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John Ralston Saul
Kritiker
Reizende Menschen. Einfühlsam. Fair. Selbstlos. Gerecht. Charmant.
Sollte einmal der unwahrscheinliche Fall eintreten, daß einem
Kritiker etwas irrtümlich mißfällt, so sollte der Autor
des Buches, des Theaterstücks oder des Filmes so klug sein, mit
Würde hinzunehmen, daß auch Salomon irren kann. Aber er bleibt
natürlich Salomon.
Kritiker, schlechte
Ausgesprochen selten. Wenn es manchmal einer von ihnen in den Rang der
Kritiker schafft, dann meist auf Grund bestimmter Charakteristika. Zum
Beispiel (auf dem Gebiet der Literatur):
1. Er hat ein Buch über dasselbe Thema geschrieben, und seines
ist natürlich besser.
2. Er hat kein Buch über das Thema geschrieben, wenn er es aber
geschrieben hätte, dann wäre seines besser geworden. Gerade
weil es besser werden sollte, und nicht - wie ein zynischer Outsider
vermuten könnte - wegen aus akademischer Bequemlichkeit ist es
nicht rechtzeitig fertiggeworden.
3. Er ist einer derjenigen Experten, die das Thema für sich allein
gepachtet haben. Spezialisierung heißt nicht, sein Wissen mit
anderen zu teilen (wie die Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts
noch glaubten). Spezialisierung ist die ausschließliche Macht
über ein Thema. Wenn Buchautoren anderen ihr Wissen erfolgreich
mitteilen, dann sind sie unglaubwürdig und Scharlatane.
4. Er publiziert gerade ein Buch über ein x-beliebiges Thema. Wenn
er also das Buch eines Kollegen kritisiert, dann nur, um sein eigenes
Buch in die Bestsellerlisten zu bringen.
5. Er ist entweder betrunken oder er hat nicht getrunken, sollte aber,
oder hatte keine Zeit, das Buch zu lesen, oder - und das ist das Schlimmste
- er schreibt Rezensionen für Geld. Rezensionen sind schlechter
bezahlt als Fabrikarbeit in der Dritten Welt, und wer sich darauf verläßt,
davon leben zu können, wird leicht wahnsinnig.
Aus: John Ralston Saul, Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln
und anderen Zumutungen des 21.
Jahrhunderts. In diesem Monat im Campus Verlag, Frankfurt/New York erschienen
(ISBN 3-593-36540-5).

Ihr
Kommentar
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