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Miklos Radnoti
Achte Ekloge
Dichter:
Sei gegrüßt, schöner Alter! Wie gut du doch diesen
mühsamen
Bergweg bewältigst, sag, tragen dich Flügel, hetzen
dich Feinde?
Flügel gewiß tragen dich, und aus deinen Augen lohn
Blitze,
sei, Hochbetagter, gegrüßt, ich sehe schon, daß
du der alten
zorngen Propheten bist einer, doch welcher von ihnen, sag,
bist du?
Prophet:
Welcher ich sei? Ich bin Nahum aus Elkosch und schallend
dröhnte mein Wort an die Mauern der Wollust-Stadt, an das
assyrische
Ninive dröhnte das Gotteswort, von Zorn ein praller Sack
war ich!
Dichter:
Deinen uralten Zorn kenn ich, denn was du schriebst, blieb erhalten.
Prophet:
Es blieb erhalten. Aber der Sünden sind mehr noch als einstmals,
und den Zweck des Herrn, ihn kennt auch heute noch keiner.
Denn der Herr hat gesagt, daß die reichen Flüsse austrocknen,
daß der Karmel erbebt, daß des Basan und Libanon Pracht
welkt,
daß erzittert der Berg und daß Feuer vertilget einst
alles.
Also geschah es auch.
Dichter:
Schnelle
Nationen metzeln einander
nieder, und Ninive gleich entblößt sich die menschliche
Seele.
Was frommen Mahnrufe und welchen Sinn hat die grünschwarze
Wolke
hungriger Heuschrecken? Ist doch der Mensch der Abschaum der Tiere!
Hier und dort schmettert man an die Wand den Säugling, den
zarten,
Fackeln sind Kirchtürme, Öfen die Häuser, und ihre
Bewohner
braten darin, und Fabriken wirbeln in Lüften als Rauch nur!
Mit dem brennenden Volk rennt die Straße und stürzt
dann ohnmächtig,
aus dem brodelnden Bombenbett springen die Firste der Dächer,
und wie auf Weiden Rindsfladen, geschrumpft, so liegen die Toten
auf den Plätzen der Stadt, und also furchtbar erneut ward
alles so, wie dus geschrieben. Aber sprich, Vater, was hat
dich
aus dem Urchaos zur Erde hier hergeführt?
Prophet:
Zorn!
Daß erneut der
Mensch wie einstmals verwaist in der heidnischen menschengestaltigen
Heerschar. - So will ich aufs neue sehen der sündigen Burgen
Sturz in den Staub und als Zeuge einst sprechen zu späteren
Geschlechtern.
Dichter:
Zeugnis gabst du bereits. Und längst hat der Herr durch dein
Mahnwort
kundgetan: Wehe der Burg, die von Kriegsbeute strotzt, wo aus
Leichen
Wälle man türmt - doch sag, warum nach tausenden Jahren
so noch der Zorn in dir kocht? Mit solch himmlisch beharrlichen
Lodern?
Prophet:
Einstens berührte der Herr gleich den des weisen Jesaia
meinen verzerrten Mund auch mit Kohle; mit schwelender Herzglut
Seiner verhört er mein Herz, und die Kohle war glühend
lebendig,
mit einer Zange hielt sie ein Engel, und: Siehe, hier bin
ich,
sende auch mich, zu verkünden das Wort" war danach meine
Rede.
Und wen der Herr einmal entsandt hat, der hat weder Alter,
noch hat er Ruhe, die Kohle, die englische, sengt seine Lippen.
Und wieviel sind für den Herrn tausend Jahre? Ein Flämmchen
an Zeit nur!
Dichter:
Wie bist du, Vater, doch jung! Ich beneid dich. Wie sollt ich
mein dürftiges
Zeitläuftchen messen mit deinem entsetzlichen Alter? Wie
in dem
reißenden Gießbach sich rundet der Kiesel, wetzt einen
die Zeit ab.
Prophet:
Glaube das nicht. Ich kenn deine neuen Gedichte. Der Zorn hält
dich am Leben; verwandt ist die Wut der Propheten und Dichter:
Speise und Trank für das Volk! Wer nur will, der kann davon
leben,
bis einst das Land kommt, das jener jüngere Jünger versprochen,
jener, der das Gesetz erfüllt hat und unsere Worte.
Komm zu verkünden mit mir, daß jene Stunde schon nah
ist,
jenes Land schon vor der Geburt steht. Was des Herrn Zweck sei,
fragte ich? Sieh: jenes Land. Komm, laß uns dahingehn, und
sammeln
laß uns das Volk, hol her deine Frau und schneide schon
Stöcke.
Denn ein guter Gesell ist dem Wandrer der Stock. Gib mir den da,
der da soll mein sein, sonst keiner, denn lieb ist mir alles,
was knorrig.
(Deutsch von Franz Fühmann)
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Von Zorn ein praller Sack"
Miklos Radnoti wurde am 9. November 1944, da
er bei einer Überstellung von Zwangsarbeitern als marschunfähig"
galt, zusammen mit einundzwanzig anderen Juden kurz vor der Ortschaft
Abda (bei Györ in Ungarn) erschossen und verscharrt.
1946 wurde das Massengrab von Abda exhumiert. Bei der Nummer 12
fand sich ein Notizheft, auf dessen erster Seite folgender Text
stand: Dieses Büchlein enthält die Gedichte des
ungarischen Dichters Miklos Radnoti. Der Finder wird gebeten,
es nach Ungarn, Herrn Professor Gyula Ortutay, wohnhaft Budapest
VII., Horanszky-Straße 1. li., zukommen zu lassen."
In dem Notizheft stand auch die Achte Ekloge", die
Radnoti am 23. August 1944 als Zwangsarbeiter im Lager Heidenau
der Organisation Todt" schrieb (oberhalb Zagubica in
Jugoslawien).
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