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Ja, Nein und einiges dazwischen
Es gibt Sachverhalte, die Historiker erst nach langer Zeit aufgreifen
und als einigermaßen gesicherte Tatbestände festschreiben.
Jedenfalls ist es frappant, daß sich zwei große Studien
fast gleichzeitig mit demselben Thema befassen: den deutschen Intellektuellen
im Ersten Weltkrieg, achtzig, neunzig Jahre danach. Eine dieser Untersuchungen,
Die geistige Mobilmachung" von Kurt Flasch über Philosophen
der Epoche, wurde bereits in Der Gazette rezensiert (Nr. 26, Juni/Juli
2000). Und was hier folgt, ist die Besprechung der zweiten, herausgegeben
von Uwe Schneider und Andreas Schumann, mit dem anklingenden Titel Krieg
der Geister" (auch auf dem Buch in Gänsefüßchen,
nach dem Titel einer gleichnamigen Anthologie von 1915).
Die Herausgeber haben insgesamt vierzehn Schriftsteller versammelt,
in deren Produktion um den Ersten Weltkrieg herum nun genauer hineingeleuchtet
wird: Arthur Schnitzler, Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Stefan George,
Heinrich Mann, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann,
Rudolf Borchardt, Hermann Hesse, Robert Musil, Franz Kafka und Oskar
Maria Graf. Eine Auswahl, die ganz offensichtlich nicht nach ideologischen
Vorlieben getroffen wurde.
Und um es gleich vorweg zu sagen: Die Fülle dieser Namen, ihrer
Ideologien", und Lebensentwürfe muß ein weites
und menschliches Spektrum schreibender Reaktionen auf den Krieg ergeben.
Die Herausgeber weisen bereits in der Einleitung darauf hin, daß
von der emphatischen Bejahung des Krieges bis zu seiner Charakterisierung
als Narretei" (Oskar Maria Graf) ganz verschiedene Reaktionsweisen
vorkamen, und dies nicht in emotionaler oder intellektueller Statik,
sondern als bewegliche, immer wieder vorgenommene Neubewertung.
Die einzigen, die in der Liste - wenn man so will - fehlen",
sind möglicherweise Walter Flex oder Erwin Guido Kolbenheyer, obwohl
auch sie eigentlich zu den Geburtsjahrgängen 1862 bis 1894 gehören,
die der Auswahl zugrundliegen. Die Herausgeber begründen ihre Festlegung
jedoch so, daß die Genannten (und natürlich Spätergeborene
wie Ernst Jünger) unberücksichtigt bleiben:
Trotz unterschiedlicher Lebensumstände, Einstellungen,
Verhaltensweisen, Erlebnisse in der Zeit zwischen 1914 und 1918 ist
eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen hervorzuheben. Sie alle durften sich
glücklich schätzen, nicht in die Kampfhandlungen des Krieges
verwickelt gewesen zu sein, selbst (rare) Einberufungen an die Front
wie etwa im Falle Oskar Maria Grafs führen nicht in den Schützengraben,
sondern schlimmstenfalls in die Etappe - keiner der hier versammelten
Schriftsteller geht in patriotischem Enthusiasmus so weit, sich wie
Richard Dehmel 1914 mit 51 Jahren freiwillig zum Kriegsdienst zu melden
und dort zwei Jahre zu verweilen.
Nun aber kurz zu den Beiträgen im einzelnen.
Walter Müller-Seidel legt einen gediegenen, faktenreichen, aber
auch in gewisser Weise traditionell literarwissenschaftlichen Artikel
über Arthur Schnitzlers Schweigen zum Krieg während
des Krieges" vor. Gerhart Hauptmann erweist sich in der Untersuchung
von Peter Sprengel fast als tragische Figur. Die rückwärtsgewandte,
zeitweise eklatante Ungemessenheit seiner Kriegsdeutung (Das sich
erneuernde Leben will scheinbar durch eine ungeheure Zahl von Morden
eingeleitet sein") war dem Dramatiker wohl selbst bewußt.
Subversive Einmischung und satirische Abrechnung" mit den
deutschen Schriftstellerkollegen findet sodann Uwe Schneider bei Frank
Wedekind. Die Einstellung Stefan Georges (in der Darstellung von Ralph-Rainer
Wuthenow) fördert Erwartbares zutage, freundlicher gesagt (und
so auch ein wenig zu freundlich vom Verfasser bezeichnet:) Mißverständliches"
wie die politisch doch klaren Verse:
Kehrt wieder kluge und gewandte väter!
Auch euer gift und dolch ist bessre sitte
Als die der gleichheit-lobenden verräter.
Kein schlimmrer feind der völker als die Mitte!
Wuthenow gibt dann aber eine eingehende Interpretation des Gedichts
Der Krieg": Es sei in seiner Aussage eindeutig, soweit
sich das überhaupt von Gedichten Stefan Georges sagen läßt".
Es folgen ein kurzer Essay über Heinrich Mann von Klaus Schuhmacher
und der viel zu knappe Abriß von Andreas Schumann über Hugo
von Hofmannsthal. Über die, wie der Autor richtig feststellt, unausweichlichen"
Rückzüge des Dichters hätte man von einem Kenner wie
Schumann gern noch mehr erfahren, speziell über das Verhältnis
der so verschiedenen Rückzugsgebiete untereinander: das mythisierte
Europa, das zu bewahrende Alltägliche, das Künstlerisch-Ästhetische.
Anthony Stephens arbeitet mit feinen Mitteln die bald vorübergehende
Kriegsbegeisterung Rilkes heraus, wobei man die Emphase der Fünf
Gesänge nachsichtig als kurzlebigen Irrtum abzutun" pflegt,
die später einer deutlichen Ratlosigkeit den Platz räumt.
Einer der besten Aufsätze ist Thomas Mann und der Erste Weltkrieg"
von Jürgen Eder. Nach eingehender Würdigung auch der Betrachtungen
eines Unpolitischen" kommt Eder zu einem differenzierenden Schlußurteil
über eine innere Biographie":
Thomas Manns Verhältnis zum Ersten Weltkrieg ist
schwierig zu werten, viel leichter schon zu skizzieren. Auf der einen
Ebene agiert und schreibt er im Gestus des Militärischen, von der
Zeit Eingezogenen", literarischer Zeitdienst mit der
Waffe" will geleistet werden. Je länger der Krieg andauerte,
desto mehr geriet diese Haltung zum für Thomas Mann typischen Zug
des Durchhaltens". Erkauft war eine solche Position durch
ein immer stärkeres Absehen von der konkreten Kriegslage, ob nun
un strategisch.operativer Hinsicht oder in menschlicher: Tod, Verstümmelung,
Wahnsinn. Ob es sich um Verdrängung handelt oder um Ignoranz, ist
schwer zu sagen, jedenfalls schließt sich der Künstler nahezu
hermetisch davon ab. ...
Die andere Ebene, auf der man Thomas Manns Erlebnis der Jahre 1914-1918
zu betrachten hat, ist die der Konfessionen", nach innen
und nach außen. ... Er schuf sich eine ganz persönliche Zwei-Reiche"-Lehre,
die es ihm im folgenden erlaubte, Politik und Geschichte so zu erleben,
daß das Werk dadurch nicht mehr bis in den Grund erschüttert
wurde.
Zum Verständnis der Kriegszeit, fügt Eder hinzu, hätten
die Hunderte von Seiten Thomas Mann aus den Kriegsjahren selbst wenig
bis nichts beigetragen". Das Panorama der Vorkriegszeit jedoch
lieferte der Romancier, im Zauberberg".
Die Einstellung zum Kriegsende, die Schuhmacher bei Rudolph Borchardt
findet, hat dagegen Züge einer grandiosen Selbsttäuschung
(ohne daß der Autor das so deutlich sagt). Für Borchardt
war Deutschland noch in der Niederlage das herrlich Nichtgewordene",
die causa victa" - nach dem Ausspruch des Lucanus: Die siegreiche
Sache gefiel den Göttern, aber die besiegte (victa) dem Cato: eine
nachträgliche, wirkungslose Überlegenheitspose. Theodore Ziolkowski
argumentiert, der Krieg - im Verein mit einer existentiellen Krise -
habe Hermann Hesse endgültig in die Innerlichkeit" getrieben:
Der Krieg wird so zum Spiegel des psychisch gestörten Individuums.
Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte sich Hesses politische Ethik.
Wenn man in Zukunft Kriege verhüten will, muß man sich vor
allem um die geistige Erneuerung der kommenden Generationen kümmern."
Arno Russeger zeigt, daß hinter der nur scheinbaren Teilnahmslosigkeit
Musils eine (für unseren Geschmack etwas zu abstrakte) Auseinandersetzung
mit politischen Leerformeln steht. Franz Kafka stand, wie Thomas Anz
nachweist, dem Krieg mit solch hoher ästhetischer Skepsis gegenüber
(das größtes Theater der Welt"), daß das
grauenvolle Geschehen nur in künstlerischer Verarbeitung Zugang
zu seinem Werk finden konnte. Bettina Hey´l führt einen nur
noch schwankenden Stefan Zweig vor, der zwischen unangenehmer Propaganda,
sanfter Kulturkritik, einem Kinderglauben an die Nation und einem Privat-Pazifismus
kaum noch einen geraden Weg findet. Der Einzige jedoch, der eine klare
und durchgehaltene Stellungnahme gegen den Krieg bezog, war Oskar Maria
Graf, zu dem Ulrich Dittmann mehrere wenig beachtete Lebens- und Werk-Dokumente
herangezogen hat.
Vierzehn intensiv gelebte, unterschiedlich zeit- und kriegsbezogene
literarische Biographien, jede einzelne mit kundiger, einfühlsamer
Hand nachgezeichnet. Nach der Lektüre steht man nachdenklich vor
einer oft überraschenden Vielfalt an Reaktionen auf das Jahrhundertereignis
des Ersten Weltkriegs. Es gab (und gibt) eben nicht nur das fanatische
Ja oder das mutige Nein, sondern dazwischen noch eine ganze Reihe Abschattungen,
noch kompliziert durch den hier ebenfalls offenstehenden Fluchtweg ins
Ästhetische. Ob allerdings und wann das Werk" eine unmenschliche"
Haltung des Künstlers rechtfertigt, ist eine auch in diesen Studien
nicht ausgelotete Frage.
Michael Meyers
Uwe Schneider, Andreas Schumann (Hrsg.)
Krieg der Geister". Erster Weltkrieg und literarische Moderne
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2000
15,5 x 23,5 Zentimeter, 313 Seiten
DM 68,, öS 496, sFr 61,80
Ihr
Kommentar
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