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Interview mit Andreas Odenwald, Pressechef des Musicals "Ludwig
II. - Sehnsucht nach dem Paradies"
Die Adresse des Musical-Theaters in Füssen ist "Im See
1". Liegt das Theater denn wirklich im See?
Das kann man so sehen, denn wo es heute steht, war früher tatsächlich
Wasser. Später ist diese Stelle für den Bau aufgeschüttet
worden. So liegt es heute eigentlich am See. Die Werbeaussage, es sei
"umspült von den Wellen des Forggensees" ist dichterisch
etwas überhöht - das gesamte Theatergelände ist eine
künstliche Halbinsel.
Es gab bei der Planung des Gebäudes ja einige Proteste gegen
den Bau. Sind diese Proteste heute verstummt?
Ja. Es gab sie nicht nur von Umweltschützern, sondern anfangs sogar
auch aus Kreisen der Gemeinde. Aber speziell diese sind nach der Premiere
schnell in Begeisterung umgeschlagen. Der Füssener Bürgermeister
Paul Wengert hat gerade vom Aufblühen der Region durch das Musical
gesprochen und davon, dass das Theater der Gemeinde jährlich 30
Millionen Mark Mehreinnahmen verschafft. Kürzlich hat ein Reporter
des Bayerischen Fernsehens, der für eine Sendung über das
Musical und Füssen recherchierte, verzweifelt nach verbliebenen
Gegnern Ausschau gehalten - aber keine gefunden.
Wann wurde das Theater eröffnet?
Kurz vor der Premiere am 7. April dieses Jahres. Und seitdem wird dort
ausschließlich das Musical "Ludwig II. - Sehnsucht nach dem
Paradies" gespielt.
Ist denn geplant, in dem Theater jemals ein anderes Musical aufzuführen?
Erstmal soll es en suite mindestens fünf Jahre lang laufen, damit
die Kosten hereingespielt werden. Grundsätzlich gilt: Das Haus
ist nur für das Stück gebaut, und das Stück wurde nur
für das Haus produziert.
Und später?
Fünfzig Jahre nach dem Bau muss das Gebäude wieder abgetragen
werden. Da ist eben in der Nürnberger Zeitung ein Artikel erschienen,
der folgendermaßen beginnt: "An irgendeinem Tag des Jahres
2048 will sich der dann 93-jährige Stephan Barbarino an das Ufer
des Forggensees bei Füssen setzen und sein Musical-Theater in die
Luft sprengen. Das jedenfalls sagt er heute und lacht dabei." Ob
es soweit kommt, ist allerdings die Frage. Das Wagner-Theater in Bayreuth
sollte ursprünglich auch nur fünf Jahre stehen.
Woher kommen die Besucher seit der Eröffnung?
Im Augenblick noch vor allem aus dem Inland. Genauer: aus Bayern und
neuerdings vertärkt aus München, was unser Vorstandssprecher
Felix Maria Roehl als Erfolgsbeweis wertet, da die Münchner ihre
Ausflüge normalerweise nach Garmisch und in den Chiemgau machen,
nicht aber ins Allgäu. Die Bayern sind eindeutig für das Musical
gewonnen, und sie sind davon sichtlich berührt. Der Intendant Barbarino
sagt gern, das Musical-Theater Neuschwanstein (so lautet der offizielle
Name) sei "das vierte Schloss" des Märchenkönigs.
Der wirtschaftliche Erfolg steht also erst einmal außer Frage.
Demnächst aber, etwa ab dem kommenden Winter, müssen sich
unsere Marketingbemühungen stärker ins übrige Deutschland,
in die USA und nach Japan richten. In den USA gibt es bereits einige
Promotionaktivitäten, die aber noch so richtig gegriffen haben.
Wie kam die Idee zu dem Musical eigentlich in die Welt?
Ich kann Ihnen ziemlich genau sagen, wie das angefangen hat. Stephan
Barbarino war bis 1994 Intendant an den Hamburger Kammerspielen und
lebte dann zwei Jahre mit seiner Frau in Herrsching am Ammersee. Die
Figur des Märchenkönigs hatte es ihm ohnehin angetan; er verschlang
Unmengen von Büchern und Artikeln zu dem Thema. Dann stellte ihm
ein befreundeter Rundfunkmann die alles entscheidende Frage: Wieso gibt
es eigentlich kein Theaterstück oder Musical über Ludwig II.?
Das Aha-Erlebnis.
Das war es. Barbarino hat die Idee dann nicht wieder losgelassen. Im
ständigen Dialog mit seiner Frau Josephine, einer Architektin,
die dann ja später das Theater entworfen und gebaut hat, seinem
Dramaturgen Jan Linders, dem Bühnenbildner Heinz Hauser und dem
Komponisten Franz Hummel, den er schon aus Hamburg flüchtig kannte,
hat er dieser Idee dann zunehmend Kontur gegeben.
War nicht zunächst Konstantin Wecker als Komponist für
das Musical vorgesehen?
Ganz am Anfang, ja. Aber die persönliche Malaise Weckers hat dann
eine weitere Zusammenarbeit verhindert.
War das Ganze also eine künstlerische Vision, die nach Verwirklichung
drängte, oder eher ein Spekulationsobjekt, mit dem jemand aus viel
Geld noch mehr Geld machen wollte?
Es hat eindeutig und vor allem eine künstlerische Dimension, denn
es war ja nicht so, dass von Anfang Geld da war. Das musste ja erst
zusammengesucht werden, um das Musical über Ludwig II. zu realisieren.
Für Barbarino war das ganz klar eine Vision, wie auch schon der
Untertitel des Doku-Buches sagt, das gerade fertig geworden ist: "Eine
Vision wird Wirklichkeit".
Der Musik des sonst ja eher seriösen Komponisten wurde ja schon
bald der Vorwurf gemacht, sie schiele zu sehr nach einem amüsierbedürftigen
Publikumsgeschmack.
Das stimmt nicht ganz. Hummels Musik ist ja keineswegs unseriös
oder leicht im Sinne von oberflächlich. Nur wenige gestrenge Kritiker
haben bei den folkloristischen Elementen wie Stepplattler und Schnaderhüpfel
die Augenbrauen leicht angehoben. Was eher mal kritisiert wurde, sind
ein gewisser Eklektizismus und das Fehlen von publikumswirksamen "Ohrwürmern".
Aber gerade das war Hummels Konzept. Er wollte eben nicht wie Andrew
Lloyd Webber in "Evita" einen Ohrwurm wie "Don't Cry
For Me Argenita" schaffen oder einen Dauerbrenner "The Rain
in Spain Stays Mainly In The Plain" aus "My Fair Lady".
Das war nicht seine Absicht. Das Etikett opulent", das viele
positive Kritiken des Musicals durchzieht, gilt auch für Hummels
Musik. Er sieht sie als Bestandteil eines, wie Barbarino zu sagen pflegt,
"Gesamtkunstwerks" aus Bühnenbild, Text, Schauspiel und
eben Musik.
Trifft es denn zu, dass damit dem Text des Musicals die Rolle einer
Kritik, wenn nicht gar einer politischen Kritik zufällt?
Der Text enthält tatsächlich viele ironische, historisch-ironische
Bezüge - nicht nur in Arien wie "Geld regiert die Welt, aber
wir regieren das Geld", sondern auch und vor allem die Dialoge
bieten ungewöhnlich viele geistreiche Spitzen und Anspielungen.
Da kommt beispielsweise der intrigante Kampf der Hofkamarilla gegen
den allmählich immer mehr weltentrückten König zur Sprache.
Als was für eine Figur kommt der König in solchen Szenen
beim Publikum an?
Durchaus als tragische, sympathiefähige Figur. Nehmen Sie die Szene,
in der das bayerische Kabinett und der ganze Hofstaat mit äußerster
Spannung die erste Regierungserklärung des jungen Königs erwarten.
Der König tritt auf und teilt der versammelten Menge mit, dass
er sein Leben der Kunst weihen will; seine Arie "Du holde Kunst"
ist eine einzige Hommage an die Kunst, ans Theater. Das ist eigentlich
die Kernaussage des ganzen Stückes: ein König, der mit dem
politischen Tagesgeschäft nichts zu tun haben will, sondern sich
der Kunst verschrieben hat. Den Politikern und Hofschranzen bleibt da
natürlich der Mund offen vor Verblüffung. Sie müssen,
gleich im ersten Akt, erkennen, dass mit diesem König im klassischen
Sinne kein Staat zu machen ist.
Aber dieser König behält Recht?
Aber ja, er behält bis zum Schluß des Stückes Recht
- im Herzen der Zuschauer. Etwas anderes ist es natürlich bei seinen
Gegenspielern im Stück: Seine Umgebung sieht in ihm nur einen Menschen
mit zunehmendem Realitätsverlust. Die Kunst ist ja auch die Sphäre,
in der die latente Homoerotik des Königs zur Darstellung kommt
- besonders im Verhältnis zu Richard Wagner.
Wie wird denn hier die Wagner-Figur ins Spiel gebracht?
Gestatten Sie mir eine persönliche Anmerkung: Mir war Wagner -
bei aller Genialität seiner Musik - schon früh aus zwei Gründen
höchst unsympathisch: erstens wegen seines Antisemitismus und der
Schrift "Das Judentum in der Musik", zweitens wegen seiner
offenbar stark ausgeprägten Schnorrerqualitäten. Ich habe
dann allmählich gelernt, ihn differenzierter und nachdenklicher
zu sehen - und das ist mir jetzt bei dem Musical wieder gelungen. Natürlich
wird in dem Stück nicht unterschlagen, mit welcher Gerissenheit
Wagner die naive Großzügigkeit des Königs ausgenutzt
hat - aber man begegnet eben auch dem großen Künstler und
dem zwiespältigen Menschen Wagner.
Der den König, im Stück, aber schließlich "verrät".
Ja, in dieser sehr schönen Theater-im-Theater-Szene, als für
den König, der ganz allein in seiner Loge sitzt, eine Wagneroper
(angelehnt an den Ring") uraufgeführt wird. Und während
dieser einsamen Huldigung an die Kunst, an die Kunst Wagners, ertappt
der König den angebeteten Komponisten in flagranti mit Cosima von
Bülow - denselben Wagner, der ihn kurz zuvor angefleht hat, den
Gerüchten, die über ihn, Wagner, und Cosima am Hofe im Umlauf
sind, keinen Glauben zu schenken. Der König kann hier nichts anderes
als einen Verrat Wagners sehen - an der homoerotisch gefärbten
Freundschaft, an der Wahrheit, aber besonders an der über allem
Irdischen stehenden Kunst.
Wie löst das Stück eigentlich das Geheimnis, das immer
noch über dem Tod des Königs liegt?
Lösen kann es das auch nicht - nur eine Variante anbieten, beziehungsweise
anderthalb: Nach seiner Absetzung wegen Geisteskrankheit lebt der König
ja in Berg am Starnberger See. In der Schlussszene also geht er langsam
ins Wasser und versinkt, der Leibarzt Gudden, der noch von ihm Abschied
genommen und ihn um Verzeihung gebeten hat, bleibt am Ufer zurück
und tritt aus dem Bild. Und hier gibt es jetzt zwei Versionen dieses
Finales. In der Regieanweisung steht an der Stelle: "Vielleicht
fällt ein Schuss." Gemeint ist: Gudden, der den König
ja für geisteskrank erklärt hat, erschießt sich selbst
- vielleicht. Je nach Entscheidung der Tagesregie fällt dieser
Schuß manchmal, und manchmal fällt er nicht. Ein dramaturgischer
Gag, wenn Sie so wollen. In der Fernsehaufzeichnung von arte gab es
diesen Schuß. Bei den fünf, sechs Malen, die ich das Stück
inzwischen gesehen habe, gab es ihn jeweils nicht.
Sind die Zuschauer von dem Stück berührt?
Das hemmungslose Schluchzen wie in "Vom Winde verweht" - das
gibt es hier natürlich nicht. Aber die meisten, jedenfalls die
bayerischen Zuschauer kommen ergriffen aus dem Theater, genauer: mit
einer Mischung aus Ergriffenheit und Stolz. Ich habe persönlich
den Eindruck, das Stück gibt ihnen eine Art Identitätsgewissheit.
Es ist ja so, dass die Menschen, wenn sie in die Pause gehen, sich in
der Landschaft wiederfinden, die sie eben auf der Theaterbühne
gesehen haben. Das ist schon ein ganz besonderer Eindruck: die erlebte
Einheit von Schauplatz und Umgebung.
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Blick vom Theater-Café auf Neuschwanstein
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