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Virtuelle Textbaustelle
nennt sich diese Website, und wer schon darauf hereinfällt und
sich ärgert, sollte gleich gar nicht erst hingehen. Von Baustelle
keine Rede. Und was Texte betrifft: Texte werden geliefert, unwahrscheinliche
und reichlich.
Die Themenliste
beginnt mit Adorno (Miniatursatire über das Raffinement -
für Diabetiker ungeeignet", geht dann über Autopoiesis
(Anwendungsfall: Lernunternehmen)" und DER SPIEGEL (eine
Abrechnung, Essay)" bis zu Zucht und Züchtung".
Achtundachtzig sind es insgesamt. Originaltexte von Goedart Palm, der,
wie er auf der Startseite angibt, auch für die Websites Telepolis,
Carpe librum, das Satiremagazin Zyn,
Parapluie und das Magazin
zur Netzpolitik" politik-digital
schreibt.
Vielseitig ist das. Und fleißig. Am 28. Oktober hält der
Autor auf dem Symposium der Viper 2000" in Basel auch noch
einen Vortrag zum Thema Informationskrieg und Zeitherrschaft",
nachdem er kurz vorher in Köln - nach einem Vortrag dort - einen
Workshop über Netzpoeten" veranstaltet hat.
Es gibt offenbar wenige Kultur-Themen, die Palm nicht faszinieren. Bei
so ausgebreiteter Produktion und derart weitgespannten Interessen kann
sich nicht alles auf gleicher Höhe bewegen. Die Papst-Satire Apocalypse
later" zum Beispiel (in der sich Gott am Telefon als Boss
der Bosse" meldet) ist nett zu lesen, hat aber ihre Hänger
und scheut auch den naheliegenden Kalauer nicht (besser Polyglott
als Polygott" - naja).
Manchmal steht der Autor unter extremem Schreibdruck, und das hat dann
eine zu hohe Sprachdichte zur Folge. Aber fast immer schreibt Palm mit
dringlicher und präziser Bissigkeit. Über Verona Feldbusch
beispielsweise: Fatal an dieser femme ist ihre mediale Allzuständigkeit,
die jeden Blondinenwitz als Anachronismus erscheinen läßt."
Oder über Zynismus als Lebensform": Ironie ist
versöhnlich, Zynismus nicht. Ironie bleibt die kleine Form, Zynismus
will die Generalabrechnung." Oder aus Verstreutes [Aphoristisches]
zur Sprache": Würden sie mehr auf ihre Sprache achten,
würde ich ihnen ihre Gedanken schon verzeihen."
Gelegentlich schwingt sich der Inhalt in sprachliche und Bildungshöhen,
wo dem Autor zu folgen schwer wird (und wir in Der Gazette sind da von
uns selbst einiges gewöhnt!). An anderen Stellen kommt dieser Eindruck
zustande durch eine Art Schreibe von gedrängter Knappheit. Und
doch: Palm schreibt eine Sprache ohne Flitter und Fett. In schier jeder
Zeile ist sein Gedankengang originell, unverbraucht, selbständig,
eigenwillig, relevant, fällig, genau und - um ein hier unvermeidliches
Mannsches Wort zu verwenden - packend.
Ein frischer Wind im Hirn.
Ihr
Kommentar
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