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György Dalos
Hungerstreik anno 1971
Kommentar zu einem Briefwechsel zwischen Georg Lukács und János
Kádár
Zu Beginn des Jahres 2000 stellten mir der Journalist
Gábor Murányi und die Kunsthistorikerin Edit Sasvári
freundlicherweise einige Dokumente aus dem ehemaligen Archiv der Ungarischen
Sozialistischen Arbeiterpartei zur Verfügung, die sich auf meine
politische Sturm- und Drang-Zeit in den frühen siebziger Jahren
bezogen. Das wichtigste unter ihnen ist meiner Ansicht nach der nun
folgende Briefwechsel und die dazugehörige Aktennotiz, die ich
als Betroffener mit meinen subjektiven Anmerkungen ergänze.
A.
Streng geheim!
KJ/6
Aktennotiz für die Mitglieder des Sekretariats (des ZK der USAP)
Werte Genossen!
Sicherlich sind Sie bereits auf den Fall der maoistischen, anarchistischen
jungen Leute namens Dalos und Haraszti gestoßen, der in akademischen
und ähnlichen Bereichen bekannt wurde. In letzter Zeit nahm die
Sache eine etwas schärfere Wende, indem die oben Genannten festgenommen
worden sind und es anschließend in gewissen Kreisen zu einer Kampagne
von Stimmungsmachern gekommen ist. Mit der Angelegenheit beschäftigen
sich die Genossen Biszku und Aczél sowie die zuständigen
exekutiven Organe der Partei und des Staates.
In diese Angelegenheit bin auch ich involviert, denn der Genosse György
Lukács hat bei mir zweimal interveniert. Das wesentliche Material
auf dem heutigen Stand schicke ich Ihnen als persönliche Information
zu, inklusive der neueren Korrespondenz, die unser Verhältnis zu
Lukács beleuchtet.
Das Material bitte ich zurückzuschicken.
22. Februar 1971
Mit Gruß
János Kádár
B.
Budapest, 15. Februar 1971
Lieber Genosse Kádár!
In den letzten Tagen erhielt ich die Information, daß György
Dalos und Miklós Haraszti interniert worden sind.
In diesem Zusammenhang zurückkommend auf unser Gespräch
möchte ich Dir folgendes mitteilen. Zuerst wiederhole ich,
daß ich mit der sogenannten maoistischen Ideologie der oben Genannten
nicht einverstanden bin. Diese Ideologie habe ich in der Öffentlichkeit
der Weltpresse kritisiert. Zweitens bejahe ich nicht ihre Taktik, die
Einhaltung der polizeilichen Maßnahmen zu verweigern, denn die
Gesetzlichkeit hat zwei Seiten, und sie verpflichtet den einzelnen Staatsbürger
ebenso wie die staatlichen Organe.
Nichtsdestoweniger muß ich Dir erklären, und zwar mit ernsthaftem
Nachdruck, daß hier meiner Meinung nach die Organe der Staatsgewalt
einen schwerwiegenden politischen Fehler und eine ausdrückliche
Gesetzeswidrigkeit begangen haben. Dies vor allem deshalb, weil aus
den Texten, welche die Polizeiaufsicht begründen sollen, klar wird,
daß die oben Genannten wegen Vertretung ihrer Ansichten unter
Polizeiaufsicht gestellt worden sind. Wenn sie außerdem irgend
etwas begangen hätten, dann hätte man gegen sie ein gesetzliches
Verfahren einleiten müssen, was die Pflicht der zuständigen
Organe gewesen wäre. Wenn aber jemand wegen Äußerung
nichtsozialistischer (und seien es noch so nebulöse oder fehlerhafte)
Ansichten unter Polizeiaufsicht gestellt wird, dann bedeutet dies praktisch
eine Rückkehr zu den Methoden der Ära Rákosi, und morgen
kann bereits die Praxis allgemein werden, daß man jeden Ideologen,
der durch seine Ansichten auf Mißfallen stößt oder
einen Streit herausfordert, in ähnlicher Weise unter Polizeiaufsicht
stellt. Ich behaupte nicht, daß die allgemeine Verbreitung eines
derartigen Verfahrens heute in irgend jemandes Interesse liegt, aber
Du weißt selbst, zu welch fatalen Folgen die Schaffung von fehlerhaften
und gesetzeswidrigen Präzedenzfällen in der Politik führen
kann. Zweitens merke ich an, daß die zuständigen Organe in
der jetzigen gespannten Lage, offensichtlich unter Berufung auf das
eigene Prestige, durch einen an und für sich unwesentlichen Fall
Spannungen provoziert haben, die jederzeit Gegenaktionen seitens der
Jugend und auf diesem Grund noch größere Vergeltungsmaßnahmen
auslösen können. Ich glaube, es ist nicht notwendig, Dich
auf diese Gefahr aufmerksam zu machen.
Schließlich eine persönliche Bemerkung. In dieser Angelegenheit
habe ich bereits an den Genossen Aczél geschrieben und mit Dir
gesprochen. Offensichtlich war die Folge meiner Warnungen dann die Internierung.
Gleichzeitig und parallel dazu führen die leitenden Mitarbeiter
der Partei eine Reihe von Gesprächen und Konsultationen in freundschaftlicher
Atmosphäre mit mir, wo sie mich in verschiedenen, sehr komplizierten
Fragen um meine Meinung bitten und mir versichern, daß das, was
ich sage, auf sie einen tiefen Eindruck macht. Diese Doppelbödigkeit
kann ich nicht mit ehrlichen Motiven erklären. Statt des angeblich
tiefen Eindrucks, den ich mit meinen Meinungen in Fragen von großer
Tragweite ausübe, möchte ich lieber, daß man in kleineren
Fragen auf meinen Rat hört und so schnell wie möglich den
Fall von György Dalos und Miklós Haraszti bereinigt.
Mit kommunistischem Gruß
György Lukács
(darunter handschriftlich: Gesehen. J. Kádár. 20. II.)
C.
(Ohne Datum)
Lieber Genosse Kádár!
Ich muß unsere einseitige Korrespondenz über den Fall Haraszti-Dalos
fortsetzen. Aus einer Quelle, die ich aus gutem Grund nicht aufdecken
will, aber auf deren Glaubwürdigkeit ich voll vertraue, erhielt
ich die folgende Information.
Haraszti und Dalos schwebten nach acht Tagen Hungerstreik in Lebensgefahr.
Dann wurde der Beginn der ärztlichen Behandlung an die Bedingung
gebunden, daß sie mit dem Hungerstreik aufhören. Die beiden
Gefangenen wurden in zwei verschiedenen Spitälern mehrmals mißhandelt,
und auch die Gattin von Dalos (eine Frau!) wurde geschlagen! In diesem
Augenblick halte ich es für völlig überflüssig,
mich über ideologische Nuancen zu verbreiten, so zum Beispiel darüber,
wie sich diese Behandlung" von politischen Gefangenen mit
den Äußerungen des Parteitags oder mit irgendeiner Politik,
die etwas auf sich gibt, vereinbaren läßt. Ich wollte Dich
nur mit Nachdruck auf diese Behandlung aufmerksam machen und auf die
tragische Möglichkeit hinweisen, daß diese auch zum Tod (!)
von zwei Menschen führen kann.
Schließlich nur so viel: Für Dich als ehemaligen gefolterten
Gefangenen des ÁVH (...), der Du in schwierigen Zeiten darauf
geachtet hast, daß in dem von Dir geführten Land trotz bürgerkriegsähnlicher
Zustände politische Gefangene nicht mißhandelt wurden, ist
es eine Frage der persönlichen politischen Ehre, ob Du die erwähnte
Information untersuchst - und falls nur ein Bruchteil davon stimmt,
ein Verfahren gegen diejenigen einleitest, die durch derartige Taten
den Sozialismus beschmutzen.
Mit Vertrauen auf Deine politische Moral und mit kommunistischem Gruß
György Lukács
(darunter handschriftlich: Gesehen. Kádár. 20. II.)
D.
Dem Genossen György Lukács
Budapest V.
Belgrád rakpart 2.
Verehrter Genosse Lukács!
Am Samstag (dem 20. Februar 1971 G. D.) erhielt ich gleichzeitig
Deinen Brief vom 15. dieses
Monats in der Angelegenheit von György Dalos und Miklós
Haraszti sowie Dein ergänzendes Anschreiben. Im folgenden kann
ich die von Dir gestellten Fragen beantworten.
Dalos und Haraszti wurden nicht wegen ihrer übrigens unakzeptablen
maoistischen und anarchistischen Ansichten, sondern ihrer die
Interessen des Landes und seine politische Ordnung schädigenden
Taten und Handlungen unter Polizeiaufsicht gestellt.
-In Deinem Brief teilst Du mit, daß Du selbst ihren staatsbürgerlichen
Ungehorsam, ihre Taktik", die Polizeiaufsicht zu verweigern",
nicht akzeptieren kannst. Meine Anmerkung:
Mittlerweile habe ich ihre von Dir übermittelte Erklärung"
und andere Machenschaften kennengelernt. Ich kann sagen, daß es
keinen organisierten Staat auf der Welt gibt, der eine derartige Ignoranz
und Arroganz wortlos hinnehmen würde, und selbstverständlich
kann sie auch die Volksrepublik Ungarn nicht dulden.
- Du behauptest, in dieser Angelegenheit an den Genossen Aczél
geschrieben und mit mir gesprochen zu haben, und daß die
Internierung das Ergebnis Deiner Warnung" gewesen sei. Dies ist
Deinerseits ein Irrtum und, was die Tatsachen betrifft, unwahr. Meine
Anmerkung:
Aufgrund Deiner Intervention ließ ich pflichtgemäß
und sorgfältig untersuchen, ob seitens der verfahrenden Behörden
nicht irgendein faktischer Irrtum, eine Befangenheit, eine Kompetenzüberschreitung
oder eine andere ähnliche Ordnungswidrigkeit vorliegt. Ich stellte
fest, daß das Verfahren begründet ist und den gesetzlichen
Vorschriften entspricht.
- Es ist eine Tatsache, daß Dalos und Haraszti wegen der Umgehung
der Polizeiaufsicht zur Verantwortung gezogen und zu fünfundzwanzig
Tagen Haft verurteilt wurden, welche die oben genannten zur Zeit absitzen.
Dies geschah jedoch unabhängig von jeglicher Intervention und wäre
in jedem Fall geschehen, denn dies verlangen die Vorschriften des Gesetzes.
- In Deinem Brief behauptest Du, ohne die Tatsachen zu kennen - aufgrund
eines einseitigen, befangenen und das Geschehen verfälschenden
Geschwätzes - daß die ärztliche Behandlung der beiden
Gefangenen an Bedingungen gebunden wurde und daß sie selbst und
ihre Familienangehörigen mißhandelt wurden. Meine Anmerkung:
Dies ist unwahr und eine Verleumdung gegenüber der verfahrenden
Behörden.
- Jetzt noch etwas zum Kern der Sache - ausschließlich aufgrund
der zweifellosen Tatsachen, die Du und ich gleichermaßen kennen,
beginnend mit der frei gefaßten schriftlichen Erklärung von
Dalos und Haraszti, die wir beide besitzen. Worum geht es eigentlich?
Als Dalos und Haraszti die von ihnen als ungerecht betrachtete Verlängerung
der Polizeiaufsicht mitgeteilt wurde, standen für sie, nur von
ihnen abhängig, mehrere Haltungen, mehrere Wege offen.
Eins: Sie nehmen die Maßnahme zur Kenntnis, halten deren Vorschriften
ein, verhalten sich entsprechend und warten ruhig den Tag ab, an dem
die Polizeiaufsicht abläuft und, wie dies schließlich in
allen ähnlichen Fällen geschieht, aufgehoben wird.
Zwei: Sie nehmen die Maßnahme zur Kenntnis und legen bei der Obersten
Staatsanwaltschaft eine rechtmäßige Beschwerde ein.
Drei: Sie nehmen die Maßnahme zur Kenntnis und wenden sich direkt
oder eine Intervention in Anspruch nehmend an die Parteizentrale und
bitten um eine politische Untersuchung der Angelegenheit. Statt dieser
Möglichkeiten haben sie allerdings einen anderen Weg gewählt.
Diese beiden junge Leute haben sich entschieden, auf schlechten Rat
(etwa auf Einflüsterungen der maoistischen Residentur in Budapest?)
hörend, in Absprache miteinander einen überlegten Plan vorbereitet,
dessen Verwirklichung die ungarischen Behörden provozieren sollte;
sie ließen sich auf eine Kraftprobe ein. Sie beschlossen, unter
Mißachtung der behördlichen Maßnahme eine provozierende,
vervielfältigte Erklärung" an Freund und Feind
zu verschicken und durch politische Erpressung den ungarischen Staat
zum Rückzug zu zwingen. Aus ihrer Haltung geht hervor, daß
sie untereinander abgesprochen hatten, im Fall eines weiteren Verfahrens
einer Festnahme gegenüber Widerstand zu leisten (so die Vertreter
der Behörden, die ihre Pflicht ausüben, mit Fußtritten
zu traktieren), in Hungerstreik zu treten und ihren Kampf durch Auslösung
eines öffentlichen Skandals auszuweiten.
All dies taten sie auch. Aber der Plan ist falsch, und die Kalkulation
ihrer Möglichkeiten basiert auf einem Irrtum. Auf diesem Wege kann
man uns zum Kampf, aber nicht zur Kapitulation zwingen; dieser Weg führt
weder für sie noch für ihre Gesinnungsfreunde irgendwo hin.
Auf die Personen von Dalos und Haraszti zurückkommend, halte ich
immer noch einen mildernden Umstand in mir aufrecht, nämlich die
Bedenkenlosigkeit und das fehlende Verantwortungsgefühl, die sich
aus ihrem jugendlichen Alter ergeben. Es ist sicher, daß sie durch
ihre eigene provozierende und unannehmbare Entscheidung in ihre jetzige
schwierige Lage geraten sind. Es gibt einen Ausweg für sie, und
dieser hängt allein von ihnen ab: sie müssen mit jeder Form
des staatsbürgerlichen Ungehorsams aufhören, damit man sich
mit den zahlreichen komplizierten Fragen ihres Falles in normaler Weise
beschäftigen kann.
Nun möchte ich auf die Fragen mit persönlichem Bezug, die
Du in Deinem Brief angehst, reagieren:
Ich kann mir damit schmeicheln, daß ich mir über die Beweggründe
Deines allgemeinen Handelns, zumindest was das Wesentliche betrifft,
im klaren bin und diese respektiere; Von Deiner aufrechten Gesinnung
bin ich überzeugt. Du jedoch stellst in Deinem Brief im allgemeinen
- und in diesem Fall auch im besonderen - unsere aufrechte Gesinnung
in Frage.
Du erinnerst mich daran, daß ich selbst ein leidendes Opfer von
Gesetzeswidrigkeiten gewesen bin. Selbstverständlich habe ich weder
die Opfer der Gesetzeswidrigkeiten vergessen noch den unermeßlichen
Schaden, welche der Sache des Sozialismus durch diese Gesetzeswidrigkeiten
zugefügt wurde. Gleichzeitig muß ich aber betonen, daß
mir die blutigen Tage Ende Oktober 1956 die ich ebenfalls nicht
vergessen habe keineswegs schöner vorkamen als die Zeit
der Gesetzeswidrigkeiten in der Ära Rákosi. Ich habe für
mich aus beidem die unvermeidlich notwendigen Konsequenzen gezogen.
Die Tatsache, daß in unserem Land Hunderttausende von Kommunisten
und noch mehr Anhänger des Sozialismus ebenfalls die entsprechenden
Konsequenzen aus jenen Jahren gezogen haben - als es zuerst aus einem
und dann aus einem anderen, dem ersten völlig konträren Grund
in unserem Land keine sozialistische Gesetzlichkeit und Ordnung gab
halte ich für eine der wichtigsten Garantien des Sozialismus.
Die Führung der Partei, die Verantwortlichen der Regierung und
insgesamt der Behörden gehen in jedem konkreten Fall (dazu zählt
selbstverständlich auch der hier angesprochene Fall Dalos-Haraszti)
von dem obligatorischen Grundsatz aus, daß in unserem Lande jeder
Staatsbürger, der das Gesetz respektiert, unantastbar ist und völligen
Schutz genießt. Aber gleichzeitig und dies ist nicht weniger
wichtig ist auch die gesetzliche Ordnung der Volksrepublik Ungarn
unantastbar.
In Deinem Brief erwähnst Du jene Serie von Gesprächen, die
seit längerer Zeit zwischen Dir und einigen Führern der Partei
systematisch stattfindet. Nun hast Du bezweifelt, daß Deine zu
verschiedenen Fragen geäußerte Meinung ernst genommen wird.
Was mich betrifft und meine Meinung ist nicht isoliert
respektiere ich in Dir den bedeutenden marxistischen Wissenschaftler
unserer Tage, den kommunistischen Revolutionär mit großer
Erfahrung, und die Gespräche mit Dir halte ich für mich und
sogar, was mehr bedeutet, für die Arbeit der Parteiführung
für wichtig. Gleichzeitig trennt uns die Tatsache, daß der
Standpunkt der Parteiführung einerseits und Dein Standpunkt andererseits
in zahlreichen Fragen, auch in einigen sehr wichtigen Fragen, voneinander
abweichen. Ich glaube jedoch, daß wir in dieser Hinsicht einander
niemals betrogen haben. Wir haben niemals geglaubt, daß Du nach
einem einzigen Gespräch den Standpunkt der Parteiführung in
allem übernimmst und dies bereits am nächsten Morgen öffentlich
verkündest. Auch Du hast niemals geglaubt und hast auch nie den
Anspruch erhoben, daß in den Streitfragen zwischen uns die Parteiführung
auf ein Wort von Dir den eigenen Standpunkt aufgeben und Deinen Ansichten
folgen würde.
Ich mache Schluß. Meines Erachtens nach müssen wir unter
Beachtung des gegenseitigen Respekts und unter der Voraussetzung, daß
wir imstande sind, die Aufmerksamkeit der anderen Seite auf einige wichtige
Fragen zu lenken, unsere Gespräche weiterhin führen. Wenn
wir diese Gespräche nicht in ihrer Wirklichkeit, ihrer tatsächlichen
Nützlichkeit betrachten welchen Sinn haben sie dann? Wenn
wir diese Gespräche als leere Stunden begreifen würden, dann
müßte man sagen: Wir hier in der Parteizentrale haben genug
anderes zu tun, und auch Du kannst Deine Zeit besser zu Hause verbringen,
indem Du die Zeit Deiner wissenschaftlichen Arbeit widmest.
Was unsere Gespräche anbelangt, so handelt es sich dabei
wie interessant diese auch sein mögen nicht nur um eine
Passion. Vielmehr handelt es sich um eine Art Notwendigkeit, die einfach
aus der Tatsache folgt, daß wir auf unterschiedlichen Gebieten
und unterschiedliche Art derselben Sache, dem Dienst am Sozialismus,
verpflichtet sind.
Alles Gute.
Budapest, 22. Februar 1971
Mit kommunistischem Gruß
János Kádár
(Fortsetzung in der nächsen Nummer)
Ihr
Kommentar
Pedro Costa
Das Foto und der Streit
Das Bild kam ganz von selbst, und ich war überrascht, als
ich es im Sucher sah, und drückte drauf."
So einfach erzählt Alberto Díaz Guitiérrez die Geschichte,
wie es dazu kam, daß er eines der berühmtesten Fotos der
Welt schoß. Der Geburtsname dieses Fotografen - einfach so dahergesagt
- hilft nicht viel bei dem Versuch, das Werk als Mittelpunkt eines Streites
zu begreifen. Noch weniger hilft es uns, dem Autor auf die Spur zu kommen.
Korda" heißt er, und wenn wir unter diesem Namen suchen,
wird die Geschichte eine andere, wir nähern uns dem Thema: das
berühmte Foto. So berühmt, daß es heute im Mittelpunkt
einer rechtlichen Auseinandersetzung steht, obwohl es im Lauf der Jahrzehnte
in allen möglichen Formen, Größen und Formaten reproduziert
worden ist.
Ich habe das Foto zweiseitig und von einer Menge von Wodkaflaschen
umgeben gesehen, und da bin ich sauer geworden", sagt Korda. So
weit die einfache Erklärung dafür, wie es dazu kam, daß
inzwischen ein Prozeß gegen zwei britische Werbeagenturen läuft.
Allerdings gibt der Fotograf zu, daß die Idee, vor die Londoner
Gerichte zu ziehen, nicht von ihm stammt. Trotzdem gefiel sie ihm von
dem Augenblick an, als man sie ihm unterbreitete.
Die Geschichte
Am 5. März 1960 brodelte es in Havanna. Vierundzwanzig Stunden
vorher hatten zwei fürchterliche Explosionen die kubanische Hauptstadt
erschüttert. Im größten Hafen der Insel waren Arbeiter,
Soldaten und Zivilisten durch zwei Bomben getötet worden. Die Bomben
waren an Bord der La Coubre" explodiert, die gerade mit einer
Ladung belgischer Waffen und Munition angelegt hatte. Die Beerdigung
der Opfer trieb Hunderttausende von Habaneros auf die Straße.
Sie alle hielten die CIA für die Urheberin des Attentats.
Korda" hatte wie viele andere Fotografen vierundzwanzig Stunden
lang gearbeitet. Fidel Castro hielt die Trauerrede für die kubanischen
und französischen Opfer des Anschlags. An diesem Tag sprach der
Führer der Revolution zum ersten Mal eine Parole aus, die bis heute
ein Kampfruf der Revolution ist: Patria o muerte, Vaterland oder Tod.
Ich bin mit der Kamera in der Hand zur Ehrentribüne gegangen",
erzählt der Fotograf. Alle Führer der Revolution waren
da, die Stimmung war gespannt, die Trauer in den Gesichtern erkennbar."
Der Fotograf, das Auge am Sucher, machte einen Schwenk über die
Anwesenden.
Auf einmal hatte ich den Che im Sucher der Leica. Ich war überrascht,
denn bis zu diesem Augenblick hatte ich ihn unter denen, die in der
vordersten Reihe standen, nicht einmal gesehen, und plötzlich tauchte
er da auf mit einem Ausdruck im Gesicht, der mich völlig unvorbereitet
traf, und das muß wohl meine Reflexe aktiviert haben."
Korda hat die 35-mm-Leica, mit der er das berühmte Foto geschossen
hat, noch heute und hat sie zusammen mit dem Negativ verwahrt. Manchem
mag es unwahrscheinlich vorkommen, daß der Fotograf dieses Stückchen
Film noch heute hat. Hier auf der Insel ist es normal. Ein anderer cuabnischer
Fotograf, Oswaldo Salas, hatte in der Stunde seines Todes rund achtzigtausend
Negative in seiner Wohnung.
Der Ruhm eines Fotos
Der Schnappschuß von Che Guevara war im Augenblick seines Entstehens
nur eines unter all den Fotos, die Korda an diesem 5. März 1960
gemacht hatte. Er selbst erzählt, daß es dem Chef der Zeitung
Revolución", für die er in dieser Zeit arbeitete,
nicht gefiel und er es nicht veröffentlichte.
Jahre später geriet das Foto in die Hände des italienischen
Verlegers Giangiacomo Feltrinelli, Besitzer des gleichnamigen Verlags
in Mailand, verstorben 1970, als er angeblich an einem Hochleitungsmast
eine Bombe anbrachte, die zu früh explodierte.
Korda dazu: Ich weiß nicht, ob es tatsächlich 1967
war. Jedenfalls besuchte dieser Verleger Kuba. Er kam zu mir nach Hause,
weil er Fotos aus Kuba suchte, und zwischen all den anderen stieß
er auf den Schnappschuß von Che. Er hat gesagt, das Foto gefalle
ihm, und weil wir in diesem Punkt einer Meinung waren, habe ich es ihm
geschenkt. Wenig später starb der Che in Bolivien, und Feltrinelli
veröffentlichte das Foto, und so begann das öffentliche Leben
dieses Bildes."
Soweit Kordas Version im Jahr 2000. Zeugen, die nicht namentlich genannt
werden wollen, erinnern sich hingegen, daß Korda sich über
die Veröffentlichung seines Bildes fürchterlich aufgerecht
hat und erklärte, der Italiener habe ihm das Foto bei seinem Freundschaftsbesuch
schlicht geklaut.
Diebstahl oder Geschenk: Tatsache ist, daß das Foto nach dem Tod
des Cubano-Argentiniers Ernesto Guevara um die Welt ging und bei jeder
Demo auftauchte, und das ist so bis auf den heutigen Tag.
Der Streit
Zwei britische Werbeagenturen erhielten von der bekannten Firma Smirnoff
den Auftrag, eine Kampagne zur Hebung des Wodka-Konsums zu starten.
Man entwickelte Ideen, und schließlich erschien in den Illustrierten
eine zweiseitige Anzeige, in der viele Flaschen das legendäre Foto
des Che Guevara umgeben. Nach Kordas Version mißfiel diese Werbung
vielen linken Organisationen in England, und sie wiesen Korda auf den
Mißbrauch seines Fotos hin.
Ich habe die Geschichte beim Besuch eines Mitglieds der 'Englischen
Vereinigung für die Solidarität mit Kuba' erfahren, mit dem
ich befreundet bin. Der kam mit einer Illustrierten zu mir nach Hause
und hat mir die Sache gezeigt", sagt Korda. Für mich
handelt es sich um eine Beleidigung gegenüber einer geschichtlichen
Figur wie dieser. Den Che kennt man aus vielen Gründen, aber niemals
hat jemand behaupten können, er sei ein Trinker oder auch nur etwas
Ähnliches gewesen, und deshalb haben mich diese zwei Seiten wirklich
geärgert."
Dennoch behauptet Korda, die Idee, die Firmen Loew Lintas und Rex Features
vor dem Londoner Hohen Gerichtshof zu verklagen, stamme nicht von ihm.
Die Freunde aus den Solidaritätsgruppen haben mich über
die Möglichkeiten befragt, gegen diese Agenturen einen Prozeß
anzustrengen, und da man mein Foto auf diese üble Art benutzt hatte,
unterschrieb ich ein Dokument, mit dem meine Freunde dann vor Gericht
zogen. Niemand hatte für die Verwendung des Fotos mein Einverständnis
eingeholt, niemand hat sich mit mir in Verbindung gesetzt oder versucht,
mit mir zu verhandeln, niemand hat es interessiert, was ich davon halte,
die Figur des Che mit all diesen Wodkaflaschen zu umgeben."
Festzuhalten ist, daß dies nicht die erste Klage ist, die der
Kubaner durchficht, denn schon vor einiger Zeit flatterten der Firma
Leica und einem französischen Parfümhersteller wegen der gleichen
Idee, die jetzt die englischen Werbeagenturen hatten, Klagen ins Haus,
wobei allerdings wohl niemand auf die Idee kam, diese Klagen auch bei
Gerichten einzureichen.
Die Vermarktung dieses Fotos ärgert mich wirklich",
sagte Korda. Dahinter steckt nämlich ein ganz anderes Motiv:
die Aufmerksamkeit der Jüngeren von der Persönlichkeit und
dem revolutionären Weg des Che anzulenken und diesen Mann wie ein
weiteres kommerzielles produkt erscheinen zu lassen, seine Botschaft
des Kampfes und des Aufstands auszumerzen und ihn wie ein Ding zu präsentieren,
das man kaufen und verkaufen kann."
Dennoch sagt Korda, daß es ihm nicht um die Urheberrechte an dem
Foto geht, sondern daß er die Idee seiner englischen Freunde,
vor Gericht zu ziehen, unterstützt hat, um das Image eines
Mannes wie Che vor Schaden zu bewahren, und genau diese Beschädigung
wollen sie mit ihrer Kommerzalisierung erreichen".
Ich habe dieses Foto auf der ganzen Welt gesehen", sagt der
Künstler, auf T-Shirts, auf Posters, in jeder denkbaren Form,
und man hat es in politischen Aktivitäten verwendet, auf Protestkundgebungen,
und bei all diesen Gelegenheiten habe ich mich nie geschädigt gefühlt,
aber diese Wodka-Nummer, die schädigt mich wirklich."
Der Fotograf
Alberto Díaz
Guitérrez, ist heute einundsiebzig Jahre alt. Schon sehr früh
ist er in die Fotografie eingestiegen und hat in der Werbung hin und
wieder für Zeitungen gearbeitet. Nach dem politischen Wende des
1. Januar 1959 widmete er sich ausschließlich der Information
und arbeitete für die Zeitung Revolución", die
bis 1968 Sprachrohr der neuen Regierung war. Mit der Zeit wurde Korda
zu einem der bekanntesten Fotografen der Insel, und sein Werk umspannt
alle Aspekte des täglichen Lebens hier. Seine Kollegen bewundern
ihn, weil er dieses berühmte Foto gemacht hat, von den heißt,
es gehöre zu den hundert wichtigsten des Jahrhunderts.
Übersetzung aus dem Spanischen von Henky Hentschel
Ihr
Kommentar
Scusi Boilchen
Brief aus der Schweiz
Stellt euch vor, es gibt die Schweiz und keiner geht hin... Verlockender
Gedanke, wenn man auf 1300 Metern über dem Genfer See in einem
von Ferienapartment-Plattenbauten und einer gigantischen Sporthalle
verhunzten Bergdorf sitzt, weil man einer Freundin versprochen hatte,
sie dorthin zu begleiten.
Die Gegend, von Fremdenverkehrs-Managern als "Keltischer Olymp
der Nordwest-Alpen" gepriesen (ein Kelte hat hier wohl auf der
Durchreise mal eine Münze fallen lassen), bietet nicht nur wegen
der notorischen Seilbahn-Trassen und der von Skiern zerfressenen Hänge
ein gräßliches Bild. Auch die neonfarben gekleidete Landplage
der Aktivsport-Urlauber ist kein schöner Anblick. Hautenge Outdoor-Mode
schmiegt sich an unförmige oder arg sehnige Schenkel, Radfahrerhelme
wie außen getragene Gehirne zieren die Schädel von Touristen
aus Japan, USA und aller europäischer Herren Länder. Denn
hier sind Freizeitvergnügen wie Mountainbiken, Klettern oder Halleneishockeyspielen
(!) angesagt und was es sonst noch an unästhetischen, geistlosen
und halsbrecherischen Möglichkeiten gibt, den Krankenkassen-Etat
zu belasten. Für diese fun people wird zu allem Überfluß
nachts der Sternenhimmel von ruhelosen Laserfingern abgetastet - wahrscheinlich,
weil die Milchstraße einfach nicht genügt, kickmäßig.
Tagsüber ist das leuchtende Firmament ohnehin versifft von knallbunten
Gleitschirmen, deren Lenker in ungeschickten Landemanövern ständig
direkt neben dir auf einer abschüssigen Wiese voller Kuhfladen
herunter plumpsen.
Aber das ist noch nicht einmal das Schlimmste an diesem höllischen
Ort. Direkt neben der Sporthalle hat ein kalifornischer Guru seine Zelte
aufgeschlagen. Pardon, seine Tipis. Unter dem Künstlernamen "Emaho"
verkauft der sympathisch-verschmitzte Latino mit deutscher Therapeutengattin
leichtgläubigen Gutmenschen - Deutschen, Iren, polyphonen Eidgenossen
und natürlich Amerikanern - seine internationale Initiation für
Jugendliche: "Abschied von der Kindheit", inklusive "vision
quest", drei Tage und Nächte Fasten in den schönen Schweizer
Bergen. Macht rund 1000 Franken pro Nase. Für die Eltern gibt's
zeitgleich ein 14tägiges "Retreat" à 100 Stutz
pro Tag. Rechnen Sie sich einfach selbst aus, was der Mann bei 60 Kindern
und, sagen wir, dreihundert Erziehungsberechtigen bzw. sonstigen freiwilligen
Retreat-Teilnehmern verdient... Und meine Freundin hatte ihre 14jährige
zu diesem Ferienkurs in Sachen Spiritualität angemeldet.
Nun mag ich die Schweiz sowieso nicht besonders, und vor allem nicht
die Schweizer Bankiers: "Was isch was, Ihr Öhi isch im Kchonzentrationslager
umgekchommen? Hän Sie da ebbis Schriftlichs? Ja was, dann hat das
ja kcheinen Zweckch, daß Sie Anschprüch uff es Gäld
erchebe..." Im Ernst, jemand, der weder Ski fährt noch Drogengeld
waschen will, hat da nichts zu suchen. Daß ich die Dame trotzdem
begleiten wollte, hat eher damit zu tun, daß ich mir den esoterischen
Dunstkreis, in dem sie sich bewegt, einmal näher anschauen wollte.
Immer mal wieder ist ja zu hören, die Esoterik-Welle sei am Abflauen.
Ich kann's nicht so recht glauben, wenn ich von besagter Freundin erfahre,
daß eine "Pädagogische Beraterin" unter anderem
(dieser modisch-eklektizistische Psycho-Mix!) mit Kinesiologie und einem
dubiosen Schema namens "Matrix der Seele" arbeitet, bei dem
Adolf Hitler in vollkommen wertfreie Nachbarschaft zu Mutter Theresa
gestellt wird . Nachzulesen bei Hasselmann / Schmolke, "Archetypen
der Seele", Goldmann Taschenbuch Nr. 21516, S. 474 f.
Wenn ich mich hier im Vortragszelt umschaue, sehe ich jede Menge Spätgebärende
mit Birkenstock-Latschen, ja doch, die gibt's noch, die den raunend
synchron übersetzten Platitüden des Möchtegern-Schamanen
("Life is. Leben ist. C'est la vie.") entrückten Blicks
folgen:"Se way he brings it, it's so vonderfull", sagt eine
Sinnsucherin in der Pause zwischen zwei "Teachings" zu einem
schmerbäuchigen Typen Marke "Lehrer, der viel lieber Traveller
und Abenteurer wäre". Auch die Schwitzhütten-Zeremonie
des Gast-Indianers Michael Twofeathers ("Mit diesen Steinen begrüßen
wir die Großväter", "hoia hoia hoia hoia"
... zisch... ) ist gut besucht. Und graubezopfte Männer, lässig
in Jeans, ausgelatschten Turnschuhen und dezentem Federschmuck beteuern
sich gegenseitig, wie schade es doch sei, daß es so etwas wie
dieses Eso-Camp in ihrer Jugend nicht gegeben habe, und daß sogar
das I Ging, heute morgen befragt, ihnen rate, auf ihrem Weg weiter zu
gehen... Während sie darauf warten, daß ihre Schwererziehbaren
wieder vom Berg heruntersteigen, um in einer frei erfundenen, aus den
Ritualen aller möglichen Naturvölker zusammengestopselten
Zeremonie in den Kreis der "Erwachsenen" aufgenommen werden.
Etwa 500 Anhänger hat diese Proto-Sekte der friedlichen "Emaho-er"
weltweit, und die sind sicher nicht halb so gefährlich wie Scientologen
und möglicherweise einfach nur ähnlich bescheuert wie die
Moonies. Aber die schafherdenartige Kritiklosigkeit der hier versammelten
spirituellen Häppchen-Konsumenten, die sich von einer unheiligen
kalifornisch-schweizerischen Allianz der Geschäftemacher ausnehmen
lassen, macht mich fertig. Ich wünschte, irgendeine drittrangige
keltische Gottheit führe mit Blitz und Donner drein.... Moment:
Ich glaube, ich habe da gerade eine recht interessante Geschäftsidee.
Wenn Sie mich bitte entschuldigen wollen, ich muß mir nur eben
ein paar Notizen machen.
Ihr
Kommentar
Linda Benedikt
Brief aus Palästina
Die Reise nach Jerusalem ist bekanntlich ein Kinderspiel. In amerikanischen
Kindergärten steht es jedoch nicht mehr auf dem Programm. Es liegt
in der Natur jeden Wettbewerbs, daß er in Verlierern und Gewinnern
endet. Und dies, so das Amerika der politischen Korrektheit, könne
man Kindern nicht zumuten. Zumindest nicht amerikanischen. Palästinensische
Kinder haben die Reise nach Jerusalem noch nie gespielt. Viel interessanter
ist ja auch die Reise nach Gaza. Da steht von Anfang an fest, daß
alle verlieren.
Der Gazastreifen mit seiner Kapitale Gaza-City ist ein kleiner Landstrich,
welcher hauptsächlich aus Sand und Kindern zu bestehen scheint.
Und Taxis. Seit die Palästinenser einen Bruchteil ihres früheren
Siedlungsgebietes wieder selber verwalten, sprießen die bonbongelb
farbigen Taxis wie Pilze nach einem Septemberregen. Sie stehen am Grenzübergang
Erez und warten in der staubigen Hitze auf Kundschaft. Für geschäftsschädigende
zwei Shekel (eine D-Mark) bringen sie ihre Fahrgäste in jene Stadt,
die zum erstenmal viertausend vor Christus erwähnt wurde. Man fand
einmal hier die Spuren der ersten Jäger und Fischer. Heute findet
sich nichts mehr davon. Die Altstadt wurde nach dem Sechs-Tage-Krieg
glattrasiert, und ein Wiederaufbauverbot für die von den Israelis
eroberte Stadt verhinderte jede Rekonstruktion historischer Hinterlassenschaften.
Der viertelstündige Anfahrtsweg nach Gaza-City ist gesäumt
von einem bunten Schilderwald. Zwischen großflächigen Werbeanzeigen
beschwören Bau- und Investitionstafeln den von ausländischen
Organisationen herbeigesponserten Aufschwung. Dazwischen unverputzte
Hausskelette, von der Europäischen Union gespendete Müllcontainer
und immer wieder Sand, Sand, Sand. Kurz vor der Stadteinfahrt liegt
linker Hand das Flüchtlingslager Jabalya. Dort brach im Dezember
1987 die Intifada aus, der palästinensische Volksaufstand gegen
die israelische Besatzung. Er sicherte den Palästinensern einen
Stammplatz in den Abendnachrichten, und fliegende Steine und brennende
Autoreifen wurden die Symbole des ungleichen Kampfes.
Gaza-City ist eine lebhafte Stadt. Überall stehen Obstverkäufer,
fahren Mauleselkarren und Taxis. Unweit des Palästine-Platzes im
Zentrum befindet sich der Markt. Männer und Frauen schleppen prall
gefüllte Einkaufstaschen durch die Menschenmassen, die sich scheinbar
im Rhythmus der lauten Hupkonzerte bewegen. Zwischen ihren Beinen wuseln
unzählige Kinder umher, die schreiende Geschwister hinter sich
herziehen, Tageszeitungen verkaufen oder einfach nur mit der Sonne um
die Wette ihr Eis lutschen. An der Ecke zum Markteingang sitzen unbeschäftigt
Kaffeehausbesitzer, die ihre Zeit wasserpfeiferauchend durch die Nase
blasen, während vereinzelte Touristen in Shorts und bewaffnet mit
Bauchtaschen sich nach dem Weg zu den wenigen Sehenswürdigkeiten
erkundigen.
Nur ein paar Kilometer entfernt, nahe der ägyptischen Grenze,
ist nichts mehr zu sehen von dem urbanen Treiben. Khan Yunis, nur eines
der zahlreichen von der UNWRA eingerichteten Flüchtlingslager,
das mehr als hundertzwanzigtausend Menschen aufgenommen hat, zeugt von
einem Leben, wie man es sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur schwer
vorstellen kann. Besonders dann, wenn die Glitzertempel der Ersten Welt
nur eine Stunde Autofahrt entfernt liegen. Hier laufen Kinder in abgerissenen
Kleidern barfuß über die plätschernden Abwässer,
die sich in den engen Gassen ihren übelriechenden Weg bahnen. Mit
porösen Betonplatten und Blechen abgedichtete Würfel stehen,
einem unersichtlichen System folgend, wild durcheinander. Jeder baut
und bastelt mit jedem Material, das er in die Finger bekommt. Und dies
seit fast fünfzig Jahren. Küchen entstehen so über Wohnzimmern,
Schlafzimmer neben Toilettennischen, Kinderzimmer in Abstellkammern.
In ihrer Dichte ergeben sie ein Labyrinth, in dem Nichteingeweihte schnell
verloren gehen. Aus manchen Behausungen plärren Fernsehapparate,
meist aber Kinderstimmen - und einmal auch ein Maulesel. Da die Familie
mit dem Maulesel ihren Lebensunterhalt bestreitet, kann nicht auf ihn
verzichtet werden. Und weil nirgendwo sonst Platz ist, steht er mitten
im Wohnzimmer respektive Eingangshalle respektive Küche. Irgendwo
dazwischen schlafen auch die insgesamt zwölf Kinder. Auf Matratzen
und auf zerfetzten Decken, zwischen Vater und Mutter, Onkel und Tante.
Vor der Tür herrschen Staub, Sand und Resignation. Wer noch Hoffnung
hat, hält verbissen daran fest. Einer dieser Hoffnungsvollen ist
Ahmed Assouna. Er wohnt mit seinem Sohn, dessen Frau und acht Kindern
in einem frisch geweißelten Quader am Rande des baulichen Irrgartens.
Er ist im Jahr 1948 vor den Israelis ins ägyptische Gaza geflüchtet.
Damals war er zwanzig Jahre alt. Der Ort seiner Sehnsucht und seiner
Hoffnung ist nur wenige Kilometer entfernt: Herbia. Das Dorf unweit
des Erez-Übergangs steht nicht mehr. Die zwei Räume, die ihm
und seiner jungen Familie das UN-Hilfswerk hingestellt hat, sind auch
nach all den Jahren nicht sein Zuhause. Nach der israelischen Besatzung,
1967, setzte er sich nach Ägypten ab und arbeitete dort als Bauer,
während seine Familie sich in der Heimatlosigkeit ohne den Vater
einrichtete. Erst 1994 kam er zurück, als alter Mann. Auf der gleichen
Welle der Begeisterung, die damals auch Arafat und all die anderen Palästinenser
nach Gaza trug. Was den Frieden angeht, da macht sich Ahmed keine Illusion.
Er traut weder den Israelis, noch Arafat. Den einen nicht, weil sie
seinem Volk zuviel angetan haben, dem andern nicht, "weil er kein
Mandat hat, im Namen der Palästinenser zu verhandeln". Die
Juden sind für ihn ein Fremdkörper im Nahen Osten, den Wahrheitsgehalt
des Holocaust bestreitet er. Für ihn ist er mehr eine Rechtfertigung
für die schandhafte Besetzung seines Heimatlandes, für die
Zerstörung seiner Welt, als eine historische Tatsache, ohne die
die israelische Psyche kaum zu verstehen ist. Eine Lösung des Konflikts
hält er nur dann für möglich, wenn alle wieder dahin
gehen, wo sie hergekommen sind, also die Juden nach Europa und er bitte
wieder auf seinen Hof nach Herbia. Und wenn es noch ein bißchen
dauert, ist es auch nicht schlimm: Wir haben hier schon fünfzig
Jahre gesessen. Wenn es sein muß, warten und hoffen wir eben noch
weitere fünfzig."
Nur fünf Minuten mit dem Auto sind es zu dem manifestierten Alptraum
Ahmed Assounas: nach Gush Katif. Eine israelische Siedlungsinsel mit
ziegelgedeckten, strahlend weißen Häusern. Hier grünt
und blüht es hinter elektrischem Stacheldraht. Militärjeeps
eskortieren Siedler auf ihren Straßen, die für Autos mit
palästinensischen Nummernschildern gesperrt sind. Manchmal blockieren
die Siedler die Straße auch ohne militärischen Begleitschutz,
meist um gegen Regierungsmaßnahmen zu demonstrieren. Die Regierung
im fernen Jerusalem ist davon jedoch kaum berührt. Die Palästinenser
hingegen sehr: Der Teerstreifen liegt auf israelischem Hoheitsgebiet
und zerschneidet das Gebiet in zwei Teile. Selbst die schmale, fast
zweihundert Meter lange Straße eigens für Palästinenser
direkt neben der mehrspurigen Siedler-Straße verliert dann jeden
Sinn und Zweck: Nichts geht mehr.
Die Häuser an der Nord-Süd-Hauptstraße des Gaza-Streifens
hätten eigentlich längst der israelischen Abrißbirne
zum Opfer fallen müssen. Stein für Stein, Zementsack für
Zementsack wurde damals an den israelischen Grenzkontrollen vorbeigeschmuggelt,
um der wachsenden Bevölkerung ein illegales Dach über dem
Kopf zu basteln. Heute, lange nach der Grundsteinlegung und sieben Jahre
nach dem Einzug der palästinensischen Selbstverwaltung sind die
Menschen den häuslebauerischen Frühzeiten kaum entwachsen.
Wie zahnlose Alte spitzen sie zwischen den Blättern der Eukalyptusbäume
auf die halsbrecherischen Verkehrsmanöver. Zumindest in einem sind
Israelis und Palästinenser vereint: in ihrer grenzenlosen Selbstüberschätzung
beim Autofahren. Und man muß an den alten Witz denken, in dem
es heißt: Wenn die Araber wirklich Interesse daran hätten,
die Israelis zu vernichten, dann bräuchten sie jedem nur ein Auto
zu bezahlen, samt Versicherung und Benzin für ein Jahr. Aber hier
fallen einem die Witze schwer.
Alles andere als lustig ist auch Kanada. Kanada liegt an der israelisch-ägyptischen
Grenze und erinnert an das Berlin des Kalten Krieges: Der eine Teil
liegt in Ägypten, der andere in Israel. Das führt zu absurden
Situationen. Familienhälften, die sich auf verschiedenen Seiten
befinden, teilen sich lautstark mit Megaphonen die neuesten Ereignisse
mit. Auch in Kanada sind neben schäbigen Betonklötzen der
Sand und die Kinder am augenfälligsten. Besucher werden umringt,
verschwitzte Kinderhände schütteln minutenlang den Fremden
die Hände, und jede Abfahrt wird von einem traurigen Geht
ihr schon?" begleitet.
In den Zeiten der frühen Friedensverhandlungen und mit dem Aufflammen
des palästinensischen Bombenterrors Anfang 1995 konnten viele nur
davon träumen, einfach so wegzugehen. Ohne Vorwarnung wurde die
Grenze geschlossen, tage- und wochenlang kam keiner raus und keiner
rein. Männer, die ihren Unterhalt in Israel verdienen, verloren
ihre Arbeit. Nahrungsmittel wurden knapp, die Enge schier unerträglich.
Die Palästinenser schmorten in ihrem eigenen Saft, in ihrer Wut
und Hilflosigkeit gegenüber den israelischen Sicherheitsmaßnahmen.
Heute kontrolliert Israel immer noch, wer den Gaza-Streifen verlassen
darf und wer nicht. Dafür hat man ein Sicherheitssystem mit Magnetkarten
installiert. Es gibt Karten für alle, die zur Arbeit nach Israel
fahren dürfen.Dann gibt es Karten für diejenigen, die nur
die sogenannte Safe Passage" benützen würden, also
den direkten Weg zur Westbank. Und dann noch die Magnetkarten für
diejenigen, die keinerlei Aussicht auf Magnetkarte eins und zwei haben.
Ihnen ist es nur montags und mittwochs erlaubt, die sichere Route zur
Westbank zu nehmen.
Zwanzig- bis dreißigtausend Menschen quälen sich jeden Morgen
ab drei Uhr früh durch einen schmalen Korridor bei Erez. Nach Kontrolle
der Papiere, dem maschinellen Lesen der jeweiligen Karten, warten am
anderen Ende des kilometerlangen Verschlags Busse und Sammeltaxis, die
ihre menschliche Ware dann irgendwo auf Baustellen und in den Städten
in Israel wieder ausspucken. Am späten Nachmittag beginnt die gleich
Prozedur erneut, nur diesmal in umgekehrter Richtung. Die meisten Männer
sind zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als zwölf Stunden auf den
Beinen. Viele tragen Bündel und Einkaufstaschen auf dem Rücken,
wenn sie den langen Weg nach Gaza antreten. Und das fünfmal die
Woche.
Die Palästinenser waren erleichtert, als Arafat ohne Friedensabkommen
aus Camp David zurückkam. Für sie geht es nicht um große
Gesten, um plakative und richtig ausgeleuchtete Händeschüttelphotos
auf einem amerikanischen Rasen. Für sie geht geht es um Arbeit,
um die Freiheit zu reisen, um einen Hauch Normalität in ihrem Leben.
Eine Normalität, die nur wenige Kilometer vor ihrem Flüchtlingslager
Realität ist.
Ihr
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