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"Dieser befremdliche Zeittotschlag"
Zwei kürzere Auszüge aus diesem Brief von
Nicolò Machiavelli standen schon einmal in Der Gazette (im November
1999),
und gleich darauf beschwerten sich einige Leser darüber, daß
sie nicht den ganzen Brief bekamen. Hier ist er nun, in voller Länge
und in genauerer Übersetzung.
Es ist ein Brief des Verbannten an seinen Freund Francesco Vettori,
den Florentiner Botschafter in Rom. Machiavelli beschreibt darin den
eher komischen Tagesablauf seines erzwungenen Landlebens, bevor er abends,
"passend gekleidet", zur Lektüre der "Großen"
kommt. Vor allem aber: Machiavelli istim Dezember 1513 schon seit einem
Jahr arbeitslos, und gegen Ende liest sich der Brief geradezu als Bewerbung
um eine neue politische Tätigkeit.
10. Dezember 1513
Erlauchter Herr Gesandter!
"Tarde non furon mai grazie divine" [Nie kam göttliche
Gnade zu spät, aus: Petrarca, Trionfo della divinità], möchte
ich sagen, weil ich schon glauben mußte, ich sei bei Euer Gnaden
wenn nicht in die Acht, doch in Vergessenheit geraten, nachdem Ihr mir
so lange nicht geschrieben. Den Grund dafür konnte ich mir nicht
denken. Alle möglichen Gründe schienen mir harmlos bis auf
den: Ihr möchtet das Schreiben unterlassen haben, weil man Euch
gesteckt habe, ich sei zu sorglos mit Euren Briefen umgegangen, indeß
ich mir doch gewiß war, daß durch mein Zutun niemand außer
Filippo [ein gemeinsamer Freund] und Paolo [Francesco Vettoris Bruder]
sie gesehen hatte. Nun bin ich beruhigt durch Euren letzten vom 23.
verflossenen Monats, aus dem ich mit größtem Vergnügen
ersehe, wie ungestört und gelassen Ihr Euer Amt verseht. Ich ermahne
Euch, es weiterhin so zu halten, denn wer seine Bequemlichkeit einmal
für die von Anderen aufgibt, verliert sie am Ende ganz, ohne daß
man ihm für seine Mühe Dank weiß. Da Fortuna alles selber
tun will, muß man sie machen lassen, ruhig bleiben, ihr nicht
lästig werden und abwarten, bis sie uns Menschen etwas tun läßt.
Dann ist es an der Zeit, mehr Mühe aufzuwenden und stärker
in den Lauf der Dinge einzugreifen - und für mich, mein Landhaus
zu verlassen und zu sagen: Hier bin ich. Deswegen kann ich, um es Eurer
Güte gleichzutun, in meinem heutigen Brief nur schildern, was für
ein Leben ich meinerseits führe.
Meint Ihr, daß es einen Tausch mit dem Eurigen wert wäre,
so würde ich es nur zu gerne ändern.
Ich wohne also auf dem Lande und bin, seitdem sich diese letzten Dinge
mit mir abspielten, alles zusammengerechnet nicht zwanzig Tage in Florenz
gewesen. Ich habe bis jetzt eigenhändig den Drosselfang betrieben,
stand vor Tage auf, legte meine Leimruten und ging dann los mit einer
solchen Ladung von Käfigen, daß ich aussah wie Geta, wenn
er mit Amphitryons Büchern vom Hafen zurückkommt [Zitat aus
einer französischen Fassung des "Amphitryon" von Plautus],
und gefangen habe ich mindestens zwei, aber höchstens sechs von
diesen Drosseln. So ging's den ganzen September über, und als dieser
befremdliche Zeittotschlag zu Ende war, habe ich ihm sogar nachgetrauert.
Nun hört, wie ich's seitdem treibe.
Ich stehe mit der Sonne auf und begebe mich in ein Wäldchen, das
ich ausholzen lasse. Dort verbringe ich zwei Stunden, indem ich die
Arbeiten des vorigen Tages nachsehe und mir die Zeit mit den Holzhauern
vertreibe, die immer ihre Späße mit den Nachbarn oder untereinander
haben. Und über dieses Wäldchen könnte ich Euch tausend
hübsche Sachen erzählen, wie sie mir von Frosino da Panzano
und anderen passiert sind, die etwas von meinem Holz haben wollten.
Zum Beispiel ließ Frosino einige Klafter abholen, ohne mir etwas
zu sagen, und beim Bezahlen wollte er mir zehn Lire abziehen, die ich
angeblich vor vier Jahren beim Criccaspiel bei Antonio Guicciardini
an ihn verloren hatte. Ich fing einen Höllenkrach an, wollte den
Fuhrknecht, der das Holz geholt hatte, als Dieb verklagen, bis sich
Giovanni Machiavelli ins Mittel schlug und uns verglich. Battista Guicciardini,
Filippo Ginori, Tommaso del Bene und einige andere aus der Stadt wollten,
als die Tramontana einsetzte, jeder einen Klafter von mir. Ich versprach
ihn allen und schickte einen zu Tommaso, von dem aber nur die Hälfte
in Florenz ankam, denn zum Aufladen waren er, seine Frau, seine Magd
und die Kinder gekommen, so daß es zuging, wie wenn der Metzger
Gaburro am Donnerstag mit seinen Burschen einen Ochsen schlachtete.
Als ich sah, daß so nichts zu gewinnen war, sagte ich den anderen,
daß ich kein Holz mehr hätte. Das haben sie mir alle gewaltig
übelgenommen, vor allem Battista, der das unter die übrigen
Staatskatastrophen rechnet.
Von meinem Wäldchen aus gehe ich zu einer Quelle und weiter zu
einem meiner Vogelherde, ein Buch in der Tasche, Dante oder Petrarca
oder eines von den kleineren Dichtern, Tibull, Ovid oder so. Ich lese
von ihren Liebesleiden und -freuden, erinnere mich der eigenen und ergötze
mich eine Weile mit solchen Gedanken. Dann aber kehre ich zur Straße
zurück in ein Wirtshaus, rede mit denen, die da vorbeikommen, frage
nach Neuigkeiten aus ihrer Gegend, erfahre alles Mögliche und lerne,
wie verschieden die Ansichten und Einbildungen der Menschen sind. Unterdessen
wird es Essenszeit, wo ich dann mit meinem häuslichen Verein das
verzehre, was mein armseliges Gütchen und mein geringes Erbteil
erbringen. Hab ich gegessen, gehe ich zurück ins Wirtshaus, wo
der Wirt und gewöhnlich ein Metzger, ein Müller und zwei Ziegelbrenner
anzutreffen sind. Mit denen spiele ich hingegeben Cricca oder Trictrac,
was zu unendlichen Streitereien und Beleidigungen führt, und wenn
es auch meist nur um einen Quattrino geht, so hört man uns doch
mindestens bis San Crasciano brüllen. So tief gesunken, hebe ich
den Kopf aus dem Staub und schütte mein Herz aus über die
Niedertracht meines Schicksals, dem ich mich zufrieden zeige mit der
Art, wie es mich niedertritt. Denn ich ich will doch sehen, ob es sich
dessen nicht schämt.
Ist es Abend geworden, gehe ich nach Hause und kehre in mein Arbeitszimmer
ein. An der Schwelle werfe ich das schmutzige, schmierige Alltagsgewand
ab, ziehe mir eine königliche Hoftracht an und betrete, passend
gekleidet, die Hallen der Großen des Altertums. Ich werde von
ihnen liebevoll aufgenommen, und hier nehme ich die Nahrung zu mir,
die allein mir angemessen ist und für die ich geboren bin. Hier
darf ich ohne Scheu mit ihnen reden, sie nach den Beweggründen
ihres Handelns fragen, und menschenwürdig antworten sie mir. Vier
Stunden lang werde ich dessen nicht müde, vergesse allen Kummer,
fürchte die Armut nicht mehr und fürchte mich nicht vor dem
Tod, so ganz fühle ich mich unter sie versetzt. Und weil Dante
sagt, es gibt keine Wissenschaft ohne Bewahrung des Durchdachten, habe
ich die Essenz von dem, was ich durch die Gespräche mit ihnen gelernt
habe, niedergeschrieben und ein kleines Werk "De principatibus"
verfaßt, in dem ich so tiefgründig, wie es mir möglich
ist, dieses Thema auslote und darlege, was ein Fürstentum ist,
in welchen Formen es sie gibt, wie man sie erwirbt, wie man sie erhält,
warum man sie verlieren kann. Wenn Euch je eine meiner Grillen gefiel,
dürfte Euch diese nicht mißfallen. Einem Fürsten, besonders
einem neuen Fürsten, möchte sie willkommen sein, und deshalb
ist sie an die Adresse Seiner Durchlaucht Giulianos gerichtet. Filippo
Casavecchia hat sie gesehen, und er könnte Euch Einzelheiten und
die ganze Anlage erläutern, wie auch über unsere Diskussionen
berichten. Ich bin noch immer dabei, zu erweitern und auszufeilen.
Erlauchter Herr Gesandter, Ihr wünscht, daß ich dieses Leben
hier ausgebe und komme, um mich mit Euch des eurigen zu erfreuen. Ich
tue es ganz bestimmt, doch halten mich noch einige Geschäfte auf,
die in sechs Wochen erledigt sein werden. Zweifel macht mir noch immer
der Umstand, daß es dort jene Soderinis gibt, die ich wohl besuchen
und mit denen ich sprechen müßte. Ich habe gewisse Zweifel,
ob ich bei der Rückkehr statt in meinem Haus anzukommen, nicht
im Bargello [im Stadtgefängnis] lande. Denn wenn auch diese Regierung
auf breitester Grundlage hervorragend abgesichert ist, so ist sie doch
neu und deshalb voll Argwohn, und es gibt vorlaute Leute, die, um wie
Pagolo Bertini auftreten zu können, andere die Zeche würden
bezahlen lassen und mir das Nachdenken überließen. Bitte
nehmt mir diese Sorge, dann werde ich Euch nach der besagten Frist ganz
sicher besuchen.
Ich habe mit Filippo darüber gesprochen, ob es richtig sei, mein
kleines Werk zu widmen oder nicht, und ob es im ersten Fall richtig
sei, es selbst zu überreichen oder es Euch anzuvertrauen. Wenn
ich es nicht widme, wird es, so fürchte ich, von Giuliano nicht
gelesen, aber mindestens von einem anderen, und dann könnte jener
Ardinghelli die Ehre dieser meiner jüngsten Mühe einheimsen.
Die Widmung ist auch im Hinblick auf meine Notlage geboten, denn ich
zehre mich auf, und lange kann ich nicht mehr durchhalten, ohne aus
Armut verachtenswert zu werden. Ich wünschte sehr, diese Herren
Medici würden mir eine Aufgabe geben, und wäre es anfangs
nur, um einen Felsen zu wälzen. Wenn ich sie dann nicht von mir
überzeugen kann, wäre es meine Sache. Nach der Lektüre
meiner kleinen Schrift wird man überzeugt sein, daß ich meine
fünfzehn Jahre Studium der Staatskunst nicht verträumt noch
vertrödelt habe, und einen Mann, der seine Erfahrungen bei anderen
gemacht hat, sollte man doch überall gern zum Dienst heranziehen.
An meiner Treue ist kein Zweifel erlaubt; da ich immer die Treue gehalten
habe, kann ich jetzt nicht mehr lernen, sie zu brechen; wer die 43 Jahre,
die ich alt bin, immer treu und redlich war, kann seine Natur wohl nicht
mehr ändern, und schließlich zeugt für meine Treue und
Redlichkeit meine Armut.
Schreibt mir doch, wie Ihr über das alles denkt.
Ich empfehle mich Euch.
Sis felix.
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