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Mischa Delbrouck
O Sport, du bist die Schönheit
Was sich Coubertin einst erhoffte, wird in den TV-Inszenierungen
Olympischer Spiele von heute Wirklichkeit: Der Traum von Olympia als
Gesamtkunstwerk
"Dabeisein ist alles". Was früher als Motto für
die Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt gedacht war, ist heute
zum Selbstverständnis eines globalen TV- Publikums geworden. Wenn
am 15. September die Herren der Ringe in Sydney zum 27. Olympischen
Fest der Neuzeit laden, werden die Bilder der Eröffnungsfeier in
220 Länder übertragen werden. Das IOC schätzt, dass annähernd
vier Milliarden Menschen live das Entzünden des Otympischen Feuers
verfolgen werden. Gewöhnlich fallen solche Schätzungen zwar
viel zu hoch aus, dennoch: Olympische Spiele sind ohne Zweifel das Ereignis
mit dem weltweit größten Zuschauerinteresse. Das Fernsehen
schafft eine gigantische Gemeinschaft von Olympia-lnteressierten, die
allein dadurch vereint werden, dass alle zur selben Zeit dasselbe tun,
dieselben Bilder betrachten. Die Botschaft an alle Konsumenten lautet
daher: Schaut hin, weil alle hinschauen.
15.000 Journalisten werden dafür sorgen, dass den Daheimgebliebenen
während der beiden olympischen Wochen nichts entgeht: kein Schritt
auf der Tartanbahn, kein Interview, keine Siegerehrung. 20 Stunden dauert
der durchschnittliche Olympia-Tag bei ARD und ZDF; schlaflose Nächte
sind da vorprogrammiert, denn Abschalten ist gefährlich. Jeden
Augenblick könnte in Sydney etwas passieren, das Sportgeschichte
schreibt. Und jedes Körnchen aus dem olympischen Universum könnte
zu einem Stein des Anstoßes werden. Alles ist wichtig, jedes Detail
wird diskutiert. So werden aus Zahnpastatuben nationale Fragen.
15.000 Journalisten: Das bedeutet, auf zwei teilnehmende Sportler kommen
drei Medienvertreter. Endgültig sind Olympische Spiele damit im
Wesentlichen zu einem Event der Fernsehanstalten geworden, wobei immer
deutlicher wird, dass die Sender die Sportereignisse nicht abbilden,
sondern inszenieren. Die Dramaturgie setzt lange vor dem ersten Startschuß
ein, indem sie die wichtigsten Athletinnen und Athleten in kurzen Features
vorstellt, hört mit dem Siegerinterview noch nicht auf und ist
bemüht, die Emotionen aller Beteiligten, den Jubel, das Leiden,
den Kuß des Eherings, das Gebet zu Gott einzufangen und über
Tage zu konservieren. "Wettkämpfe", so der Sportphilosoph
Gunter Gebauer, "sind Spektakel der Gefühle". Alles wäre
jedoch karg und trostlos ohne die jubelnden Zuschauer und feiernden
Qlympiatouristen vor Ort. So haben die Besucherinnen und Besucher der
Wettkämpfe, die sich ihren Olympia-Spaß einiges haben kosten
lassen, durchaus eine wichtige Rolle auf den Schaubühnen der olympischen
Sportstätten. Sie bezeugen durch ihre Anwesenheit die Wichtigkeit
der Veranstaltung, sie sorgen lautstark für die "prickelnde
Gänsehautatrnosphäre", sie verschmelzen in Fernsehbildern
zu einem Ornament der Masse". Das verbindet, und somit ist jeder
einzelne von ihnen auch Teil einer großen Gemeinschaft, einer
Olympia-Gemeinde.
Demgegenüber haben die Fernsehzuschauer keinen aktiven Part im
olympischen Geschehen. Ihre Gemeinschaft ist eher eine virtuelle und
verlangt nach anderen Identifikationsmustern. Diese bieten die Fernsehanstalten
in Verbund mit Werbe- und Kulturindustrie in Form der Stars an, die
sie als Helden vermarkten. Den mehreren Milliarden Zu-Hause-Gebliebenen
bleibt dadurch immerhin noch die Möglichkeit, als Anhänger
eines Sportstars Teil einer Fan-Gemeinde zu werden und dieselben Schuhe
zu kaufen wie ihr Held.
Angesichts des emotionalen Zaubers, den Olympia entfaltet, werden kritische
Untertöne in den Oiympiastudios von ARD und ZDF kaum zu hören
sein. Die Kehrseite der Gold-, Silber- und Bronzemedaillen, die in Phänomenen
wie Dopingproblematik oder Mädchenturnen nur schlagwortartig aufblitzt,
werden wir nicht zu Gesicht bekommen. Zu groß wäre die Gefahr
der Desillusionierung. "Don't argue. Just believe", lautet
das Credo der Olympischen Bewegung, wie IOC- Generaldirektor François
Carrard einmal formulierte. Und alle, die vor und hinter den Kameras
wirken, bemühen sich, den schönen Schein zu bewahren.
"Don't argue. Just believe" ist auch der Leitgedanke der Eröffnungsfeiern,
der allen Beteiligten, den künstlerischen Leitern, den Musikern
und Tänzern, den Sportlern und Funktionären wie den zahlreich
anwesenden Politikern mit auf den Weg gegeben wird. In einer Mischung
aus Massenchoreographien, Fernseh-Show- Elementen und quasi-religiöser
Liturgie initiiert sich Olympia in den Zeremonien als Mythos, dessen
Leistung es ist, nicht nur Menschen aller Länder, sondern auch
alle gesellschaftlichen Lebensbereiche wie Politik, Wirtschaft, Sport,
Kunst und Medien unter dem Dach der fünf Ringe zu vereinen. Solche
Verbindlichkeit erreichen ansonsten allenfalls Religionen, die allerdings
für sich in Anspruch nehmen können, ihre Gläubigen dauerhaft
in den Bann zu ziehen. Olympia dagegen ist eine Zwei-Wochen-Religion.
Die Analogien beispielsweise zum Katholizismus sind dennoch weitreichend.
Die Fans bilden die Gemeinde, die Sportstars sind die Heiligen und ihre
Körper die anbetungswürdigen Reliquien. Das Fernsehen übernimmt
die Verkündigung des Evangeliums, das IOC ist so mächtig wie
der Vatikan, anstelle des ewigen Lichts brennt das olympische Feuer.
Fraglich ist jedoch, was den Kern dieser Sport-Religion ausmacht. Kaum
jemand scheint die Werte und Ziele der Olympischen Idee zu kennen. Ihrer
weltweiten Verbreitung hat das nicht geschadet. Es gibt wenig ethische
oder ethnische Vorbehalte gegen Olympia.
Wer Exegese betreiben will, der muß sich auf die Spuren von Baron
Pierre de Coubertin, dem Gründer und geistigen Übervater der
modernen Olympischen Spiele, begeben. Coubertin, dessen Herz an der
Stätte des antiken Olympia begraben wurde, hat um die Jahrhundertwende
in zahlreichen Briefen, Reden und Aufsätzen seine Theorie vom Olympismus
niedergelegt. Als wirkungsmächtiger lOC-Präsident der ersten
Jahre schuf er die Grundlage, auf der die Olympische Bewegung aufgebaut
wurde.
Coubertins Bemühungen um den modernen Sport waren eingebettet in
ein umfangreiches pädagogisch-politisches Reformprogramm. Angesteckt
von der düsteren Stimmung des Fin de Siècle empfand er seine
Umgebung als dekadent, zerrüttet und sozial vereinsamt. Sinnfällig
für den Verfall der Kultur sah Coubertin den Verfall der menschlichen
Körper, den er aufgrund einer jahrhundertelangen Überbewertung
geistiger Fähigkeiten auszumachen glaubte. Krankheitserscheinungen
wie Tuberkulose und neu beobachtete psychische Erkrankungen deutete
der französische Baron als Folgen einer gesellschaftlichen Krise.
Dem Sport wurde so eine doppelte Heilkraft zugeschrieben, eine physische,
da er positiv auf den menschlichen Organismus einwirkte, aber auch eine
moralische, da mit Hilfe des Sports die Individuen als Teile eines sozialen
Organismus für das Leben in der Moderne gerüstet werden sollten.
Der Sport sollte Wettbewerbscharakter und Fair Play vorleben. Der Chancengleichheit
aller Athleten entsprach die Abschaffung überkommener Hierarchien
und Stände; das Streben nach Rekorden, nach "höher, schneller,
weiter" stand symbolisch für das Fortschrittsdenken in anderen
gesellschaftlichen Bereichen; der Glaube an eine Elitenbildung durch
Leistungsmaximierung widersprach jedem egalitaristischen Denken. In
diesem Sinne waren die Körper der frühen Olympiateilnehmer
Träger politischer Botschaften.
Coubertin wusste dass sich seine Ziele nur als große weltumspannende
Bewegung verwirklichen ließen und kreierte den Sport als "religio
athletae", als Zivilreligion. Den Egoismus seiner Zeit geißelnd
predigte er den Zusammenhalt der Gesellschaft und nannte die Olympischen
Spiele begeistert "Feste der Einheit des Menschen". Indem
er die Spiele als die Wiederbelebung der antiken Feiern charakterisierte,
schuf er einen mythischen Horizont, unter dem sich die Jugend der Welt,
angefüllt mit Idealen wie Frieden und Völkerverständigung,
vereinigen sollte. Er verstand die Eröffnungsfeiern als Messen
seiner Religion und fand sie erst würdevoll genug, nachdem sie
durch kultische Momente ritualisiert wurden, nachdem der Olympische
Eid vor den Fahnen der verschiedenen Länder gesprochen wurde, die
Olyrnpische Hymne gespielt, die Olympische Fahne aufgezogen und das
Olympische Feuer angezündet wurde. Teilnehmer und Zuschauer der
Zeremonien sollten sinnlich-emotional angesprochen werden, nicht intellektuell,
sie sollten den Geist der Veranstaltung erfahren, nicht ihn verstehen.
Und dadurch, dass alle dasselbe fühlten, durften sie sich als große
Gemeinschaft begreifen.
Einmal hat Coubertin sehr genau definiert, wo die Geburtsstätte
des modernen Olympia zu finden ist: in Bayreuth. Hier, bei den Festspielen
Richard Wagners, hatte er erstmals die Vision, wie Olympia aussehen
könnte, und in vielen Bereichen lesen sich Coubertins Ausführungen
zum Olympismus wie eine Fortsetzung von Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk.
Auch Wagner wähnte seine Gesellschaft nach dem Zusammenbruch religiöser
und politischer Utopien in einer schweren Krise. Angewidert von Mode,
Luxus und Geldgier seiner Tage, suchte er in der Kunst nach einem Programm
für die Ewigkeit und das echte Leben, das die Menschen wieder miteinander
verbinden sollte. Der Bayreuther Götterdämmerer, der die Mythosferne
seiner Ära beklagte, baute auf die Verbindlichkeit von Mythen,
um sein Ziel, Menschen wie Künste wiederzuvereinen, zu erreichen.
In diesem Sinne sollte das "Kunstwerk der Zukunft" "lebendig
dargestellte Religion" sein, eine Religion, die sich dem Publikum
über Gefühle, über das Zusammenspiel von Bildern, Zeichen,
Gesang, Texten und Orchestersound sinnlich vermitteln sollte. Der Verstand
ist zwar nicht aus-, aber nachgeschaltet. Erst müsse das Gefühl
sagen: "So muss es sein", bevor der Verstand bestätigt:
"Ja, so ist es". Kunst ist demnach keine Sache des Intellekts,
im Gegenteil: "Kunst", so Wagner "hört da auf, wo
sie als Kunst in unser reflektierendes Bewußtsein tritt".
Kunst ist lebendige Erfahrung.
Coubertin und Wagner bilden ein harmonisches Doppel. Das Olympia Coubertins
ist ein Gesamtkunstwerk im Sinne Wagners, nur dass der Sport an die
Stelle der Kunst tritt. Dieser Sport hat allerdings durchaus Ähnlichkeiten
mit den Künsten. In einer Ode an den Sport, die Coubertin 1912
verfasste und mit der er absurderweise auch noch den Literaturwettbewerb
der Olympischen Spiele von Stockholm gewann, heißt es programmatisch:
"O Sport, du bist die Schönheit!
Du formst den Körper zu edler Gestalt."
Sport als besondere Form der Ästhetik, Sport als Kunst, als Körperkunst,
dessen Produkt, der durchtrainierte männliche Körper sich
im Glanze der anderen Künste und der Natur "zur Schau stellen"
sollte: "Stellen Sie sich den griechischen Athleten im Sonnenglanz
vor, durch Musik erhöht und eingefügt in den Bau von Säulenhallen.
So", war sich Coubertin sicher, "wurde einstmals an den Ufern
des Alphäus der schillernde Traum des antiken Olympismus geboren".
So träumte auch Coubertin seinen Olympiatraum: Olympia als Gesamtkunstwerk.
Wer sich die heutigen Fernsehübertragungen von Sportereignissen
ansieht, der versteht, was Coubertin damals vorschwebte: Ob in Werbeeinspielungen,
in Trailern, in den sogenannten Bildern des Tages oder in den Aufzeichnungen
der Wettkämpfe selbst, überall zoomt die Kamera auf die wenig
verhüllten Körper der Johnsons und Greens, der Kournikowas
und Almsicks. Exzessiv stellen die männlichen Sprint-Asse alle
Konturen ihrer austrainierten, muskelbeladenen Gestalt "zur Schau",
bauchfrei präsentieren sich ihre weiblichen Pendants. Gar nichts
mehr hatten die Olympiateilnehmerinnen und -teilnehmer an, die für
den Aktfotoband The Sydney Dream posierten. Das ist der Stoff, aus dem
die olympischen Träume gewoben sind. Im individuellen Streben nach
dem Idealkörper drückt sich der Kern der Olympischen Idee
wesentlich besser aus, als in den weitgehend populistisch formulierten
Zielen von Frieden und Völkerverständigung. Multimedial vermarktet
erscheinen uns die Körper der Stars als Abbilder des olympischen
Gottes der Gegenwart. Sie wirken auch deshalb so attraktiv, weil sie
das versprechen, was viele sich wünschen: Ruhm, Erfolg und Reichtum.
Das Fernsehen zerlegt die Körper und setzt sie wieder zusammen.
Es präsentiert uns in Superzeitlupe Bilder von Muskeln, deren einzelne
Bewegungen ihren höheren Sinn erst im Zusammenspiel entfalten.
Beeindruckende Aufnahmen vom Stadion, dem Olympischen Feuer und den
Zuschauermassen erhöhen diese Bilder ebenso wie bombastische Musik,
eine dramatisierende Kommentatorenstimme oder die Anfeuerungen des begeisterten
Publikums.
Coubertin und Seite an Seite mit ihm Wagner würden sich im Grabe
umdrehen, wenn sie sehen könnten, wie sehr der vielgescholtene
Kommerz die Sportwelt beherrscht, wie wenig weihevoll das olympische
Spektakel geworden ist. Und doch wären sie beeindruckt von der
technischen Perfektion einer Überwältigungsmaschinerie, die
Bilder, Emotionen und Mythen im Minutentakt produziert. Es ist des Zusammenspiel
von Medien, Kultur- und Werbeindustrie, das das ermöglicht, was
Wagner und Coubertin einst visionierten. Es ist der Sport in seiner
heutigen Form, der alte ästhetische Träume wahr werden lässt
"A dream comes true" lautete das Motto der Spiele von Atlanta.
Als sich Franz Beckenbauer vor Jahren in Bayreuth zeigte, hob er damit
nicht nur den Sport auf eine Stufe mit der Kultur, sondern degradierte
die Bayreuther Festspiele gleichsam in die zweite Liga der Gesamtkunstwerke.
"Was ist schon Der Ring der Nibelungen gegen die Ausrichtung der
Fußball-Weltmeisterschaft?", schien er prophetisch zu fragen.
Oder um es mit dem Publizisten Helmut Böttiger auszudrücken:
"Wes besagt ein Shakespearescher Theatertod gegen das entscheidende
Kopfballtor in der 92. Minute?"
Der Sport hat dramatische Qualitäten, fordert Parteinahme und weckt
Emotionen, die durch die Fernsehberichterstattung geschürt werden.
Man fiebert mit den Sportstars, die sich stellvertretend für uns
und demonstrativ vor allen Kameras quälen, um zum Erfolg zu kommen.
Ihre Fähigkeit zu leiden hat kathartische Funktionen, genau wie
ihr Wille zu gewinnen. Sie stehen in archetypischen Kämpfen Mensch
gegen Mensch, Mensch gegen sich selbst und Mensch gegen die Natur, sie
sind Figuren aus Mythen, sie sind Abenteurer, Helden, Idole. Und wer
will, dass sein Idol gewinnt, dem ist es völlig egal, ob der Verstand
nachher bestätigt, "so muss es sein". Wettkämpfe
sind Spektakel der Gefühle.
Die engagierte Teilhabe aller Beteiligten, der Sportler, der Journalisten,
der Zuschauer vor Ort und am Fernsehbildschirm, erleichtert das Wecken
von Kollektivgefühlen. Für die Dauer der Olympischen Spiele
werden den vereinzelten Individuen unserer Zeit verschiedene Gemeinschaften
angeboten, denen sie sich anschließen können: als Teile einer
mitfiebernden Nation, einer friedlich zusammengekommenen Weltgemeinschaft,
einer Fan-Gemeinde oder einfach als Teile der Milliarden-Schar von Olympia-Interessierten.
In irgendeiner Form "dabeizusein", ist eben alles.
Um das stetig steigende Interesse an Olympia zu rechtfertigen, mythologisieren
die Fernsehanstalten ihre eigene Berichterstattung. Frühere Sportstars
wie Muhammed Ali werden legendär verklärt; der neue Weltrekord,
eine olympische Siegesserie, der unerwartete Medaillengewinn einer völlig
unbekannten Läuferin, der Kampf eines Athleten gegen ein persönliches
Schicksal: All das wird in den Rang des Wunders gehoben. Die Besonderheit
beim Sport ist, dass das Publikum Zeuge ist, wie der Held seine Aufgabe
erledigt oder auch an ihr scheitert. In dieser Unberechenbarkeit liegt
der Reiz, die Spannung des Sports, die den Kampf ums olympische Edelmetall
dramatischer erscheinen lässt als die Suche nach dem Rheingold,
die Disziplinen der Zehnkämpfer bedeutender als die zwölf
Arbeiten des Herakles. So lebt der Mythos Olympia in den kleinen Mythen
des Sports beständig weiter. Am "Ende der großen Erzählungen"
angelangt, sind diese Mythen jedoch wenig beständig. Sie wechseln
so schnell wie sportliche Erfolge und versprechen allenfalls ein Bisschen
persönliches Glück, nicht mehr die Rettung ganzer Gesellschaften.
Es sind modische Mini-Mythen, Lifestyle, auf dem sich keine Religion
aufbauen lässt, aber immerhin auch keine totalitäre Ideologie.
Dem Gefühlsspektakel Olympische Spiele, dessen unklares Ideenprofil
- wie die Geschichte und insbesondere die Spiele von 1936 zeigen - sich
geradezu anbiedert, mit politischen Machtphantasien angefüllt zu
werden, tut diese neue Bescheidenheit nur gut. Die Spiele des Jahres
2000 mögen viele kritische Implikationen haben, totalitär
werden sie jedenfalls nicht sein.
Solchermaßen selbst beruhigt, werde ich in den 16 Tagen von Sydney
den Alltag vergessen und mich dem Olympischen Fest widmen. Ich werde
meinen Verstand ausschalten, wenn ich das Fernsehgerät einschalte.
Ich werde mich als Teil einer gigantischen Gemeinde fühlen, werde
mitfiebern und mitjubeln. Ein schaler Beigeschmack verursacht durch
eine quälende Frage wird allerdings bleiben: Werde ich mir dieses
Jahr die Schuhe von Michael Johnson leisten können?
Hans Pfitzinger
Wellness mit Jean Paul
oder Die Hufeisenberge als Ausgangspunkt der Phantasie
(zweiter Teil und Schluß)
In Oberfranken können Sie zwischen dem 21. März
und dem 14. November 2000 die Blasen vom Wandern mit abendlichen Lesungen
der Werke Jean Pauls lindern. Deutschlands größter Philosoph
unter den Schriftstellern schreibt nicht mehr - und das seit 175 Jahren.
Weshalb dieses wunderliche Exemplar der Gattung Mensch ausgerechnet
der fränkischen Provinz entstammt, darüber möchte ich
nicht spekulieren. In Schwarzenbach, wo er auch noch Hebräisch
lernte, gab es nur eine Klasse in der "Schularche": "Abc-Schützen,
Buchstabierer, Lateiner, große und kleine Mädchen."
Tatsache ist: Eines der größten Genies der deutschen Sprache
ging auf eine kleinstädtische Zwergschule.
Wunsiedel, den Geburtsort, verließ er schon mit zwei Jahren: Der
Vater, Geistlicher (und Beichtvater des Landesfürsten), wurde nach
Joditz versetzt, und dort lernte "Paul", wie sich der Dichter
in seiner Autobiographie nennt, die kleine Welt von Pfarrhaus und Dorf
kennen - und die große Welt abendländischer Bildung, mit
Latein und Griechisch. Zusammen mit dem Bruder wurde Paul zunächst
vom Vater unterrichtet, wobei er sich in der "Selberlebensbeschreibung"
- so heißt bei ihm nun mal eine Autobiographie - beklagt, der
Vater hätte weniger Wert darauf gelegt, denken zu lehren als auswendig
lernenÜber den engen Dorfhorizont schaute Paul erst, als der Vater
einmal "nach Zedwitz ging, um sich dem regierenden Hause vorstellen
zu lassen." Paul durfte mitkommen. Nach der Audienz bei der Freiin
von Bodenhausen konnte der Junge "wieder herumlaufen. Und dies
tat er im prächtigen Garten." Dort bewunderte das "darbende
Dorfkind, dessen Herz so gern sich füllen, ja nur sehnen wollte
an der Außenwelt", "mit gepresster und mit gefüllter
Brust die Laubengänge, die Springbrunnen, die Mistbeete, die Baumaltane."
Und wo heute Wanderwege den Touristen anlocken, ging "Paul mit
einem passenden Quersack auf dem Rücken" von Joditz aus allein
"nach der Stadt Hof zu den Großeltern (...) um Fleisch und
Kaffee und alles zu holen, was im Dorfe entweder gar nicht zu haben
war, oder doch nicht um den äußerst geringen Stadtpreis.
(...) Der zweistündige Weg führte über gewöhnliche
reizlose Gegenden, durch einen Wald, und darin über einen brausenden
Fluss voll Felsstücke, bis endlich auf einer Felderhöhe die
Stadt mit zwei Brudertürmen und mit der Saale in der Talebene den
begnügsamen kleinen Träger übermäßig überschüttete
und ausfüllte." (I/6/S.1076)
"Gewöhnliche reizlose Gegenden" - hoffentlich nimmt ihm
das keiner der dort heute Ansässigen übel, denn als Werbespruch,
um Touristen ins Fichtelgebirge zu locken, lässt sich das Zitat
schlecht gebrauchen. Weshalb die unterm Hufeisen vereinigten Fremdenverkehrsverbände
in Jean Pauls Heimat auch darauf verzichtet haben.
Der ganze Mensch, der sich nach den himmlischen Gütern des Lebens
sehnte
Wer weiterliest in der "Selberlebensbeschreibung", findet
dann aber schnell gute Gründe, auf den Spuren des jungen Dichters
zu wandern, denn in dieser Gegend hatte er nichts weniger als eine Erleuchtung
- wie sonst soll man benennen, was dem Jungen auf dem Heimweg von Hof
passiert ist?
"Noch erinnert er sich eines Sommertages, wo ihn, da er auf der
Rückkehr gegen zwei Uhr die sonnigen beglänzten Anhöhen
und die ziehenden Wogen auf den Ährenfeldern und die Laufschatten
der Wolken überblickte, ein noch unerlebtes gegenstandsloses Sehnen
überfiel, das fast aus lauter Pein und wenig Lust gemischt und
ein Wünschen ohne Erinnern war. Ach es war der ganze Mensch, der
sich nach den himmlischen Gütern des Lebens sehnte, die noch unbezeichnet
und farbelos im tiefen weiten Dunkel des Herzens lagen und welche sich
unter den einfallenden Sonnenstreifen flüchtig erleuchteten. Es
gibt eine Zeit der Sehnsucht, wo ihr Gegenstand noch keinen Namen trägt
und sie nur sich selber zu nennen vermag. Auch noch später hat
weniger der Mondschein, dessen Silberseen das Herz nur sanft in sich
zerlassen und so aufgelöst ins Unendliche treiben und führen,
als auf einer weiten Gegend der Nachmittagsschein der Sonne diese Macht
einer peinlich sich ausdehnenden Sehnsucht behauptet; und in den Werken
Pauls ist sie einige Male geschildert und mitgeteilt."
Falsches Deutsch schrieb Jean Paul nie, nur merkwürdiges
Bei mir hat diese Liebe zu Jean Paul angefangen mit einem winzigdünnen
Reclam-Bändchen und einem merkwürdigen Namen: Wutz. So hieß
auch das Schwein zu Jean Pauls Zeiten, und wer eins hatte, war reich.
Doch hier ging es um das "Leben des vergnügten Schulmeisterlein
Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle", so lautete der ganze
Titel. Bernd, Studienfreund an der Münchner Uni, heute Professor
für Pädagogik, hatte es mir in die Hand gedrückt: "Kennste
nicht? Musste lesen."
Das tat ich dann auch, und habe fast ein Jahr dafhr gebraucht. Selten
kam ich über eine Seite hinaus, dann legte ich das Heftchen weg
und brauchte oft Wochen, bis ich wieder die Stimmung in mir fand, um
weiterzulesen. Vieles kam mir fremd vor, bei vielen Sätzen fing
ich noch einmal von vorne an, weil das ja ganz offenbar falsches Deutsch
war. Doch beim zweiten, oft auch dritten Lesen, stellte ich fest: Falsches
Deutsch schrieb Jean Paul nie, nur merkwürdiges. Und oft musste
ich schmunzeln, kichern, lachen bei der Lektüre - nie vorher (und
auch nach Jean Paul nie wieder) hat mich ein Autor mit einem Humor eingesponnen,
in dem gleichzeitig solch tiefe/hohe Menschlichkeit und heitere Weltweisheit
eingebunden war, versetzt mit kleinen Dosen sarkastischer Zeitkritik,
die nie bösartig daherkam.
Wie gesagt, langsam ging's voran, und als ich mit dem "Schulmeisterlein
Wutz" zu Ende war, fing ich von vorne an - wie ein Hund, der einen
Lieblingsknochen wieder ausbuddelt, wie ein Kind, das nach einer Gute-Nacht-Geschichte
"no' mal" bettelt. Beim zweiten Durchlauf wäre es vermutlich
etwas schneller gegangen, aber ein seltsames Verhalten drängte
sich mir auf: Ich nahm wieder nur kleine Happen. Jean Paul lesen wurde
zur Feier ganz besonderer Augenblicke, seltener Stunden der Ruhe und
Ausgeglichenheit, und die waren wohl nicht so zahlreich in meinem Studentenleben,
damals.
Lange hat es dann gedauert, bis ich auf die Idee kam, nach anderen Delikatessen
dieses Autors zu schnüffeln, und ich wurde beim Insel-Verlag fündig:
"Flegeljahre" stand da im Regal bei Hueber hinter der Uni.
Meine Güte, war das ein dicker Schinken, verglichen mit dem "Wutz".
Und doch konnte ich nicht widerstehen. Drei bis vier Jahre habe ich
daran gelesen und gestaunt. Am Ende des Buches war mir ganz schwindlig
von dieser Schizo-Aufspaltung in zwei Personen, von diesem gbermaß
an gesundem Menschenverstand, gepaart mit ungebändigter Phantasie,
unglaublichen Naturbeschreibungen und geradezu aberwitzigen Handlungskehren.
Ich fühlte mich wie nach einem gewaltigen Gewittersturm, oder einer
langen Reise, oder einer sportlichen Ausdauerübung, und fing nicht
gleich wieder von vorne an, sondern ging und kaufte das Buch mit dem
Namen "Siebenkäs" und konnte es nicht fassen: Ein Eheroman
im Milieu der sogenannten "kleinen Leute", der erste in der
deutschen Literatur, mit so viel Liebe und einfühlsamer Psychologie
geschrieben, 100 Jahre vor Freud und diesem weit überlegen, und
zu einer Zeit, in der niemand in der Literatur auch nur Notiz nahm von
Menschen, die nicht dem Adel angehörten. Goethe, die lebende Legende
unter Jean Pauls Zeitgenossen, machte da keine Ausnahme, wenn er sich
in den "Wahlverwandtschaften" um die Eheprobleme reicher,
adliger Grundbesitzer sorgt. Vollständiger Titel meines zweiten
Jean-Paul-Romans: "Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder
Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs".
Wie, dachte ich, hat er da was verwechselt im Titel, in der Reihenfolge
was durcheinander gebracht? Ich kann es Ihnen verraten: Nee, hat er
nicht. Übrigens: Mit ganzem Namen heißt er Firmian Stanislaus
Siebenkäs und wohnt im "Reichsmarktflecken" Kuhschnappel.
Dämmerungen für Deutschland
Irgendwann hörte ich dann von einem "Sachbuch", das Jean
Paul geschrieben haben sollte, die "Vorschule der Ästhetik".
Im Buchladen: Gibt's nicht. Im Antiquariat: Gibt's nicht. Und wenn es
sie gäbe, dann nicht unter 800 Mark, sagte mir ein bleicher Buchbinder,
der nebenher mit Erstausgaben handelt. Schließlich kam vor vier
Jahren die Gesamtausgabe von Hanser beim 2001-Versand heraus für,
wie es dort immer heißt, "nur" 200 Mark, und da musste
ja die "Vorschule" mit dabei sein. Trotz meiner Abneigung
gegen solche Pakete-Gigantomanie klemmte ich eines Tages in der Münchener
Türkenstraße zehn dicke Bände im Karton auf den Gepäckträger
meines Fahrrades - an die 12.000 Seiten, Jean Paul für den Rest
meines Lebens. So Vieles, worauf ich mich freute und, weil gerade erst
auf Seite 397 im "Titan", immer noch freue (da warten "Biographische
Belustigungen", "Dämmerungen für Deutschland",
"Politische Fastenpredigten", da warten "Hesperus"
und "Der Komet", und es warten die beiden Abhandlungen "Über
die Unsterblichkeit der Seele").
Als Jean Paul 59 Jahre alt war, stellte er ein Verzeichnis seiner Werke
auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte er 59 Buchveröffentlichungen in
die Welt gesetzt. All das und den Rest (Jean Paul starb in Bayreuth
mit 62 Jahren) enthält die Gesamtausgabe. Das Register im letzten
Band umfasst 40 Seiten. Schon allein vom Umfang her gesehen: Was für
ein Lebenswerk!
Und alles mit dem Federkiel geschrieben.
Die Tourist-Information Fichtelgebirge verschickt kostenlos
drei Broschüren zum Jean-Paul- Jahr, dazu ein Hotel- und Pensionsverzeichnis.
E-Mail: Tourist.Info.FichtelgebirgeäT-Online.de
Tel. 09272-6255, Fax: 6454.
Anschrift: Postfach, D-95686 Fichtelberg.
Im Internet: www.fichtelgebirge.de
www.bayreuth.de
www.btl.de/bayreuth
(E-Mail: tourismusäbayreuth.btl.de)
Täglich neu: Ein Zitat von Jean Paul auf der Homepage der Stadt
Hof (www.hof.bay.net.de/~stadt_hof)
Ihr
Kommentar
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