Nr. 28, September 2000

 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

   
Interview
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
   

 

Interview mit Andreas Odenwald, Pressechef des Musicals "Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies"

Die Adresse des Musical-Theaters in Füssen ist "Im See 1". Liegt das Theater denn wirklich im See?
Das kann man so sehen, denn wo es heute steht, war früher tatsächlich Wasser. Später ist diese Stelle für den Bau aufgeschüttet worden. So liegt es heute eigentlich am See. Die Werbeaussage, es sei "umspült von den Wellen des Forggensees" ist dichterisch etwas überhöht - das gesamte Theatergelände ist eine künstliche Halbinsel.

Es gab bei der Planung des Gebäudes ja einige Proteste gegen den Bau. Sind diese Proteste heute verstummt?
Ja. Es gab sie nicht nur von Umweltschützern, sondern anfangs sogar auch aus Kreisen der Gemeinde. Aber speziell diese sind nach der Premiere schnell in Begeisterung umgeschlagen. Der Füssener Bürgermeister Paul Wengert hat gerade vom Aufblühen der Region durch das Musical gesprochen und davon, dass das Theater der Gemeinde jährlich 30 Millionen Mark Mehreinnahmen verschafft. Kürzlich hat ein Reporter des Bayerischen Fernsehens, der für eine Sendung über das Musical und Füssen recherchierte, verzweifelt nach verbliebenen Gegnern Ausschau gehalten - aber keine gefunden.

Wann wurde das Theater eröffnet?
Kurz vor der Premiere am 7. April dieses Jahres. Und seitdem wird dort ausschließlich das Musical "Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies" gespielt.

Ist denn geplant, in dem Theater jemals ein anderes Musical aufzuführen?
Erstmal soll es en suite mindestens fünf Jahre lang laufen, damit die Kosten hereingespielt werden. Grundsätzlich gilt: Das Haus ist nur für das Stück gebaut, und das Stück wurde nur für das Haus produziert.

Und später?
Fünfzig Jahre nach dem Bau muss das Gebäude wieder abgetragen werden. Da ist eben in der Nürnberger Zeitung ein Artikel erschienen, der folgendermaßen beginnt: "An irgendeinem Tag des Jahres 2048 will sich der dann 93-jährige Stephan Barbarino an das Ufer des Forggensees bei Füssen setzen und sein Musical-Theater in die Luft sprengen. Das jedenfalls sagt er heute und lacht dabei." Ob es soweit kommt, ist allerdings die Frage. Das Wagner-Theater in Bayreuth sollte ursprünglich auch nur fünf Jahre stehen.

Woher kommen die Besucher seit der Eröffnung?
Im Augenblick noch vor allem aus dem Inland. Genauer: aus Bayern und neuerdings vertärkt aus München, was unser Vorstandssprecher Felix Maria Roehl als Erfolgsbeweis wertet, da die Münchner ihre Ausflüge normalerweise nach Garmisch und in den Chiemgau machen, nicht aber ins Allgäu. Die Bayern sind eindeutig für das Musical gewonnen, und sie sind davon sichtlich berührt. Der Intendant Barbarino sagt gern, das Musical-Theater Neuschwanstein (so lautet der offizielle Name) sei "das vierte Schloss" des Märchenkönigs.
Der wirtschaftliche Erfolg steht also erst einmal außer Frage. Demnächst aber, etwa ab dem kommenden Winter, müssen sich unsere Marketingbemühungen stärker ins übrige Deutschland, in die USA und nach Japan richten. In den USA gibt es bereits einige Promotionaktivitäten, die aber noch so richtig gegriffen haben.

Wie kam die Idee zu dem Musical eigentlich in die Welt?
Ich kann Ihnen ziemlich genau sagen, wie das angefangen hat. Stephan Barbarino war bis 1994 Intendant an den Hamburger Kammerspielen und lebte dann zwei Jahre mit seiner Frau in Herrsching am Ammersee. Die Figur des Märchenkönigs hatte es ihm ohnehin angetan; er verschlang Unmengen von Büchern und Artikeln zu dem Thema. Dann stellte ihm ein befreundeter Rundfunkmann die alles entscheidende Frage: Wieso gibt es eigentlich kein Theaterstück oder Musical über Ludwig II.?

Das Aha-Erlebnis.
Das war es. Barbarino hat die Idee dann nicht wieder losgelassen. Im ständigen Dialog mit seiner Frau Josephine, einer Architektin, die dann ja später das Theater entworfen und gebaut hat, seinem Dramaturgen Jan Linders, dem Bühnenbildner Heinz Hauser und dem Komponisten Franz Hummel, den er schon aus Hamburg flüchtig kannte, hat er dieser Idee dann zunehmend Kontur gegeben.

War nicht zunächst Konstantin Wecker als Komponist für das Musical vorgesehen?
Ganz am Anfang, ja. Aber die persönliche Malaise Weckers hat dann eine weitere Zusammenarbeit verhindert.

War das Ganze also eine künstlerische Vision, die nach Verwirklichung drängte, oder eher ein Spekulationsobjekt, mit dem jemand aus viel Geld noch mehr Geld machen wollte?
Es hat eindeutig und vor allem eine künstlerische Dimension, denn es war ja nicht so, dass von Anfang Geld da war. Das musste ja erst zusammengesucht werden, um das Musical über Ludwig II. zu realisieren. Für Barbarino war das ganz klar eine Vision, wie auch schon der Untertitel des Doku-Buches sagt, das gerade fertig geworden ist: "Eine Vision wird Wirklichkeit".

Der Musik des sonst ja eher seriösen Komponisten wurde ja schon bald der Vorwurf gemacht, sie schiele zu sehr nach einem amüsierbedürftigen Publikumsgeschmack.
Das stimmt nicht ganz. Hummels Musik ist ja keineswegs unseriös oder leicht im Sinne von oberflächlich. Nur wenige gestrenge Kritiker haben bei den folkloristischen Elementen wie Stepplattler und Schnaderhüpfel die Augenbrauen leicht angehoben. Was eher mal kritisiert wurde, sind ein gewisser Eklektizismus und das Fehlen von publikumswirksamen "Ohrwürmern". Aber gerade das war Hummels Konzept. Er wollte eben nicht wie Andrew Lloyd Webber in "Evita" einen Ohrwurm wie "Don't Cry For Me Argenita" schaffen oder einen Dauerbrenner "The Rain in Spain Stays Mainly In The Plain" aus "My Fair Lady". Das war nicht seine Absicht. Das Etikett „opulent", das viele positive Kritiken des Musicals durchzieht, gilt auch für Hummels Musik. Er sieht sie als Bestandteil eines, wie Barbarino zu sagen pflegt, "Gesamtkunstwerks" aus Bühnenbild, Text, Schauspiel und eben Musik.

Trifft es denn zu, dass damit dem Text des Musicals die Rolle einer Kritik, wenn nicht gar einer politischen Kritik zufällt?
Der Text enthält tatsächlich viele ironische, historisch-ironische
Bezüge - nicht nur in Arien wie "Geld regiert die Welt, aber wir regieren das Geld", sondern auch und vor allem die Dialoge bieten ungewöhnlich viele geistreiche Spitzen und Anspielungen. Da kommt beispielsweise der intrigante Kampf der Hofkamarilla gegen den allmählich immer mehr weltentrückten König zur Sprache.

Als was für eine Figur kommt der König in solchen Szenen beim Publikum an?
Durchaus als tragische, sympathiefähige Figur. Nehmen Sie die Szene, in der das bayerische Kabinett und der ganze Hofstaat mit äußerster Spannung die erste Regierungserklärung des jungen Königs erwarten. Der König tritt auf und teilt der versammelten Menge mit, dass er sein Leben der Kunst weihen will; seine Arie "Du holde Kunst" ist eine einzige Hommage an die Kunst, ans Theater. Das ist eigentlich die Kernaussage des ganzen Stückes: ein König, der mit dem politischen Tagesgeschäft nichts zu tun haben will, sondern sich der Kunst verschrieben hat. Den Politikern und Hofschranzen bleibt da natürlich der Mund offen vor Verblüffung. Sie müssen, gleich im ersten Akt, erkennen, dass mit diesem König im klassischen Sinne kein Staat zu machen ist.

Aber dieser König behält Recht?
Aber ja, er behält bis zum Schluß des Stückes Recht - im Herzen der Zuschauer. Etwas anderes ist es natürlich bei seinen Gegenspielern im Stück: Seine Umgebung sieht in ihm nur einen Menschen mit zunehmendem Realitätsverlust. Die Kunst ist ja auch die Sphäre, in der die latente Homoerotik des Königs zur Darstellung kommt - besonders im Verhältnis zu Richard Wagner.

Wie wird denn hier die Wagner-Figur ins Spiel gebracht?
Gestatten Sie mir eine persönliche Anmerkung: Mir war Wagner - bei aller Genialität seiner Musik - schon früh aus zwei Gründen höchst unsympathisch: erstens wegen seines Antisemitismus und der Schrift "Das Judentum in der Musik", zweitens wegen seiner offenbar stark ausgeprägten Schnorrerqualitäten. Ich habe dann allmählich gelernt, ihn differenzierter und nachdenklicher zu sehen - und das ist mir jetzt bei dem Musical wieder gelungen. Natürlich wird in dem Stück nicht unterschlagen, mit welcher Gerissenheit Wagner die naive Großzügigkeit des Königs ausgenutzt hat - aber man begegnet eben auch dem großen Künstler und dem zwiespältigen Menschen Wagner.

Der den König, im Stück, aber schließlich "verrät".
Ja, in dieser sehr schönen Theater-im-Theater-Szene, als für den König, der ganz allein in seiner Loge sitzt, eine Wagneroper (angelehnt an den „Ring") uraufgeführt wird. Und während dieser einsamen Huldigung an die Kunst, an die Kunst Wagners, ertappt der König den angebeteten Komponisten in flagranti mit Cosima von Bülow - denselben Wagner, der ihn kurz zuvor angefleht hat, den Gerüchten, die über ihn, Wagner, und Cosima am Hofe im Umlauf sind, keinen Glauben zu schenken. Der König kann hier nichts anderes als einen Verrat Wagners sehen - an der homoerotisch gefärbten Freundschaft, an der Wahrheit, aber besonders an der über allem Irdischen stehenden Kunst.

Wie löst das Stück eigentlich das Geheimnis, das immer noch über dem Tod des Königs liegt?
Lösen kann es das auch nicht - nur eine Variante anbieten, beziehungsweise anderthalb: Nach seiner Absetzung wegen Geisteskrankheit lebt der König ja in Berg am Starnberger See. In der Schlussszene also geht er langsam ins Wasser und versinkt, der Leibarzt Gudden, der noch von ihm Abschied genommen und ihn um Verzeihung gebeten hat, bleibt am Ufer zurück und tritt aus dem Bild. Und hier gibt es jetzt zwei Versionen dieses Finales. In der Regieanweisung steht an der Stelle: "Vielleicht fällt ein Schuss." Gemeint ist: Gudden, der den König ja für geisteskrank erklärt hat, erschießt sich selbst - vielleicht. Je nach Entscheidung der Tagesregie fällt dieser Schuß manchmal, und manchmal fällt er nicht. Ein dramaturgischer Gag, wenn Sie so wollen. In der Fernsehaufzeichnung von arte gab es diesen Schuß. Bei den fünf, sechs Malen, die ich das Stück inzwischen gesehen habe, gab es ihn jeweils nicht.

Sind die Zuschauer von dem Stück berührt?
Das hemmungslose Schluchzen wie in "Vom Winde verweht" - das gibt es hier natürlich nicht. Aber die meisten, jedenfalls die bayerischen Zuschauer kommen ergriffen aus dem Theater, genauer: mit einer Mischung aus Ergriffenheit und Stolz. Ich habe persönlich den Eindruck, das Stück gibt ihnen eine Art Identitätsgewissheit. Es ist ja so, dass die Menschen, wenn sie in die Pause gehen, sich in der Landschaft wiederfinden, die sie eben auf der Theaterbühne gesehen haben. Das ist schon ein ganz besonderer Eindruck: die erlebte Einheit von Schauplatz und Umgebung.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blick vom Theater-Café auf Neuschwanstein


 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv