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Zwei Francs die Sterbestunde - und andere Beobachtungen
Ich fürchte mich. Gegen die Furcht muß man etwas tun, wenn man sie einmal hat. Es wäre sehr häßlich, hier krank zu werden, und fiele es jemandem ein, mich ins Hôtel-Dieu zu schaffen, so würde ich dort gewiß sterben. Dieses Hôtel ist ein angenehmes Hôtel, ungeheuer besucht. Man kann kaum die Fassade der Kathedrale von Paris betrachten ohne Gefahr, von einem der vielen Wagen, die so schnell wie möglich über den freien Plan dort hinein müssen, überfahren zu werden. Das sind kleine Omnibusse, und selbst der Herzog von Sagan müßte sein Gespann halten lassen, wenn so ein kleiner Sterbender es sich in den Kopf gesetzt hat, geradenwegs in Gottes Hôtel zu wollen. Sterbende sind starrköpfig, und ganz Paris stockt, wenn Madame Legrand, brocanteuse aus der rue des Martyrs, nach einem gewissen Platz der Cité gefahren kommt. Es ist zu bemerken, daß diese verteufelten kleinen Wagen ungemein anregende Milchglasfenster haben, hnter denen man sich die herrlichsten Agonien vorstellen kann; dafür genügt die Phantasie einer Concierge. Hat man noch mehr Einbildungskraft und schlägt sie nach anderen Richtungen hin, so sind die Vermutungen geradezu unbegrenzt. Aber ich habe auch offene Droschken ankommen sehen, Zeitdroschken mit aufgeklapptem Verdeck, die nach der üblichen Taxe fuhren: Zwei Francs für die Sterbestunde. Dieses ausgezeichnete Hôtel ist sehr alt, schon zu König
Chlodwigs Zeiten starb man darin in einigen Betten. Jetzt wird in 559
Betten gestorben. Natürlich fabrikmäßig. Bei so enormer
Produktion ist der einzelne Tod nicht so gut ausgeführt, aber darauf
kommt es auch nicht an. Die Masse macht es. Wer gibt heute noch etwas
für einen gut ausgearbeiteten Tod? Niemand. Sogar die Reichen,
die es sich doch leisten könnten, ausführlich zu sterben,
fangen an, nachlässig und gleichgültig zu werden; der Wunsch,
einen eigenen Tod zu haben, wird immer seltener. Eine Eine Weile noch,
und er wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben. Gott, das ist
alles da. Man kommt, man findet ein Leben, fertig, man hat es nur anzuziehen.
Man will gehen oder man ist dazu gezwungen: nun, keine Anstrengung:
Voilà, votre mort, monsieur. Man stirbt, wie es gerade kommt,
man stirbt den Tod, der zu der Krankheit gehört, die man hat (denn
seit man alle Krankheiten kennt, weiß man auch, daß die
verschiedenen letalen Abschlüsse zu den Krankheiten gehören
und nicht zu den Menschen: und der Kranke hat sozusagen nichts zu tun). Wenn ich nach Hause denke, wo nun niemand mehr ist, dann glaube ich,
das muß früher anders gewesen sein. Früher wußte
man (oder vielleicht man ahnte es), daß man den Tod in
sich hatte wie die Frucht den Kern. Die Kinder hatten einen kleinen
in sich und die Erwachsenen einen großen. Die Frauen hatten ihn
im Schooß und die Männer in der Brust. Den hatte man,
und das gab einem eine eigentümliche Würde und einen stillen
Stolz. |
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