Nr. 28, September 2000
 
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 "Krieg der  Geister"
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Ja, Nein und einiges dazwischen

Es gibt Sachverhalte, die Historiker erst nach langer Zeit aufgreifen und als einigermaßen gesicherte Tatbestände festschreiben.
Jedenfalls ist es frappant, daß sich zwei große Studien fast gleichzeitig mit demselben Thema befassen: den deutschen Intellektuellen im Ersten Weltkrieg, achtzig, neunzig Jahre danach. Eine dieser Untersuchungen, „Die geistige Mobilmachung" von Kurt Flasch über Philosophen der Epoche, wurde bereits in Der Gazette rezensiert (Nr. 26, Juni/Juli 2000). Und was hier folgt, ist die Besprechung der zweiten, herausgegeben von Uwe Schneider und Andreas Schumann, mit dem anklingenden Titel „Krieg der Geister" (auch auf dem Buch in Gänsefüßchen, nach dem Titel einer gleichnamigen Anthologie von 1915).
Die Herausgeber haben insgesamt vierzehn Schriftsteller versammelt, in deren Produktion um den Ersten Weltkrieg herum nun genauer hineingeleuchtet wird: Arthur Schnitzler, Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Stefan George, Heinrich Mann, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Rudolf Borchardt, Hermann Hesse, Robert Musil, Franz Kafka und Oskar Maria Graf. Eine Auswahl, die ganz offensichtlich nicht nach ideologischen Vorlieben getroffen wurde.
Und um es gleich vorweg zu sagen: Die Fülle dieser Namen, ihrer „Ideologien", und Lebensentwürfe muß ein weites und menschliches Spektrum schreibender Reaktionen auf den Krieg ergeben. Die Herausgeber weisen bereits in der Einleitung darauf hin, daß von der emphatischen Bejahung des Krieges bis zu seiner Charakterisierung als „Narretei" (Oskar Maria Graf) ganz verschiedene Reaktionsweisen vorkamen, und dies nicht in emotionaler oder intellektueller Statik, sondern als bewegliche, immer wieder vorgenommene Neubewertung.
Die einzigen, die in der Liste - wenn man so will - „fehlen", sind möglicherweise Walter Flex oder Erwin Guido Kolbenheyer, obwohl auch sie eigentlich zu den Geburtsjahrgängen 1862 bis 1894 gehören, die der Auswahl zugrundliegen. Die Herausgeber begründen ihre Festlegung jedoch so, daß die Genannten (und natürlich Spätergeborene wie Ernst Jünger) unberücksichtigt bleiben:

Trotz unterschiedlicher Lebensumstände, Einstellungen, Verhaltensweisen, Erlebnisse in der Zeit zwischen 1914 und 1918 ist eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen hervorzuheben. Sie alle durften sich glücklich schätzen, nicht in die Kampfhandlungen des Krieges verwickelt gewesen zu sein, selbst (rare) Einberufungen an die Front wie etwa im Falle Oskar Maria Grafs führen nicht in den Schützengraben, sondern schlimmstenfalls in die Etappe - keiner der hier versammelten Schriftsteller geht in patriotischem Enthusiasmus so weit, sich wie Richard Dehmel 1914 mit 51 Jahren freiwillig zum Kriegsdienst zu melden und dort zwei Jahre zu verweilen.

Nun aber kurz zu den Beiträgen im einzelnen.
Walter Müller-Seidel legt einen gediegenen, faktenreichen, aber auch in gewisser Weise traditionell literarwissenschaftlichen Artikel über Arthur Schnitzlers „Schweigen zum Krieg während des Krieges" vor. Gerhart Hauptmann erweist sich in der Untersuchung von Peter Sprengel fast als tragische Figur. Die rückwärtsgewandte, zeitweise eklatante Ungemessenheit seiner Kriegsdeutung („Das sich erneuernde Leben will scheinbar durch eine ungeheure Zahl von Morden eingeleitet sein") war dem Dramatiker wohl selbst bewußt. „Subversive Einmischung und satirische Abrechnung" mit den deutschen Schriftstellerkollegen findet sodann Uwe Schneider bei Frank Wedekind. Die Einstellung Stefan Georges (in der Darstellung von Ralph-Rainer Wuthenow) fördert Erwartbares zutage, freundlicher gesagt (und so auch ein wenig zu freundlich vom Verfasser bezeichnet:) „Mißverständliches" wie die politisch doch klaren Verse:

Kehrt wieder kluge und gewandte väter!
Auch euer gift und dolch ist bessre sitte
Als die der gleichheit-lobenden verräter.
Kein schlimmrer feind der völker als die Mitte!

Wuthenow gibt dann aber eine eingehende Interpretation des Gedichts „Der Krieg": Es sei in seiner Aussage „eindeutig, soweit sich das überhaupt von Gedichten Stefan Georges sagen läßt".
Es folgen ein kurzer Essay über Heinrich Mann von Klaus Schuhmacher und der viel zu knappe Abriß von Andreas Schumann über Hugo von Hofmannsthal. Über die, wie der Autor richtig feststellt, „unausweichlichen" Rückzüge des Dichters hätte man von einem Kenner wie Schumann gern noch mehr erfahren, speziell über das Verhältnis der so verschiedenen Rückzugsgebiete untereinander: das mythisierte Europa, das zu bewahrende Alltägliche, das Künstlerisch-Ästhetische.
Anthony Stephens arbeitet mit feinen Mitteln die bald vorübergehende Kriegsbegeisterung Rilkes heraus, wobei „man die Emphase der Fünf Gesänge nachsichtig als kurzlebigen Irrtum abzutun" pflegt, die später einer deutlichen Ratlosigkeit den Platz räumt.
Einer der besten Aufsätze ist „Thomas Mann und der Erste Weltkrieg" von Jürgen Eder. Nach eingehender Würdigung auch der „Betrachtungen eines Unpolitischen" kommt Eder zu einem differenzierenden Schlußurteil über eine „innere Biographie":

Thomas Manns Verhältnis zum Ersten Weltkrieg ist schwierig zu werten, viel leichter schon zu skizzieren. Auf der einen Ebene agiert und schreibt er im Gestus des Militärischen, von der Zeit „Eingezogenen", literarischer „Zeitdienst mit der Waffe" will geleistet werden. Je länger der Krieg andauerte, desto mehr geriet diese Haltung zum für Thomas Mann typischen Zug des „Durchhaltens". Erkauft war eine solche Position durch ein immer stärkeres Absehen von der konkreten Kriegslage, ob nun un strategisch.operativer Hinsicht oder in menschlicher: Tod, Verstümmelung, Wahnsinn. Ob es sich um Verdrängung handelt oder um Ignoranz, ist schwer zu sagen, jedenfalls schließt sich der Künstler nahezu hermetisch davon ab. ...
Die andere Ebene, auf der man Thomas Manns Erlebnis der Jahre 1914-1918 zu betrachten hat, ist die der „Konfessionen", nach innen und nach außen. ... Er schuf sich eine ganz persönliche „Zwei-Reiche"-Lehre, die es ihm im folgenden erlaubte, Politik und Geschichte so zu erleben, daß das Werk dadurch nicht mehr bis in den Grund erschüttert wurde.

Zum Verständnis der Kriegszeit, fügt Eder hinzu, hätten die Hunderte von Seiten Thomas Mann aus den Kriegsjahren selbst „wenig bis nichts beigetragen". Das Panorama der Vorkriegszeit jedoch lieferte der Romancier, im „Zauberberg".
Die Einstellung zum Kriegsende, die Schuhmacher bei Rudolph Borchardt findet, hat dagegen Züge einer grandiosen Selbsttäuschung (ohne daß der Autor das so deutlich sagt). Für Borchardt war Deutschland noch in der Niederlage „das herrlich Nichtgewordene", die „causa victa" - nach dem Ausspruch des Lucanus: Die siegreiche Sache gefiel den Göttern, aber die besiegte (victa) dem Cato: eine nachträgliche, wirkungslose Überlegenheitspose. Theodore Ziolkowski argumentiert, der Krieg - im Verein mit einer existentiellen Krise - habe Hermann Hesse endgültig in die „Innerlichkeit" getrieben: „Der Krieg wird so zum Spiegel des psychisch gestörten Individuums. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte sich Hesses politische Ethik. Wenn man in Zukunft Kriege verhüten will, muß man sich vor allem um die geistige Erneuerung der kommenden Generationen kümmern."
Arno Russeger zeigt, daß hinter der nur scheinbaren Teilnahmslosigkeit Musils eine (für unseren Geschmack etwas zu abstrakte) Auseinandersetzung mit politischen Leerformeln steht. Franz Kafka stand, wie Thomas Anz nachweist, dem Krieg mit solch hoher ästhetischer Skepsis gegenüber (das „größtes Theater der Welt"), daß das grauenvolle Geschehen nur in künstlerischer Verarbeitung Zugang zu seinem Werk finden konnte. Bettina Hey´l führt einen nur noch schwankenden Stefan Zweig vor, der zwischen unangenehmer Propaganda, sanfter Kulturkritik, einem Kinderglauben an die Nation und einem Privat-Pazifismus kaum noch einen geraden Weg findet. Der Einzige jedoch, der eine klare und durchgehaltene Stellungnahme gegen den Krieg bezog, war Oskar Maria Graf, zu dem Ulrich Dittmann mehrere wenig beachtete Lebens- und Werk-Dokumente herangezogen hat.
Vierzehn intensiv gelebte, unterschiedlich zeit- und kriegsbezogene literarische Biographien, jede einzelne mit kundiger, einfühlsamer Hand nachgezeichnet. Nach der Lektüre steht man nachdenklich vor einer oft überraschenden Vielfalt an Reaktionen auf das Jahrhundertereignis des Ersten Weltkriegs. Es gab (und gibt) eben nicht nur das fanatische Ja oder das mutige Nein, sondern dazwischen noch eine ganze Reihe Abschattungen, noch kompliziert durch den hier ebenfalls offenstehenden Fluchtweg ins Ästhetische. Ob allerdings und wann das „Werk" eine „unmenschliche" Haltung des Künstlers rechtfertigt, ist eine auch in diesen Studien nicht ausgelotete Frage.

Michael Meyers

Uwe Schneider, Andreas Schumann (Hrsg.)
„Krieg der Geister". Erster Weltkrieg und literarische Moderne
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2000
15,5 x 23,5 Zentimeter, 313 Seiten
DM 68,–, öS 496, sFr 61,80

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