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Das unvollendete Thema Der Verteidigungsminister hat neulich den 20. Juli nicht bloß
zur Anlaß eines Bundeswehr- Gelöbnisses genommen, sondern
den Tag gleich zum alljährlichen Jour fixe für diese Feier
erhoben. Für den Hausgebrauch, also die staatserhaltende Propaganda
mag das hingehen: der Widerstand des 20. Juli gegen einen verbrecherischen
Oberbefehlshaber als Sursum corda und Traditionselement des modernen
Militärs - dagegen ist im Großen und Ganzen nichts einzuwenden. Eine unbeantwortete Frage bezieht sich auch das Verhältnis von Tresckow und Gersdorff zu Arthur Nebe, der als Führer der Einsatzgruppe B für den Tod von mindestens 136000 Menschen verantwortlich war. Die spätere Stilisierung von Nebe als gemäßigtem NS-Führer, der von Tresckow zur Heeresgruppe Mitte geholt worden sei, um die Gewaltaktionen zu begrenzen, ist unhaltbar. Nebe gehörte zu den eigentlichen Scharfmachern und hatte vor seiner Tätigkeit in Weißrussland im Auftrag des Reichssicherhauptamts erste Versuche zur Anwendung von Gas als Liquidierungstechnik durchgeführt. Das eignet sich offenkundig nicht gerade ideal für eine zeitgemäße Traditionspflege der Bundeswehr. Auch wenn Mommsen insgesamt zu einem abgewogeneren Urteil kommt: Trotz ihrer Verwurzelung in der deutschen politischen
Tradition und ihrer antisemitischen Bestandteile wäre es verfehlt,
und darin ist dem verdienten Widerstandsforscher Peter Hoffmann zuzustimmen,
die Bewegung des 20. Juli pauschal des Antisemitismus zu bezichtigen
und die eindrücklichen Aussagen zu übergehen, in denen viele
der Verschwörer in den Verhören vor der Gestapo die Judenverfolgung
und den Genozid aus moralischen und nationalen Gründen verurteilt
haben. ... Ebenso differenziert und detailgenau untersucht der Autor die mittlerweile
nicht mehr unbekannten staatsrechtlichen und Verfassungspläne der
Verschwörer des 20. Juli. Es gehört heute zur politischen
Bildung, über die - sagen wir es freundlich - Schwierigkeiten der
damals Handelnden mit der Demokratie wenigstens im Umriß Bescheid
zu wissen. Viele von ihnen kamen aus dem prägenden Wirkungskreis
"neokonservativer oder autoritärer Ideen". Ein "Spiegelbild
der deutschen Gesellschaft" waren sie damit aber noch lange nicht,
allenfalls ihrer bereits in Machtstellungen befindlichen Mittel- und
Oberschichten. bedeutete grundsätzlich das Ende jenes "deutschen Weges". Die deutsche Gesellschaft war, wird man zugespitzt sagen können, kraft ihres herkömmlichen politischen Verhaltens und der Begrenztheit des deutschen politischen Denkens, das widerum eine verspätete Emanzipation in sozialer Hinsicht wiederspiegelt, unfähig, eine den Bedingungen der modernen Industriegesellschaft entsprechende Alternative zur im tiefsten Sinne reaktionären Diktatur Hitlers zu entwickeln. Diese Einsicht macht es einerseits erklärlich, warum der Nationalsozialismus sich, ohne ernstlichen Widerstand zu finden, 1933 in den Besitz der Staatsapparatur setzen konnte. Sie ist andererseits die Voraussetzung dafür, daß Deutschland den Anschluß an die westliche politische Verfassungstradition auch innerlich findet oder doch finden kann. Hier wird die deutsche Anbindung an den demokratischen "Westen" als nur möglicherweise gelingend bezeichnet. Auch noch 1985 (oder wieder), in einer sehr dilemmatischen Charakterisierung des Widerstands, sieht Mommsen wiederum bestimmte Gefahren für den deutschen Verfassungsstaat: Die intellektuelle und die politische Bewältigung der Kultur- und Gesellschaftskrise der zwanziger und dreißiger Jahre, die der nationalkonservative Widerstand als Hauptursache der nationalsozialistischen Herrschaft begriff, die er aber zugleich repräsentierte, ist in der Bundesrepublik kaum hinreichend vollzogen. Es gibt Indikatoren dafür, daß nach einer Phase der Verdrängung wieder die Neigung besteht, an Argumente und Positionen anzuknüpfen, die dem Krisenbewußtsein der Zwischenkriegszeit entstammen, obwohl die Geschichte des deutschen Widerstands deren innere Problematik klar zur Anschauung bringt. Es ist zu wünschen, daß die historische Aufarbeiten der deutschen Opposition gegen Hitler an die Stelle einer affirmativen Verflachung die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den tieferen politisch-historischen Wurzeln treten läßt, die sein notwendiges Scheitern mit begründeten. Das ging offenbar gegen frühe "Anschwellende Bocksgesänge" (und klingt, wenn man Sloterdijk genau läse, ja immer noch aktuell). Erst im letzten Jahrzehnt (1994) läßt sich Mommsen zu einer ruhigeren, aber auch "weicheren" Gesamtbeurteilung herbei: Letzten Endes lag die Leistung der Verschwörer darin, durch ihre bloße Existenz bewirkt zu haben, den einzelnen den Glauben und die Hoffnung an den Sinn konstruktiven politischen Handelns wiedergegeben zu haben, der unter der Gewaltherrschaft des Großdeutschen Reiches in einem Meer von Blut, Zynismus, Verbrechen und Unmenschlichkieit unterzugehen schien. Auch die nachfolgenden Generationen sollen alles tun, dieses Erbe nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Und dies war es ja vielleicht sogar, was der Verteidigungsminister
neulich im Sinn hatte. Und wir wollen ihm da denn auch nicht widersprechen.
Auch wenn jedweder verstaatlichte Feierbetrieb zwangsläufig kaum
noch etwas zu tun hat mit der Präzision und der abwägenden
Souveränität, dem wachen Tiefenblick und dem Sinn für
aktuelle Bezüge, die Hans Mommsen dem Leser hier vorlegt. PS Philipp Reuter Hans Mommsen |
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