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Kinder lesen immer das Falsche
Auch vor hundertdreiundzwanzig Jahren. Der Eifer, meinte
Wolfgang Menzel 1827, den man neuerdings für die Verbesserung
der Erziehung aufwendet", sei wohl wünschenswert, wenn
nur nicht die entsetzliche Menge" von Büchern wäre,
die man gar nicht mehr übersehen kann". Genau wie heute
im Internet. Was da bevorstand und -steht, ist offenbar eine Bildungskatastrophe
aus Überfluß:
Die eigentliche Unterhaltungsliteratur für Kinder ist noch zahlreicher
als die erbauliche. Deutschland ist davon überschwemmt. Nürnberg
und Wien sind ihre großen Fabrikstädte.
Hier arbeiten nicht mehr die Pädagogen allein; die Sache ist zu
Bücherspeculationen der Verleger geworden. Man legt ganze Waarenlager
von Kinderbüchern wie von andern Kinderspielsachen an und wetteifert
echt kaufmännisch. Die Buchmacher können dies, weil unter
den Pädagogen keine Einigkeit ist, und weil die Modesucht so weit
geht, daß man sogar den Kindern nur neue Sachen geben will. Um
die Weihnachtszeit wimmel es in den Läden der Buchhändler
von Eltern und Kinderfreunden, die alle die brillanten Sächelchen
aufkaufen, welche die neue Messe geliefert. Die Alten greifen, wie die
Kinder selbst, am liebsten nach den neuen Flittern. Aber die Pädagogen
selbst wirken mit den Buchhändlern zusammen, und schreiben immer
neue Sachen, nicht um das Alte zu verbessern, sondern um Geld und einen
Namen davon zu tragen. Gegen diese Sündfluth von Kinderschriften
kämpft dann der echte Kinderfreund vergebens.
Aus: Wolfgang Menzel, Die deutsche Kinderliteratur,
1827
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