Nr. 28, September 2000
 

 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder      Rubriken     Archiv

 
 Leseproben
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 Deutsch global

 "Krieg der Geister"
 Unterschiede
 Fragezeichen

 

 

Gepflegt gejammert

Ich sollte gleich sagen, daß dies nur eine Voraus- und Kurzbesprechung ist. Bei der Lektüre von „Deutsch Global" stellte sich nämlich heraus, daß in diesem Sammelband mehr zur Debatte steht, ja ganz anderes und Wichtigeres als - wie der etwas altmodische und orthographisch zweifelhafte Untertitel glauben macht - „Neue Medien - Herausforderungen für die Deutsche Sprache". Und das ist einen eigenen Essay wert, in einer der kommenden Nummern.
Deshalb soll hier nur auf das Vorwort des Herausgebers Hilmar Hoffmann eingegangen werden. Hoffmann ist Präsident des Goethe-Instituts, und die hervorgehobene Stellung gibt seinem Wort Gewicht. Wenigstens hätte man es erwartet.
In seiner Einleitung „Kommunikation und Lernen - neu-alte Strukturen" macht sich also der Autor seine sorgenvollen Gedanken über das Wohl und Wehe der deutschen Sprache (jetzt mit kleingeschriebenem Adjektiv). Ausgangspunkt und Anregung für das ganze Buch war ein Gastkommentar Hoffmanns in der FAZ, in dem „ich", erläutert er, „die immer prekärer ins Abseits geratene Rolle deutschsprachiger Wissenschaft im englisch dominierten virtuellen Kommunikationssystem des Internet beklage".
Hoffmann weiß, wogegen er sich abzugrenzen hat, und er tut es durchaus überzeugend:

Vorbehalte gegen die Dominanz einer Sprache resultieren bei mir wie bei vielen anderen mitnichten aus Motiven des nationalen Egoismus oder des Interesses an einer „Weltgeltung der deutschen Sprache", gar als Stütze deutscher Machtentfaltung oder als sprachpolitische Heimwehr. Sie approbierten Ideen von Karl Lamprecht oder auch des preußischen Ministers Carl Heinrich Becker aus der Weimarer Republik, denen es immer doch um die Weltegeltung des Deutschen ging, sind endgültig passé.

Nein, ihm kommt es auf etwas anderes an, das er etwas wortreich, aber auch -schöpferisch und unter Aufbietung eines eigenwilligen Bindestrichs so formuliert:

Viel eher ist es ein aufgeklärtes Eigeninteresse an kultureller Vielfalt, das uns jenseits allen linearen Denkens zur Erfahrung des Anderen und des Fremden ermutigt - Verschiedenes, aber Ähnlich-wertiges.

Lassen wir das mal so stehen (auch wenn wir nicht wissen, wie diese Ermutigung jenseits - oder, wenn wir schon dabei sind, auch diesseits - eines „linearen" Denkens vor sich gehen soll) und sehen uns statt dessen an, mit welchen Überlegungen Hoffmann sein Plädoyer für das Deutsche bestückt hat.
Und da kommt es gleich im nächsten Absatz ziemlich dick. Er beginnt mit der Sprachphilosophie Wilhelm von Humboldts, die uns „gelehrt" habe, daß Sprache und Welt zusammengehören. Gewichtiger und schier religiös aufgeladen: „Weltschöpfung geschieht durch Sprache." Ähnliches habe Herder, „schließlich auch ein Aufklärer", für jede Kultur reklamiert. Weiter im geschwellten Orgelton: „Welt wird gedacht und gestaltet im Erfahrungsmilieu und im Erlebnisraum der Muttersprache ...", und Hoffmann hat auch gleich drei „Kronzeugen" parat, die wir dafür „in Anspruch nehmen dürfen", eine überraschende und überwiegend veraltete Trias, nämlich Nietzsche, Dilthey und Heidegger. Sind Dilthey und Heidegger die Theoretiker, die neuerdings die Arbeit des Goethe-Instituts prägen? Ich habe dem Verein zehn Jahre lang aktiv angehört, und wir kamen damals recht gut, ja besser ohne Lebensphilosophen und hitlerfreundliche Ontologen zurecht.
Immerhin kommen bei Hoffmann auch andere Denker vor, wenn auch nur unter den „geistigen Potenzialen", die „unvermindert eifrig nachgefragt werden", so Kant und Schopenhauer, Hegel und Habermas, die viele im Original lesen wollen. Aber gleich danach wird der Sprache abermals die metaphysische Last aufgebürdet, nicht nur dieses offenbar widerliche „instrumentelle Wissen" zu transportieren, sondern etwas irgendwie Wertvolleres, uns Eigenes, das die andern nicht haben: unser spezielles „Menschenbild". Dafür wird dann die deutsche Literatur- und Geistesgeschichte aufgeboten und umständlich ihr Nennwert festgestellt:

Zur Vermittlung der Kultur aus Deutschland gehört die Literatur als Begleitung der Entwicklung dessen, was deutsches Leben und Selbstverständnis umfasst: der Humanismus der deutschen Klassik und der sozialen Bewegungen, die dieses Denken zum Maßstab der Politik machen und im Alltag beheimaten wollen, ebenso wie die idealistische Philosophie und die radikalisierten Denkformen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts - ihre Chiffren, Formeln, Metaphern, Signale sind unverzichtbare Bestände der internationalen Wissensgesellschaft.

Das ist alles sicher nicht falsch, und störend mag nur die modernisierende Rhetorik auffallen, die an die Stelle der klaren Entwicklung eines Arguments tritt (etwa die altphilosophiehaltigen „Chiffren" oder dieser echte Fund, die luftige „internationale Wissensgesellschaft"). Insgesamt kommt aber auch das Bild zustande, das Hoffmann sich von der deutschen Sprache gemacht hat.
Demnach ist sie ein ziemlich gehobenes Medium, in dem auf rätselhafte Weise (dauernd?) „Weltschöpfung" stattfindet und in dessen „Erlebnisraum" diese Welt dann „gedacht" wird sowie ein Fundus an - wörtlich - „Geistesschätzen", die ohne sie verlorengehen würden. Siehe Dilthey und Heidegger.
Hoffmann hängt mit diesem Bild einer neo-idealistischen Sprachphilosophie an, die zuletzt zwischen den Weltkriegen (speziell von Karl Vossler) vertreten wurde. Ihr Verdienst war im 19. Jahrhundert die Überwindung des Positivismus der Junggrammatiker, indem sie einen eher „künstlerischen" Blickwinkel zur Geltung brachte. Ihr Fehler war, daß sie die Sprache kurzerhand auf Dichtung zurückführte, also auch den Wert der Sprache auf den Wert der Dichtung.
Vorzuwerfen ist Hoffmann nicht, daß er dieses Sprachbild pflegt, sondern daß er dabei stehenbleibt. Auch sein modernistisches Vokabular täuscht nicht darüber hinweg, daß er mit neueren Sprachphilosophien, die etwa auch soziologische oder zeichentheoretische Überlegungen einbeziehen, nichts zu tun haben will - oder keine Ahnung davon hat. Das immer noch ungeklärte Verhältnis von Denken und Sprache löst sich für den Spätidealisten ganz einfach: Das sind geheimnisvolle, auf jeden Fall wertvolle Inhalte als „innere Form" einer folglich nicht bloß äußeren, also ebenso wertvollen Sprachgestalt.
Vorzuhalten ist Hoffmann außerdem, daß er nicht, so komisch das hier klingt, die Machtfrage stellt. Warum ist das Englische attraktiver als das Deutsche? Wir vermuten, auf historische Beispiele gestützt: weil es zu einem dynamischen, mit höherem Ansehen verbundenen Lebensstil gehört (und nicht weil es „Geistesschätze" transportiert, das tut es natürlich auch), und weil vielen auf der ganzen Welt bei dem Wort „Amerika" (und nicht „England") die Augen übergehen vor Begeisterung, während Deutschland - und nebenbei: halb Europa - als Jammerland wahrgenommen wird, Schätze hin oder her (die Europäer reden doch nicht deshalb so gern Englisch, weil sie auf irgendeiner Schatzsuche wären). Beschwörungen wie Hoffmanns Vorwort sind da in den Wind geschrieben. Solange Deutschland nicht durch im weitesten Sinn kulturelle Gegenwartsleistungen imponiert, können wir das Deutsche beschwören, bis die Kühe heimkommen.
Es gibt eine Stelle, an der die ganze Bangigkeit des Präsidenten vor dem Internet peinlich an die Oberfläche tritt: dort, und zwar gegen Ende, wo Hoffmann vom „Imperativ der Zuversicht ins Neue" redet. „Zuversicht": Das ist der pastorale Zuspruch mannhaften Mutes vor dem, was uns zu verschlingen droht. Wie soll einer, dem die Kehle so ängstlich zugeschnürt ist, uns dahin bringen, das Internet mit unbefangener Selbstverständlichkeit in den Dienst zu nehmen, es mit unseren Inhalten zu füllen, mit unseren „Schätzen" (von mir aus)?
Daß Hoffmann dann aber auch noch seine völlige Unkenntnis der veraltet „neue Medien" genannten Medien ausbreitet, muß vollends betrüben. Sein einziger praktischer Verbesserungsvorschlag, nämlich deutschsprachige Internet-Artikel mit englischsprachigen abstracts zu versehen, beruht auf einem fatalen Mißverständnis. Die Internet-Suchmaschinen, meint Hoffmann, „suchen [nur] englischsprachige Begriffe", ja sie haben gar kein Interesse, deutschsprachige Web-Seiten zu durchsuchen; also fallen die deutschsprachigen Angebote „aus dem Netz - niemand findet sie im Abseits".
Daran ist jeder Satz falsch. Es gibt nicht nur zwei ganz neue, irrwitzig erfolgreiche und speziell auf deutsche Websites gedrillte Suchmaschinen (Google und Fireball), sondern auch alle anderen Suchmaschinen durchsuchen alle ihnen erreichbaren Websites, also auch alle erreichbaren deutschsprachigen. Bei vielen Suchmaschinen kann ich sogar die Sprache einstellen, deren Websites durchsucht werden sollen, von Litauisch bis Deutsch. Der Präsident hat wohl noch nie mit eigener Hand eine Suchmaschine angeworfen.
Das Vorwort ist mithin ein Trauerfall. Hilmar Hoffmann hatte seine große Zeit als Kulturdezernent in Frankfurt am Main, in den 70er Jahren, als er das kommunale Kino ausrief und sein aufbruchfreudiges „Kultur für alle!" propagierte. Heute aber sollte er seinen Dilthey und seinen Heidegger in stillerer Zurückgezogenheit lesen. Und vielleicht, er ist eben fünfundsiebzig geworden, hat ihm ja auch einer einen Computer geschenkt. Mit Internetanschluß.

Fritz R. Glunk

Hilmar Hoffmann (Hg.)
Deutsch global. Neue Medien - Herausforderungen für die Deutsche Sprache
DuMont, Köln 2000
13,5 x 21 Zentimeter, 320 Seiten
DM 34,–, öS 248, sFr 34,--

Ihr Kommentar

 

 Essays     Interview    Leseproben     Net-Ticker     TextBilder      Rubriken     Archiv