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Shakespeare und seine Sprache
Der Literaturprofessor Frank Kermode, der Autor des Buches "Shakespeare's
Language" (gerade bei Farrar, Straus and Giroux erschienen),
ist nicht gerade ein kritikloser Bewunderer des Dramatikers. Die
sprachlichen Qualitätsunterschiede in"Cymbeline"
zum Beispiel sieht er durchaus auf der schlechteren Seite des
Sha kespeareschen
Werks. Oder die noch dunkleren, noch schwerer verständlichen
Zeilen des "Coriolan" (hier Kenneth Branagh in dieser
Rolle).
Die Kritik geht aber noch weiter: Die oft obsessive Beschäftigung
des Dramatikers mit semantischen Erläuterungen, mit Etymologien,
Wort-Assoziationen, entlegenen Metaphern (und dies alles manchmal
auch noch atemlos gehäuft) werden vom heutigen Publikum ohne
ein gründliches Textstudium vor dem Theaterbesuch oft nicht
mehr verstanden. Für Kermode ein Zeichen dafür, daß
Shakespeare bei seinem Übergang von den leichteren Stücken
der 90er Jahre des 16. Jahrhunderts zu den düsteren Königsdramen
auf beträchtliche, nicht immer gelöste Schreibschwierigkeiten
stieß.
Gelegentlich aber, meint Kermode (genauer: nicht zu selten), steigen
die Shakespeareschen Sprachspiele zu beindruckender Höhe
auf. Etwa bei der immer neu ansetzenden Untersuchung des Begriffs
"Zeit" im "Macbeth".
Bei aller Entdeckerfreude erlegt sich aber auch Kermode selbst
gutgelaunte Grenzen auf, denn "sonst verliert sich die Erklärung
im bloßen Rauschen".
Die Lügen, mit denen wir leben
Die berühmte "méthode Coué", benannt
nach einem Quacksalber vom Beginn des vorigen Jahrhunderts, bestand
darin, sich zwanzigmal jeden Morgen vorzusagen, es gehe einem
immer besser. Dale Carnegie nannte das später "positives
Denken", und Hunderte machten es ihm nach.
Die europäische Philosophie hatte bis dahin einen anderen,
harscheren Weg eingeschlagen. Ihr Programm war Selbsterkenntnis.
Aber - so die These der neuen Buches "Lies We live By: The
Art of Self-Deception" (bei Bloomsbury) - ganz ohne Selbstliebe
und also Selbsttäuschung geht das nie ab. Obwohl Selbsttäuschung
eigentlich nicht machbar sein sollte: Wie kann ich mich belügen
und nicht wissen, daß ich mich belüge?
Der Autor Eduardo Giannetti, ein brasilianischer Kulturhistoriker,
vermutet denn auch, daß Selbstliebe und Selbsttäuschung
viel zu sehr in uns einprogrammiert (weil viel zu nutzbringend)
sind, als daß wir gern ohne sie auskämen. So ähnlich
hatte es ja auch Blaise Pascal schon gesagt: Das Glück liege
in der Selbsttäuschung, da die Wahrheit über die verdorbenen
Abgründe unseres Innern so schrecklich sei, daß wir
ihren Anblick nicht ertragen.
Am Ende - aber dieses Ergebnis übersieht der auf die Antinomie
fixierte Autor - kommt bei den meisten Menschen wahrscheinlich
ein natürliches Gleichgewicht zwischen mutiger Selbsterkenntnis
und beschönigender Selbsttäuschung heraus.
Freundlich: zweimal Friedrich der Große
Was
der Durchschnittsdeutsche heute noch von dem großen Preußenkönig
weiß, paßt auf eine Postkarte. Was der mittlere Amerikaner
von ihm weiß, ist eher noch weniger.
Da helfen jetzt gleich zwei neue, ungewöhnlich wohlwollende
Biographien Friedrichs des Großen ("Frederick the Great,
King of Prussia" von David Fraser und "Frederick the
Great, A Life in Deeds and Letters" von Giles MacDonogh).
Unausweichlich stellen ihn beide Autoren als großen Feldherrn
und Architekten Preußens vor. Darüber hinaus aber beschreiben
sie ihn als bemerkenswerten Intellektuellen und Künstler.
Der König schrieb nämlich auch, und zwar Artikel über
alle möglichen Gegenstände: über Geschichte, Diplomatie,
deutsche Literatur (besser: darüber, daß es - wie er
meinte - keine gab zu seiner Zeit), Religion, Philosophie, die
Regierungskunst. Wenn er keine Artikel oder Briefe oder Lyrik
(immer nur in französischer Sprache) schrieb, dann schrieb
er sogar gute Musik. Und wenn er überhaupt nichts schrieb,
dann las er oder spielte die Flöte (auch das nicht schlecht).
"Adieu", beendete er einen Brief an einen Freund, "ich
werde jetzt an den König von Frankreich schreiben, dann ein
Solo komponieren, einige Verse für Voltaire dichten, das
Reglement der Armee ändern und noch hundert andere Dinge
dieser Art erledigen." Es riecht ein wenig nach Angeberei,
aber dies alles hat er tatsächlich getan.
Die beiden Biographien haben erfreulich wenig gemeinsam. McDonogh
schildert den König vielleicht etwas menschlich anrührender,
während Fraser die politischen und militärischen Innovationen
kantiger herausarbeitet. Man kann also beide fast ohne Überschneidungen
nacheinander lesen.
Ägyptischer Autor verurteilt
Ein Kairoer Gericht verurteilte am 8. Juli Salah-Eddine Mohsen
für ein angeblich islamfeindliches Buch zu einer Bewährungsstrafe
von sechs Monaten Gefängnis. Das Urteil ist als milde zu
bewerten, da Haftstrafen in ähnlichen Fällen bis zu
fünf Jahre betragen können.
Mohsen hatte geschrieben, der Koran sei altmodisch, unzeitgemäß.
Während der Verhandlung jedoch hatte er seine Glauben betont
und geltend gemacht, daß er weder den Islam beleidigen noch
dessen grundsätzlichen Dogmen in Zweifel ziehen wollte.
Der im Westen weithin unbekannte Autor hat in Ägypten zwei
Bücher veröffentlicht, "Das Zittern der Erleuchtung"
und "ein Nachtgespräch mit dem Himmel".
London is not amused
"Der Patriot", der Film, macht den Patrioten Ärger
auf der Insel. Und es ist nicht das erste Mal, daß die Amerikaner
bei den Briten cinematographisch ins Fettnäpfchen treten.
Schon in "Saving Private Ryan" hatte das Drehbuch so
getan, als hätten die GIs Europa allein erobert, ganz ohne
britische Soldaten. Und im Film "U 571" kaperten die
Amerikaner, und nur sie, ein deutsches U-Boot und fanden darin
zu ihrer Freude die geheimste aller Codiermaschinen, die sogenannte
Enigma. In Wahrheit waren es die Briten, die die Enigma aufbrachten
- 1941, bevor die USA überhaupt am Weltkrieg II teilnahmen.
Und jetzt "Der Patriot", der in diesem
Monat in England anläuft. Der Bösewicht ist hier ein
blutdürstiger Colonel William Tavington bei den britischen
Green Dragons, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg
- im Film - ein kleines Kind niederschießt und dann auch
noch schreiende Dorfbewohner in eine Kirche einsperrt und sie
bei lebendigem Leibe verbrennt. Shocking.
"Mit ihrer eigenen Rekordleistung von zwölf Millionen
ermordeter Indianer und ihrer Aufrechterhaltung der Sklaverei
vier Jahrzehnte, nachdem die Briten sie abgeschafft haben, versuchen
die Amerikaner jetzt, ihre historische Schuld auf jemanden anderen
zu projizieren", schrieb beleidigt Andrew Roberts im "Daily
Express". Die Verbrennungsszene hat außerdem auch amerikanische
Historiker zu Protesten veranlaßt, denen die Nähe der
Szene zu Gewaltakten der Nazis zu weit ging.
Potter-Rekorde
Das Harry-Potter-Phänomen brachte es in "Newsweek"
bereits zur Ehre einer Titelseite. Tatsächlich brach der
vierte Roman, "Harry Potter und der Feuerkelch" (auf
den die armen Deutschen noch bis Herbst warten müssen) seit
dem ersten Verkaufstag in den USA, 10. Juli Punkt 12 Uhr 01 EST,
alle Rekorde.
Die Erstauflage betrug schon 3,8 Millionen Exemplare, zwei weitere
Millionen sollen in ein paar Monaten hinzukommen. Allein am ersten
Verkaufswochenende gingen bei Barnes & Noble vierhundertzweitausend
Potters über den Tisch - und da sind die hunderttausend Exemplare,
die die Buchhandelskette über ihre Internetseite verkaufen
konnte, noch nicht mitgerechnet. Amazon.com wurde an diesem Wochenende
dreihundertneunundachtzigtausend Exemplare los.
Zurückgetreten, nachgetreten
Es genügte offenbar nicht, daß Rudolph Giuliani auf
seine Senatoren-Kandidatur verzichtet hat. Jetzt wirft ihm eine
"investigative" Biographie auch noch Steine mittleren
bis schweren Kalibers nach. Der Teil: "Rudy: An Investigative
Biography of Rudolph Giuliani". Der Autor: Wayne Barrett,
Reporter der "Village Voice" in New York.
Darin schildert er, wie Giulianis Vater Harold achtzehn Monate
Gefängnis absaß dafür, daß er in den dreißiger
Jahren einen Milchmann mit vorgehaltenem Revolver ausraubte. Einen
Milchmann, richtig. Und außerdem soll die halbe Familie
des Ex-Bürgermeisters recht gute Verbindungen zum organisierten
Verbrechen gehabt haben. Fest steht immerhin, daß Giulianis
Vater, Onkel und Cousin in den frühen sechziger Jahren an
einer Unterwelt-Schießerei in Brooklyn aktiv beteiligt waren.
Kreditschwindel, Fahrzeugdiebstähle, Mordanschläge und
Morde - dieser Cousin war beschäftigt. 1977 wurde er vom
FBI erschossen. Der Autor gibt allerdings zu, daß Giuliani
seinen Cousin da schon jahrelang nicht mehr getroffen hatte.
Jetzt ist klar, warum der Bürgermeister so ein fanatischer
Saubermann war.
Text und Kontext
Manche Vorhersagen der Computer-Revolution haben sich nicht erfüllt.
Das "papierlose" Büro (das uns schon 1975 versprochen
wurde) hat heute den doppelten Ausstoß wie damals, hundert
Kilo Papier jährlich pro Mitarbeiter. Warum?
Wer im Papier immer nur den Informationsträger sieht, leide
unter einem fatalen "Tunnelblick". Papier, sagen Seely
Brown und Paul Duguid ("The Social Life of Information",
Harvard Business School Press), besitzt Eigenschaften, die über
die pure Information hinausgehen: "Es hilft den Menschen
beim Arbeiten, beim Austausch von Meinungen, beim gemeinsamen
Nachdenken."
Es sind gerade diese gruppenstiftenden Qualitäten, so die
Autoren weiter, durch die technologische Innovationen vorangetrieben
werden. Eines ihrer Negativ-Beispiele dazu: Die Werbeagentur Chiat/Day
zwang ihre Mitarbeiter, sozusagen nomadisierend und ohne eigene
Büros oder Geräte zu arbeiten; der Effekt war eine Mitarbeiterkampagne
zivilen Ungehorsams. Die Manager hatten übersehen, daß
die Mitarbeiter nicht nur ihre eigenen Möbel vermißten,
sondern vor allem das Miteinanderreden, das Zuschauen bei der
Arbeit der anderen und das Lernen daraus.
Die digitale Dummheit liegt also darin, Text und Kontext voneinander
trennen zu wollen.
Beiträge gesucht!
Für eine Lyrik-Anthologie mit dem Arbeitstitel "Viel
zu wenig Zeit" suchen wir lyrische Texte. Ein einheitliches
Thema wird nicht vorgegeben. Wir interessieren uns für einen
bunten Querschnitt aus allen Themenbereichen: Gedanken, Gefühle,
Natur, Tagesthemen, Zeitkritik, usw. Jeder Teilnehmer sollte max.
10 Texte einreichen, aus denen wir eine Auswahl vornehmen können.
Der Teilnehmer muß alle Rechte an den eingereichten Texten
besitzen. Die Texte dürfen bisher noch nicht publiziert worden
sein. Ein Honorar wird nur in Form von Freiexemplaren vergütet.
Die Texte bitte mit einer kurzen Biografie bis spätestens
31.12.2000 unter Angabe des Stichworts "Gedichte" an
den Cagliostro-Verlag, Alfred-Keller-Str. 1, 53721 Siegburg, senden.
Bitte nur Kopien und keine Originale einsenden. Eine Rücksendung
der Texte erfolgt nur, wenn ein ausreichend frankierter Rückumschlag
beigelegt wird. Außerdem besteht die Möglichkeit, die
Texte per email oder Diskette als Textdatei einzureichen. Emails
bitte an: lektorat@cagliostro.net
Weitere Informationen erhalten Sie beim Cagliostro-Verlag: Alfred-Keller-Str.
1, 53721 Siegburg, Telefon/Fax 02241/62188, email: info@cagliostro.net,
http://www.cagliostro.net

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Statistik I:
Die Zweitgrößte unter
den Kleinen
Die OECD hat die Häufigkeit der im Jahr
1999 auf Webseiten verwendeten Sprachen untersucht und kommt jetzt
mit ihren Ergebnisse heraus. Sie sind stellenweise erstaunlich.
Daß Englisch auf 78,3 Prozent aller Webseiten auftaucht,
ist freilich keine Sensation (für alle anderen Sprachen,
die da auch noch mitmachen wollen, wird es also eng). Aber als
Zweitplazierte taucht überraschend Japanisch auf, mit 2,5
Prozent. Auf dem dritten Platz jedoch rangiert das Deutsche -
mit unerwarteten zwei Prozent, weit vor Französisch (1,2)
oder Chinesisch (0,6 Prozent). Den Rest müssen sich alle
übrigen aufteilen.
Statistik II:
Selbstbild und Vorurteil
Fleißige Deutsche? Von wegen. Eine französische
Umfrage (Sofinco) unter fünfzehn- bis neunzehnjährigen
Engländern, Franzosen, Deutschen und Italienern ergibt ein
für uns wenig schmeichelhaftes Bild.
Es ging um den einfachsten Weg zu Geld und Reichtum. Vier Antwortmöglichkeiten
waren gegeben. Bei der Antwort "durch Ehrlichkeit" meldeten
sich mit zwanzig Prozent die Italiener, ja: Italiener, während
die Deutschen nur mit sechs Prozent vertreten waren. Die zweite
Lösung hingegen, "mit ein bißchen Glück",
bevorzugten vor allem Deutsche (21) und seltsamerweise auch Italiener
(20 Prozent). "Risiken eingehen" führt ebenfalls
vor allem bei den Deutschen zu Reichtum (42), und zwar weit vor
den Franzosen (33 Prozent). "Durch harte Arbeit" glauben
jedoch nur noch 31 Prozent der deutschen Jugendlich zu reüssieren
- gegenüber erstaunlichen 54 Prozent der britischen.
Klares Fazit: Die Deutschen sind fauler als früher, aber
ihre Unternehmerkultur ist ganz schön fortgeschritten. Oder
so ähnlich.
Fehlstart der "Rakete"
Genaugenommen heißt das Ding von Nuvomedia
ja "Rocket E-Book", wird aber von jedem einfach zu "Rocketbook"
verkürzt. Aber auch damit ist das sechshundertsiebenundzwanzig
Gramm schwere Lesegerät, dieser Möchtegern-Buchersatz,
laut SPIEGEL kein durchschlagender Verkaufserfolg.
Nachteile: Es ist so schwer, daß man es - anders als in
den Werbebroschüren abgebildet - mit beiden Händen halten
muß; zum Auftanken von Texten braucht man einen Computer
mit Internetzugang; es gibt keine Seitenzahlen im Display; und
dann kostet das Ganze auch noch sechshundertfünfundsiebzig
Mark. In den USA werden die Verkaufszahlen geheimgehalten, aber
angeblich seien es nicht mehr als ein paar tausend Stück.
Nuvomedia wurde inzwischen vom Elektronikkonzern und Videorekorder-Programmierer
Gemstar geschluckt. Das schraubt den Verkauf auch nicht nach oben.
Die Bertelsmänner, die das Gerät in Deutschland (über
BOL) vertreiben, werden es schwer haben.
Wer hat zuerst "Software" gesagt?
Fred Shapiro hat in einer Datenbank für
wissenschaftliche Zeitschriftenaufsätze die bislang erste
Verwendung des Wortes "Software" gefunden, in einem
Artikel von John Tukey im Jahrgang 1958 des "American Mathematical
Monthly". Die Belegstelle lautete: "Heute umfaßt
die Software' die umsichtig geplanten Interpretationsroutinen,
die Compiler und andere Aspekte der automatisierten Programme,
die für den modernen elektronischen Rechner mindestens so
bedeutsam sind wie seine "Hardware" aus Röhren,
Transistoren, Drähten, Magnetbändern und dergleichen."
Daß Tukey die beiden Wörter in Gänsefüßchen
schrieb, weist darauf hin, daß er sie damals noch für
neu und ungebräuchlich hielt.
In einem ganz anderen Kontext hat ein Mitarbeiter des Oxford English
Dictionary das Wort entdeckt - im Jahr 1850. Damals diente das
Wort ("soft-ware") den öffentlichen Müll-
Aufspießern in den Londoner Parks zur Bezeichnung von kompostierfähigen
Abfällen im Gegensatz zu anderen, die als "hard-ware"
bezeichnet wurden.
Niemand ist vollkommen
Der angeblich perfekte Sturm in Sebastian Jungers
gleichnamigem Buch und Emmerichs Film war vielleicht doch nicht
so rekordverdächtig perfekt.
Jedenfalls sind einige Meteorologen der University of Washington
da anderer Meinung. Ihnen zufolge war er eine harmloses Bö
im Vergleich zum Columbus-Day-Sturm, der 1962 über die Westküste
der USA herfiel: "Wenn Sie einen perfekten Sturm' suchen
im Sinne intensiver Zerstörungen - dann ist es der."
Er kostete sechsundvierzig Menschen das Leben und verursachte
Schäden in Höhe von zweihundertfünfunddreißig
Millionen (heutigen) Dollar.
Autor Junger verteidigt
sich. Es gebe vier Kategorien, die Stärke eines Sturms zu
messen: Schäden, Luftdruck, Windgeschwindigkeit und Wellenhöhe.
Und: "Ich habe nie behauptet, es sei der schlimmste Sturm
aller Zeiten gewesen." Bei seinem Sturm, bei dem das Fischerboot
"Andrea Gail" 1991 unterging, seien vor allem die Wellen
ungewöhnlich hoch gewesen. Tatsächlich wurden damals
die seit Beginn der Messungen höchsten Wellen gemessen, einige
von ihnen glatt über dreißig Meter hoch.
Sagen wir so: Ein "vollkommener" Sturm muß ja
auch nicht unbedingt der "stärkste" Sturm sein.
Herling-Grudzinski ist tot
Der polnische Schriftsteller Gustaw Herling-Grudzinski,
GULag-Überlebender, Schriftsteller und Sowjetunion-Kritiker,
ist mit einundachtzig Jahren am 5. Juli in Neapel gestorben.
Im März 1940 wurde er von den Sowjets verhaftet und in eines
ihrer Arbeitslager gesteckt. zwei Jahre später konnte er
entkommen. Am Monte Cassino kämpfte er gegen die deutsche
Wehrmacht. Sein Buch "A World Apart" (in deutscher Übersetzung
nicht lieferbar) interessierte lange Zeit niemanden im Westen,
sagte sein Kollege Jozef Szczepanski und: "Er war der erste,
der für die Opfer dieses Totalitarismus sprach."
Nach dem Krieg arbeitete er kurze Zeit für Radio Free Europe
in München, bevor er 1955 Lidia Croce heiratete, die Tochter
des Historikers und Philosophen Benedetto Croce, und mit ihr nach
Neapel zog.
Auch ein zweites Buch von ihm, "Journal Written at Night",
eine Sammlung von Essays über Literatur, Kunst und Politik,
ist noch nicht ins Deutsche übersetzt
Dopingskandal
Australische Sportler nehmen gewohnheitsmäßig
leistungssteigernde Anabolika ein - entgegen der harten offiziellen
Linie gegen Drogen im Sport. Diese gerade im Vorfeld der Olympischen
Spiele in Sydney (Eröffnung 15. September) peinliche Enthüllung
findet sich in einem Buch mit dem sprechenden Titel "Positiv".
Der Autor ist Werner Reiterer, 32 Jahre alt, Diskuswerfer und
Olypmpiateilnehmer. Ein Insider.
Insbesondere Schwimmer und Leichtathleten, schreibt er, nehmen
gern menschliche Wachstumshormone, weil die in den aktuellen Dopingtests
unbemerkt bleiben. Reiterer selbst hat seit 1995 acht verbotene
Steroide und andere Mittel eingenommen und erst vor vier Monaten
damit aufgehört. Jahr für Jahr hat ihn das zwölftausend
US-Dollar gekostet.
Der Australische Schwimmverband hat die Anschuldigungen als "völlig
unbegründet" und "empörend" zurückgewiesen.
Nun ja.
La Santé
Eigentlich heißt das ja "die Gesundheit",
aber in dem Pariser Gefängnis dieses Namens wird vergewaltigt
und selbstverstümmelt, und der Schmutz liegt zentimeterhoch.
Jedenfalls liest es sich so in einem detailreichen Buch von Veronique
Vasseur, einer Santé-Ärztin, und die daraufhin erstellten
Kommissionsberichte - die ersten französischen Gefängnisberichte
seit einhundertfünfundzwanzig Jahren - geben kaum ein schöneres
Bild. Beide verlangen sofortige Reformen.
Der Bericht der Assemblé Nationale spricht von "ungeeigneten,
oft unwürdigen Haftbedingungen, einem hilflosen Personal
ohne Anerkennung, dem Mangel an Finanzmitteln und an klar definierten
Zielen". Von den einhundertsiebenundachtzig Gefängnissen
Frankreichs sind hundertacht älter als achtzig Jahre. Gebaut
sind sie für 49000 Gefangene, darin untergebracht sind 52000.
Automatisches Schreiben?
"Meine Brust zittert auf und ab." Was
da aus dem Online-Service www.romantische-briefe.de
quillt, klingt wie unter der Eingebung wahnsinnig gewordener Textbausteine
geschrieben. Dabei soll das ein Liebesbrief werden für jemand
Armen, der das selber nicht hinkriegt. Und so irgendwie verquer
körperbetont geht es auch noch weiter: "Das Herz schlägt
wie wahnsinnig gegen die Macht, die es umklammert. Ich bekomme
kaum Luft, der Hals wird mehr und mehr abgeschnürt. Gierig
saugt die Lunge nach dieser lebensnotwendigen Kraft von außen.
Jedes Schlucken bedeutet Qualen."
Möglicherweise hat sich da auch nur der arbeitslose Diagnose-Computer
eines Internisten ein neues Tätigkeitsfeld gesucht. Und verlangt
jetzt fast vierzig Mark pro Brief.
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