Nr. 28, September 2000
 
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 Kommentar

 Gastkolumnen:
 Olympia
 Hans Pfitzinger


 

 

Mischa Delbrouck

O Sport, du bist die Schönheit

Was sich Coubertin einst erhoffte, wird in den TV-Inszenierungen Olympischer Spiele von heute Wirklichkeit: Der Traum von Olympia als Gesamtkunstwerk

"Dabeisein ist alles". Was früher als Motto für die Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt gedacht war, ist heute zum Selbstverständnis eines globalen TV- Publikums geworden. Wenn am 15. September die Herren der Ringe in Sydney zum 27. Olympischen Fest der Neuzeit laden, werden die Bilder der Eröffnungsfeier in 220 Länder übertragen werden. Das IOC schätzt, dass annähernd vier Milliarden Menschen live das Entzünden des Otympischen Feuers verfolgen werden. Gewöhnlich fallen solche Schätzungen zwar viel zu hoch aus, dennoch: Olympische Spiele sind ohne Zweifel das Ereignis mit dem weltweit größten Zuschauerinteresse. Das Fernsehen schafft eine gigantische Gemeinschaft von Olympia-lnteressierten, die allein dadurch vereint werden, dass alle zur selben Zeit dasselbe tun, dieselben Bilder betrachten. Die Botschaft an alle Konsumenten lautet daher: Schaut hin, weil alle hinschauen.
15.000 Journalisten werden dafür sorgen, dass den Daheimgebliebenen während der beiden olympischen Wochen nichts entgeht: kein Schritt auf der Tartanbahn, kein Interview, keine Siegerehrung. 20 Stunden dauert der durchschnittliche Olympia-Tag bei ARD und ZDF; schlaflose Nächte sind da vorprogrammiert, denn Abschalten ist gefährlich. Jeden Augenblick könnte in Sydney etwas passieren, das Sportgeschichte schreibt. Und jedes Körnchen aus dem olympischen Universum könnte zu einem Stein des Anstoßes werden. Alles ist wichtig, jedes Detail wird diskutiert. So werden aus Zahnpastatuben nationale Fragen.
15.000 Journalisten: Das bedeutet, auf zwei teilnehmende Sportler kommen drei Medienvertreter. Endgültig sind Olympische Spiele damit im Wesentlichen zu einem Event der Fernsehanstalten geworden, wobei immer deutlicher wird, dass die Sender die Sportereignisse nicht abbilden, sondern inszenieren. Die Dramaturgie setzt lange vor dem ersten Startschuß ein, indem sie die wichtigsten Athletinnen und Athleten in kurzen Features vorstellt, hört mit dem Siegerinterview noch nicht auf und ist bemüht, die Emotionen aller Beteiligten, den Jubel, das Leiden, den Kuß des Eherings, das Gebet zu Gott einzufangen und über Tage zu konservieren. "Wettkämpfe", so der Sportphilosoph Gunter Gebauer, "sind Spektakel der Gefühle". Alles wäre jedoch karg und trostlos ohne die jubelnden Zuschauer und feiernden Qlympiatouristen vor Ort. So haben die Besucherinnen und Besucher der Wettkämpfe, die sich ihren Olympia-Spaß einiges haben kosten lassen, durchaus eine wichtige Rolle auf den Schaubühnen der olympischen Sportstätten. Sie bezeugen durch ihre Anwesenheit die Wichtigkeit der Veranstaltung, sie sorgen lautstark für die "prickelnde Gänsehautatrnosphäre", sie verschmelzen in Fernsehbildern zu einem Ornament der Masse". Das verbindet, und somit ist jeder einzelne von ihnen auch Teil einer großen Gemeinschaft, einer Olympia-Gemeinde.
Demgegenüber haben die Fernsehzuschauer keinen aktiven Part im olympischen Geschehen. Ihre Gemeinschaft ist eher eine virtuelle und verlangt nach anderen Identifikationsmustern. Diese bieten die Fernsehanstalten in Verbund mit Werbe- und Kulturindustrie in Form der Stars an, die sie als Helden vermarkten. Den mehreren Milliarden Zu-Hause-Gebliebenen bleibt dadurch immerhin noch die Möglichkeit, als Anhänger eines Sportstars Teil einer Fan-Gemeinde zu werden und dieselben Schuhe zu kaufen wie ihr Held.
Angesichts des emotionalen Zaubers, den Olympia entfaltet, werden kritische Untertöne in den Oiympiastudios von ARD und ZDF kaum zu hören sein. Die Kehrseite der Gold-, Silber- und Bronzemedaillen, die in Phänomenen wie Dopingproblematik oder Mädchenturnen nur schlagwortartig aufblitzt, werden wir nicht zu Gesicht bekommen. Zu groß wäre die Gefahr der Desillusionierung. "Don't argue. Just believe", lautet das Credo der Olympischen Bewegung, wie IOC- Generaldirektor François Carrard einmal formulierte. Und alle, die vor und hinter den Kameras wirken, bemühen sich, den schönen Schein zu bewahren.
"Don't argue. Just believe" ist auch der Leitgedanke der Eröffnungsfeiern, der allen Beteiligten, den künstlerischen Leitern, den Musikern und Tänzern, den Sportlern und Funktionären wie den zahlreich anwesenden Politikern mit auf den Weg gegeben wird. In einer Mischung aus Massenchoreographien, Fernseh-Show- Elementen und quasi-religiöser Liturgie initiiert sich Olympia in den Zeremonien als Mythos, dessen Leistung es ist, nicht nur Menschen aller Länder, sondern auch alle gesellschaftlichen Lebensbereiche wie Politik, Wirtschaft, Sport, Kunst und Medien unter dem Dach der fünf Ringe zu vereinen. Solche Verbindlichkeit erreichen ansonsten allenfalls Religionen, die allerdings für sich in Anspruch nehmen können, ihre Gläubigen dauerhaft in den Bann zu ziehen. Olympia dagegen ist eine Zwei-Wochen-Religion. Die Analogien beispielsweise zum Katholizismus sind dennoch weitreichend. Die Fans bilden die Gemeinde, die Sportstars sind die Heiligen und ihre Körper die anbetungswürdigen Reliquien. Das Fernsehen übernimmt die Verkündigung des Evangeliums, das IOC ist so mächtig wie der Vatikan, anstelle des ewigen Lichts brennt das olympische Feuer. Fraglich ist jedoch, was den Kern dieser Sport-Religion ausmacht. Kaum jemand scheint die Werte und Ziele der Olympischen Idee zu kennen. Ihrer weltweiten Verbreitung hat das nicht geschadet. Es gibt wenig ethische oder ethnische Vorbehalte gegen Olympia.
Wer Exegese betreiben will, der muß sich auf die Spuren von Baron Pierre de Coubertin, dem Gründer und geistigen Übervater der modernen Olympischen Spiele, begeben. Coubertin, dessen Herz an der Stätte des antiken Olympia begraben wurde, hat um die Jahrhundertwende in zahlreichen Briefen, Reden und Aufsätzen seine Theorie vom Olympismus niedergelegt. Als wirkungsmächtiger lOC-Präsident der ersten Jahre schuf er die Grundlage, auf der die Olympische Bewegung aufgebaut wurde.
Coubertins Bemühungen um den modernen Sport waren eingebettet in ein umfangreiches pädagogisch-politisches Reformprogramm. Angesteckt von der düsteren Stimmung des Fin de Siècle empfand er seine Umgebung als dekadent, zerrüttet und sozial vereinsamt. Sinnfällig für den Verfall der Kultur sah Coubertin den Verfall der menschlichen Körper, den er aufgrund einer jahrhundertelangen Überbewertung geistiger Fähigkeiten auszumachen glaubte. Krankheitserscheinungen wie Tuberkulose und neu beobachtete psychische Erkrankungen deutete der französische Baron als Folgen einer gesellschaftlichen Krise. Dem Sport wurde so eine doppelte Heilkraft zugeschrieben, eine physische, da er positiv auf den menschlichen Organismus einwirkte, aber auch eine moralische, da mit Hilfe des Sports die Individuen als Teile eines sozialen Organismus für das Leben in der Moderne gerüstet werden sollten. Der Sport sollte Wettbewerbscharakter und Fair Play vorleben. Der Chancengleichheit aller Athleten entsprach die Abschaffung überkommener Hierarchien und Stände; das Streben nach Rekorden, nach "höher, schneller, weiter" stand symbolisch für das Fortschrittsdenken in anderen gesellschaftlichen Bereichen; der Glaube an eine Elitenbildung durch Leistungsmaximierung widersprach jedem egalitaristischen Denken. In diesem Sinne waren die Körper der frühen Olympiateilnehmer Träger politischer Botschaften.
Coubertin wusste dass sich seine Ziele nur als große weltumspannende Bewegung verwirklichen ließen und kreierte den Sport als "religio athletae", als Zivilreligion. Den Egoismus seiner Zeit geißelnd predigte er den Zusammenhalt der Gesellschaft und nannte die Olympischen Spiele begeistert "Feste der Einheit des Menschen". Indem er die Spiele als die Wiederbelebung der antiken Feiern charakterisierte, schuf er einen mythischen Horizont, unter dem sich die Jugend der Welt, angefüllt mit Idealen wie Frieden und Völkerverständigung, vereinigen sollte. Er verstand die Eröffnungsfeiern als Messen seiner Religion und fand sie erst würdevoll genug, nachdem sie durch kultische Momente ritualisiert wurden, nachdem der Olympische Eid vor den Fahnen der verschiedenen Länder gesprochen wurde, die Olyrnpische Hymne gespielt, die Olympische Fahne aufgezogen und das Olympische Feuer angezündet wurde. Teilnehmer und Zuschauer der Zeremonien sollten sinnlich-emotional angesprochen werden, nicht intellektuell, sie sollten den Geist der Veranstaltung erfahren, nicht ihn verstehen. Und dadurch, dass alle dasselbe fühlten, durften sie sich als große Gemeinschaft begreifen.
Einmal hat Coubertin sehr genau definiert, wo die Geburtsstätte des modernen Olympia zu finden ist: in Bayreuth. Hier, bei den Festspielen Richard Wagners, hatte er erstmals die Vision, wie Olympia aussehen könnte, und in vielen Bereichen lesen sich Coubertins Ausführungen zum Olympismus wie eine Fortsetzung von Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk. Auch Wagner wähnte seine Gesellschaft nach dem Zusammenbruch religiöser und politischer Utopien in einer schweren Krise. Angewidert von Mode, Luxus und Geldgier seiner Tage, suchte er in der Kunst nach einem Programm für die Ewigkeit und das echte Leben, das die Menschen wieder miteinander verbinden sollte. Der Bayreuther Götterdämmerer, der die Mythosferne seiner Ära beklagte, baute auf die Verbindlichkeit von Mythen, um sein Ziel, Menschen wie Künste wiederzuvereinen, zu erreichen. In diesem Sinne sollte das "Kunstwerk der Zukunft" "lebendig dargestellte Religion" sein, eine Religion, die sich dem Publikum über Gefühle, über das Zusammenspiel von Bildern, Zeichen, Gesang, Texten und Orchestersound sinnlich vermitteln sollte. Der Verstand ist zwar nicht aus-, aber nachgeschaltet. Erst müsse das Gefühl sagen: "So muss es sein", bevor der Verstand bestätigt: "Ja, so ist es". Kunst ist demnach keine Sache des Intellekts, im Gegenteil: "Kunst", so Wagner "hört da auf, wo sie als Kunst in unser reflektierendes Bewußtsein tritt". Kunst ist lebendige Erfahrung.
Coubertin und Wagner bilden ein harmonisches Doppel. Das Olympia Coubertins ist ein Gesamtkunstwerk im Sinne Wagners, nur dass der Sport an die Stelle der Kunst tritt. Dieser Sport hat allerdings durchaus Ähnlichkeiten mit den Künsten. In einer Ode an den Sport, die Coubertin 1912 verfasste und mit der er absurderweise auch noch den Literaturwettbewerb der Olympischen Spiele von Stockholm gewann, heißt es programmatisch:

"O Sport, du bist die Schönheit!
Du formst den Körper zu edler Gestalt."

Sport als besondere Form der Ästhetik, Sport als Kunst, als Körperkunst, dessen Produkt, der durchtrainierte männliche Körper sich im Glanze der anderen Künste und der Natur "zur Schau stellen" sollte: "Stellen Sie sich den griechischen Athleten im Sonnenglanz vor, durch Musik erhöht und eingefügt in den Bau von Säulenhallen. So", war sich Coubertin sicher, "wurde einstmals an den Ufern des Alphäus der schillernde Traum des antiken Olympismus geboren". So träumte auch Coubertin seinen Olympiatraum: Olympia als Gesamtkunstwerk. Wer sich die heutigen Fernsehübertragungen von Sportereignissen ansieht, der versteht, was Coubertin damals vorschwebte: Ob in Werbeeinspielungen, in Trailern, in den sogenannten Bildern des Tages oder in den Aufzeichnungen der Wettkämpfe selbst, überall zoomt die Kamera auf die wenig verhüllten Körper der Johnsons und Greens, der Kournikowas und Almsicks. Exzessiv stellen die männlichen Sprint-Asse alle Konturen ihrer austrainierten, muskelbeladenen Gestalt "zur Schau", bauchfrei präsentieren sich ihre weiblichen Pendants. Gar nichts mehr hatten die Olympiateilnehmerinnen und -teilnehmer an, die für den Aktfotoband The Sydney Dream posierten. Das ist der Stoff, aus dem die olympischen Träume gewoben sind. Im individuellen Streben nach dem Idealkörper drückt sich der Kern der Olympischen Idee wesentlich besser aus, als in den weitgehend populistisch formulierten Zielen von Frieden und Völkerverständigung. Multimedial vermarktet erscheinen uns die Körper der Stars als Abbilder des olympischen Gottes der Gegenwart. Sie wirken auch deshalb so attraktiv, weil sie das versprechen, was viele sich wünschen: Ruhm, Erfolg und Reichtum.
Das Fernsehen zerlegt die Körper und setzt sie wieder zusammen. Es präsentiert uns in Superzeitlupe Bilder von Muskeln, deren einzelne Bewegungen ihren höheren Sinn erst im Zusammenspiel entfalten. Beeindruckende Aufnahmen vom Stadion, dem Olympischen Feuer und den Zuschauermassen erhöhen diese Bilder ebenso wie bombastische Musik, eine dramatisierende Kommentatorenstimme oder die Anfeuerungen des begeisterten Publikums.
Coubertin und Seite an Seite mit ihm Wagner würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie sehen könnten, wie sehr der vielgescholtene Kommerz die Sportwelt beherrscht, wie wenig weihevoll das olympische Spektakel geworden ist. Und doch wären sie beeindruckt von der technischen Perfektion einer Überwältigungsmaschinerie, die Bilder, Emotionen und Mythen im Minutentakt produziert. Es ist des Zusammenspiel von Medien, Kultur- und Werbeindustrie, das das ermöglicht, was Wagner und Coubertin einst visionierten. Es ist der Sport in seiner heutigen Form, der alte ästhetische Träume wahr werden lässt "A dream comes true" lautete das Motto der Spiele von Atlanta.
Als sich Franz Beckenbauer vor Jahren in Bayreuth zeigte, hob er damit nicht nur den Sport auf eine Stufe mit der Kultur, sondern degradierte die Bayreuther Festspiele gleichsam in die zweite Liga der Gesamtkunstwerke. "Was ist schon Der Ring der Nibelungen gegen die Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft?", schien er prophetisch zu fragen. Oder um es mit dem Publizisten Helmut Böttiger auszudrücken: "Wes besagt ein Shakespearescher Theatertod gegen das entscheidende Kopfballtor in der 92. Minute?"
Der Sport hat dramatische Qualitäten, fordert Parteinahme und weckt Emotionen, die durch die Fernsehberichterstattung geschürt werden. Man fiebert mit den Sportstars, die sich stellvertretend für uns und demonstrativ vor allen Kameras quälen, um zum Erfolg zu kommen. Ihre Fähigkeit zu leiden hat kathartische Funktionen, genau wie ihr Wille zu gewinnen. Sie stehen in archetypischen Kämpfen Mensch gegen Mensch, Mensch gegen sich selbst und Mensch gegen die Natur, sie sind Figuren aus Mythen, sie sind Abenteurer, Helden, Idole. Und wer will, dass sein Idol gewinnt, dem ist es völlig egal, ob der Verstand nachher bestätigt, "so muss es sein". Wettkämpfe sind Spektakel der Gefühle.
Die engagierte Teilhabe aller Beteiligten, der Sportler, der Journalisten, der Zuschauer vor Ort und am Fernsehbildschirm, erleichtert das Wecken von Kollektivgefühlen. Für die Dauer der Olympischen Spiele werden den vereinzelten Individuen unserer Zeit verschiedene Gemeinschaften angeboten, denen sie sich anschließen können: als Teile einer mitfiebernden Nation, einer friedlich zusammengekommenen Weltgemeinschaft, einer Fan-Gemeinde oder einfach als Teile der Milliarden-Schar von Olympia-Interessierten. In irgendeiner Form "dabeizusein", ist eben alles.
Um das stetig steigende Interesse an Olympia zu rechtfertigen, mythologisieren die Fernsehanstalten ihre eigene Berichterstattung. Frühere Sportstars wie Muhammed Ali werden legendär verklärt; der neue Weltrekord, eine olympische Siegesserie, der unerwartete Medaillengewinn einer völlig unbekannten Läuferin, der Kampf eines Athleten gegen ein persönliches Schicksal: All das wird in den Rang des Wunders gehoben. Die Besonderheit beim Sport ist, dass das Publikum Zeuge ist, wie der Held seine Aufgabe erledigt oder auch an ihr scheitert. In dieser Unberechenbarkeit liegt der Reiz, die Spannung des Sports, die den Kampf ums olympische Edelmetall dramatischer erscheinen lässt als die Suche nach dem Rheingold, die Disziplinen der Zehnkämpfer bedeutender als die zwölf Arbeiten des Herakles. So lebt der Mythos Olympia in den kleinen Mythen des Sports beständig weiter. Am "Ende der großen Erzählungen" angelangt, sind diese Mythen jedoch wenig beständig. Sie wechseln so schnell wie sportliche Erfolge und versprechen allenfalls ein Bisschen persönliches Glück, nicht mehr die Rettung ganzer Gesellschaften. Es sind modische Mini-Mythen, Lifestyle, auf dem sich keine Religion aufbauen lässt, aber immerhin auch keine totalitäre Ideologie. Dem Gefühlsspektakel Olympische Spiele, dessen unklares Ideenprofil - wie die Geschichte und insbesondere die Spiele von 1936 zeigen - sich geradezu anbiedert, mit politischen Machtphantasien angefüllt zu werden, tut diese neue Bescheidenheit nur gut. Die Spiele des Jahres 2000 mögen viele kritische Implikationen haben, totalitär werden sie jedenfalls nicht sein.
Solchermaßen selbst beruhigt, werde ich in den 16 Tagen von Sydney den Alltag vergessen und mich dem Olympischen Fest widmen. Ich werde meinen Verstand ausschalten, wenn ich das Fernsehgerät einschalte. Ich werde mich als Teil einer gigantischen Gemeinde fühlen, werde mitfiebern und mitjubeln. Ein schaler Beigeschmack verursacht durch eine quälende Frage wird allerdings bleiben: Werde ich mir dieses Jahr die Schuhe von Michael Johnson leisten können?


Hans Pfitzinger

Wellness mit Jean Paul
oder Die Hufeisenberge als Ausgangspunkt der Phantasie

(zweiter Teil und Schluß)

In Oberfranken können Sie zwischen dem 21. März und dem 14. November 2000 die Blasen vom Wandern mit abendlichen Lesungen der Werke Jean Pauls lindern. Deutschlands größter Philosoph unter den Schriftstellern schreibt nicht mehr - und das seit 175 Jahren.

Weshalb dieses wunderliche Exemplar der Gattung Mensch ausgerechnet der fränkischen Provinz entstammt, darüber möchte ich nicht spekulieren. In Schwarzenbach, wo er auch noch Hebräisch lernte, gab es nur eine Klasse in der "Schularche": "Abc-Schützen, Buchstabierer, Lateiner, große und kleine Mädchen." Tatsache ist: Eines der größten Genies der deutschen Sprache ging auf eine kleinstädtische Zwergschule.
Wunsiedel, den Geburtsort, verließ er schon mit zwei Jahren: Der Vater, Geistlicher (und Beichtvater des Landesfürsten), wurde nach Joditz versetzt, und dort lernte "Paul", wie sich der Dichter in seiner Autobiographie nennt, die kleine Welt von Pfarrhaus und Dorf kennen - und die große Welt abendländischer Bildung, mit Latein und Griechisch. Zusammen mit dem Bruder wurde Paul zunächst vom Vater unterrichtet, wobei er sich in der "Selberlebensbeschreibung" - so heißt bei ihm nun mal eine Autobiographie - beklagt, der Vater hätte weniger Wert darauf gelegt, denken zu lehren als auswendig lernenÜber den engen Dorfhorizont schaute Paul erst, als der Vater einmal "nach Zedwitz ging, um sich dem regierenden Hause vorstellen zu lassen." Paul durfte mitkommen. Nach der Audienz bei der Freiin von Bodenhausen konnte der Junge "wieder herumlaufen. Und dies tat er im prächtigen Garten." Dort bewunderte das "darbende Dorfkind, dessen Herz so gern sich füllen, ja nur sehnen wollte an der Außenwelt", "mit gepresster und mit gefüllter Brust die Laubengänge, die Springbrunnen, die Mistbeete, die Baumaltane."
Und wo heute Wanderwege den Touristen anlocken, ging "Paul mit einem passenden Quersack auf dem Rücken" von Joditz aus allein "nach der Stadt Hof zu den Großeltern (...) um Fleisch und Kaffee und alles zu holen, was im Dorfe entweder gar nicht zu haben war, oder doch nicht um den äußerst geringen Stadtpreis. (...) Der zweistündige Weg führte über gewöhnliche reizlose Gegenden, durch einen Wald, und darin über einen brausenden Fluss voll Felsstücke, bis endlich auf einer Felderhöhe die Stadt mit zwei Brudertürmen und mit der Saale in der Talebene den begnügsamen kleinen Träger übermäßig überschüttete und ausfüllte." (I/6/S.1076)
"Gewöhnliche reizlose Gegenden" - hoffentlich nimmt ihm das keiner der dort heute Ansässigen übel, denn als Werbespruch, um Touristen ins Fichtelgebirge zu locken, lässt sich das Zitat schlecht gebrauchen. Weshalb die unterm Hufeisen vereinigten Fremdenverkehrsverbände in Jean Pauls Heimat auch darauf verzichtet haben.

Der ganze Mensch, der sich nach den himmlischen Gütern des Lebens sehnte

Wer weiterliest in der "Selberlebensbeschreibung", findet dann aber schnell gute Gründe, auf den Spuren des jungen Dichters zu wandern, denn in dieser Gegend hatte er nichts weniger als eine Erleuchtung - wie sonst soll man benennen, was dem Jungen auf dem Heimweg von Hof passiert ist?
"Noch erinnert er sich eines Sommertages, wo ihn, da er auf der Rückkehr gegen zwei Uhr die sonnigen beglänzten Anhöhen und die ziehenden Wogen auf den Ährenfeldern und die Laufschatten der Wolken überblickte, ein noch unerlebtes gegenstandsloses Sehnen überfiel, das fast aus lauter Pein und wenig Lust gemischt und ein Wünschen ohne Erinnern war. Ach es war der ganze Mensch, der sich nach den himmlischen Gütern des Lebens sehnte, die noch unbezeichnet und farbelos im tiefen weiten Dunkel des Herzens lagen und welche sich unter den einfallenden Sonnenstreifen flüchtig erleuchteten. Es gibt eine Zeit der Sehnsucht, wo ihr Gegenstand noch keinen Namen trägt und sie nur sich selber zu nennen vermag. Auch noch später hat weniger der Mondschein, dessen Silberseen das Herz nur sanft in sich zerlassen und so aufgelöst ins Unendliche treiben und führen, als auf einer weiten Gegend der Nachmittagsschein der Sonne diese Macht einer peinlich sich ausdehnenden Sehnsucht behauptet; und in den Werken Pauls ist sie einige Male geschildert und mitgeteilt."

Falsches Deutsch schrieb Jean Paul nie, nur merkwürdiges

Bei mir hat diese Liebe zu Jean Paul angefangen mit einem winzigdünnen Reclam-Bändchen und einem merkwürdigen Namen: Wutz. So hieß auch das Schwein zu Jean Pauls Zeiten, und wer eins hatte, war reich. Doch hier ging es um das "Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Art Idylle", so lautete der ganze Titel. Bernd, Studienfreund an der Münchner Uni, heute Professor für Pädagogik, hatte es mir in die Hand gedrückt: "Kennste nicht? Musste lesen."
Das tat ich dann auch, und habe fast ein Jahr dafhr gebraucht. Selten kam ich über eine Seite hinaus, dann legte ich das Heftchen weg und brauchte oft Wochen, bis ich wieder die Stimmung in mir fand, um weiterzulesen. Vieles kam mir fremd vor, bei vielen Sätzen fing ich noch einmal von vorne an, weil das ja ganz offenbar falsches Deutsch war. Doch beim zweiten, oft auch dritten Lesen, stellte ich fest: Falsches Deutsch schrieb Jean Paul nie, nur merkwürdiges. Und oft musste ich schmunzeln, kichern, lachen bei der Lektüre - nie vorher (und auch nach Jean Paul nie wieder) hat mich ein Autor mit einem Humor eingesponnen, in dem gleichzeitig solch tiefe/hohe Menschlichkeit und heitere Weltweisheit eingebunden war, versetzt mit kleinen Dosen sarkastischer Zeitkritik, die nie bösartig daherkam.
Wie gesagt, langsam ging's voran, und als ich mit dem "Schulmeisterlein Wutz" zu Ende war, fing ich von vorne an - wie ein Hund, der einen Lieblingsknochen wieder ausbuddelt, wie ein Kind, das nach einer Gute-Nacht-Geschichte "no' mal" bettelt. Beim zweiten Durchlauf wäre es vermutlich etwas schneller gegangen, aber ein seltsames Verhalten drängte sich mir auf: Ich nahm wieder nur kleine Happen. Jean Paul lesen wurde zur Feier ganz besonderer Augenblicke, seltener Stunden der Ruhe und Ausgeglichenheit, und die waren wohl nicht so zahlreich in meinem Studentenleben, damals.
Lange hat es dann gedauert, bis ich auf die Idee kam, nach anderen Delikatessen dieses Autors zu schnüffeln, und ich wurde beim Insel-Verlag fündig: "Flegeljahre" stand da im Regal bei Hueber hinter der Uni. Meine Güte, war das ein dicker Schinken, verglichen mit dem "Wutz". Und doch konnte ich nicht widerstehen. Drei bis vier Jahre habe ich daran gelesen und gestaunt. Am Ende des Buches war mir ganz schwindlig von dieser Schizo-Aufspaltung in zwei Personen, von diesem gbermaß an gesundem Menschenverstand, gepaart mit ungebändigter Phantasie, unglaublichen Naturbeschreibungen und geradezu aberwitzigen Handlungskehren. Ich fühlte mich wie nach einem gewaltigen Gewittersturm, oder einer langen Reise, oder einer sportlichen Ausdauerübung, und fing nicht gleich wieder von vorne an, sondern ging und kaufte das Buch mit dem Namen "Siebenkäs" und konnte es nicht fassen: Ein Eheroman im Milieu der sogenannten "kleinen Leute", der erste in der deutschen Literatur, mit so viel Liebe und einfühlsamer Psychologie geschrieben, 100 Jahre vor Freud und diesem weit überlegen, und zu einer Zeit, in der niemand in der Literatur auch nur Notiz nahm von Menschen, die nicht dem Adel angehörten. Goethe, die lebende Legende unter Jean Pauls Zeitgenossen, machte da keine Ausnahme, wenn er sich in den "Wahlverwandtschaften" um die Eheprobleme reicher, adliger Grundbesitzer sorgt. Vollständiger Titel meines zweiten Jean-Paul-Romans: "Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs". Wie, dachte ich, hat er da was verwechselt im Titel, in der Reihenfolge was durcheinander gebracht? Ich kann es Ihnen verraten: Nee, hat er nicht. Übrigens: Mit ganzem Namen heißt er Firmian Stanislaus Siebenkäs und wohnt im "Reichsmarktflecken" Kuhschnappel.

Dämmerungen für Deutschland

Irgendwann hörte ich dann von einem "Sachbuch", das Jean Paul geschrieben haben sollte, die "Vorschule der Ästhetik". Im Buchladen: Gibt's nicht. Im Antiquariat: Gibt's nicht. Und wenn es sie gäbe, dann nicht unter 800 Mark, sagte mir ein bleicher Buchbinder, der nebenher mit Erstausgaben handelt. Schließlich kam vor vier Jahren die Gesamtausgabe von Hanser beim 2001-Versand heraus für, wie es dort immer heißt, "nur" 200 Mark, und da musste ja die "Vorschule" mit dabei sein. Trotz meiner Abneigung gegen solche Pakete-Gigantomanie klemmte ich eines Tages in der Münchener Türkenstraße zehn dicke Bände im Karton auf den Gepäckträger meines Fahrrades - an die 12.000 Seiten, Jean Paul für den Rest meines Lebens. So Vieles, worauf ich mich freute und, weil gerade erst auf Seite 397 im "Titan", immer noch freue (da warten "Biographische Belustigungen", "Dämmerungen für Deutschland", "Politische Fastenpredigten", da warten "Hesperus" und "Der Komet", und es warten die beiden Abhandlungen "Über die Unsterblichkeit der Seele").
Als Jean Paul 59 Jahre alt war, stellte er ein Verzeichnis seiner Werke auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte er 59 Buchveröffentlichungen in die Welt gesetzt. All das und den Rest (Jean Paul starb in Bayreuth mit 62 Jahren) enthält die Gesamtausgabe. Das Register im letzten Band umfasst 40 Seiten. Schon allein vom Umfang her gesehen: Was für ein Lebenswerk!
Und alles mit dem Federkiel geschrieben.

Die Tourist-Information Fichtelgebirge verschickt kostenlos drei Broschüren zum Jean-Paul- Jahr, dazu ein Hotel- und Pensionsverzeichnis.
E-Mail: Tourist.Info.FichtelgebirgeäT-Online.de
Tel. 09272-6255, Fax: 6454.
Anschrift: Postfach, D-95686 Fichtelberg.
Im Internet: www.fichtelgebirge.de
www.bayreuth.de
www.btl.de/bayreuth
(E-Mail: tourismusäbayreuth.btl.de)
Täglich neu: Ein Zitat von Jean Paul auf der Homepage der Stadt Hof (www.hof.bay.net.de/~stadt_hof)



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