Nr. 27, August 2000

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 Die Marginalie
 

 

Emma Schreiner

katastrophe 


die kopflosen  
         drehen sich kopflos 
                           im kreis, köpfen wahllos

die köpfe der kopf-losen
            wirbeln wie massen-
                                   haft abgeerntete 
                                              salatköpfe      fallobst,
                                                     das niemand          aufhebt

niemand wagt mehr
         seinen kopf oben
                          zu tragen
sie verbergen ihn schamhaft
          oder niedergeschlagen
                           unter dem arm      oder 
                           in einer holzkiste
           als seien sie schon 
                                        tot, und

niemand behält noch
                                 seinen kopf
 

späte gäste

nichts kann darüber hinwegtäuschen, daß es zu spät ist
der kalte regen zerreißt unsere längst abgenutzten taue
in den überspülten straßen treibt das strandgut des sommers
wir halten uns an den händen wie schiffbrüchige
nichts kann darüber hinwegtäuschen, nicht
das sanfte orange, das täuschend echte blatt-grün
des lichts aus den kelchen tiefhängender selbstgemachter lampen
über den bemalten tischen in der wärme auf drei mal vier metern
unter niedrigen decken, nicht das unerhört-trockene
knistern des feuers, das unvermutete glück im rotwangigen gesicht der wirtin,
nicht das unerwartet köstliche der buchweizen-gemüse-küchlein
- schon dämpft sie das licht, die schwarzen drähte der lampen
scheinen breiter, insektenrüssel oder spinnenbeine,
wirr, in die flucht geschlagen, katastrophen-zerzaust, verschlagen
in die endlichkeit dieser insel, endlich erwache ich
in der erstaunlichen wachheit der endlichkeit
nach einer ewigkeit lasse ich mich frei aus meiner hand
ich niste im grün deiner augen
für die anklagen und selbstvorwürfe ist es endlich zu spät
die flüchtenden vor den fenstern, die zerfließenden
gestalten, lassen mich nicht mehr kalt
ich borge dir die bilder, die du dir nicht merken kannst
schließlich sind auch wir nur
späte gäste


Kommentar der Autorin:

In meinen Gedichten katastrophe und späte gäste taste ich nach Antworten auf die Frage, wie wir als Menschen mit der Wahrnehmung der Endlichkeit unserer Existenz, mit (der Möglichkeit) einer extremen Bedrohung in einer Ausnahmesituation, mit dem Zusammenbruch unserer Sicherheiten und mit unserer eigenen Angst umgehen (sollten), und wie diese Erfahrungen unsere Beziehungen zueinander beeinflussen (könnten).

Emma Schreiner, Naturwissenschaftlerin, nebenberuflich Lyrikerin, wohnt in den Niederlanden (Region Den Haag).
 


 

 
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