Nr. 28, September 2000

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Miklos Radnoti

Achte Ekloge

Dichter:
Sei gegrüßt, schöner Alter! Wie gut du doch diesen mühsamen
Bergweg bewältigst, sag, tragen dich Flügel, hetzen dich Feinde?
Flügel gewiß tragen dich, und aus deinen Augen lohn Blitze,
sei, Hochbetagter, gegrüßt, ich sehe schon, daß du der alten
zorn‘gen Propheten bist einer, doch welcher von ihnen, sag, bist du?

Prophet:
Welcher ich sei? Ich bin Nahum aus Elkosch und schallend
dröhnte mein Wort an die Mauern der Wollust-Stadt, an das assyrische
Ninive dröhnte das Gotteswort, von Zorn ein praller Sack war ich!

Dichter:
Deinen uralten Zorn kenn ich, denn was du schriebst, blieb erhalten.

Prophet:
Es blieb erhalten. Aber der Sünden sind mehr noch als einstmals,
und den Zweck des Herrn, ihn kennt auch heute noch keiner.
Denn der Herr hat gesagt, daß die reichen Flüsse austrocknen,
daß der Karmel erbebt, daß des Basan und Libanon Pracht welkt,
daß erzittert der Berg und daß Feuer vertilget einst alles.
Also geschah es auch.

Dichter:
                                       Schnelle Nationen metzeln einander
nieder, und Ninive gleich entblößt sich die menschliche Seele.
Was frommen Mahnrufe und welchen Sinn hat die grünschwarze Wolke
hungriger Heuschrecken? Ist doch der Mensch der Abschaum der Tiere!
Hier und dort schmettert man an die Wand den Säugling, den zarten,
Fackeln sind Kirchtürme, Öfen die Häuser, und ihre Bewohner
braten darin, und Fabriken wirbeln in Lüften als Rauch nur!
Mit dem brennenden Volk rennt die Straße und stürzt dann ohnmächtig,
aus dem brodelnden Bombenbett springen die Firste der Dächer,
und wie auf Weiden Rindsfladen, geschrumpft, so liegen die Toten
auf den Plätzen der Stadt, und also furchtbar erneut ward
alles so, wie du‘s geschrieben. Aber sprich, Vater, was hat dich
aus dem Urchaos zur Erde hier hergeführt?

Prophet:
                                                                      Zorn! Daß erneut der
Mensch wie einstmals verwaist in der heidnischen menschengestaltigen
Heerschar. - So will ich aufs neue sehen der sündigen Burgen
Sturz in den Staub und als Zeuge einst sprechen zu späteren Geschlechtern.

Dichter:
Zeugnis gabst du bereits. Und längst hat der Herr durch dein Mahnwort
kundgetan: Wehe der Burg, die von Kriegsbeute strotzt, wo aus Leichen
Wälle man türmt - doch sag, warum nach tausenden Jahren
so noch der Zorn in dir kocht? Mit solch himmlisch beharrlichen Lodern?

Prophet:
Einstens berührte der Herr gleich den des weisen Jesaia
meinen verzerrten Mund auch mit Kohle; mit schwelender Herzglut
Seiner verhört er mein Herz, und die Kohle war glühend lebendig,
mit einer Zange hielt sie ein Engel, und: „Siehe, hier bin ich,
sende auch mich, zu verkünden das Wort" war danach meine Rede.
Und wen der Herr einmal entsandt hat, der hat weder Alter,
noch hat er Ruhe, die Kohle, die englische, sengt seine Lippen.
Und wieviel sind für den Herrn tausend Jahre? Ein Flämmchen an Zeit nur!

Dichter:
Wie bist du, Vater, doch jung! Ich beneid dich. Wie sollt ich mein dürftiges
Zeitläuftchen messen mit deinem entsetzlichen Alter? Wie in dem
reißenden Gießbach sich rundet der Kiesel, wetzt einen die Zeit ab.

Prophet:
Glaube das nicht. Ich kenn deine neuen Gedichte. Der Zorn hält
dich am Leben; verwandt ist die Wut der Propheten und Dichter:
Speise und Trank für das Volk! Wer nur will, der kann davon leben,
bis einst das Land kommt, das jener jüngere Jünger versprochen,
jener, der das Gesetz erfüllt hat und unsere Worte.
Komm zu verkünden mit mir, daß jene Stunde schon nah ist,
jenes Land schon vor der Geburt steht. Was des Herrn Zweck sei,
fragte ich? Sieh: jenes Land. Komm, laß uns dahingehn, und sammeln
laß uns das Volk, hol her deine Frau und schneide schon Stöcke.
Denn ein guter Gesell ist dem Wandrer der Stock. Gib mir den da,
der da soll mein sein, sonst keiner, denn lieb ist mir alles, was knorrig.

(Deutsch von Franz Fühmann)

„Von Zorn ein praller Sack"

Miklos Radnoti wurde am 9. November 1944, da er bei einer Überstellung von Zwangsarbeitern als „marschunfähig" galt, zusammen mit einundzwanzig anderen Juden kurz vor der Ortschaft Abda (bei Györ in Ungarn) erschossen und verscharrt.

1946 wurde das Massengrab von Abda exhumiert. Bei der Nummer 12 fand sich ein Notizheft, auf dessen erster Seite folgender Text stand: „Dieses Büchlein enthält die Gedichte des ungarischen Dichters Miklos Radnoti. Der Finder wird gebeten, es nach Ungarn, Herrn Professor Gyula Ortutay, wohnhaft Budapest VII., Horanszky-Straße 1. li., zukommen zu lassen."

In dem Notizheft stand auch die „Achte Ekloge", die Radnoti am 23. August 1944 als Zwangsarbeiter im Lager Heidenau der „Organisation Todt" schrieb (oberhalb Zagubica in Jugoslawien).


 

 
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