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Noch einmal davongekommen?
Nein. Der Jahrtausendsprung war nur ein kaum
spürbarer Höhepunkt, und auch danach geht der Wahnsinn weiter,
Event nach schrillem Event, so laut und ungebremst wie vorher.
Das furiose Tempo treibt auch Marcus Jensens Erstlings-Roman "Red
Rain" an. Da fliegt ein nicht ganz freiwilliger Aussteiger in Berlin
ein: ein ehemaliger Be-A-Te-2-Mitarbeiter eines offenkundig inhaltlosen
"Instituts für angewandte Feldforschung" ("armes
Schwein mit Loser- ID"), der sich jetzt als Indianer-Schamane durchschlägt
und in dieser Verkleidung von seiner ehemaligen Geliebten Regina, jetzt
der "jüngsten Staatssekretärin Deutschlands", für
eine Promi-Party mit Senator Drehbusch angeheuert wurde. Am Flugplatz
wird er von drei Leibwächtern abgeholt und in einer apokalyptischen
Geisterfahrt direkt in den Weltuntergang chauffiert. Eine neuartige
Terrorgruppe namens "NOX IRAE" hat im Zentrum der Hauptstadt
eine nukleare Bombe versteckt, die um Mitternacht hochgehen soll - aber
möglicherweise ist die Bombe sogar identisch mit der City-Fete:
Silvester-Notausgabe, acht Seiten dünn: NOX IRAE
DROHT: DIE A-BOMBE LIEGT IN MITTE! Das ist mir doch wurscht. Hast du
schon gehört, die haben Umfragen gemacht: Drei Prozent glauben
dran und haben Panik, fünfundzwanzig wissen nicht so recht, einundsechzig
Prozent halten es für einen Witz, und ich, ich gehör zu den
elf, denen die Bombe völlig egal ist. KANZLER LÄSST BERLIN
IM STICH! Partymuffel.
Nach der Landung ist er sofort von einer bizarren Menschenmenge
behindert:
Hey: Trekkies. An der Ecke, Dutzende von Trekkies! Ist das Karneval?
Horden. Wo quellen die da raus, und alle brav in Schale geschmissen,
in diesen kunterbunten Strampelanzügen, die Farben passen sogar
zum Flughafen, Gott, meine Jugend läßt grüßen,
die kenne ich doch alle! Warte mal, da sind ein paar Kirks, drei Scotties,
ein Pille, und klar, jeder dritte hat sich spitze Ohren angeklebt, alle
wollen Spock sein.
"Zeihung, darf ich mal durch?"
Auf der Herren-Toilette zieht er sich zum Medizinmann um und schmiert
sich rote Farbe in Gesicht und Hals, während in der Kabine hinter
ihm ein Schwulen-Rendezvous danebengeht ("Aber Mensch, ich hab
doch schon geweint, Mensch, du weißt doch, wie schwer mir das
fällt, das ist die Hölle, nnn, und ich will dich doch nur
ganz nah bei mir haben, da sag ich dir alles, echt!").
Wir Leser sitzen im Kopf des Schamanen, der in einem langen Monolog
mit seiner Ex redet, sie - wie sein "Zücho" (für
Psycho) wohl sagen würde - abarbeitet, weil sie ihn damals verlassen
hat (und nicht umgekehrt). Eingeschoben in diesen Monolog sind noch
zwei andere Stimmen: Gespräche vor allem der Leibwächter um
ihn herum (er beteiligt sich kaum, und wenn, dann ziemlich geheimnisvoll,
etwa mit "Naame kiraa naa, wai haa di ee"*) und dann der in
die Stretch-Limousine eingebaute Fernseher, der sein Begleitprogramm
zur Bombendrohung sendet:
"Ank-ßt, Meidahmuntern, Angst haben wir
alle, Hand aufs Herz: Haben Sie Ihre Hamsterkäufe erledigt? Das
war Ank-ßt ...
Und mein Team und ich, wir haben uns gesagt, Ank-ßt schön
und gut, aber das rreicht nicht, wir brauchen mehr."
Ach, und erst die Kandidaten in dieser Wer-hat-die-größte-Angst-Show.
Ausgesprochen siegverdächtig ist der dreizehnjährige Mario,
kommentiert von den Leibwächtern:
"Mann, der ist gut, der macht sich echt in die
Hose."
Vorm Ozonloch, und Anxas mich Aliens mit Rübenköpfen abholn
und so Experimente machen, und daß ich nie Sex krieg, Anx vor
Atomkraftwerken, Mathearbeit, und daß ich scheiße ausseh,
Anxas meine Pickel nicht mehr aufhören, und daß mich die
Skins in meiner Klasse klatschen, u-und
"Oah, ich mein, wenn der perfekt wäre, würde er überhaupt
kein Wort rausbringen. Verstehst du?"
"Das ist mir jetzt zu esoterisch, Mann."
In einem Tunnel geraten sie in eine Terroristenfalle, die Leibwächter
funken ihren - übrigens weiblichen - Chauffeur Dschinni an, sogar
ihre Zentrale, springen mit gezogenen Pistolen hinter die halboffene
Wagentür, und dann ist das Ganze doch wieder nur eine Trekkie-Party,
woraufhin wieder ein dreistimmiger Dialog einsetzt:
"Do you have TV in reservation, Rothaut?"
"Junger Mann, kommen Sie ihm nicht zu nahe!"
"Oha, oha, n hohes Tier, was? Pff - ein Arsch ist der!"
War der Weg nicht lang genug, der Pfad, alles? Natürlich, meine
Jahre im Dreck: nichts als Abhärtung, ein steiniger Rückzug,
aber:
"In rreservation, many of my brrotherrs and sisterrs sufferr frrom
yourr TV-Soaps. Betterr brring me out herre to Drehbusch."
"Okay, Chief, but this name was not very, äh ..."
"Drehbusch?! Ey, hört mal, die sind von der Regierung!!"
"Kann nicht wahr sein! Der Senat traut sich hier rein!"
"Die alles verbockt haben!"
"Die Regierung! Weitersagen! Kommt alle mal her!"
"Leisten sich auf unsere Steuergelder einen eigenen Indianer!"
"Chief, this direction, please, keep bewtween us. Rückzug,
Jungs!"
"Wenn mir nit aufpasse, haue die ab!"
"Laßt sie nicht weg! Allen Bescheid sagen! Roter Alarm!"
"Meeep-meeep-meeep!"
"Oh mei, halt die Gosch'n!"
"Traktorstrahl, Alder! Das wär's doch jetzt."
Irgendwann, auf der nächsten Massen-Party in einem Parkhaus, erschießt
einer der Leibwächter dann doch einen falschen Spock, weil er sich
von dessen Plastik-Phaser bedroht fühlte, ist darüber einigermaßen
verstört und wird vom Schamanen daraufhin zum Krieger ernannt (während
weiter die Limo-Glotze plappert und die Auseinandersetzung mit der Ex
noch immer nicht beendet ist):
Bbitte jetzt den Auszug
vorlesen, Frau Krüscher, die Johannes-Offenbarung, Meidahmuntern,
Sie erinnern sich vielleicht, Reli, Reli hieß
das bei uns an der Penne, und wir haben dem Pastor hinten auf die Klapptafel
Ppenisse gemalt, tja,
Du wirst in mir einen Gegner haben. Verräterin.
"W-What do you ...?"
"Warriorr."
Sie alle kennen den Anlaß. Während
wir auf das neue Video von NOX IRAE warten, eine Einstimmung mit den
Schalen des Zorns
"Mann! Chef! Für unseren Heiler bist
du'n Krieger, 'n Warrior!"
"Oah, der hat dich in seinen Stamm aufgenommen!"
Schließlich doch noch am Ziel angekommen, einem U-Bahn-Schacht
in Partydeko, reißt sich der falsche Schamane in einem Akt der
Selbstbefreiung das Hemd auf, die Leute stellen fest: "So unten
rum ist er aber gar nicht rot ...", johlen, Kameras blitzlichtern,
Drehbusch präsentiert immer noch tapfer den halbentkleideten "Heiler",
und dann ist mit einem "Danke, Regina" die Geschichte zu Ende.
Klar: Dieser Schluß entspricht weder dem rasenden Fahrt- und Sprachtempo
der einhunderteinunsiebzig Seiten vorher noch dem wie in einem Fellini-Film
bis dahin aufgebauten Spannungsbogen. Aber man nimmt es hin, daß
dieser Roman - so der Umschlag; aber was heißt hier: Roman (ein
Roman müßte nun wirklich ein Ende haben) - diese lange Erzählung
so enden muß, weil der durchfahrene Wahnsinn natürlich nicht
mit einem, wie es so schön falsch heißt, "reinigenden
Gewitter" oder sonst einem Großereignis zu Ende geht, ja
überhaupt nicht zu Ende ist, sondern munter weiterläuft -
und zwar gar nicht virtuell, sondern in Echtzeit. Tagtäglich. An
seinem Ende ist allenfalls der Held der Erzählung.
Die Beschleunigung, den Medien- und Event-Irrsinn einer aus den Fugen
geratenen Zeit hat Marcus Jensen in eine schmiegsame, vielstimmige,
erfindungsreiche und unverwechselbare Sprache eingefangen und in ein
literarisches Kunstwerk eigener Art komponiert. Und das besonders Erfreuliche
daran ist: Dieser Debut-Autor hat es offenbar nicht nötig, uns
seine empfindlichen Innereien auszubreiten, er ist vielmehr gelassen
und ausdrucksfähig in der Lage, einen schier objektiven Lagebericht
dieser Gesellschaft vorzulegen, der sich bei aller zeitgeschichtlichen
Relevanz auch noch spannend liest, atemberaubend wie eine Achterbahnfahrt.
Man darf, man sollte auf seinen nächsten Wurf gespannt sein.
*solche sicher tiefsinnigen Weisheiten bleiben unübersetzt.
Alexandra Simon
Marcus Jensen
Red Rain
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1999
13 x 21 Zentimeter, 172 Seiten
DM 29,80, öS 218, sFr 27,50
Ihr
Kommentar
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