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Gepflegt gejammert
Ich sollte gleich sagen, daß dies nur eine Voraus- und Kurzbesprechung
ist. Bei der Lektüre von Deutsch Global" stellte sich
nämlich heraus, daß in diesem Sammelband mehr zur Debatte
steht, ja ganz anderes und Wichtigeres als - wie der etwas altmodische
und orthographisch zweifelhafte Untertitel glauben macht - Neue
Medien - Herausforderungen für die Deutsche Sprache". Und
das ist einen eigenen Essay wert, in einer der kommenden Nummern.
Deshalb soll hier nur auf das Vorwort des Herausgebers Hilmar Hoffmann
eingegangen werden. Hoffmann ist Präsident
des Goethe-Instituts, und die hervorgehobene Stellung gibt seinem Wort
Gewicht. Wenigstens hätte man es erwartet.
In seiner Einleitung Kommunikation und Lernen - neu-alte Strukturen"
macht sich also der Autor seine sorgenvollen Gedanken über das
Wohl und Wehe der deutschen Sprache (jetzt mit kleingeschriebenem Adjektiv).
Ausgangspunkt und Anregung für das ganze Buch war ein Gastkommentar
Hoffmanns in der FAZ, in dem ich", erläutert er, die
immer prekärer ins Abseits geratene Rolle deutschsprachiger Wissenschaft
im englisch dominierten virtuellen Kommunikationssystem des Internet
beklage".
Hoffmann weiß, wogegen er sich abzugrenzen hat, und er tut es
durchaus überzeugend:
Vorbehalte gegen die Dominanz einer Sprache resultieren
bei mir wie bei vielen anderen mitnichten aus Motiven des nationalen
Egoismus oder des Interesses an einer Weltgeltung der deutschen
Sprache", gar als Stütze deutscher Machtentfaltung oder als
sprachpolitische Heimwehr. Sie approbierten Ideen von Karl Lamprecht
oder auch des preußischen Ministers Carl Heinrich Becker aus der
Weimarer Republik, denen es immer doch um die Weltegeltung des Deutschen
ging, sind endgültig passé.
Nein, ihm kommt es auf etwas anderes an, das er etwas wortreich, aber
auch -schöpferisch und unter Aufbietung eines eigenwilligen Bindestrichs
so formuliert:
Viel eher ist es ein aufgeklärtes Eigeninteresse
an kultureller Vielfalt, das uns jenseits allen linearen Denkens zur
Erfahrung des Anderen und des Fremden ermutigt - Verschiedenes, aber
Ähnlich-wertiges.
Lassen wir das mal so stehen (auch wenn wir nicht wissen, wie diese
Ermutigung jenseits - oder, wenn wir schon dabei sind, auch diesseits
- eines linearen" Denkens vor sich gehen soll) und sehen
uns statt dessen an, mit welchen Überlegungen Hoffmann sein Plädoyer
für das Deutsche bestückt hat.
Und da kommt es gleich im nächsten Absatz ziemlich dick. Er beginnt
mit der Sprachphilosophie Wilhelm von Humboldts, die uns gelehrt"
habe, daß Sprache und Welt zusammengehören. Gewichtiger und
schier religiös aufgeladen: Weltschöpfung geschieht
durch Sprache." Ähnliches habe Herder, schließlich
auch ein Aufklärer", für jede Kultur reklamiert. Weiter
im geschwellten Orgelton: Welt wird gedacht und gestaltet im Erfahrungsmilieu
und im Erlebnisraum der Muttersprache ...", und Hoffmann hat auch
gleich drei Kronzeugen" parat, die wir dafür in
Anspruch nehmen dürfen", eine überraschende und überwiegend
veraltete Trias, nämlich Nietzsche, Dilthey und Heidegger. Sind
Dilthey und Heidegger die Theoretiker, die neuerdings die Arbeit des
Goethe-Instituts prägen? Ich habe dem Verein zehn Jahre lang aktiv
angehört, und wir kamen damals recht gut, ja besser ohne Lebensphilosophen
und hitlerfreundliche Ontologen zurecht.
Immerhin kommen bei Hoffmann auch andere Denker vor, wenn auch nur unter
den geistigen Potenzialen", die unvermindert eifrig
nachgefragt werden", so Kant und Schopenhauer, Hegel und Habermas,
die viele im Original lesen wollen. Aber gleich danach wird der Sprache
abermals die metaphysische Last aufgebürdet, nicht nur dieses offenbar
widerliche instrumentelle Wissen" zu transportieren, sondern
etwas irgendwie Wertvolleres, uns Eigenes, das die andern nicht haben:
unser spezielles Menschenbild". Dafür wird dann die
deutsche Literatur- und Geistesgeschichte aufgeboten und umständlich
ihr Nennwert festgestellt:
Zur Vermittlung der Kultur aus Deutschland gehört
die Literatur als Begleitung der Entwicklung dessen, was deutsches Leben
und Selbstverständnis umfasst: der Humanismus der deutschen Klassik
und der sozialen Bewegungen, die dieses Denken zum Maßstab der
Politik machen und im Alltag beheimaten wollen, ebenso wie die idealistische
Philosophie und die radikalisierten Denkformen des 19. und frühen
20. Jahrhunderts - ihre Chiffren, Formeln, Metaphern, Signale sind unverzichtbare
Bestände der internationalen Wissensgesellschaft.
Das ist alles sicher nicht falsch, und störend mag nur die modernisierende
Rhetorik auffallen, die an die Stelle der klaren Entwicklung eines Arguments
tritt (etwa die altphilosophiehaltigen Chiffren" oder dieser
echte Fund, die luftige internationale Wissensgesellschaft").
Insgesamt kommt aber auch das Bild zustande, das Hoffmann sich von der
deutschen Sprache gemacht hat.
Demnach ist sie ein ziemlich gehobenes Medium, in dem auf rätselhafte
Weise (dauernd?) Weltschöpfung" stattfindet und in dessen
Erlebnisraum" diese Welt dann gedacht" wird sowie
ein Fundus an - wörtlich - Geistesschätzen", die
ohne sie verlorengehen würden. Siehe Dilthey und Heidegger.
Hoffmann hängt mit diesem Bild einer neo-idealistischen Sprachphilosophie
an, die zuletzt zwischen den Weltkriegen (speziell von Karl Vossler)
vertreten wurde. Ihr Verdienst war im 19. Jahrhundert die Überwindung
des Positivismus der Junggrammatiker, indem sie einen eher künstlerischen"
Blickwinkel zur Geltung brachte. Ihr Fehler war, daß sie die Sprache
kurzerhand auf Dichtung zurückführte, also auch den Wert der
Sprache auf den Wert der Dichtung.
Vorzuwerfen ist Hoffmann nicht, daß er dieses Sprachbild pflegt,
sondern daß er dabei stehenbleibt. Auch sein modernistisches Vokabular
täuscht nicht darüber hinweg, daß er mit neueren Sprachphilosophien,
die etwa auch soziologische oder zeichentheoretische Überlegungen
einbeziehen, nichts zu tun haben will - oder keine Ahnung davon hat.
Das immer noch ungeklärte Verhältnis von Denken und Sprache
löst sich für den Spätidealisten ganz einfach: Das sind
geheimnisvolle, auf jeden Fall wertvolle Inhalte als innere Form"
einer folglich nicht bloß äußeren, also ebenso wertvollen
Sprachgestalt.
Vorzuhalten ist Hoffmann außerdem, daß er nicht, so komisch
das hier klingt, die Machtfrage stellt. Warum ist das Englische attraktiver
als das Deutsche? Wir vermuten, auf historische Beispiele gestützt:
weil es zu einem dynamischen, mit höherem Ansehen verbundenen Lebensstil
gehört (und nicht weil es Geistesschätze" transportiert,
das tut es natürlich auch), und weil vielen auf der ganzen Welt
bei dem Wort Amerika" (und nicht England") die
Augen übergehen vor Begeisterung, während Deutschland - und
nebenbei: halb Europa - als Jammerland wahrgenommen wird, Schätze
hin oder her (die Europäer reden doch nicht deshalb so gern Englisch,
weil sie auf irgendeiner Schatzsuche wären). Beschwörungen
wie Hoffmanns Vorwort sind da in den Wind geschrieben. Solange Deutschland
nicht durch im weitesten Sinn kulturelle Gegenwartsleistungen imponiert,
können wir das Deutsche beschwören, bis die Kühe heimkommen.
Es gibt eine Stelle, an der die ganze Bangigkeit des Präsidenten
vor dem Internet peinlich an die Oberfläche tritt: dort, und zwar
gegen Ende, wo Hoffmann vom Imperativ der Zuversicht ins Neue"
redet. Zuversicht": Das ist der pastorale Zuspruch mannhaften
Mutes vor dem, was uns zu verschlingen droht. Wie soll einer, dem die
Kehle so ängstlich zugeschnürt ist, uns dahin bringen, das
Internet mit unbefangener Selbstverständlichkeit in den Dienst
zu nehmen, es mit unseren Inhalten zu füllen, mit unseren Schätzen"
(von mir aus)?
Daß Hoffmann dann aber auch noch seine völlige Unkenntnis
der veraltet neue Medien" genannten Medien ausbreitet, muß
vollends betrüben. Sein einziger praktischer Verbesserungsvorschlag,
nämlich deutschsprachige Internet-Artikel mit englischsprachigen
abstracts zu versehen, beruht auf einem fatalen Mißverständnis.
Die Internet-Suchmaschinen, meint Hoffmann, suchen [nur] englischsprachige
Begriffe", ja sie haben gar kein Interesse, deutschsprachige Web-Seiten
zu durchsuchen; also fallen die deutschsprachigen Angebote aus
dem Netz - niemand findet sie im Abseits".
Daran ist jeder Satz falsch. Es gibt nicht nur zwei ganz neue, irrwitzig
erfolgreiche und speziell auf deutsche Websites gedrillte Suchmaschinen
(Google und Fireball), sondern auch alle anderen Suchmaschinen durchsuchen
alle ihnen erreichbaren Websites, also auch alle erreichbaren deutschsprachigen.
Bei vielen Suchmaschinen kann ich sogar die Sprache einstellen, deren
Websites durchsucht werden sollen, von Litauisch bis Deutsch. Der Präsident
hat wohl noch nie mit eigener Hand eine Suchmaschine angeworfen.
Das Vorwort ist mithin ein Trauerfall. Hilmar Hoffmann hatte seine große
Zeit als Kulturdezernent in Frankfurt am Main, in den 70er Jahren, als
er das kommunale Kino ausrief und sein aufbruchfreudiges Kultur
für alle!" propagierte. Heute aber sollte er seinen Dilthey
und seinen Heidegger in stillerer Zurückgezogenheit lesen. Und
vielleicht, er ist eben fünfundsiebzig geworden, hat ihm ja auch
einer einen Computer geschenkt. Mit Internetanschluß.
Fritz R. Glunk
Hilmar Hoffmann (Hg.)
Deutsch global. Neue Medien - Herausforderungen für die Deutsche
Sprache
DuMont, Köln 2000
13,5 x 21 Zentimeter, 320 Seiten
DM 34,, öS 248, sFr 34,--
Ihr
Kommentar
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