Kenntnis, halten deren Vorschriften ein, verhalten sich entsprechend und warten ruhig den Tag ab, an dem die Polizeiaufsicht abläuft und, wie dies schließlich in allen ähnlichen Fällen geschieht, aufgehoben wird.
Zwei: Sie nehmen die Maßnahme zur Kenntnis und legen bei der Obersten Staatsanwaltschaft eine rechtmäßige Beschwerde ein.
Drei: Sie nehmen die Maßnahme zur Kenntnis und wenden sich direkt oder eine Intervention in Anspruch nehmend an die Parteizentrale und bitten um eine politische Untersuchung der Angelegenheit. Statt dieser Möglichkeiten haben sie allerdings einen anderen Weg gewählt.
Diese beiden junge Leute haben sich entschieden, auf schlechten Rat (etwa auf Einflüsterungen der maoistischen Residentur in Budapest?) hörend, in Absprache miteinander einen überlegten Plan vorbereitet, dessen Verwirklichung die ungarischen Behörden provozieren sollte; sie ließen sich auf eine Kraftprobe ein. Sie beschlossen, unter Mißachtung der behördlichen Maßnahme eine provozierende, vervielfältigte „Erklärung" an Freund und Feind zu verschicken und durch politische Erpressung den ungarischen Staat zum Rückzug zu zwingen. Aus ihrer Haltung geht hervor, daß sie untereinander abgesprochen hatten, im Fall eines weiteren Verfahrens einer Festnahme gegenüber Widerstand zu leisten (so die Vertreter der Behörden, die ihre Pflicht ausüben, mit Fußtritten zu traktieren), in Hungerstreik zu treten und ihren Kampf durch Auslösung eines öffentlichen Skandals auszuweiten.
All dies taten sie auch. Aber der Plan ist falsch, und die Kalkulation ihrer Möglichkeiten basiert auf einem Irrtum. Auf diesem Wege kann man uns zum Kampf, aber nicht zur Kapitulation zwingen; dieser Weg führt weder für sie noch für ihre Gesinnungsfreunde irgendwo hin.
Auf die Personen von Dalos und Haraszti zurückkommend, halte ich immer noch einen mildernden Umstand in mir aufrecht, nämlich die Bedenkenlosigkeit und das fehlende Verantwortungsgefühl, die sich aus ihrem jugendlichen Alter ergeben. Es ist sicher, daß sie durch ihre eigene provozierende und unannehmbare Entscheidung in ihre jetzige schwierige Lage geraten sind. Es gibt einen Ausweg für sie, und dieser hängt allein von ihnen ab: sie müssen mit jeder Form des staatsbürgerlichen Ungehorsams aufhören, damit man sich mit den zahlreichen komplizierten Fragen ihres Falles in normaler Weise beschäftigen kann.
Nun möchte ich auf die Fragen mit persönlichem Bezug, die Du in Deinem Brief angehst, reagieren:
Ich kann mir damit schmeicheln, daß ich mir über die Beweggründe Deines allgemeinen Handelns, zumindest was das Wesentliche betrifft, im klaren bin und diese respektiere; Von Deiner aufrechten Gesinnung bin ich überzeugt. Du jedoch stellst in Deinem Brief im allgemeinen - und in diesem Fall auch im besonderen - unsere aufrechte Gesinnung in Frage.
Du erinnerst mich daran, daß ich selbst ein leidendes Opfer von Gesetzeswidrigkeiten gewesen bin. Selbstverständlich habe ich weder die Opfer der Gesetzeswidrigkeiten vergessen noch den unermeßlichen Schaden, welche der Sache des Sozialismus durch diese Gesetzeswidrigkeiten zugefügt wurde. Gleichzeitig muß ich aber betonen, daß mir die blutigen Tage Ende Oktober 1956 – die ich ebenfalls nicht vergessen habe – keineswegs schöner vorkamen als die Zeit der Gesetzeswidrigkeiten in der Ära Rákosi. Ich habe für mich aus beidem die unvermeidlich notwendigen Konsequenzen gezogen. Die Tatsache, daß in unserem Land Hunderttausende von Kommunisten und noch mehr Anhänger des Sozialismus ebenfalls die entsprechenden Konsequenzen aus jenen Jahren gezogen haben - als es zuerst aus einem und dann aus einem anderen, dem ersten völlig konträren Grund in unserem Land keine sozialistische Gesetzlichkeit und Ordnung gab – halte ich für eine der wichtigsten Garantien des Sozialismus.
Die Führung der Partei, die Verantwortlichen der Regierung und insgesamt der Behörden gehen in jedem konkreten Fall (dazu zählt selbstverständlich auch der hier angesprochene Fall Dalos-Haraszti) von dem obligatorischen Grundsatz aus, daß in unserem Lande jeder Staatsbürger, der das Gesetz respektiert, unantastbar ist und völligen Schutz genießt. Aber gleichzeitig – und dies ist nicht weniger wichtig – ist auch die gesetzliche Ordnung der Volksrepublik Ungarn unantastbar.
In Deinem Brief erwähnst Du jene Serie von Gesprächen, die seit längerer Zeit zwischen Dir und einigen Führern der Partei systematisch stattfindet. Nun hast Du bezweifelt, daß Deine zu verschiedenen Fragen geäußerte Meinung ernst genommen wird. Was mich betrifft – und meine Meinung ist nicht isoliert – respektiere ich in Dir den bedeutenden marxistischen Wissenschaftler unserer Tage, den kommunistischen Revolutionär mit großer Erfahrung, und die Gespräche mit Dir halte ich für mich und sogar, was mehr bedeutet, für die Arbeit der Parteiführung für wichtig. Gleichzeitig trennt uns die Tatsache, daß der Standpunkt der Parteiführung einerseits und Dein Standpunkt andererseits in zahlreichen Fragen, auch in einigen sehr wichtigen Fragen, voneinander abweichen. Ich glaube jedoch, daß wir in dieser Hinsicht einander niemals betrogen haben. Wir haben niemals geglaubt, daß Du nach einem einzigen Gespräch den Standpunkt der Parteiführung in allem übernimmst und dies bereits am nächsten Morgen öffentlich verkündest. Auch Du hast niemals geglaubt und hast auch nie den Anspruch erhoben, daß in den Streitfragen zwischen uns die Parteiführung auf ein Wort von Dir den eigenen Standpunkt aufgeben und Deinen Ansichten folgen würde.
Ich mache Schluß. Meines Erachtens nach müssen wir unter Beachtung des gegenseitigen Respekts und unter der Voraussetzung, daß wir imstande sind, die Aufmerksamkeit der anderen Seite auf einige wichtige Fragen zu lenken, unsere Gespräche weiterhin führen. Wenn wir diese Gespräche nicht in ihrer Wirklichkeit, ihrer tatsächlichen Nützlichkeit betrachten – welchen Sinn haben sie dann? Wenn wir diese Gespräche als leere Stunden begreifen würden, dann müßte man sagen: Wir hier in der Parteizentrale haben genug anderes zu tun, und auch Du kannst Deine Zeit besser zu Hause verbringen, indem Du die Zeit Deiner wissenschaftlichen Arbeit widmest.
Was unsere Gespräche anbelangt, so handelt es sich dabei – wie interessant diese auch sein mögen – nicht nur um eine Passion. Vielmehr handelt es sich um eine Art Notwendigkeit, die einfach aus der Tatsache folgt, daß wir auf unterschiedlichen Gebieten und unterschiedliche Art derselben Sache, dem Dienst am Sozialismus, verpflichtet sind.
Alles Gute.

Budapest, 22. Februar 1971

Mit kommunistischem Gruß
János Kádár

(Fortsetzung in der nächsen Nummer)

Ihr Kommentar


Pedro Costa

Das Foto und der Streit

„Das Bild kam ganz von selbst, und ich war überrascht, als ich es im Sucher sah, und drückte drauf."
So einfach erzählt Alberto Díaz Guitiérrez die Geschichte, wie es dazu kam, daß er eines der berühmtesten Fotos der Welt schoß. Der Geburtsname dieses Fotografen - einfach so dahergesagt - hilft nicht viel bei dem Versuch, das Werk als Mittelpunkt eines Streites zu begreifen. Noch weniger hilft es uns, dem Autor auf die Spur zu kommen. „Korda" heißt er, und wenn wir unter diesem Namen suchen, wird die Geschichte eine andere, wir nähern uns dem Thema: das berühmte Foto. So berühmt, daß es heute im Mittelpunkt einer rechtlichen Auseinandersetzung steht, obwohl es im Lauf der Jahrzehnte in allen möglichen Formen, Größen und Formaten reproduziert worden ist.
„Ich habe das Foto zweiseitig und von einer Menge von Wodkaflaschen umgeben gesehen, und da bin ich sauer geworden", sagt Korda. So weit die einfache Erklärung dafür, wie es dazu kam, daß inzwischen ein Prozeß gegen zwei britische Werbeagenturen läuft. Allerdings gibt der Fotograf zu, daß die Idee, vor die Londoner Gerichte zu ziehen, nicht von ihm stammt. Trotzdem gefiel sie ihm von dem Augenblick an, als man sie ihm unterbreitete.

Die Geschichte

Am 5. März 1960 brodelte es in Havanna. Vierundzwanzig Stunden vorher hatten zwei fürchterliche Explosionen die kubanische Hauptstadt erschüttert. Im größten Hafen der Insel waren Arbeiter, Soldaten und Zivilisten durch zwei Bomben getötet worden. Die Bomben waren an Bord der „La Coubre" explodiert, die gerade mit einer Ladung belgischer Waffen und Munition angelegt hatte. Die Beerdigung der Opfer trieb Hunderttausende von Habaneros auf die Straße. Sie alle hielten die CIA für die Urheberin des Attentats.
„Korda" hatte wie viele andere Fotografen vierundzwanzig Stunden lang gearbeitet. Fidel Castro hielt die Trauerrede für die kubanischen und französischen Opfer des Anschlags. An diesem Tag sprach der Führer der Revolution zum ersten Mal eine Parole aus, die bis heute ein Kampfruf der Revolution ist: Patria o muerte, Vaterland oder Tod.
„Ich bin mit der Kamera in der Hand zur Ehrentribüne gegangen", erzählt der Fotograf. „Alle Führer der Revolution waren da, die Stimmung war gespannt, die Trauer in den Gesichtern erkennbar." Der Fotograf, das Auge am Sucher, machte einen Schwenk über die Anwesenden.
„Auf einmal hatte ich den Che im Sucher der Leica. Ich war überrascht, denn bis zu diesem Augenblick hatte ich ihn unter denen, die in der vordersten Reihe standen, nicht einmal gesehen, und plötzlich tauchte er da auf mit einem Ausdruck im Gesicht, der mich völlig unvorbereitet traf, und das muß wohl meine Reflexe aktiviert haben."
Korda hat die 35-mm-Leica, mit der er das berühmte Foto geschossen hat, noch heute und hat sie zusammen mit dem Negativ verwahrt. Manchem mag es unwahrscheinlich vorkommen, daß der Fotograf dieses Stückchen Film noch heute hat. Hier auf der Insel ist es normal. Ein anderer cuabnischer Fotograf, Oswaldo Salas, hatte in der Stunde seines Todes rund achtzigtausend Negative in seiner Wohnung.

Der Ruhm eines Fotos

Der Schnappschuß von Che Guevara war im Augenblick seines Entstehens nur eines unter all den Fotos, die Korda an diesem 5. März 1960 gemacht hatte. Er selbst erzählt, daß es dem Chef der Zeitung „Revolución", für die er in dieser Zeit arbeitete, nicht gefiel und er es nicht veröffentlichte.
Jahre später geriet das Foto in die Hände des italienischen Verlegers Giangiacomo Feltrinelli, Besitzer des gleichnamigen Verlags in Mailand, verstorben 1970, als er angeblich an einem Hochleitungsmast eine Bombe anbrachte, die zu früh explodierte.
Korda dazu: „Ich weiß nicht, ob es tatsächlich 1967 war. Jedenfalls besuchte dieser Verleger Kuba. Er kam zu mir nach Hause, weil er Fotos aus Kuba suchte, und zwischen all den anderen stieß er auf den Schnappschuß von Che. Er hat gesagt, das Foto gefalle ihm, und weil wir in diesem Punkt einer Meinung waren, habe ich es ihm geschenkt. Wenig später starb der Che in Bolivien, und Feltrinelli veröffentlichte das Foto, und so begann das öffentliche Leben dieses Bildes."
Soweit Kordas Version im Jahr 2000. Zeugen, die nicht namentlich genannt werden wollen, erinnern sich hingegen, daß Korda sich über die Veröffentlichung seines Bildes fürchterlich aufgerecht hat und erklärte, der Italiener habe ihm das Foto bei seinem Freundschaftsbesuch schlicht geklaut.
Diebstahl oder Geschenk: Tatsache ist, daß das Foto nach dem Tod des Cubano-Argentiniers Ernesto Guevara um die Welt ging und bei jeder Demo auftauchte, und das ist so bis auf den heutigen Tag.

Der Streit

Zwei britische Werbeagenturen erhielten von der bekannten Firma Smirnoff den Auftrag, eine Kampagne zur Hebung des Wodka-Konsums zu starten. Man entwickelte Ideen, und schließlich erschien in den Illustrierten eine zweiseitige Anzeige, in der viele Flaschen das legendäre Foto des Che Guevara umgeben. Nach Kordas Version mißfiel diese Werbung vielen linken Organisationen in England, und sie wiesen Korda auf den Mißbrauch seines Fotos hin.
„Ich habe die Geschichte beim Besuch eines Mitglieds der 'Englischen Vereinigung für die Solidarität mit Kuba' erfahren, mit dem ich befreundet bin. Der kam mit einer Illustrierten zu mir nach Hause und hat mir die Sache gezeigt", sagt Korda. „Für mich handelt es sich um eine Beleidigung gegenüber einer geschichtlichen Figur wie dieser. Den Che kennt man aus vielen Gründen, aber niemals hat jemand behaupten können, er sei ein Trinker oder auch nur etwas Ähnliches gewesen, und deshalb haben mich diese zwei Seiten wirklich geärgert."
Dennoch behauptet Korda, die Idee, die Firmen Loew Lintas und Rex Features vor dem Londoner Hohen Gerichtshof zu verklagen, stamme nicht von ihm.
„Die Freunde aus den Solidaritätsgruppen haben mich über die Möglichkeiten befragt, gegen diese Agenturen einen Prozeß anzustrengen, und da man mein Foto auf diese üble Art benutzt hatte, unterschrieb ich ein Dokument, mit dem meine Freunde dann vor Gericht zogen. Niemand hatte für die Verwendung des Fotos mein Einverständnis eingeholt, niemand hat sich mit mir in Verbindung gesetzt oder versucht, mit mir zu verhandeln, niemand hat es interessiert, was ich davon halte, die Figur des Che mit all diesen Wodkaflaschen zu umgeben."
Festzuhalten ist, daß dies nicht die erste Klage ist, die der Kubaner durchficht, denn schon vor einiger Zeit flatterten der Firma Leica und einem französischen Parfümhersteller wegen der gleichen Idee, die jetzt die englischen Werbeagenturen hatten, Klagen ins Haus, wobei allerdings wohl niemand auf die Idee kam, diese Klagen auch bei Gerichten einzureichen.
„Die Vermarktung dieses Fotos ärgert mich wirklich", sagte Korda. „Dahinter steckt nämlich ein ganz anderes Motiv: die Aufmerksamkeit der Jüngeren von der Persönlichkeit und dem revolutionären Weg des Che anzulenken und diesen Mann wie ein weiteres kommerzielles produkt erscheinen zu lassen, seine Botschaft des Kampfes und des Aufstands auszumerzen und ihn wie ein Ding zu präsentieren, das man kaufen und verkaufen kann."
Dennoch sagt Korda, daß es ihm nicht um die Urheberrechte an dem Foto geht, sondern daß er die Idee seiner englischen Freunde, vor Gericht zu ziehen, unterstützt hat, „um das Image eines Mannes wie Che vor Schaden zu bewahren, und genau diese Beschädigung wollen sie mit ihrer Kommerzalisierung erreichen".
„Ich habe dieses Foto auf der ganzen Welt gesehen", sagt der Künstler, „auf T-Shirts, auf Posters, in jeder denkbaren Form, und man hat es in politischen Aktivitäten verwendet, auf Protestkundgebungen, und bei all diesen Gelegenheiten habe ich mich nie geschädigt gefühlt, aber diese Wodka-Nummer, die schädigt mich wirklich."

Der Fotograf
Alberto Díaz Guitérrez, ist heute einundsiebzig Jahre alt. Schon sehr früh ist er in die Fotografie eingestiegen und hat in der Werbung hin und wieder für Zeitungen gearbeitet. Nach dem politischen Wende des 1. Januar 1959 widmete er sich ausschließlich der Information und arbeitete für die Zeitung „Revolución", die bis 1968 Sprachrohr der neuen Regierung war. Mit der Zeit wurde Korda zu einem der bekanntesten Fotografen der Insel, und sein Werk umspannt alle Aspekte des täglichen Lebens hier. Seine Kollegen bewundern ihn, weil er dieses berühmte Foto gemacht hat, von den heißt, es gehöre zu den hundert wichtigsten des Jahrhunderts.

Übersetzung aus dem Spanischen von Henky Hentschel

Ihr Kommentar


Scusi Boilchen

Brief aus der Schweiz

Stellt euch vor, es gibt die Schweiz und keiner geht hin... Verlockender Gedanke, wenn man auf 1300 Metern über dem Genfer See in einem von Ferienapartment-Plattenbauten und einer gigantischen Sporthalle verhunzten Bergdorf sitzt, weil man einer Freundin versprochen hatte, sie dorthin zu begleiten.

Die Gegend, von Fremdenverkehrs-Managern als "Keltischer Olymp der Nordwest-Alpen" gepriesen (ein Kelte hat hier wohl auf der Durchreise mal eine Münze fallen lassen), bietet nicht nur wegen der notorischen Seilbahn-Trassen und der von Skiern zerfressenen Hänge ein gräßliches Bild. Auch die neonfarben gekleidete Landplage der Aktivsport-Urlauber ist kein schöner Anblick. Hautenge Outdoor-Mode schmiegt sich an unförmige oder arg sehnige Schenkel, Radfahrerhelme wie außen getragene Gehirne zieren die Schädel von Touristen aus Japan, USA und aller europäischer Herren Länder. Denn hier sind Freizeitvergnügen wie Mountainbiken, Klettern oder Halleneishockeyspielen (!) angesagt und was es sonst noch an unästhetischen, geistlosen und halsbrecherischen Möglichkeiten gibt, den Krankenkassen-Etat zu belasten. Für diese fun people wird zu allem Überfluß nachts der Sternenhimmel von ruhelosen Laserfingern abgetastet - wahrscheinlich, weil die Milchstraße einfach nicht genügt, kickmäßig. Tagsüber ist das leuchtende Firmament ohnehin versifft von knallbunten Gleitschirmen, deren Lenker in ungeschickten Landemanövern ständig direkt neben dir auf einer abschüssigen Wiese voller Kuhfladen herunter plumpsen.

Aber das ist noch nicht einmal das Schlimmste an diesem höllischen Ort. Direkt neben der Sporthalle hat ein kalifornischer Guru seine Zelte aufgeschlagen. Pardon, seine Tipis. Unter dem Künstlernamen "Emaho" verkauft der sympathisch-verschmitzte Latino mit deutscher Therapeutengattin leichtgläubigen Gutmenschen - Deutschen, Iren, polyphonen Eidgenossen und natürlich Amerikanern - seine internationale Initiation für Jugendliche: "Abschied von der Kindheit", inklusive "vision quest", drei Tage und Nächte Fasten in den schönen Schweizer Bergen. Macht rund 1000 Franken pro Nase. Für die Eltern gibt's zeitgleich ein 14tägiges "Retreat" à 100 Stutz pro Tag. Rechnen Sie sich einfach selbst aus, was der Mann bei 60 Kindern und, sagen wir, dreihundert Erziehungsberechtigen bzw. sonstigen freiwilligen Retreat-Teilnehmern verdient... Und meine Freundin hatte ihre 14jährige zu diesem Ferienkurs in Sachen Spiritualität angemeldet.

Nun mag ich die Schweiz sowieso nicht besonders, und vor allem nicht die Schweizer Bankiers: "Was isch was, Ihr Öhi isch im Kchonzentrationslager umgekchommen? Hän Sie da ebbis Schriftlichs? Ja was, dann hat das ja kcheinen Zweckch, daß Sie Anschprüch uff es Gäld erchebe..." Im Ernst, jemand, der weder Ski fährt noch Drogengeld waschen will, hat da nichts zu suchen. Daß ich die Dame trotzdem begleiten wollte, hat eher damit zu tun, daß ich mir den esoterischen Dunstkreis, in dem sie sich bewegt, einmal näher anschauen wollte. Immer mal wieder ist ja zu hören, die Esoterik-Welle sei am Abflauen. Ich kann's nicht so recht glauben, wenn ich von besagter Freundin erfahre, daß eine "Pädagogische Beraterin" unter anderem (dieser modisch-eklektizistische Psycho-Mix!) mit Kinesiologie und einem dubiosen Schema namens "Matrix der Seele" arbeitet, bei dem Adolf Hitler in vollkommen wertfreie Nachbarschaft zu Mutter Theresa gestellt wird . Nachzulesen bei Hasselmann / Schmolke, "Archetypen der Seele", Goldmann Taschenbuch Nr. 21516, S. 474 f.

Wenn ich mich hier im Vortragszelt umschaue, sehe ich jede Menge Spätgebärende mit Birkenstock-Latschen, ja doch, die gibt's noch, die den raunend synchron übersetzten Platitüden des Möchtegern-Schamanen ("Life is. Leben ist. C'est la vie.") entrückten Blicks folgen:"Se way he brings it, it's so vonderfull", sagt eine Sinnsucherin in der Pause zwischen zwei "Teachings" zu einem schmerbäuchigen Typen Marke "Lehrer, der viel lieber Traveller und Abenteurer wäre". Auch die Schwitzhütten-Zeremonie des Gast-Indianers Michael Twofeathers ("Mit diesen Steinen begrüßen wir die Großväter", "hoia hoia hoia hoia" ... zisch... ) ist gut besucht. Und graubezopfte Männer, lässig in Jeans, ausgelatschten Turnschuhen und dezentem Federschmuck beteuern sich gegenseitig, wie schade es doch sei, daß es so etwas wie dieses Eso-Camp in ihrer Jugend nicht gegeben habe, und daß sogar das I Ging, heute morgen befragt, ihnen rate, auf ihrem Weg weiter zu gehen... Während sie darauf warten, daß ihre Schwererziehbaren wieder vom Berg heruntersteigen, um in einer frei erfundenen, aus den Ritualen aller möglichen Naturvölker zusammengestopselten Zeremonie in den Kreis der "Erwachsenen" aufgenommen werden.

Etwa 500 Anhänger hat diese Proto-Sekte der friedlichen "Emaho-er" weltweit, und die sind sicher nicht halb so gefährlich wie Scientologen und möglicherweise einfach nur ähnlich bescheuert wie die Moonies. Aber die schafherdenartige Kritiklosigkeit der hier versammelten spirituellen Häppchen-Konsumenten, die sich von einer unheiligen kalifornisch-schweizerischen Allianz der Geschäftemacher ausnehmen lassen, macht mich fertig. Ich wünschte, irgendeine drittrangige keltische Gottheit führe mit Blitz und Donner drein.... Moment: Ich glaube, ich habe da gerade eine recht interessante Geschäftsidee. Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen, ich muß mir nur eben ein paar Notizen machen.



Ihr Kommentar


Linda Benedikt

Brief aus Palästina

Die Reise nach Jerusalem ist bekanntlich ein Kinderspiel. In amerikanischen Kindergärten steht es jedoch nicht mehr auf dem Programm. Es liegt in der Natur jeden Wettbewerbs, daß er in Verlierern und Gewinnern endet. Und dies, so das Amerika der politischen Korrektheit, könne man Kindern nicht zumuten. Zumindest nicht amerikanischen. Palästinensische Kinder haben die Reise nach Jerusalem noch nie gespielt. Viel interessanter ist ja auch die Reise nach Gaza. Da steht von Anfang an fest, daß alle verlieren.

Der Gazastreifen mit seiner Kapitale Gaza-City ist ein kleiner Landstrich, welcher hauptsächlich aus Sand und Kindern zu bestehen scheint. Und Taxis. Seit die Palästinenser einen Bruchteil ihres früheren Siedlungsgebietes wieder selber verwalten, sprießen die bonbongelb farbigen Taxis wie Pilze nach einem Septemberregen. Sie stehen am Grenzübergang Erez und warten in der staubigen Hitze auf Kundschaft. Für geschäftsschädigende zwei Shekel (eine D-Mark) bringen sie ihre Fahrgäste in jene Stadt, die zum erstenmal viertausend vor Christus erwähnt wurde. Man fand einmal hier die Spuren der ersten Jäger und Fischer. Heute findet sich nichts mehr davon. Die Altstadt wurde nach dem Sechs-Tage-Krieg glattrasiert, und ein Wiederaufbauverbot für die von den Israelis eroberte Stadt verhinderte jede Rekonstruktion historischer Hinterlassenschaften.

Der viertelstündige Anfahrtsweg nach Gaza-City ist gesäumt von einem bunten Schilderwald. Zwischen großflächigen Werbeanzeigen beschwören Bau- und Investitionstafeln den von ausländischen Organisationen herbeigesponserten Aufschwung. Dazwischen unverputzte Hausskelette, von der Europäischen Union gespendete Müllcontainer und immer wieder Sand, Sand, Sand. Kurz vor der Stadteinfahrt liegt linker Hand das Flüchtlingslager Jabalya. Dort brach im Dezember 1987 die Intifada aus, der palästinensische Volksaufstand gegen die israelische Besatzung. Er sicherte den Palästinensern einen Stammplatz in den Abendnachrichten, und fliegende Steine und brennende Autoreifen wurden die Symbole des ungleichen Kampfes.

Gaza-City ist eine lebhafte Stadt. Überall stehen Obstverkäufer, fahren Mauleselkarren und Taxis. Unweit des Palästine-Platzes im Zentrum befindet sich der Markt. Männer und Frauen schleppen prall gefüllte Einkaufstaschen durch die Menschenmassen, die sich scheinbar im Rhythmus der lauten Hupkonzerte bewegen. Zwischen ihren Beinen wuseln unzählige Kinder umher, die schreiende Geschwister hinter sich herziehen, Tageszeitungen verkaufen oder einfach nur mit der Sonne um die Wette ihr Eis lutschen. An der Ecke zum Markteingang sitzen unbeschäftigt Kaffeehausbesitzer, die ihre Zeit wasserpfeiferauchend durch die Nase blasen, während vereinzelte Touristen in Shorts und bewaffnet mit Bauchtaschen sich nach dem Weg zu den wenigen Sehenswürdigkeiten erkundigen.

Nur ein paar Kilometer entfernt, nahe der ägyptischen Grenze, ist nichts mehr zu sehen von dem urbanen Treiben. Khan Yunis, nur eines der zahlreichen von der UNWRA eingerichteten Flüchtlingslager, das mehr als hundertzwanzigtausend Menschen aufgenommen hat, zeugt von einem Leben, wie man es sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur schwer vorstellen kann. Besonders dann, wenn die Glitzertempel der Ersten Welt nur eine Stunde Autofahrt entfernt liegen. Hier laufen Kinder in abgerissenen Kleidern barfuß über die plätschernden Abwässer, die sich in den engen Gassen ihren übelriechenden Weg bahnen. Mit porösen Betonplatten und Blechen abgedichtete Würfel stehen, einem unersichtlichen System folgend, wild durcheinander. Jeder baut und bastelt mit jedem Material, das er in die Finger bekommt. Und dies seit fast fünfzig Jahren. Küchen entstehen so über Wohnzimmern, Schlafzimmer neben Toilettennischen, Kinderzimmer in Abstellkammern. In ihrer Dichte ergeben sie ein Labyrinth, in dem Nichteingeweihte schnell verloren gehen. Aus manchen Behausungen plärren Fernsehapparate, meist aber Kinderstimmen - und einmal auch ein Maulesel. Da die Familie mit dem Maulesel ihren Lebensunterhalt bestreitet, kann nicht auf ihn verzichtet werden. Und weil nirgendwo sonst Platz ist, steht er mitten im Wohnzimmer respektive Eingangshalle respektive Küche. Irgendwo dazwischen schlafen auch die insgesamt zwölf Kinder. Auf Matratzen und auf zerfetzten Decken, zwischen Vater und Mutter, Onkel und Tante.

Vor der Tür herrschen Staub, Sand und Resignation. Wer noch Hoffnung hat, hält verbissen daran fest. Einer dieser Hoffnungsvollen ist Ahmed Assouna. Er wohnt mit seinem Sohn, dessen Frau und acht Kindern in einem frisch geweißelten Quader am Rande des baulichen Irrgartens. Er ist im Jahr 1948 vor den Israelis ins ägyptische Gaza geflüchtet. Damals war er zwanzig Jahre alt. Der Ort seiner Sehnsucht und seiner Hoffnung ist nur wenige Kilometer entfernt: Herbia. Das Dorf unweit des Erez-Übergangs steht nicht mehr. Die zwei Räume, die ihm und seiner jungen Familie das UN-Hilfswerk hingestellt hat, sind auch nach all den Jahren nicht sein Zuhause. Nach der israelischen Besatzung, 1967, setzte er sich nach Ägypten ab und arbeitete dort als Bauer, während seine Familie sich in der Heimatlosigkeit ohne den Vater einrichtete. Erst 1994 kam er zurück, als alter Mann. Auf der gleichen Welle der Begeisterung, die damals auch Arafat und all die anderen Palästinenser nach Gaza trug. Was den Frieden angeht, da macht sich Ahmed keine Illusion. Er traut weder den Israelis, noch Arafat. Den einen nicht, weil sie seinem Volk zuviel angetan haben, dem andern nicht, "weil er kein Mandat hat, im Namen der Palästinenser zu verhandeln". Die Juden sind für ihn ein Fremdkörper im Nahen Osten, den Wahrheitsgehalt des Holocaust bestreitet er. Für ihn ist er mehr eine Rechtfertigung für die schandhafte Besetzung seines Heimatlandes, für die Zerstörung seiner Welt, als eine historische Tatsache, ohne die die israelische Psyche kaum zu verstehen ist. Eine Lösung des Konflikts hält er nur dann für möglich, wenn alle wieder dahin gehen, wo sie hergekommen sind, also die Juden nach Europa und er bitte wieder auf seinen Hof nach Herbia. Und wenn es noch ein bißchen dauert, ist es auch nicht schlimm: „Wir haben hier schon fünfzig Jahre gesessen. Wenn es sein muß, warten und hoffen wir eben noch weitere fünfzig."

Nur fünf Minuten mit dem Auto sind es zu dem manifestierten Alptraum Ahmed Assounas: nach Gush Katif. Eine israelische Siedlungsinsel mit ziegelgedeckten, strahlend weißen Häusern. Hier grünt und blüht es hinter elektrischem Stacheldraht. Militärjeeps eskortieren Siedler auf ihren Straßen, die für Autos mit palästinensischen Nummernschildern gesperrt sind. Manchmal blockieren die Siedler die Straße auch ohne militärischen Begleitschutz, meist um gegen Regierungsmaßnahmen zu demonstrieren. Die Regierung im fernen Jerusalem ist davon jedoch kaum berührt. Die Palästinenser hingegen sehr: Der Teerstreifen liegt auf israelischem Hoheitsgebiet und zerschneidet das Gebiet in zwei Teile. Selbst die schmale, fast zweihundert Meter lange Straße eigens für Palästinenser direkt neben der mehrspurigen Siedler-Straße verliert dann jeden Sinn und Zweck: Nichts geht mehr.

Die Häuser an der Nord-Süd-Hauptstraße des Gaza-Streifens hätten eigentlich längst der israelischen Abrißbirne zum Opfer fallen müssen. Stein für Stein, Zementsack für Zementsack wurde damals an den israelischen Grenzkontrollen vorbeigeschmuggelt, um der wachsenden Bevölkerung ein illegales Dach über dem Kopf zu basteln. Heute, lange nach der Grundsteinlegung und sieben Jahre nach dem Einzug der palästinensischen Selbstverwaltung sind die Menschen den häuslebauerischen Frühzeiten kaum entwachsen. Wie zahnlose Alte spitzen sie zwischen den Blättern der Eukalyptusbäume auf die halsbrecherischen Verkehrsmanöver. Zumindest in einem sind Israelis und Palästinenser vereint: in ihrer grenzenlosen Selbstüberschätzung beim Autofahren. Und man muß an den alten Witz denken, in dem es heißt: Wenn die Araber wirklich Interesse daran hätten, die Israelis zu vernichten, dann bräuchten sie jedem nur ein Auto zu bezahlen, samt Versicherung und Benzin für ein Jahr. Aber hier fallen einem die Witze schwer.

Alles andere als lustig ist auch Kanada. Kanada liegt an der israelisch-ägyptischen Grenze und erinnert an das Berlin des Kalten Krieges: Der eine Teil liegt in Ägypten, der andere in Israel. Das führt zu absurden Situationen. Familienhälften, die sich auf verschiedenen Seiten befinden, teilen sich lautstark mit Megaphonen die neuesten Ereignisse mit. Auch in Kanada sind neben schäbigen Betonklötzen der Sand und die Kinder am augenfälligsten. Besucher werden umringt, verschwitzte Kinderhände schütteln minutenlang den Fremden die Hände, und jede Abfahrt wird von einem traurigen „Geht ihr schon?" begleitet.

In den Zeiten der frühen Friedensverhandlungen und mit dem Aufflammen des palästinensischen Bombenterrors Anfang 1995 konnten viele nur davon träumen, einfach so wegzugehen. Ohne Vorwarnung wurde die Grenze geschlossen, tage- und wochenlang kam keiner raus und keiner rein. Männer, die ihren Unterhalt in Israel verdienen, verloren ihre Arbeit. Nahrungsmittel wurden knapp, die Enge schier unerträglich. Die Palästinenser schmorten in ihrem eigenen Saft, in ihrer Wut und Hilflosigkeit gegenüber den israelischen Sicherheitsmaßnahmen. Heute kontrolliert Israel immer noch, wer den Gaza-Streifen verlassen darf und wer nicht. Dafür hat man ein Sicherheitssystem mit Magnetkarten installiert. Es gibt Karten für alle, die zur Arbeit nach Israel fahren dürfen.Dann gibt es Karten für diejenigen, die nur die sogenannte „Safe Passage" benützen würden, also den direkten Weg zur Westbank. Und dann noch die Magnetkarten für diejenigen, die keinerlei Aussicht auf Magnetkarte eins und zwei haben. Ihnen ist es nur montags und mittwochs erlaubt, die sichere Route zur Westbank zu nehmen.

Zwanzig- bis dreißigtausend Menschen quälen sich jeden Morgen ab drei Uhr früh durch einen schmalen Korridor bei Erez. Nach Kontrolle der Papiere, dem maschinellen Lesen der jeweiligen Karten, warten am anderen Ende des kilometerlangen Verschlags Busse und Sammeltaxis, die ihre menschliche Ware dann irgendwo auf Baustellen und in den Städten in Israel wieder ausspucken. Am späten Nachmittag beginnt die gleich Prozedur erneut, nur diesmal in umgekehrter Richtung. Die meisten Männer sind zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als zwölf Stunden auf den Beinen. Viele tragen Bündel und Einkaufstaschen auf dem Rücken, wenn sie den langen Weg nach Gaza antreten. Und das fünfmal die Woche.

Die Palästinenser waren erleichtert, als Arafat ohne Friedensabkommen aus Camp David zurückkam. Für sie geht es nicht um große Gesten, um plakative und richtig ausgeleuchtete Händeschüttelphotos auf einem amerikanischen Rasen. Für sie geht geht es um Arbeit, um die Freiheit zu reisen, um einen Hauch Normalität in ihrem Leben. Eine Normalität, die nur wenige Kilometer vor ihrem Flüchtlingslager Realität ist.

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