Nr. 28, September 2000
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
 Leseproben
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 Deutsch global
 "Krieg der Geister"
 Unterschiede
 Fragezeichen   

 

 

Wo sind sie geblieben?

Der Band mit den hübschen Titel „Das Buch der Unterschiede" vereint dreiundzwanzig Kurztexte junger Autoren zu der Frage, was alles im vereinten Deutschland partout nicht zusammenwächst. Nun hätte ich (Westlerin) von den Ost-Autoren und ihrem Innen-Blick derzeit gern auch ein Wort darüber gehört, woher eigentlich im wilden Osten die vielen Rechtsradikalen kommen. Aber nur zwei der zehn Autoren, die dazu aus Erfahrung etwas hätten sagen können, streifen das Thema leichthin im Vorübergehen. Sie sprechen über so Vieles, so Nichtiges, aber zu dieser nicht nur politisch widerlichen Zeiterscheinung nirgends ein Wort der Erklärung. Immerhin auch keins der Verharmlosung - oder wäre die Nichterwähnung schon eine?
Das Projekt dieses Bandes ist ja begrüßenswert: Wenn wir schon den Großen Deutschen Roman so schnell nicht kriegen, dann wollen wir wenigstens in Kurztexten zwischen Erzählung und Reportage ein Mosaik vereint-deutscher Stimmungen anlegen. Und natürlich müssen Junge her. Was de Bruyn dazu sagen könnte, das wissen wir ja.
Das Ergebnis: Es braucht ein gewisses Maß an „akzeptierender Jugendarbeit", diese Texte durchzuarbeiten. Fast alle Autoren sind heute als Redakteure bei Zeitungen und Rundfunkanstalten tätig, andere „leben" nur irgendwo, wie die Kurzbiographien ausweisen (mit neckischen Doppelfotos, jeweils eins vor und eins nach der Vereinigung). Dort mögen sie gute Arbeit leisten, und die meisten von ihnen können auch schreiben. Aber einige Texte sind von peinlicher Hilflosigkeit („Von meinem Gefühl stand ich voll hinter den Menschen und ihrem Willen nach Freiheit"), die wir nun nicht dem Autor ankreiden, sondern ausschließlich dem Verlagslektor. Solche Verballhornung darf man einfach nicht durch- und in Druck gehen lassen. Auch nicht den Schluß desselben Beitrags. Er kommt sich wahnsinnig provokativ vor und ist doch nur todtraurig pubertär:

Oder, wenn du Glück hast, darfst du dich wie ein Stück Scheiße fühlen oder wie Dreck am Arschloch. Oder wie wär‘s mit dem ewig dönerverkaufenden türkenfotzigen Stück Hundescheiße mit Pitbull-Pisse und ‘ner Prise Dünnschiß von unserem Berliner Bär obendrauf. Das ist mein Gefühl von der Deutschen Einheit.

Erfreulich, daß sich daneben auch ausdrucksfähige, assoziationsreiche und syntaxsichere Prosastücke finden, etwa in dem Text „Soljanka am Scharmützelsee" von Christoph Meckes (West), der mit Freunden ein Camping-Freibad (Ost) betritt:

Mürrisch und stumm nehmen wir unsere Utensilien und machen uns auf den Weg. Nasse dünne Kinder laufen von Baum zu Baum. Ihre Eltern haben sich um Freizeitgeräte geschart und reißen Witze. Erfrischungen werden gereicht, Lieder werden noch keine gesungen. Es ist ein Bild, wie es sich auf jedem Campingplatz zeigt, und doch ist etwas anders. Ich habe das unbestimmte Gefühl, daß wir beobachtet werden. Als ob eine totale Sonnenfinsternis über den Campingplatz gekommen sei, verstummt jedes Gespräch, sobald wir eine Gruppe passieren, blicken die Ausflügler sorgenvoll uns Neuankömmlinge an, hören Vögel auf zu singen. Ich bin mir sicher, nur ein Wort, und sei es Quarkkeulchen gewesen, hätte die Situation entschärft, doch dazu ist niemand in der Lage.

Aber so schöne Textfunde sind hier nicht allzu häufig.
Dagegen wird das Klischee vom nicht unbedingt jammernden, aber unzufriedenen Ossi an nicht wenigen Stellen durchaus bestätigt. Sie haben halt ihre Identitätsprobleme, die jungen Leute aus dem Osten, und in aufmüpfiger Nabelschau werden die dann beschrieben, wie hier in erfreulicher Klarheit von Jana Simon, die beim Ausflug mit ihrer Freundin und österreichischen Windsurfern ins Grübeln kommt:

Bei uns ist das ganze System, das ganze Land zusammengebrochen, und ihr sitzt hier auf eurer Insel, und alles, woran ihr denken könnt, sind das richtige Brett, der richtige Wind und das kleinste Segel. Die Wiener, andererseits, konnten uns Ostmädchen nicht verstehen - mit unserer Gier nach Leben und unserer merkwürdigen Ernsthaftigkeit. Genausowenig konnten wir begreifen, daß man einen ganzen Sommer lang surfen kann und dabei glücklich ist. Damals habe ich das nur gedacht. Nach außen war ich bemüht, so zu sein wie die Wiener, die Westler. Nach einer Woche sprach ich ihren Dialekt und konnte sogar übers Surfen souverän mitreden. Ich wollte nicht anders, nicht die aus dem Osten sein.

Noch souveräner, mit noch deutlicherem Überblick schreibt auch Maxim Leo über den Gedanken, seine Vaterstadt zu verlassen, wobei er im Osten bislang den Westler simulierte:

Die DDR ist meine Heimat. Sie zu verlassen wäre bitter. Diese Erkenntnis war für mich ein Schock. Nie hätte ich gedacht, daß ich für diesen kläglichen Staat so zärtliche Gefühle empfinden könnte. Sogleich versuchte ich, mich damit zu beruhigen, daß meine Anhänglichkeit natürlich nicht dem Staat, sondern dem Ort meiner Kindheit galt. Trotzdem war ich stark verunsichert: Vielleicht war ich ja doch nur ein gewöhnlicher Ostler und würde es auch immer bleiben, weil ich nicht den Mut haben würde, mehr zu tun, als mein Land auf kindische Weise zu verleugnen?

Notabene: Das waren Gedanken, die der Autor sich bereits vor dem Mauerfall machte. Es ist also gar nicht so, als hätte erst die Vereinigung die Vereinigungsprobleme geschaffen. Es gab nicht wenige schon vorher.
Was nicht verdecken soll, daß die meisten Inkompatibilitäten erst nachher virulent wurden. Erst nach dem Ende der Sonntagsgefühle trieb Unverträgliches nach oben, was vorher im emotionalen Untergrund nur angelegt war. Sehen wir noch einmal in Maxim Leos Psychogramm nach:

Beunruhigt waren wir hingegen darüber, daß uns die ersten Angriffe der gerade entstehenden Besser-Wessi-Bewegung gegen den Osten stärker trafen, als wir gedacht hatten. Wir mußten erkennen, daß wir mit der DDR eigentlich enger verwoben waren, als uns lieb war. Sie war uns nach ihrem Untergang irgendwie präsenter und näher als je zuvor. So fühlten wir uns verletzt, wenn Leute aus dem Westen behaupteten, wir wären alle schlecht ausgebildet. Auch die Behauptung, die Ostler wären charakterlich schwach und könnten sich nicht durchsetzen, fanden wir schlicht unverschämt. Fortan sahen wir es als unsere Aufgabe an, den Ruf der Ostler und damit auch unseren eigenen zu retten.

Fast spiegelbildlich dazu (wenn auch nicht auf Verlorenes, sondern auf noch immer Gegenwärtiges bezogen) die genau beschriebene Verteidigung der Heimat durch eine Westlerin, Wiete Andrasch, deren Gesprächspartnerin(Ost) den Westen bloß „Legoland" nennt und langweilig findet:

Und der Ruhrpott, öde? Ja, vielleicht ein bißchen. Ehrlich gesagt, verband mich nie viel mit dieser Ecke. Dennoch, irgendwas zuckte in mir zusammen, reagierte empfindlich auf ihre gnadenlose West-Abwertung. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, daß ich mal Städte wie Bottrop und Castrop-Rauxel verteidigen würde. An jenem Abend unterhielt ich mich das erste Mal mit einer Ostlerin und verbündete mich insgeheim mit sämtlichen Westdeutschen von Düsseldorf bis Hameln.

Aber auch die Unterschiede sind erkennbar. Die psychologische Reaktion(Ost) auf solche Angriffe ist hier Verletztheit, die Reaktion(West) eine angriffslustige strategische Allianz.
In vielen Texten dieses Bandes ist aber auch eine tiefe Enttäuschtheit der Brüder und Schwestern im Osten unübersehbar.
Um es zynisch einzuleiten: Schily hatte mit seiner Bananen-Geschmacklosigkeit möglicherweise doch nicht ganz Unrecht. Es fällt auf, wie sehr die fernsehvermittelte Warenwelt des Westens in den Träumen der Ostler mit ungeheuren Sehnsüchten besetzt war. Wie sich dann herausstellte, waren es unerfüllbare Sehnsüchte. Jeans und Coca Cola sind eben nur solange aufregend und abendfüllend, wie man sie nicht bekommt. Überhaupt: Es war ja gerade die Nichtverfügbarkeit der Levi‘s 501 (und nicht so sehr die Sehnsucht danach), die zum Entstehen einer gewissen „Ernsthaftigkeit" (siehe oben) erforderlich war. Jetzt sind die Ossis baß erstaunt, daß sie die 501 nicht kriegen, ohne sich auch mit allen anderen Schäden des Nur-Kapitalismus anzustecken.
Die östliche Enttäuschtheit (von wenigen im Westen mitgefühlt, etwa Günter Grass) hat noch eine zweite Ursache. Die Erwartung, die erfolgreichen Revolutionäre der Montags-Demos oder die ostdeutschen Bürgerrechtler könnten irgendetwas Neues, irgendwie Wertvolles „einbringen" in den größeren deutschen Staat, hat sich ja nicht erst mit dem Beitritt der Ex-DDR als idealistische Wunschvorstellung enthüllt. Schon vorher, zwar nach dem triumphalen Mauerfall, aber lange vor Wahlkampf, gesamtdeutschem Parlament und Vereinigung, war deutlich geworden, daß sich das - wenn man überhaupt so sagen kann - Gedankengut dieser Gruppen in Luft aufgelöst hatte. Übriggeblieben ist dann oft nichts anderes als eine kindliche Schmollhaltung, wie sie hier von Ralf Schlüter beschrieben wird (der zwar Westler ist, sich aber selbst wie ein Ostler vorkommt). Von ihm, wie zwischen den Zeilen von vielen anderen Autoren, wird die seit 1989 veränderte Umwelt als Chaos und Bedrohung wahrgenommen, die nur noch „ausgehalten" sein will:

Immer häufiger, in immer mehr der tausend Subwelten, aus denen sich die überall nur noch westdeutsche Welt zusammensetzt, fühle ich mich selbst wie ein Ossi. Ich kenne vieles nicht,
muß häufig den Kopf schütteln. Ossi sein und das aushalten, das ist der Zeitgeist der Zukunft! Von der DDR lernen heißt hinterm Mond leben lernen. Aber was ist eigentlich so schlimm an diesem Ort? Möglicherweise lebt es sich ganz gut damit, nicht „dabeizusein". Man muß ja nicht gleich eine Puhdys-Platte kaufen.

Diese zusammenrückende Beleidigtheit gibt dann auch eine vielleicht riskante Antwort auf die Frage nach dem textuellen Verbleib der Neonazis: Wer nur noch die verlorengegangene Heimat beweint und gegen „Angriffe" verteidigt, läßt in seinem apologetischen Beschönigungsdrang die braunen Flecken natürlich weg.

Alexandra Simon

Simon, Jana, Frank Rothe, Wiete Andrasch (Hrsg.)
Das Buch der Unterschiede. Warum die Einheit keine ist
Aufbau Verlag, Berlin 2000
13,5 x 19 Zentimeter, 237 Seiten
DM 29,80, öS 218, sFr 29,10

Ihr Kommentar

 

 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv