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John Ralston Saul
Bestrahlung
Was man mit toten Hühnern macht, damit sie länger leben.
Die Methode ist besonders in Nordamerika sehr beliebt. In anderen Ländern
wendet man die Methode eher bei Gemüse an. Der Erfolg ist bemerkenswert:
Fleisch und Gemüse erhalten dadurch etwas, das das Christentum
bei Menschen bis heute nicht erreicht hat: das ewige Leben, wenn auch
im Fegefeuer eines Supermarkts.
An der Bestrahlung scheiden sich die Geister: auf der einen Seite die
Wissenschaftler, Techniker und die Nahrungsmittelindustrie, auf der
anderen die Bauern und die
Verbrauchergruppen. Das allgemeine Eß-Publikum dazwischen schwebt
in der Gefahr, trotz seiner natürlicherweise freundlichen Einstellung
zu Hühnchen und Gemüsen angesichts des Lärms die Frage
zu stellen: Worum geht es hier eigentlich?
Die klare Antwort: Bestrahlung tötet Krankheitserreger. Das Endergebnis
ist eine Art Dornröschen, eingefroren in eine zeitlose Unveränderlichkeit.
Leider bleibt bei diesem Verfahren von dem Hühnchen nur noch das
Gespenst eines freilaufenden, körnergefütterten Vogels zurück.
Weil nämlich Bakterien nicht nur Schaden anrichten. Wer sie aus
der Welt schafft, nimmt dem Leben alle interessanten, zeitgebundenen
Aspekte. Er tut das, was Leichenwäscher tun. Bestrahlte Hühnchen
sind etwas dasselbe wie mumifizierte Leichen in einem Glassarg.
Für den Hungrigen ist Geschmack Nebensache. Für ihn zählt
nur der Mengenausstoß. Jetzt steckt aber die Landwirtschaft im
Westen gerade wegen ihrer Überproduktion in der Krise. Damit fallen
die Preise ins Bodenlose, und ein Bauernhof lohnt sich eigentlich nicht
mehr. So stellt sich also die Frage: Brauchen wir tatsächlich noch
mehr abgepackte Nahrungsmittel, die dann noch länger in ihren Särgen
liegen?
Abstrakt betrachtet, rein theoretisch ist die Bestrahlung von Lebensmitteln
ein Fortschritt und mithin etwas Gutes. Wenn man nur die großen
industriellen Bauernhöfe im Blick hat, die damit schwarze Zahlen
schreiben, dann muß es wohl stimmen. Das ist nun mal die Logik
des Marktes, und die kann man nur widerspruchslos hinnehmen. Das ist
auch die ideologische Grundlage der Welthandelskonferenzen wie zuletzt
in Seattle.
Je mehr aber unsere Bauernhöfe zu Fabriken werden, desto mehr wird
produziert und desto tiefer fallen schließlich die Preise. Aber
sind niedrige Preise nicht in besonderem Maß wettbewerbsfähig?
Wenn sie so niedrig sind, daß sie dem Produzenten kein Auskommen
mehr ermögichen, dann ist der ganze Wirtschaftszweig unrentabel
geworden und kann auf dem Markt nicht mehr konkurrieren. Schlimmer noch:
Die industriell betriebene Landwirtschaft verursacht in der Umwelt Folgeschäden,
deren Beseitigungskosten dann auf die Gesellschaft abgewälzt werden.
Würden diese Kosten in die Produktion eingerechnet, läge die
Wettbewerbsunfähigkeit dieser Landwirtschaft auf der Hand.
Der konkrete Markt braucht weniger, nicht mehr. Die technischen Verfahren
vor, während und nach der Lebensmittelproduktion sind zu teuer.
Insektizide, Herbizide, Kunstdünger, Hormone, Antibiotika und Konservierungsmethoden
wie die Bestrahlung erhöhen die Produktionskosten ebenso wie das
Überangebot, das die Preise ins Bodenlose treibt. Allein die Pestizide
verursachen weltweit Kosten in Höhe von 20 Milliarden Dollar pro
Jahr.
Wir meinen nicht, daß alle modernen Fortschritte abgeschafft werden
sollten. Damit würden wir lediglich zu den unsicheren Zeiten der
Unterversorgung zurückkehren. Aber zwischen diesen beiden Extremen
liegen sehr viele Chancen für ein vernünftiges Handeln.
Wenn wir ganz bestimmte Produktionsverfahren allmählich aufgeben,
könnten wir die Herstellungskosten senken und gleichzeitig die
Überproduktion zurückfahren. Danach würde wahrscheinlich
immer noch eine ausreichende Zahl von Bauernhöfen weiterproduzieren,
die aber nicht mehr diese Unsummen an Subventionen verschlingen würden.
Aus der Sicht des Verbrauchers ist festzustellen, daß er noch
nie in der Geschichte der Menschheit eine so große Auswahl vor
sich hatte. Weder brauchen, noch wollen wir mehr. Was wir wollen, sind
bessere Lebensmittel, die nicht mehr wie aufgeblasene Wachsfiguren aussehen,
sondern nach etwas schmecken und uns vielleicht sogar guttun. Das postmoderne
Wissenschaftswunder, der #Apfel#, verliert an Attraktivität.
Heutige Verbraucher machen sich mit Recht Sorgen um die langfristige
Beeinträchtigung ihrer Gesundheit durch die Landwirtschaft. Sie
hören nicht gern von den jährlich 20000 "versehentlichen"
Todesfälle durch Pestizide oder den drei Millionen "schweren
Pestizid- Vergiftungen". Sie wissen, daß ihr Grundwasser
vor allem durch so genannte "landwirtschaftliche Einleitungen"
verschmutzt wird. Die beginnende Kontaminierung von Grundwasservorräten
macht die künftige Wasserversorgung bedenklich. Demnach ist die
Forderung, die industrielle Landwirtschaft müßte als moderner
Fortschritt akzeptiert werden, ein Widerspruch in sich selbst.
Was die Bestrahlung betrifft: Je länger diese Hühnchen tot
sind, desto weniger schmecken sie nach Hühnchen.
Aus: John Ralston Saul, Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln und anderen
Zumutungen des 21.
Jahrhunderts. Erscheint im September 2000 im Campus Verlag, Frankfurt/New
York (ISBN 3-593-36540-5).

Ihr
Kommentar
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