Nr. 27, August 2000
 
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Das unvollendete Thema

Der Verteidigungsminister hat neulich den 20. Juli nicht bloß zur Anlaß eines Bundeswehr- Gelöbnisses genommen, sondern den Tag gleich zum alljährlichen Jour fixe für diese Feier erhoben. Für den Hausgebrauch, also die staatserhaltende Propaganda mag das hingehen: der Widerstand des 20. Juli gegen einen verbrecherischen Oberbefehlshaber als Sursum corda und Traditionselement des modernen Militärs - dagegen ist im Großen und Ganzen nichts einzuwenden.
Aber auch nur, wenn man nicht so genau hinsieht, wie es Hans Mommsen, der inzwischen leider emeritierte Bochumer Historiker, in seiner grundlegenden Untersuchung des militärischen Widerstands gegen Hitler seit 1966 getan hat, das heißt hier: in mehreren wissenschaftlichen Beiträgen, die der C. H. Beck Verlag soeben gesammelt und mit einer neueren Originalveröffentlichungen abgerundet hat. Es ist erfreulich, daß der Verlag die Beiträge aus ihren zum Teil verstreuten Publikationen zu einem Band vereint hat.
In der Sammlung stehen geradezu enzyklopädische Überblicksartikel neben Einzeldarstellungen bestimmter Widerstandsgruppen und ihrer maßgeblichen Mitglieder sowie zu Einzelaspekten des Themas. Zu den ersten gehören vor allem der frühe, schon 1966 erschienene Beitrag "Gesellschaftsbild und Verfassungspläne des deutschen Widerstandes", "Der Widerstand gegen Hitler und die deutsche Gesellschaft" (1985), "Neuordnungspläne der Widerstandsbewegung des 20 Juli" (1994) oder auch "Der deutsche Widerstand gegen Hitler und die Überwindungder nationalstaatlichen Gliederung Europas" (1996). Zur Gruppe der engeren Themenstellungen gehören Beiträge über den Kreisauer Kreis, die deutsche Arbeiterbewegung, die "Sozialistische Aktion" sowie von der Schulenburg, Julius Leber, Adolf Reichwein und Wilhelm Leuschner.
Unter den Detailaspekten ist in erster Linie und aus gegebenem Anlaß die Erstveröffentlichung zu nennen: "Der Widerstand gegen Hitler und die deutsche Judenverfolgung". Sie bietet sich sozusagen als Ersatz an für die - hoffentlich nicht mehr lange - zur Überarbeitung zurückgezogene Wehrmachtsausstellung. Wir meinen hier weniger die Nähe der Widerständler zum Antisemitismus nicht nur bürgerlicher, sondern durchaus nationalsozialistischer Herkunft. Wobei nicht vergessen werden darf, daß etwa Goerdeler mit Nachdruck die Deportation und Ermordung der Juden verurteilte und Ulrich von Hassell schon 1940 gegen "die von Partei wegen gegen die Juden straflos begangenen fürchterlichen Greuel" protestierte. Überdies war die Existenz der Todeslager den Widerständlern schon sehr früh bewußt, so etwa Trott zu Solz, der im März 1943 von einem KZ in Oberschlesien berichtete, in dem monatlich drei- bis viertausend Personen umgebracht würden. Nein, gemeint ist hier die sehenden Auges eingegangene Verbindung der Wehrmacht mit dem konkreten Judenmord. Von einem hohen Offizier wie Carl-Heinrich von Stülpnagel, der erst später zum Widerstand stieß, stammte die Anregung, von der Bevölkerung eroberter Gebiete zu begehende Juden-Massaker "spurenlos auszulösen, zu intensivieren und in die richtigen Bahnen zu lenken". Das Gegenbeispiel dazu findet Mommsen in Oberstleutnant Groscurth, der 1940 gegen "Massenerschießungen und Ermordungen auf offener Straße" seinen Protest einlegte (der nicht viel bewirkte) wie auch Anfang Juli 1941 gegen die Einsperrung von neunzig jüdischen Kindern ohne Lebensmittel (worauf ihm mitgeteilt wurde, daß Feldmarschall von Reichenau "die Beseitigung der Kinder anerkenne und durchgeführt wissen wolle"; die Kinder wurden schließlich erschossen). Wünschenswert deutlich wird Mommsen im Fall Nebe:

Eine unbeantwortete Frage bezieht sich auch das Verhältnis von Tresckow und Gersdorff zu Arthur Nebe, der als Führer der Einsatzgruppe B für den Tod von mindestens 136000 Menschen verantwortlich war. Die spätere Stilisierung von Nebe als gemäßigtem NS-Führer, der von Tresckow zur Heeresgruppe Mitte geholt worden sei, um die Gewaltaktionen zu begrenzen, ist unhaltbar. Nebe gehörte zu den eigentlichen Scharfmachern und hatte vor seiner Tätigkeit in Weißrussland im Auftrag des Reichssicherhauptamts erste Versuche zur Anwendung von Gas als Liquidierungstechnik durchgeführt.

Das eignet sich offenkundig nicht gerade ideal für eine zeitgemäße Traditionspflege der Bundeswehr. Auch wenn Mommsen insgesamt zu einem abgewogeneren Urteil kommt:

Trotz ihrer Verwurzelung in der deutschen politischen Tradition und ihrer antisemitischen Bestandteile wäre es verfehlt, und darin ist dem verdienten Widerstandsforscher Peter Hoffmann zuzustimmen, die Bewegung des 20. Juli pauschal des Antisemitismus zu bezichtigen und die eindrücklichen Aussagen zu übergehen, in denen viele der Verschwörer in den Verhören vor der Gestapo die Judenverfolgung und den Genozid aus moralischen und nationalen Gründen verurteilt haben. ...
Für den Widerstand selbst handelt es sich um ein Kapitel des Scheiterns. Die Bemühungen Tresckows, Osters, Groscurths, Goerdelers und vieler anderer, die Feldmarschälle mit dem Hinweis auf die Greuel der Judenvernichtung zum Handeln zu zwingen, erwiesen sich als wirkungslos, ob es sich nun um Feldmarschall von Kluge oder von Manstein handelte.

Ebenso differenziert und detailgenau untersucht der Autor die mittlerweile nicht mehr unbekannten staatsrechtlichen und Verfassungspläne der Verschwörer des 20. Juli. Es gehört heute zur politischen Bildung, über die - sagen wir es freundlich - Schwierigkeiten der damals Handelnden mit der Demokratie wenigstens im Umriß Bescheid zu wissen. Viele von ihnen kamen aus dem prägenden Wirkungskreis "neokonservativer oder autoritärer Ideen". Ein "Spiegelbild der deutschen Gesellschaft" waren sie damit aber noch lange nicht, allenfalls ihrer bereits in Machtstellungen befindlichen Mittel- und Oberschichten.
Mit Geduld und Genauigkeit geht Mommsen den - für deutsche Verhältnisse - vordemokratischen und recht unterschiedlich stark vertretenen Denk- und Handlungssträngen der Widerständler nach: ihren nicht immer praktikablen Träumen von den "kleinen Gemeinschaften" (d.h. Kleinstädten gegen die drohende "Vermassung"), von einem wohl freiheitlichen, aber straff gelenkten "Führerstaat", von einer als nützlich angesehen "Volksgemeinschaft" mit deutlich antiwestlichen Akzenten, von Ständeparlamenten anstelle der "westlichen" Parteienherrschaft, die sich in den Augen des 20. Juli während der Weimarer Republik rettungslos diskreditiert hatte. Keineswegs waren alle diese Konzepte untereinander verträglich. Es konnte gar nicht ausbleiben, daß die divergierenden Widerstandsgruppen und -persönlichkeiten widerstreitende Pläne für ein Nachkriegsdeutschland entwickelten. Und es gehört auch zum tragischen Scheitern des 20. Juli, daß unter den Bedingungen der Diktatur und der Dringlichkeit des Tyrannenmordes keine Einheitlichkeit gefunden werden konnte.
Überschneidungen finden sich in den Beiträgen kaum. Zwar weist Mommsen ein paarmal auf von Moltkes Forderung hin, "das Bild des Menschen in den Herzen unserer Mitbürger wiederherzustellen". Aber diese Wiederholung verrät nur die innere Anteilnahme Mommsens an der moralischen Höhe dieses Appells.
Eine wohl von Verlag und Autor nicht beabsichtigte Enthüllung ergibt sich gerade durch das Nebeneinanderstellen so vieler Aufsätze auf verschiedenen Epochen. Im Lauf der Jahrzehnte hat Mommsen nämlich seine Gesamtbeurteilung des Widerstands charakteristisch verändert. Im frühesten Aufsatz, von 1966, liest sie sich noch als fast vernichtendes Urteil: Das Scheitern, schreibt er,

bedeutete grundsätzlich das Ende jenes "deutschen Weges". Die deutsche Gesellschaft war, wird man zugespitzt sagen können, kraft ihres herkömmlichen politischen Verhaltens und der Begrenztheit des deutschen politischen Denkens, das widerum eine verspätete Emanzipation in sozialer Hinsicht wiederspiegelt, unfähig, eine den Bedingungen der modernen Industriegesellschaft entsprechende Alternative zur im tiefsten Sinne reaktionären Diktatur Hitlers zu entwickeln. Diese Einsicht macht es einerseits erklärlich, warum der Nationalsozialismus sich, ohne ernstlichen Widerstand zu finden, 1933 in den Besitz der Staatsapparatur setzen konnte. Sie ist andererseits die Voraussetzung dafür, daß Deutschland den Anschluß an die westliche politische Verfassungstradition auch innerlich findet oder doch finden kann.

Hier wird die deutsche Anbindung an den demokratischen "Westen" als nur möglicherweise gelingend bezeichnet. Auch noch 1985 (oder wieder), in einer sehr dilemmatischen Charakterisierung des Widerstands, sieht Mommsen wiederum bestimmte Gefahren für den deutschen Verfassungsstaat:

Die intellektuelle und die politische Bewältigung der Kultur- und Gesellschaftskrise der zwanziger und dreißiger Jahre, die der nationalkonservative Widerstand als Hauptursache der nationalsozialistischen Herrschaft begriff, die er aber zugleich repräsentierte, ist in der Bundesrepublik kaum hinreichend vollzogen. Es gibt Indikatoren dafür, daß nach einer Phase der Verdrängung wieder die Neigung besteht, an Argumente und Positionen anzuknüpfen, die dem Krisenbewußtsein der Zwischenkriegszeit entstammen, obwohl die Geschichte des deutschen Widerstands deren innere Problematik klar zur Anschauung bringt. Es ist zu wünschen, daß die historische Aufarbeiten der deutschen Opposition gegen Hitler an die Stelle einer affirmativen Verflachung die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den tieferen politisch-historischen Wurzeln treten läßt, die sein notwendiges Scheitern mit begründeten.

Das ging offenbar gegen frühe "Anschwellende Bocksgesänge" (und klingt, wenn man Sloterdijk genau läse, ja immer noch aktuell). Erst im letzten Jahrzehnt (1994) läßt sich Mommsen zu einer ruhigeren, aber auch "weicheren" Gesamtbeurteilung herbei:

Letzten Endes lag die Leistung der Verschwörer darin, durch ihre bloße Existenz bewirkt zu haben, den einzelnen den Glauben und die Hoffnung an den Sinn konstruktiven politischen Handelns wiedergegeben zu haben, der unter der Gewaltherrschaft des Großdeutschen Reiches in einem Meer von Blut, Zynismus, Verbrechen und Unmenschlichkieit unterzugehen schien. Auch die nachfolgenden Generationen sollen alles tun, dieses Erbe nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Und dies war es ja vielleicht sogar, was der Verteidigungsminister neulich im Sinn hatte. Und wir wollen ihm da denn auch nicht widersprechen. Auch wenn jedweder verstaatlichte Feierbetrieb zwangsläufig kaum noch etwas zu tun hat mit der Präzision und der abwägenden Souveränität, dem wachen Tiefenblick und dem Sinn für aktuelle Bezüge, die Hans Mommsen dem Leser hier vorlegt.
Eine nötige Lektüre.

PS
Läßt jetzt auch der C. H. Beck Verlag sein Lektorat schludern ("wesentliche" statt "westliche Position", "bemängeln" statt "bemänteln")? Von ihm hätten wir es als letztem erwartet.

Philipp Reuter

Hans Mommsen
Alternative zu Hitler. Studien zur Geschichte des deutschen Widerstandes
Verlag C. H. Beck, München 2000
12,5 x 19 Zentimeter, 424 Seiten
DM 34,--, öS 248, sFr 31,50

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