|
|
|
Womit man sich zehn- bis zwanzigfachen Profit machen kann
Einen liederlichen Studenten, der erfolgreicher Geschäftsmann
wird, führt uns Johann Gottfried Schnabel im folgenden Ausschnitt
aus dem Roman Die Insel Felsenburg vor. Das vierbändige Werk, erschienen
zwischen 1731 und 1743, war das beliebteste Buch seiner Zeit. Arno Schmidt
schrieb 200 Jahre später über den Kollegen: Um 1750 bestand
die Bibliothek des Bürgers aus "zwei Groß=Büchern:
der Bibel und der Insel Felsenburg". Schnabel (geboren 1692, Todesjahr
unbekannt) entwirft darin ein positives Gegenbild zu den bedrückenden
feudalen Verhältnissen in Europa. Auf einer Insel im Südatlantik
verwirklichen deutsche Auswanderer die frühen Ideen der Aufklärung
in einem Gemeinwesen, das weder Fürsten noch Militär, weder
Hunger noch Korruption kennt. Die Botschaft, daß ein besseres
Leben auf dieser Erde möglich ist, faszinierte nicht nur Schnabels
Zeitgenossen. Schmidt nannte den Roman "immer=modern". Die
Handlung wird ständig von abenteuerlichen Erzählungen der
Inselbewohner unterbrochen. Eine bibliophile Ausgabe ist bei 2001 erhältlich.
"Ich bin kein Mann aus vornehmen Geschlechte, sondern eines Posamentiers
oder Bortenwürkers Sohn, aus einer mittelgroßen Stadt, in
der Mark Brandenburg. Weil ich eine besondere Liebe zu den Büchern
zeigte, wurde ich fleißig zur Schule und Privatinformation gehalten,
und brachte es soweit, daß ich in meinem neunzehnten Jahre auf
die Universität nach Frankfurt an der Oder ziehen konnte. Ich wollte
Jura, mußte aber, auf expressen Befehl meines Vaters, Medicinam
studieren.
Ich machte gute Progressen in meinen Studieren, weiln alle Quartale
nur 30 Tl. zu vertun bekam, also wenig Debauchen machen durfte, sondern
fein zu Hause bleiben und fleißig sein mußte.
Doch mein Zustand auf Universitäten wollte sich zu verbessern Miene
machen, weil mein zu hoffen habender Hr. Schwiegervater mir ein jährliches
Stipendium von 60 Tl. vor mich herausbrachte, welche ich nebst meinen
väterlichen 30 Tl. auf einem Brette bezahlt, in Empfang nahm.
Nunmehro meinte ich keine Not zu leiden, führete mich demnach auch
einmal als rechtschaffener Pursch auf, und gab einen Schmaus vor zwölf
bis sechzehn meiner besten Freunde, wurde hierauf von ein und andern
wieder zum Schmause invitiert, und lernete recht pursicos leben, das
ist, fressen, saufen, speien, schreien, wetzen und dergleichen.
Aber! Aber! meine Schmauserei bekam mir wie dem Hunde das Gras, denn
als ich einstmals des nachts ziemlich besoffen nach Hause ging, und
zugleich mein Mütlein, mit dem Degen in der Faust, an den unschuldigen
Steinen kühlete, kam mir ohnversehens ein eingebildeter Eisenfresser
mit den tröstlichen Worten auf den Hals: 'Bärenhäuter
steh!' Ich weiß nicht was ich nüchterner Weise getan hätte,
wenn ich Gelegenheit gesehen, mit guter Manier zu entwischen, so aber
hatte ich mit dem vielen getrunkenen Weine doppelte Courage eingeschlungen,
setzte mich also, weil mir der Paß zur Flucht ohnedem verhauen
war, in Positur, gegen meinen Feind offensive zu agieren, und legte
denselben, nach kurzen Chargieren, mit einem fatalen Stoße zu
Boden. Er rief mit schwacher Stimme: 'Bärenhäuter, du hast
dich gehalten als ein resoluter Kerl, mir aber kostet es das Leben,
Gott sei meiner armen Seele gnädig.'
Im Augenblicke schien ich ganz wieder nüchtern zu sein, rufte auch
niemanden, der mich nach Hause begleiten sollte, sondern schlich viel
hurtiger davon, als der Fuchs vom Hühnerhause. Dennoch war es,
ich weiß nicht quo fato, herausgekommen, daß ich der Täter
sei; es wurde auch stark nach mir gefragt und gesucht, doch meine besten
Freunde hatten mich, nebst allen meinen Sachen, dermaßen künstlich
versteckt, daß mich in acht Tagen niemand finden, viel weniger
glauben konnte, daß ich noch in loco vorhanden sei. Nach Verfluß
solcher ängstlichen acht Tage, wurde ich ebenso künstlich
zum Tore hinaus praktizieret, ein anderer Freund kam mit einem Wagen
hinterdrein, nahm mich unterweges, dem Scheine nach, aus Barmherzigkeit,
zu sich auf den Wagen, und brachte meinen zitternden Körper glücklich
über die Grenze.
Ich entschloß mich demnach, meine Gemütsruhe auf der unruhigen
See zu suchen, und desfalls zu Schiffe zu gehen. Dieses mein Vorhaben
entdeckte ich einem Studiosus Theologiae, der mein sehr guter Freund
und Sohn eines Handelsmannes in Lübeck war, selbiger recommendierte
mich an seinen Vater, der eben zugegen und seinen Sohn besuchte, der
Kaufmann stellete mich auf die Probe, da er nun merkte, daß ich
im Schreiben und Rechnen sauber und expedit, auch sonsten einen ziemlich
verschlagenen Kopf hatte, versprach mir jährlich hundert Tl. Silbermünze,
beständige Defrayierung sowohl zu Hause als auf Reisen, und bei
gutem Verhalten dann und wann ein extraordinäres ansehnliches Akzidenz.
Nachdem ich zwei Jahre bei ihm in Diensten gestanden, wurde mir, da
ich nach Amsterdam verschickt war, daselbst eine weit profitablere Kondition
angetragen, ich akzeptierte dieselbe, reisete aber erstlich wieder nach
Lübeck, forderte von meinem Patron ganz höflich den Abschied,
reisete in Gottes Namen nach Amsterdam, allwo ich auf dem Schiffe, der
Holländische Löwe genannt, meinen Gedanken nach, den kostbarsten
Dienst bekam, weil jährlich auf 600 holländische Gulden Besoldung
sichern Etat machen konnte.
Mein Vermögen, welches ich ohne meines vorigen Patrons Schaden
zusammengescharret, belief sich auf 800 holländ. Fl. selbiges legte
meistens an lauter solche Waren, womit man sich auf der Reise nach Ostindien
öfters zehn- bis zwanzigfachen Profit machen kann, fing also an
ein rechter, wiewohl annoch ganz kleiner, Kaufmann zu werden."
Ihr
Kommentar
|
|