Nr. 27, August 2000
 
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John Ralston Saul

Bestrahlung


Was man mit toten Hühnern macht, damit sie länger leben.
Die Methode ist besonders in Nordamerika sehr beliebt. In anderen Ländern wendet man die Methode eher bei Gemüse an. Der Erfolg ist bemerkenswert: Fleisch und Gemüse erhalten dadurch etwas, das das Christentum bei Menschen bis heute nicht erreicht hat: das ewige Leben, wenn auch im Fegefeuer eines Supermarkts.
An der Bestrahlung scheiden sich die Geister: auf der einen Seite die Wissenschaftler, Techniker und die Nahrungsmittelindustrie, auf der anderen die Bauern und die Verbrauchergruppen. Das allgemeine Eß-Publikum dazwischen schwebt in der Gefahr, trotz seiner natürlicherweise freundlichen Einstellung zu Hühnchen und Gemüsen angesichts des Lärms die Frage zu stellen: Worum geht es hier eigentlich?
Die klare Antwort: Bestrahlung tötet Krankheitserreger. Das Endergebnis ist eine Art Dornröschen, eingefroren in eine zeitlose Unveränderlichkeit. Leider bleibt bei diesem Verfahren von dem Hühnchen nur noch das Gespenst eines freilaufenden, körnergefütterten Vogels zurück. Weil nämlich Bakterien nicht nur Schaden anrichten. Wer sie aus der Welt schafft, nimmt dem Leben alle interessanten, zeitgebundenen Aspekte. Er tut das, was Leichenwäscher tun. Bestrahlte Hühnchen sind etwas dasselbe wie mumifizierte Leichen in einem Glassarg.
Für den Hungrigen ist Geschmack Nebensache. Für ihn zählt nur der Mengenausstoß. Jetzt steckt aber die Landwirtschaft im Westen gerade wegen ihrer Überproduktion in der Krise. Damit fallen die Preise ins Bodenlose, und ein Bauernhof lohnt sich eigentlich nicht mehr. So stellt sich also die Frage: Brauchen wir tatsächlich noch mehr abgepackte Nahrungsmittel, die dann noch länger in ihren Särgen liegen?
Abstrakt betrachtet, rein theoretisch ist die Bestrahlung von Lebensmitteln ein Fortschritt und mithin etwas Gutes. Wenn man nur die großen industriellen Bauernhöfe im Blick hat, die damit schwarze Zahlen schreiben, dann muß es wohl stimmen. Das ist nun mal die Logik des Marktes, und die kann man nur widerspruchslos hinnehmen. Das ist auch die ideologische Grundlage der Welthandelskonferenzen wie zuletzt in Seattle.
Je mehr aber unsere Bauernhöfe zu Fabriken werden, desto mehr wird produziert und desto tiefer fallen schließlich die Preise. Aber sind niedrige Preise nicht in besonderem Maß wettbewerbsfähig? Wenn sie so niedrig sind, daß sie dem Produzenten kein Auskommen mehr ermögichen, dann ist der ganze Wirtschaftszweig unrentabel geworden und kann auf dem Markt nicht mehr konkurrieren. Schlimmer noch: Die industriell betriebene Landwirtschaft verursacht in der Umwelt Folgeschäden, deren Beseitigungskosten dann auf die Gesellschaft abgewälzt werden. Würden diese Kosten in die Produktion eingerechnet, läge die Wettbewerbsunfähigkeit dieser Landwirtschaft auf der Hand.
Der konkrete Markt braucht weniger, nicht mehr. Die technischen Verfahren vor, während und nach der Lebensmittelproduktion sind zu teuer. Insektizide, Herbizide, Kunstdünger, Hormone, Antibiotika und Konservierungsmethoden wie die Bestrahlung erhöhen die Produktionskosten ebenso wie das Überangebot, das die Preise ins Bodenlose treibt. Allein die Pestizide verursachen weltweit Kosten in Höhe von 20 Milliarden Dollar pro Jahr.
Wir meinen nicht, daß alle modernen Fortschritte abgeschafft werden sollten. Damit würden wir lediglich zu den unsicheren Zeiten der Unterversorgung zurückkehren. Aber zwischen diesen beiden Extremen liegen sehr viele Chancen für ein vernünftiges Handeln.
Wenn wir ganz bestimmte Produktionsverfahren allmählich aufgeben, könnten wir die Herstellungskosten senken und gleichzeitig die Überproduktion zurückfahren. Danach würde wahrscheinlich immer noch eine ausreichende Zahl von Bauernhöfen weiterproduzieren, die aber nicht mehr diese Unsummen an Subventionen verschlingen würden.
Aus der Sicht des Verbrauchers ist festzustellen, daß er noch nie in der Geschichte der Menschheit eine so große Auswahl vor sich hatte. Weder brauchen, noch wollen wir mehr. Was wir wollen, sind bessere Lebensmittel, die nicht mehr wie aufgeblasene Wachsfiguren aussehen, sondern nach etwas schmecken und uns vielleicht sogar guttun. Das postmoderne Wissenschaftswunder, der #Apfel#, verliert an Attraktivität.
Heutige Verbraucher machen sich mit Recht Sorgen um die langfristige Beeinträchtigung ihrer Gesundheit durch die Landwirtschaft. Sie hören nicht gern von den jährlich 20000 "versehentlichen" Todesfälle durch Pestizide oder den drei Millionen "schweren Pestizid- Vergiftungen". Sie wissen, daß ihr Grundwasser vor allem durch so genannte "landwirtschaftliche Einleitungen" verschmutzt wird. Die beginnende Kontaminierung von Grundwasservorräten macht die künftige Wasserversorgung bedenklich. Demnach ist die Forderung, die industrielle Landwirtschaft müßte als moderner Fortschritt akzeptiert werden, ein Widerspruch in sich selbst.
Was die Bestrahlung betrifft: Je länger diese Hühnchen tot sind, desto weniger schmecken sie nach Hühnchen.

Aus: John Ralston Saul, Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln und anderen Zumutungen des 21.
Jahrhunderts. Erscheint im September 2000 im Campus Verlag, Frankfurt/New York (ISBN 3-593-36540-5).

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