Nr. 28, September 2000
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
Rubriken
 
 
 
 Lese-Effekte
 Fundsache
 Texte, die wir  nicht verstehen
 Unzeitgemäß
 Peinlichkeiten
 Die Adresse

 
 Leserbriefe
 Impressum

 

 

John Ralston Saul

Kritiker


Reizende Menschen. Einfühlsam. Fair. Selbstlos. Gerecht. Charmant. Sollte einmal der unwahrscheinliche Fall eintreten, daß einem Kritiker etwas irrtümlich mißfällt, so sollte der Autor des Buches, des Theaterstücks oder des Filmes so klug sein, mit Würde hinzunehmen, daß auch Salomon irren kann. Aber er bleibt natürlich Salomon.

Kritiker, schlechte

Ausgesprochen selten. Wenn es manchmal einer von ihnen in den Rang der Kritiker schafft, dann meist auf Grund bestimmter Charakteristika. Zum Beispiel (auf dem Gebiet der Literatur):
1. Er hat ein Buch über dasselbe Thema geschrieben, und seines ist natürlich besser.
2. Er hat kein Buch über das Thema geschrieben, wenn er es aber geschrieben hätte, dann wäre seines besser geworden. Gerade weil es besser werden sollte, und nicht - wie ein zynischer Outsider vermuten könnte - wegen aus akademischer Bequemlichkeit ist es nicht rechtzeitig fertiggeworden.
3. Er ist einer derjenigen Experten, die das Thema für sich allein gepachtet haben. Spezialisierung heißt nicht, sein Wissen mit anderen zu teilen (wie die Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts noch glaubten). Spezialisierung ist die ausschließliche Macht über ein Thema. Wenn Buchautoren anderen ihr Wissen erfolgreich mitteilen, dann sind sie unglaubwürdig und Scharlatane.
4. Er publiziert gerade ein Buch über ein x-beliebiges Thema. Wenn er also das Buch eines Kollegen kritisiert, dann nur, um sein eigenes Buch in die Bestsellerlisten zu bringen.
5. Er ist entweder betrunken oder er hat nicht getrunken, sollte aber, oder hatte keine Zeit, das Buch zu lesen, oder - und das ist das Schlimmste - er schreibt Rezensionen für Geld. Rezensionen sind schlechter bezahlt als Fabrikarbeit in der Dritten Welt, und wer sich darauf verläßt, davon leben zu können, wird leicht wahnsinnig.

Aus: John Ralston Saul, Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln und anderen Zumutungen des 21.
Jahrhunderts. In diesem Monat im Campus Verlag, Frankfurt/New York erschienen (ISBN 3-593-36540-5).

Ihr Kommentar

 
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv