Emma Schreiner
katastrophe
die kopflosen
drehen sich kopflos
im kreis, köpfen wahllos
die köpfe der kopf-losen
wirbeln
wie massen-
haft
abgeerntete
salatköpfe
fallobst,
das
niemand
aufhebt
niemand wagt mehr
seinen kopf oben
zu
tragen
sie verbergen ihn schamhaft
oder niedergeschlagen
unter dem
arm oder
in einer
holzkiste
als
seien sie schon
tot,
und
niemand behält noch
seinen
kopf
späte gäste
nichts kann darüber hinwegtäuschen, daß es
zu spät ist
der kalte regen zerreißt unsere längst abgenutzten
taue
in den überspülten straßen treibt das strandgut
des sommers
wir halten uns an den händen wie schiffbrüchige
nichts kann darüber hinwegtäuschen, nicht
das sanfte orange, das täuschend echte blatt-grün
des lichts aus den kelchen tiefhängender selbstgemachter
lampen
über den bemalten tischen in der wärme auf drei mal
vier metern
unter niedrigen decken, nicht das unerhört-trockene
knistern des feuers, das unvermutete glück im rotwangigen
gesicht der wirtin,
nicht das unerwartet köstliche der buchweizen-gemüse-küchlein
- schon dämpft sie das licht, die schwarzen drähte der
lampen
scheinen breiter, insektenrüssel oder spinnenbeine,
wirr, in die flucht geschlagen, katastrophen-zerzaust, verschlagen
in die endlichkeit dieser insel, endlich erwache ich
in der erstaunlichen wachheit der endlichkeit
nach einer ewigkeit lasse ich mich frei aus meiner hand
ich niste im grün deiner augen
für die anklagen und selbstvorwürfe ist es endlich zu
spät
die flüchtenden vor den fenstern, die zerfließenden
gestalten, lassen mich nicht mehr kalt
ich borge dir die bilder, die du dir nicht merken kannst
schließlich sind auch wir nur
späte gäste
Kommentar der Autorin:
In meinen Gedichten katastrophe und späte gäste taste
ich nach Antworten auf die Frage, wie wir als Menschen mit der
Wahrnehmung der Endlichkeit unserer Existenz, mit (der Möglichkeit)
einer extremen Bedrohung in einer Ausnahmesituation, mit dem Zusammenbruch
unserer Sicherheiten und mit unserer eigenen Angst umgehen (sollten),
und wie diese Erfahrungen unsere Beziehungen zueinander beeinflussen
(könnten).
Emma Schreiner, Naturwissenschaftlerin, nebenberuflich Lyrikerin,
wohnt in den Niederlanden (Region Den Haag).
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