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Silke Andrea Schuemmer
Nachbarn bringen Brot
Für
Anne
Seit diesem Tag bringen die Nachbarn Brot. Zuerst waren es nur die
von drüben und die neben dem Pferdestall, aber dann fingen die
anderen auch an. Wir erkennen an der Art, wie es gebracht wird, von
wem es kommt. Die Geschiedene zum Beispiel hängt immer einen Leinenbeutel
an die Hintertür. Wenn wir ihn nicht gleich sehen und hereinholen,
hängt er dort mehrere Tage, und das Brot weicht im Regen auf und
schimmelt. Die Familie von gegenüber schickt im Wechsel ihre fünf
Kinder zu uns. Die stehen dann vor der Tür, drehen einen frischen
Laib in den Händen oder lassen die Plastiktüte mit harten
Brötchen gegen ihre Waden baumeln. Sie klingeln nur ganz kurz,
vielleicht hoffen sie, wir seien nicht da. Auf der anderen Seite der
Tür warten wir, an die Wand gepreßt, und hören auf das
Scharren der Sandalen oder auf das dumpfe Geräusch, wenn die Tüte
die Beine berührt. Aber dann öffnen wir doch, und das Kind
vor der Tür zuckt zusammen, streckt uns das Brot hin, wir nehmen
es, und bevor wir noch etwas sagen können, rennt es auch schon
über die Straße zurück zum Haus der Eltern.
Nicht alle Nachbarn bringen es am Tag, wenn jeder es sehen kann. Die
mit der Tischtennisplatte im Garten werfen es nachts in einem Karton
über den Zaun. Wir haben sie einmal dabei beobachtet. Im dunklen
Wohnzimmer haben wir gesessen und aus dem Fenster gesehen, und nach
einigen Tagen kamen die Nachbarn herüber, sahen sich zu allen Seiten
um und liefen schnell ins Haus zurück, als sie es getan hatten.
Sie sammeln Brezeln in einem Saftkarton, und wenn der voll ist, schleichen
sie sich bis zu unserem Zaun und werfen den Karton in hohem Bogen in
unseren Garten. Der Boden ist oft matschig, und das, was wir dann zwischen
Pferdemist und Pfützen aufklauben, ist kaum mehr zu erkennen. Manchmal
sind in den Kartons der Tischtennisnachbarn auch geschmierte Brötchenhälften,
an denen noch ein Zipfel Wurst oder eine Ecke Käse klebt. Wir wissen
nicht, ob das eine Absicht hat. Manchmal liegt, wenn wir vom Markt zurückkommen,
vor unserer Tür ein Korb mit Laugenstangen oder süßen
Hörnchen, Berge davon, wir wissen gar nicht, wer soviel davon besitzt.
Wir nehmen den Korb mit hinein und stellen ihn feucht ausgewischt wieder
vor die Tür, und am nächsten Tag ist er verschwunden.
Wir leeren das Brot in eine große Regentonne in der Küche,
die wir extra im Baumarkt besorgt haben und in der wir alle Brötchen
und Laibe, Kringel und Scheiben sammeln. Daß wir die Tonne haben,
ist gut. Anfangs waren es hier und da ein paar Semmeln oder mal ein
Baguette, aber jetzt bringen fast alle Nachbarn Brot. Wir könnten
allein davon leben.
Die alte hinkende Frau kommt immer selber vorbei, obwohl sie eine Pflegerin
hat. Sie schlägt den halben Laib Brot, den sie pro Woche herüberträgt,
in ein Spitzentuch, klingelt dann atemlos, tritt ein, murmelt ein paar
Sätze, ohne den Kopf zu heben und geht wieder. Der Knecht vom Hof
ist da weniger höflich, er wirft uns nachts seine steinharten Brötchen
gegen die Fenster. Dann werden wir wach. Und wir liegen in den Betten
und versuchen, uns an alle Nachbarn zu erinnern, die wir kennen, alle
Brotsorten aufzuzählen, die wir bekommen haben und uns an die Zeit
vor dem Tag zu erinnern, an dem uns die erste Nachbarin einen Fladen
gab. Darüber schlafen wir dann meist irgendwann wieder ein. Die
Tonne in der Küche ist bald voll. Dann haben wir ein Problem. Worin
werden wir das Brot aufbewahren.
Wir beschließen, mit den Nachbarn zu reden. Wir kämmen uns
und binden Halstücher um. Wir ziehen Gummistiefel an und stapfen
ins Dorf. Wir warten neben der Apotheke. Die alte Frau geht am Arm der
Pflegerin vorüber. Guten Tag", sagen wir, Sie
wissen doch: das Brot." Die Alte wispert einen Gruß, und
hinkt, ohne uns anzusehen, weiter. Wir treffen die fünf Kinder,
die vor unserer Haustür immer mit den Sandalen scharren. Wieso
soviel?", versuchen wir es. Die Kinder rennen weg. Die Marktfrau
läuft nicht weg. Jaja", strahlt sie uns an, und wir
sind sicher, sie würde uns die Arme streicheln, wenn nicht die
Auslage mit Äpfeln und Kohl dazwischen wäre, Geben ist
seeliger." Wir wissen nicht weiter.
Der Brotspiegel in der Tonne steigt.
Wir haben die Aufgaben verteilt. Wir suchen morgens noch vor dem Frühstück
die Türklinken nach Leinenbeuteln und Plastiktüten ab. Während
wir zu den Ställen gehen, um die Luken zu öffnen und die Pferde
zu füttern, ziehen wir uns dicke Handschuhe an und kratzen die
geschmierten Brötchenhälften und die Wurstzipfel aus dem Schlamm.
Dann suchen wir auf den Fensterbrettern rund ums Haus, ob wir irgendwo
etwas vergessen haben. Wenn es trocken wäre, würden die Vögel
es wegpicken, aber es regnet ständig, und dann schimmelt das Brot
und zieht Ungeziefer an, und wir wollen nicht wegen Ungeziefer ins Gerede
kommen. Wenn wir alles abgesucht haben, treffen wir uns in der Küche
wieder. In unseren Händen liegt das Brot. Jeden Tag mehr. Es ist
eine wundersame Vermehrung, als fiele es vom Himmel. Dabei wissen wir
doch, daß es in Kartons von den Nachbarn herüberfliegt. Wir
legen es in die Tonne. Dann erst frühstücken wir. Jetzt müssen
wir uns etwas Neues überlegen.
Wir können das Brot nicht einfach wegwerfen, das wäre nicht
richtig. Irgendjemand bekäme es heraus, und die Nachbarn würden
zu den Müllcontainern gehen und nachsehen. Wir versuchen es anders.
Wir nehmen kleinere Portionen in die Schultaschen und Aktenkoffer, tragen
es aus dem Dorf und werfen es irgendwo in fremde Mülleimer. Die
ganz trockenen Stücke mahlen wir zu Semmelbröseln und panieren
unser Essen damit. Die Eimer, die übrig bleiben, streuen wir auf
die Erde, wenn wir unterpflügen. Ein paarmal haben wir auch große
Pakete gepackt und sie mit falscher Adresse und ohne Absender in einem
fremden Postamt aufgegeben, aber das wurde zu teuer. Wir versuchen,
es im Kamin zu verfeuern, wir verfüttern es an die Pferde, als
wollten wir sie mästen. Wir überlegen, uns Schweine anzuschaffen,
aber keiner von uns mag Schweine, und die Idee, sie auf die Namen der
Nachbarn zu taufen, finden wir selbst gemein. Wir setzen uns am Küchentisch
zusammen und überlegen. Also gut", sagen wir, wir
tun es."
Wohl ist uns nicht dabei. Wenn uns jemand sieht, könnten uns Fragen
gestellt werden. Wie sollen wir uns erklären? Aber niemand erklärt
sich uns. Wir überlegen lange, zu wem wir gehen wollen. Erst zählen
wir die Armen auf, dann die Netten, dann die, die wir nicht mögen.
Wir kommen zu keinem Ergebnis und losen. Wir ziehen die Bäckerin.
Das ist lustig, und wir lachen. Wir lachen viel mehr, als die Bäckerin
lustig ist. Wir nehmen einen Leinenbeutel, wie er morgens an der Hintertür
hängt. Solche benutzen alle. Wir füllen Brot aus der Tonne
hinein. Auch einige frischgekaufte Streuselbrötchen aus der Stadt
legen wir dazu, die mögen wir gern. Wir gehen zum Haus der Bäckerin,
als es dunkel ist. Die Backstube ist noch nicht erleuchtet. Wir hängen
die Tasche an die Klinke, erinnern uns kurz, wie nett die Bäckerin
immer mit dem Kopf wackelt, wenn sie die Kunden bedient, und rennen
weg.
Die nächsten Tage sind wir sehr vorsichtig. Wir nicken dem Knecht
vom Hof zu und auch den Tischtennisnachbarn, wir grüßen die
fünf Kinder und helfen der Pflegerin, die alte Frau eine Treppe
hinauf zu führen. Nachts bringen wir der Bäckerin Brot. Nach
einigen Tagen tragen wir unsere Beutel auch zu anderen Haustüren
und in andere Vorgärten. Wir geben mit offenen Händen. Der
Brotspiegel in der Tonne sinkt.
Tagsüber grüßen die Leute. Auch wir grüßen.
Die Brottüten an unserer Hintertür werden weniger. Ab und
zu fliegt noch ein Karton Geschmiertes über den Zaun. Das räumen
wir weg.
Nachts schlafen wir endlich tief.
Die Autorin (geb. 1973) kann bereits mehrere Veröffentlichungen
vorweisen:
- "Triptychon oder Salzig schmeckt der Algenstrang". Gedichte.
Künstlerbuch in einer Bibliophilenausgabe mit Orginalfrottagen
von Wolf Spies. Berlin (1996).
- "Die Form des Fisches ist sein Wissen über das Wasser."
Prosa. Künstlerbuch in einer Bibliophilenausgabe mit Graphiken
von Krzysztof Jarzebinski. Berlin (1996).
Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften ( z.B. ndl"
oder Das Gedicht"), Anthologien (z.B. Jahrbuch der
Lyrik" im C. H. Beck Verlag, Das verlorene Alphabet"
im Wunderhorn Vlg oder Bitte streicheln Sie hier" bei Eichborn
Berlin) und Rundfunk im deutschsprachigen Raum, Rußland, Niederlande
und USA
Ihr
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