Nr. 28, September 2000

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Kinder lesen immer das Falsche

Auch vor hundertdreiundzwanzig Jahren. Der Eifer, meinte Wolfgang Menzel 1827, „den man neuerdings für die Verbesserung der Erziehung aufwendet", sei wohl „wünschenswert, wenn nur nicht „die entsetzliche Menge" von Büchern wäre, „die man gar nicht mehr übersehen kann". Genau wie heute im Internet. Was da bevorstand und -steht, ist offenbar eine Bildungskatastrophe aus Überfluß:

Die eigentliche Unterhaltungsliteratur für Kinder ist noch zahlreicher als die erbauliche. Deutschland ist davon überschwemmt. Nürnberg und Wien sind ihre großen Fabrikstädte. Hier arbeiten nicht mehr die Pädagogen allein; die Sache ist zu Bücherspeculationen der Verleger geworden. Man legt ganze Waarenlager von Kinderbüchern wie von andern Kinderspielsachen an und wetteifert echt kaufmännisch. Die Buchmacher können dies, weil unter den Pädagogen keine Einigkeit ist, und weil die Modesucht so weit geht, daß man sogar den Kindern nur neue Sachen geben will. Um die Weihnachtszeit wimmel es in den Läden der Buchhändler von Eltern und Kinderfreunden, die alle die brillanten Sächelchen aufkaufen, welche die neue Messe geliefert. Die Alten greifen, wie die Kinder selbst, am liebsten nach den neuen Flittern. Aber die Pädagogen selbst wirken mit den Buchhändlern zusammen, und schreiben immer neue Sachen, nicht um das Alte zu verbessern, sondern um Geld und einen Namen davon zu tragen. Gegen diese Sündfluth von Kinderschriften kämpft dann der echte Kinderfreund vergebens.

Aus: Wolfgang Menzel, Die deutsche Kinderliteratur, 1827

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