Nr. 28, September 2000

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DER SPIEGEL vom 14. 8. 2000 brachte ein Interview mit dem dort als „Nuklearstrategen" bezeichneten Theodore Postol, Physiker am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und früherem wissenschaftlichen Berater des Chefs der strategischen Abteilung der Marine, über das geplante Raketenabwehrsystem der USA. Die Interviewer ließen Postols Bemerkung, er habe seine „Einwände" dem Weißen Haus brieflich mitgeteilt, unhintergefragt durchgehen (das Nachrichtenmagazin stand für einen Kommentar bis Redaktionsschluß nicht zur Verfügung).

Das Schreiben Theodore Postols wurde vom Stabschef des Weißen Hauses an die Raketenabwehr-Abteilung des Pentagon weitergeleitet, die ihn und die beigefügten Anlagen umgehend für vertraulich erklärte. Mit Grund: Postol enthüllt die Manipulationen der Versuchsanordnungen und systematische Fälschung der Testergebnisse. In eklatantem Widerspruch zu den Verlautbarungen des Pentagon ist das Abwehrsystem schlicht verteidigungsunfähig. Hier der Brief über die versuchte Irreführung, ein falsches Spiel mit der Öffentlichkeit:


Lieber Mr. Podesta,
ich schreibe Ihnen, um Sie auf Informationen aufmerksam zu machen, die eine einschneidende Bedeutung für die Entscheidung von Präsident Clinton haben in Bezug auf die Zukunft des Nationalen Raketenabwehrsystems, das zur Zeit entwickelt wird. Ich habe Daten erhalten und analysiert, die von der Ballistic Missile Defense Organization (BMDO) stammen, betreffend den Integrierten Flugtest-1A (IFT-1A), und habe dabei festgestellt: Die eigenen Daten der BMDO zeigen, daß das Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV, außerhalb der Atmosphäre operierendes Abschußgerät) mit den einfachsten Ballon-Attrappen bekämpft werden kann. Ich habe darüber hinaus Dokumente, die zeigen, daß die BMDO in Abstimmung mit ihren Vertragspartnern versucht hat, diese Tatsache zu verschleiern, indem sowohl Daten als auch Analysen des IFT-1A gefälscht wurden. Darüber hinaus scheint die BMDO die Bedingungen der nachfolgenden Flugtests IFT-2, 3 und 4 verändert zu haben, um die beim Versuch IFT-1A enthüllten Tatsachen zu verheimlichen. Die Dokumentation und die Analyse, die meiner Behauptung zu Grunde liegen, finden Sie als Anlage A bis D zu diesem Brief.
Im weiteren Verlauf dieses Briefes will ich die Erkenntnisse aus den vier Anlagen kurz zusammenfassen. Anlage A und B erläutern, daß die eigenen Daten der BMDO über den IFT-1A-Versuch zeigen, daß die BMDO die Ergebnisse so verfälscht hat, daß sie die Fähigkeit des Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV) zur Unterscheidung von Raketensprengköpfen und Ballonattrappen beweisen. Dieses Ergebnis ist durch eine einfache Erklärung der Wirkungsweise des EKV leicht zu verstehen.
Das EKV sieht sowohl Attrappen als auch Sprengköpfe als unaufgelöste Lichtpunkte, und versucht, Sprengköpfe zu finden, indem es die zeitliche Veränderung jedes Lichtpunkts untersucht. Die Stärke jedes Signals von einem möglicherweise tödlichen Objekt hängt von seiner Größe, seiner Temperatur, dem Oberflächematerial und der Ausrichtung im Raum ab; und die Veränderung des Signals eines jeden Objekts hängt davon ab, wie sich seine Ausrichtung im Raum verändert. Die Daten aus dem IFT-1A-Experiment haben gezeigt, daß die veränderliche Raumausrichtung der Attrappen und der Sprengköpfe beim Fall durch den leeren Weltraum beinahe gleich war und in beiden Fällen zu einem Signal geführt haben, das sich auf unterschiedliche und völlig unvorhersehbare Weise verändert hat. Folglich zeigten die Daten von IFT-1A, daß es bei den Signalen von Attrappen oder Sprengköpfen keine unterschiedlichen Hinweise gab, mit denen ein Objekt vom anderen hätte unterschieden werden können.
Diese Tatsache zeigte sich schon kurz nach dem Flug, als die BMDO die telemetrischen Daten des IFT-1A-Versuchs zusammenfaßte und zum Ergebnis kam, daß das Abwehrsystem einen teilweise aufgeblasenen Ballon immer fälschlicherweise für den Übungssprengkopf hielt. Das Team, das die Analyse nach dem Flug durchführte, hat den Fehlschlag vertuscht, indem es die Ballondaten entfernte und so tat, als seien sie nie dagewesen. Sogar nachdem der Ballon entfernt war, zeigten die nach dem Flug ausgewerteten Daten des Experiments, daß zwei andere nicht-feindliche Objekte heller waren als der Sprengkopf und deshalb mit höherer Wahrscheinlichkeit als Übungssprengkopf betrachtet worden wären. Das Analyseteam für die Auswertung nach dem Flug vertuschte dieses Ergebnis, indem es willkürlich die Daten aus dem Zeitintervall wegließ, in dem die beiden anderen Objekte heller waren. Ohne technische Begründung wählten sie stattdessen einen zweiten Zeitintervall, in dem der Sprengkopf auf Grund zufälliger Raumausrichtung heller war. Dieser vollendete Schwindel wurde dann vertuscht, indem diese Verfälschung der Daten und Analysen in einer Sprache irreführender, verwirrender und widersprüchlicher Begriffe beschrieben wurde – um den falschen Eindruck zu erwecken, die Ergebnisse würden durch anerkannte wissenschaftliche Methoden gestützt.
In Wirklichkeit glichen die von der BMDO angewandten Methoden einem Würfelspiel, bei dem alle Ergebnisse, die keine Treffer erzielten, unbeachtet blieben, und dann betrügerischerweise behauptet wurde, es gäbe wissenschaftliche Beweise, die zeigen, daß Treffer beim Würfeln verläßlich vorausgesagt werden können. Diese Schwindelei wurde vom Analyse-Team durchgezogen, weil die Daten von IFT-1A enthüllt hatten, daß die Signale von einigen der Attrappen bei dem Experiment im Wesentlichen von dem Übungssprengkopf nicht zu unterscheiden waren. Anders ausgedrückt, die Signale, die vom Sprengkopf und den Ballons ausgingen, hatten keine Merkmale, die dazu dienen könnten, sie bei Anwendung glaubwürdiger wissenschaftlicher Methoden voneinander zu unterscheiden – also hat das Team eine Reihe betrügerischer Methoden erfunden, um die erwünschten Ergebnisse zu erzielen.
Angesichts der Ergebnisse des IFT-1A-Tests wird auch klar, warum die Tests IFT-2, -3 und -4 nach der Analyse von IFT-1A mit veränderter Versuchsanordnung durchgeführt wurden. Nach dem IFT-1A-Test verringerte die BMDO die Zahl der Objekte, die sie in den Folgetests fliegen lassen wollte, von zehn auf vier. Die vier Objekte waren ein Medium Reentry Vehicle (MRV, ein mittelgroßer Raketensprengkopf, der wieder in die Atmosphäre eintaucht), ein Ballon mit 2,2 Meter Durchmesser und zwei Ballons mit je 0,6 Meter Durchmesser. Einige Zeit nach dieser Reduzierung der Objekte, die bei den Tests IFT-2, -3 und -4 fliegen sollten, wurde die Anzahl der Objekte abermals geändert. Dieses Mal wurden die beiden Ballons mit 0,6 Meter weggelassen, weil die Wahrscheinlichkeit hoch war, daß das Suchsystem sie für den Übungssprengkopf halten würde. Dies reduzierte die Anzahl der Objekte für die nachfolgenden Tests IFT-2, 3 und 4 von vier auf zwei, womit nur noch ein einzelner großer Ballon und der mittelgroße Raketensprengkopf übrig blieben.
Die Glaubwürdigkeit der IFT-2, -3 und -4 wurde von der BMDO zudem weiter ausgehöhlt durch eine wohlüberlegte Wahl des Zeitpunkts für den Abfangversuch, bei dem die Sonne hinter dem EKV zu stehen kam und damit den Ballon und den Sprengkopf von vorn beleuchtete. In dieser Aufstellung hat die wohlüberlegte Einführung eines Ballons mit einem 2,2-Meter-Durchmesser aus einem Ballon, der ansonsten eine glaubwürdige Attrappe gewesen wäre, etwas gemacht, was ganz unzweideutig nur eine Lichtquelle war. Zusätzlich erleichterte es der sehr große Helligkeitsunterschied zwischen Ballon und Sprengkopf, die beiden Ziele zu unterscheiden - was gleichzeitig dem EKV die Aufgabe erleichterte, den schwächer beleuchteten, aber noch sehr hellen Sprengkopf in der Nähe des Ballons anzusteuern.
Die Ergebnisse des IFT-1A und die Art und Weise, mit der man zuließ, daß sie die Änderungen der IFT-2-, -3- und -4-Versuchsanordnungen beeinflußten, sind von hoher Bedeutung für die Entscheidung des Präsidenten, ob das derzeitige Konzept des nationalen Antiraketensystems weitergehen wird oder nicht, da jetzt klar ist, daß das gesamte Konzept auf einer fehlerhaften Ergebnisanalyse der grundlegenden und wesentlichen Flugtestdaten aufgebaut ist. Wenn die Daten aus diesen Versuchen ordentlich analysiert und interpretiert werden, so zeigen sie, daß das gegenwärtige Antiraketensystem nicht in der Lage sein wird, auch nur mit den einfachsten Gegenmaßnahmen der ersten Generation fertig zu werden. Zu derartigen trivial einfachen Gegenmaßnahmen gehört etwa die Verwendung von Taumelflug-Sprengköpfen, nur teilweise aufgeblasenen Ballon-Attrappen und die Konstruktion von Attrappen und Sprengköpfen mit an Schnüren befestigten Gegenständen und „Hasenohren"-ähnlichen Anhängseln.
Die hier dargelegten Punkte können jederzeit nachgeprüft werden durch eine sorgfältige Lektüre der Studie „Independent Review of TRW Discrimination Techniques, Final
Report". Diese Unterlage (die diesem Brief als Anhang D beigefügt ist) enthält ein Gemisch aus nebensächlichen und relevanten Ergebnissen der Nach-Analyse der telemetrischen Daten, das den oberflächlichen, aber falschen Eindruck einer ordnungsgemäßen wissenschaftlichen Analyse schafft. Eine sorgfältige Lektüre des Berichts und der damit zusammenhängenden Dokumente, die ebenfalls in den Anlagen zu diesen Brief gehören, bringt jedoch folgendes ans Licht:

- Daten, die bewiesen hätten, daß das EKV jedesmal einen teilweise aufgeblasenen Ballon mit dem „tödlichen" Übungssprengkopf verwechselte, wurden unerklärlicherweise aus der Nach-Analyse der Leistung des EKV herausgenommen.
- Nach der Herausnahme dieser Daten zeigten die Daten der acht harmlosen Flugobjekte sowie des „tödlichen" Übungssprengkopfs, daß das Abwehrsystem weiterhin fälschlicherweise statt des „tödlichen" Objekts zwei der harmlosen Gegenstände auswählte.
- Um dieses ungünstige Ergebnis abzuändern, hat das Testteam sowohl die Daten als auch die Analyse der Daten manipuliert, um damit künstlich das falsche Ergebnis zu erzeugen, das Abwehrsystem würde den Übungssprengkopf erkennen.

Dieser durchorganisierte und systematisierte Handlungsablauf sieht wie eine vollendete wissenschaftliche und technische Fehlleistung aus, die dringend einer Untersuchung durch ein Team von Wissenschaftlern bedarf, die auf Grund ihrer wissenschaftlichen Leistungen anerkannt und vom Pentagon unabhängig sind. Glücklicherweise sind die physikalischen Phänomene und die Analysetechniken vielen hochqualifizierten unabhänginen Wissenschaftlern bekannt, die über Grundlagenprobleme der Physik, über Computer und die Analyse statistischer Daten arbeiten, so daß es nicht schwer fallen dürfte, ein Team unabhängiger Spitzen-Wissenschaftler zusammenzustellen, das die behauptete Analyse der BMDO bewerten kann.
Ich bitte das Weiße Haus nachdrücklich, ein solches Team zu bilden, um eine unabhängige Bewertung der Vorgänge durchzuführen, mit deren Hilfe diese irreführenden Schlußfolgerungen zum Inhalt der telemetrischen Daten des IFT-1A und die darauf folgenden Modifizierungen der IFT-2, -3- und -4 aufgestellt wurden. Anhänge A, B, C und D enthalten detaillierte Erläuterungen zu den Feststellungen in diesem Brief sowie die Dokumentation, aus der sie abgeleitet wurden.

Hochachtungsvoll
(gez.) Theodore A. Postol

(Aus dem Amerikanischen von Hans Pfitzinger und Fritz R. Glunk)

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