|
|
Wo sind sie geblieben? Der Band mit den hübschen Titel Das Buch der Unterschiede"
vereint dreiundzwanzig Kurztexte junger Autoren zu der Frage, was alles
im vereinten Deutschland partout nicht zusammenwächst. Nun hätte
ich Oder, wenn du Glück hast, darfst du dich wie ein Stück Scheiße fühlen oder wie Dreck am Arschloch. Oder wie wärs mit dem ewig dönerverkaufenden türkenfotzigen Stück Hundescheiße mit Pitbull-Pisse und ner Prise Dünnschiß von unserem Berliner Bär obendrauf. Das ist mein Gefühl von der Deutschen Einheit. Erfreulich, daß sich daneben auch ausdrucksfähige, assoziationsreiche und syntaxsichere Prosastücke finden, etwa in dem Text Soljanka am Scharmützelsee" von Christoph Meckes (West), der mit Freunden ein Camping-Freibad (Ost) betritt: Mürrisch und stumm nehmen wir unsere Utensilien und machen uns auf den Weg. Nasse dünne Kinder laufen von Baum zu Baum. Ihre Eltern haben sich um Freizeitgeräte geschart und reißen Witze. Erfrischungen werden gereicht, Lieder werden noch keine gesungen. Es ist ein Bild, wie es sich auf jedem Campingplatz zeigt, und doch ist etwas anders. Ich habe das unbestimmte Gefühl, daß wir beobachtet werden. Als ob eine totale Sonnenfinsternis über den Campingplatz gekommen sei, verstummt jedes Gespräch, sobald wir eine Gruppe passieren, blicken die Ausflügler sorgenvoll uns Neuankömmlinge an, hören Vögel auf zu singen. Ich bin mir sicher, nur ein Wort, und sei es Quarkkeulchen gewesen, hätte die Situation entschärft, doch dazu ist niemand in der Lage. Aber so schöne Textfunde sind hier nicht allzu häufig. Bei uns ist das ganze System, das ganze Land zusammengebrochen, und ihr sitzt hier auf eurer Insel, und alles, woran ihr denken könnt, sind das richtige Brett, der richtige Wind und das kleinste Segel. Die Wiener, andererseits, konnten uns Ostmädchen nicht verstehen - mit unserer Gier nach Leben und unserer merkwürdigen Ernsthaftigkeit. Genausowenig konnten wir begreifen, daß man einen ganzen Sommer lang surfen kann und dabei glücklich ist. Damals habe ich das nur gedacht. Nach außen war ich bemüht, so zu sein wie die Wiener, die Westler. Nach einer Woche sprach ich ihren Dialekt und konnte sogar übers Surfen souverän mitreden. Ich wollte nicht anders, nicht die aus dem Osten sein. Noch souveräner, mit noch deutlicherem Überblick schreibt auch Maxim Leo über den Gedanken, seine Vaterstadt zu verlassen, wobei er im Osten bislang den Westler simulierte: Die DDR ist meine Heimat. Sie zu verlassen wäre bitter. Diese Erkenntnis war für mich ein Schock. Nie hätte ich gedacht, daß ich für diesen kläglichen Staat so zärtliche Gefühle empfinden könnte. Sogleich versuchte ich, mich damit zu beruhigen, daß meine Anhänglichkeit natürlich nicht dem Staat, sondern dem Ort meiner Kindheit galt. Trotzdem war ich stark verunsichert: Vielleicht war ich ja doch nur ein gewöhnlicher Ostler und würde es auch immer bleiben, weil ich nicht den Mut haben würde, mehr zu tun, als mein Land auf kindische Weise zu verleugnen? Notabene: Das waren Gedanken, die der Autor sich bereits vor dem Mauerfall
machte. Es ist also gar nicht so, als hätte erst die Vereinigung
die Vereinigungsprobleme geschaffen. Es gab nicht wenige schon vorher.
Beunruhigt waren wir hingegen darüber, daß uns die ersten Angriffe der gerade entstehenden Besser-Wessi-Bewegung gegen den Osten stärker trafen, als wir gedacht hatten. Wir mußten erkennen, daß wir mit der DDR eigentlich enger verwoben waren, als uns lieb war. Sie war uns nach ihrem Untergang irgendwie präsenter und näher als je zuvor. So fühlten wir uns verletzt, wenn Leute aus dem Westen behaupteten, wir wären alle schlecht ausgebildet. Auch die Behauptung, die Ostler wären charakterlich schwach und könnten sich nicht durchsetzen, fanden wir schlicht unverschämt. Fortan sahen wir es als unsere Aufgabe an, den Ruf der Ostler und damit auch unseren eigenen zu retten. Fast spiegelbildlich dazu (wenn auch nicht auf Verlorenes, sondern auf noch immer Gegenwärtiges bezogen) die genau beschriebene Verteidigung der Heimat durch eine Westlerin, Wiete Andrasch, deren Gesprächspartnerin(Ost) den Westen bloß Legoland" nennt und langweilig findet: Und der Ruhrpott, öde? Ja, vielleicht ein bißchen. Ehrlich gesagt, verband mich nie viel mit dieser Ecke. Dennoch, irgendwas zuckte in mir zusammen, reagierte empfindlich auf ihre gnadenlose West-Abwertung. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, daß ich mal Städte wie Bottrop und Castrop-Rauxel verteidigen würde. An jenem Abend unterhielt ich mich das erste Mal mit einer Ostlerin und verbündete mich insgeheim mit sämtlichen Westdeutschen von Düsseldorf bis Hameln. Aber auch die Unterschiede sind erkennbar. Die psychologische Reaktion(Ost)
auf solche Angriffe ist hier Verletztheit, die Reaktion(West) eine angriffslustige
strategische Allianz. Immer häufiger, in immer mehr der tausend Subwelten,
aus denen sich die überall nur noch westdeutsche Welt zusammensetzt,
fühle ich mich selbst wie ein Ossi. Ich kenne vieles nicht, Diese zusammenrückende Beleidigtheit gibt dann auch eine vielleicht riskante Antwort auf die Frage nach dem textuellen Verbleib der Neonazis: Wer nur noch die verlorengegangene Heimat beweint und gegen Angriffe" verteidigt, läßt in seinem apologetischen Beschönigungsdrang die braunen Flecken natürlich weg. Alexandra Simon Simon, Jana, Frank Rothe, Wiete Andrasch (Hrsg.) |
| Essays Interview Leseproben Net-Ticker TextBilder Rubriken Archiv |