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Gezinkte Karten
DER SPIEGEL vom 14. 8. 2000 brachte ein Interview mit
dem dort als Nuklearstrategen" bezeichneten Theodore Postol,
Physiker am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und früherem
wissenschaftlichen Berater des Chefs der strategischen Abteilung der
Marine, über das geplante Raketenabwehrsystem der USA. Die Interviewer
ließen Postols Bemerkung, er habe seine Einwände"
dem Weißen Haus brieflich mitgeteilt, unhintergefragt durchgehen
(das Nachrichtenmagazin stand für einen Kommentar bis Redaktionsschluß
nicht zur Verfügung).
Das Schreiben Theodore Postols wurde vom Stabschef des Weißen
Hauses an die Raketenabwehr-Abteilung des Pentagon weitergeleitet, die
ihn und die beigefügten Anlagen umgehend für vertraulich erklärte.
Mit Grund: Postol enthüllt die Manipulationen der Versuchsanordnungen
und systematische Fälschung der Testergebnisse. In eklatantem Widerspruch
zu den Verlautbarungen des Pentagon ist das Abwehrsystem schlicht verteidigungsunfähig.
Hier der Brief über die versuchte Irreführung, ein falsches
Spiel mit der Öffentlichkeit:
Lieber Mr. Podesta,
ich schreibe Ihnen, um Sie auf Informationen aufmerksam zu machen, die
eine einschneidende Bedeutung für die Entscheidung von Präsident
Clinton haben in Bezug auf die Zukunft des Nationalen Raketenabwehrsystems,
das zur Zeit entwickelt wird. Ich habe Daten erhalten und analysiert,
die von der Ballistic Missile Defense Organization (BMDO) stammen, betreffend
den Integrierten Flugtest-1A (IFT-1A), und habe dabei festgestellt:
Die eigenen Daten der BMDO zeigen, daß das Exoatmospheric Kill
Vehicle (EKV, außerhalb der Atmosphäre operierendes Abschußgerät)
mit den einfachsten Ballon-Attrappen bekämpft werden kann. Ich
habe darüber hinaus Dokumente, die zeigen, daß die BMDO in
Abstimmung mit ihren Vertragspartnern versucht hat, diese Tatsache zu
verschleiern, indem sowohl Daten als auch Analysen des IFT-1A gefälscht
wurden. Darüber hinaus scheint die BMDO die Bedingungen der nachfolgenden
Flugtests IFT-2, 3 und 4 verändert zu haben, um die beim Versuch
IFT-1A enthüllten Tatsachen zu verheimlichen. Die Dokumentation
und die Analyse, die meiner Behauptung zu Grunde liegen, finden Sie
als Anlage A bis D zu diesem Brief.
Im weiteren Verlauf dieses Briefes will ich die Erkenntnisse aus den
vier Anlagen kurz zusammenfassen. Anlage A und B erläutern, daß
die eigenen Daten der BMDO über den IFT-1A-Versuch zeigen, daß
die BMDO die Ergebnisse so verfälscht hat, daß sie die Fähigkeit
des Exoatmospheric Kill Vehicle (EKV) zur Unterscheidung von Raketensprengköpfen
und Ballonattrappen beweisen. Dieses Ergebnis ist durch eine einfache
Erklärung der Wirkungsweise des EKV leicht zu verstehen.
Das EKV sieht sowohl Attrappen als auch Sprengköpfe als unaufgelöste
Lichtpunkte, und versucht, Sprengköpfe zu finden, indem es die
zeitliche Veränderung jedes Lichtpunkts untersucht. Die Stärke
jedes Signals von einem möglicherweise tödlichen Objekt hängt
von seiner Größe, seiner Temperatur, dem Oberflächematerial
und der Ausrichtung im Raum ab; und die Veränderung des Signals
eines jeden Objekts hängt davon ab, wie sich seine Ausrichtung
im Raum verändert. Die Daten aus dem IFT-1A-Experiment haben gezeigt,
daß die veränderliche Raumausrichtung der Attrappen und der
Sprengköpfe beim Fall durch den leeren Weltraum beinahe gleich
war und in beiden Fällen zu einem Signal geführt haben, das
sich auf unterschiedliche und völlig unvorhersehbare Weise verändert
hat. Folglich zeigten die Daten von IFT-1A, daß es bei den Signalen
von Attrappen oder Sprengköpfen keine unterschiedlichen Hinweise
gab, mit denen ein Objekt vom anderen hätte unterschieden werden
können.
Diese Tatsache zeigte sich schon kurz nach dem Flug, als die BMDO die
telemetrischen Daten des IFT-1A-Versuchs zusammenfaßte und zum
Ergebnis kam, daß das Abwehrsystem einen teilweise aufgeblasenen
Ballon immer fälschlicherweise für den Übungssprengkopf
hielt. Das Team, das die Analyse nach dem Flug durchführte, hat
den Fehlschlag vertuscht, indem es die Ballondaten entfernte und so
tat, als seien sie nie dagewesen. Sogar nachdem der Ballon entfernt
war, zeigten die nach dem Flug ausgewerteten Daten des Experiments,
daß zwei andere nicht-feindliche Objekte heller waren als der
Sprengkopf und deshalb mit höherer Wahrscheinlichkeit als Übungssprengkopf
betrachtet worden wären. Das Analyseteam für die Auswertung
nach dem Flug vertuschte dieses Ergebnis, indem es willkürlich
die Daten aus dem Zeitintervall wegließ, in dem die beiden anderen
Objekte heller waren. Ohne technische Begründung wählten sie
stattdessen einen zweiten Zeitintervall, in dem der Sprengkopf auf Grund
zufälliger Raumausrichtung heller war. Dieser vollendete Schwindel
wurde dann vertuscht, indem diese Verfälschung der Daten und Analysen
in einer Sprache irreführender, verwirrender und widersprüchlicher
Begriffe beschrieben wurde um den falschen Eindruck zu erwecken,
die Ergebnisse würden durch anerkannte wissenschaftliche Methoden
gestützt.
In Wirklichkeit glichen die von der BMDO angewandten Methoden einem
Würfelspiel, bei dem alle Ergebnisse, die keine Treffer erzielten,
unbeachtet blieben, und dann betrügerischerweise behauptet wurde,
es gäbe wissenschaftliche Beweise, die zeigen, daß Treffer
beim Würfeln verläßlich vorausgesagt werden können.
Diese Schwindelei wurde vom Analyse-Team durchgezogen, weil die Daten
von IFT-1A enthüllt hatten, daß die Signale von einigen der
Attrappen bei dem Experiment im Wesentlichen von dem Übungssprengkopf
nicht zu unterscheiden waren. Anders ausgedrückt, die Signale,
die vom Sprengkopf und den Ballons ausgingen, hatten keine Merkmale,
die dazu dienen könnten, sie bei Anwendung glaubwürdiger wissenschaftlicher
Methoden voneinander zu unterscheiden also hat das Team eine
Reihe betrügerischer Methoden erfunden, um die erwünschten
Ergebnisse zu erzielen.
Angesichts der Ergebnisse des IFT-1A-Tests wird auch klar, warum die
Tests IFT-2, -3 und -4 nach der Analyse von IFT-1A mit veränderter
Versuchsanordnung durchgeführt wurden. Nach dem IFT-1A-Test verringerte
die BMDO die Zahl der Objekte, die sie in den Folgetests fliegen lassen
wollte, von zehn auf vier. Die vier Objekte waren ein Medium Reentry
Vehicle (MRV, ein mittelgroßer Raketensprengkopf, der wieder in
die Atmosphäre eintaucht), ein Ballon mit 2,2 Meter Durchmesser
und zwei Ballons mit je 0,6 Meter Durchmesser. Einige Zeit nach dieser
Reduzierung der Objekte, die bei den Tests IFT-2, -3 und -4 fliegen
sollten, wurde die Anzahl der Objekte abermals geändert. Dieses
Mal wurden die beiden Ballons mit 0,6 Meter weggelassen, weil die Wahrscheinlichkeit
hoch war, daß das Suchsystem sie für den Übungssprengkopf
halten würde. Dies reduzierte die Anzahl der Objekte für die
nachfolgenden Tests IFT-2, 3 und 4 von vier auf zwei, womit nur noch
ein einzelner großer Ballon und der mittelgroße Raketensprengkopf
übrig blieben.
Die Glaubwürdigkeit der IFT-2, -3 und -4 wurde von der BMDO zudem
weiter ausgehöhlt durch eine wohlüberlegte Wahl des Zeitpunkts
für den Abfangversuch, bei dem die Sonne hinter dem EKV zu stehen
kam und damit den Ballon und den Sprengkopf von vorn beleuchtete. In
dieser Aufstellung hat die wohlüberlegte Einführung eines
Ballons mit einem 2,2-Meter-Durchmesser aus einem Ballon, der ansonsten
eine glaubwürdige Attrappe gewesen wäre, etwas gemacht, was
ganz unzweideutig nur eine Lichtquelle war. Zusätzlich erleichterte
es der sehr große Helligkeitsunterschied zwischen Ballon und Sprengkopf,
die beiden Ziele zu unterscheiden - was gleichzeitig dem EKV die Aufgabe
erleichterte, den schwächer beleuchteten, aber noch sehr hellen
Sprengkopf in der Nähe des Ballons anzusteuern.
Die Ergebnisse des IFT-1A und die Art und Weise, mit der man zuließ,
daß sie die Änderungen der IFT-2-, -3- und -4-Versuchsanordnungen
beeinflußten, sind von hoher Bedeutung für die Entscheidung
des Präsidenten, ob das derzeitige Konzept des nationalen Antiraketensystems
weitergehen wird oder nicht, da jetzt klar ist, daß das gesamte
Konzept auf einer fehlerhaften Ergebnisanalyse der grundlegenden und
wesentlichen Flugtestdaten aufgebaut ist. Wenn die Daten aus diesen
Versuchen ordentlich analysiert und interpretiert werden, so zeigen
sie, daß das gegenwärtige Antiraketensystem nicht in der
Lage sein wird, auch nur mit den einfachsten Gegenmaßnahmen der
ersten Generation fertig zu werden. Zu derartigen trivial einfachen
Gegenmaßnahmen gehört etwa die Verwendung von Taumelflug-Sprengköpfen,
nur teilweise aufgeblasenen Ballon-Attrappen und die Konstruktion von
Attrappen und Sprengköpfen mit an Schnüren befestigten Gegenständen
und Hasenohren"-ähnlichen Anhängseln.
Die hier dargelegten Punkte können jederzeit nachgeprüft werden
durch eine sorgfältige Lektüre der Studie Independent
Review of TRW Discrimination Techniques, Final
Report". Diese Unterlage (die diesem Brief als Anhang D beigefügt
ist) enthält ein Gemisch aus nebensächlichen und relevanten
Ergebnissen der Nach-Analyse der telemetrischen Daten, das den oberflächlichen,
aber falschen Eindruck einer ordnungsgemäßen wissenschaftlichen
Analyse schafft. Eine sorgfältige Lektüre des Berichts und
der damit zusammenhängenden Dokumente, die ebenfalls in den Anlagen
zu diesen Brief gehören, bringt jedoch folgendes ans Licht:
- Daten, die bewiesen hätten, daß das EKV jedesmal einen
teilweise aufgeblasenen Ballon mit dem tödlichen" Übungssprengkopf
verwechselte, wurden unerklärlicherweise aus der Nach-Analyse der
Leistung des EKV herausgenommen.
- Nach der Herausnahme dieser Daten zeigten die Daten der acht harmlosen
Flugobjekte sowie des tödlichen" Übungssprengkopfs,
daß das Abwehrsystem weiterhin fälschlicherweise statt des
tödlichen" Objekts zwei der harmlosen Gegenstände
auswählte.
- Um dieses ungünstige Ergebnis abzuändern, hat das Testteam
sowohl die Daten als auch die Analyse der Daten manipuliert, um damit
künstlich das falsche Ergebnis zu erzeugen, das Abwehrsystem würde
den Übungssprengkopf erkennen.
Dieser durchorganisierte und systematisierte Handlungsablauf sieht
wie eine vollendete wissenschaftliche und technische Fehlleistung aus,
die dringend einer Untersuchung durch ein Team von Wissenschaftlern
bedarf, die auf Grund ihrer wissenschaftlichen Leistungen anerkannt
und vom Pentagon unabhängig sind. Glücklicherweise sind die
physikalischen Phänomene und die Analysetechniken vielen hochqualifizierten
unabhänginen Wissenschaftlern bekannt, die über Grundlagenprobleme
der Physik, über Computer und die Analyse statistischer Daten arbeiten,
so daß es nicht schwer fallen dürfte, ein Team unabhängiger
Spitzen-Wissenschaftler zusammenzustellen, das die behauptete Analyse
der BMDO bewerten kann.
Ich bitte das Weiße Haus nachdrücklich, ein solches Team
zu bilden, um eine unabhängige Bewertung der Vorgänge durchzuführen,
mit deren Hilfe diese irreführenden Schlußfolgerungen zum
Inhalt der telemetrischen Daten des IFT-1A und die darauf folgenden
Modifizierungen der IFT-2, -3- und -4 aufgestellt wurden. Anhänge
A, B, C und D enthalten detaillierte Erläuterungen zu den Feststellungen
in diesem Brief sowie die Dokumentation, aus der sie abgeleitet wurden.
Hochachtungsvoll
(gez.) Theodore A. Postol
(Aus dem Amerikanischen von Hans Pfitzinger und Fritz
R. Glunk)
Ihr
Kommentar

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