Nr. 27, August 2000

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"Dieser befremdliche Zeittotschlag"

Zwei kürzere Auszüge aus diesem Brief von Nicolò Machiavelli standen schon einmal in Der Gazette (im November 1999), und gleich darauf beschwerten sich einige Leser darüber, daß sie nicht den ganzen Brief bekamen. Hier ist er nun, in voller Länge und in genauerer Übersetzung.
Es ist ein Brief des Verbannten an seinen Freund Francesco Vettori, den Florentiner Botschafter in Rom. Machiavelli beschreibt darin den eher komischen Tagesablauf seines erzwungenen Landlebens, bevor er abends, "passend gekleidet", zur Lektüre der "Großen" kommt. Vor allem aber: Machiavelli istim Dezember 1513 schon seit einem Jahr arbeitslos, und gegen Ende liest sich der Brief geradezu als Bewerbung um eine neue politische Tätigke
it.


10. Dezember 1513

Erlauchter Herr Gesandter!

"Tarde non furon mai grazie divine" [Nie kam göttliche Gnade zu spät, aus: Petrarca, Trionfo della divinità], möchte ich sagen, weil ich schon glauben mußte, ich sei bei Euer Gnaden wenn nicht in die Acht, doch in Vergessenheit geraten, nachdem Ihr mir so lange nicht geschrieben. Den Grund dafür konnte ich mir nicht denken. Alle möglichen Gründe schienen mir harmlos bis auf den: Ihr möchtet das Schreiben unterlassen haben, weil man Euch gesteckt habe, ich sei zu sorglos mit Euren Briefen umgegangen, indeß ich mir doch gewiß war, daß durch mein Zutun niemand außer Filippo [ein gemeinsamer Freund] und Paolo [Francesco Vettoris Bruder] sie gesehen hatte. Nun bin ich beruhigt durch Euren letzten vom 23. verflossenen Monats, aus dem ich mit größtem Vergnügen ersehe, wie ungestört und gelassen Ihr Euer Amt verseht. Ich ermahne Euch, es weiterhin so zu halten, denn wer seine Bequemlichkeit einmal für die von Anderen aufgibt, verliert sie am Ende ganz, ohne daß man ihm für seine Mühe Dank weiß. Da Fortuna alles selber tun will, muß man sie machen lassen, ruhig bleiben, ihr nicht lästig werden und abwarten, bis sie uns Menschen etwas tun läßt. Dann ist es an der Zeit, mehr Mühe aufzuwenden und stärker in den Lauf der Dinge einzugreifen - und für mich, mein Landhaus zu verlassen und zu sagen: Hier bin ich. Deswegen kann ich, um es Eurer Güte gleichzutun, in meinem heutigen Brief nur schildern, was für ein Leben ich meinerseits führe.
Meint Ihr, daß es einen Tausch mit dem Eurigen wert wäre, so würde ich es nur zu gerne ändern.
Ich wohne also auf dem Lande und bin, seitdem sich diese letzten Dinge mit mir abspielten, alles zusammengerechnet nicht zwanzig Tage in Florenz gewesen. Ich habe bis jetzt eigenhändig den Drosselfang betrieben, stand vor Tage auf, legte meine Leimruten und ging dann los mit einer solchen Ladung von Käfigen, daß ich aussah wie Geta, wenn er mit Amphitryons Büchern vom Hafen zurückkommt [Zitat aus einer französischen Fassung des "Amphitryon" von Plautus], und gefangen habe ich mindestens zwei, aber höchstens sechs von diesen Drosseln. So ging's den ganzen September über, und als dieser befremdliche Zeittotschlag zu Ende war, habe ich ihm sogar nachgetrauert. Nun hört, wie ich's seitdem treibe.
Ich stehe mit der Sonne auf und begebe mich in ein Wäldchen, das ich ausholzen lasse. Dort verbringe ich zwei Stunden, indem ich die Arbeiten des vorigen Tages nachsehe und mir die Zeit mit den Holzhauern vertreibe, die immer ihre Späße mit den Nachbarn oder untereinander haben. Und über dieses Wäldchen könnte ich Euch tausend hübsche Sachen erzählen, wie sie mir von Frosino da Panzano und anderen passiert sind, die etwas von meinem Holz haben wollten. Zum Beispiel ließ Frosino einige Klafter abholen, ohne mir etwas zu sagen, und beim Bezahlen wollte er mir zehn Lire abziehen, die ich angeblich vor vier Jahren beim Criccaspiel bei Antonio Guicciardini an ihn verloren hatte. Ich fing einen Höllenkrach an, wollte den Fuhrknecht, der das Holz geholt hatte, als Dieb verklagen, bis sich Giovanni Machiavelli ins Mittel schlug und uns verglich. Battista Guicciardini, Filippo Ginori, Tommaso del Bene und einige andere aus der Stadt wollten, als die Tramontana einsetzte, jeder einen Klafter von mir. Ich versprach ihn allen und schickte einen zu Tommaso, von dem aber nur die Hälfte in Florenz ankam, denn zum Aufladen waren er, seine Frau, seine Magd und die Kinder gekommen, so daß es zuging, wie wenn der Metzger Gaburro am Donnerstag mit seinen Burschen einen Ochsen schlachtete. Als ich sah, daß so nichts zu gewinnen war, sagte ich den anderen, daß ich kein Holz mehr hätte. Das haben sie mir alle gewaltig übelgenommen, vor allem Battista, der das unter die übrigen Staatskatastrophen rechnet.
Von meinem Wäldchen aus gehe ich zu einer Quelle und weiter zu einem meiner Vogelherde, ein Buch in der Tasche, Dante oder Petrarca oder eines von den kleineren Dichtern, Tibull, Ovid oder so. Ich lese von ihren Liebesleiden und -freuden, erinnere mich der eigenen und ergötze mich eine Weile mit solchen Gedanken. Dann aber kehre ich zur Straße zurück in ein Wirtshaus, rede mit denen, die da vorbeikommen, frage nach Neuigkeiten aus ihrer Gegend, erfahre alles Mögliche und lerne, wie verschieden die Ansichten und Einbildungen der Menschen sind. Unterdessen wird es Essenszeit, wo ich dann mit meinem häuslichen Verein das verzehre, was mein armseliges Gütchen und mein geringes Erbteil erbringen. Hab ich gegessen, gehe ich zurück ins Wirtshaus, wo der Wirt und gewöhnlich ein Metzger, ein Müller und zwei Ziegelbrenner anzutreffen sind. Mit denen spiele ich hingegeben Cricca oder Trictrac, was zu unendlichen Streitereien und Beleidigungen führt, und wenn es auch meist nur um einen Quattrino geht, so hört man uns doch mindestens bis San Crasciano brüllen. So tief gesunken, hebe ich den Kopf aus dem Staub und schütte mein Herz aus über die Niedertracht meines Schicksals, dem ich mich zufrieden zeige mit der Art, wie es mich niedertritt. Denn ich ich will doch sehen, ob es sich dessen nicht schämt.
Ist es Abend geworden, gehe ich nach Hause und kehre in mein Arbeitszimmer ein. An der Schwelle werfe ich das schmutzige, schmierige Alltagsgewand ab, ziehe mir eine königliche Hoftracht an und betrete, passend gekleidet, die Hallen der Großen des Altertums. Ich werde von ihnen liebevoll aufgenommen, und hier nehme ich die Nahrung zu mir, die allein mir angemessen ist und für die ich geboren bin. Hier darf ich ohne Scheu mit ihnen reden, sie nach den Beweggründen ihres Handelns fragen, und menschenwürdig antworten sie mir. Vier Stunden lang werde ich dessen nicht müde, vergesse allen Kummer, fürchte die Armut nicht mehr und fürchte mich nicht vor dem Tod, so ganz fühle ich mich unter sie versetzt. Und weil Dante sagt, es gibt keine Wissenschaft ohne Bewahrung des Durchdachten, habe ich die Essenz von dem, was ich durch die Gespräche mit ihnen gelernt habe, niedergeschrieben und ein kleines Werk "De principatibus" verfaßt, in dem ich so tiefgründig, wie es mir möglich ist, dieses Thema auslote und darlege, was ein Fürstentum ist, in welchen Formen es sie gibt, wie man sie erwirbt, wie man sie erhält, warum man sie verlieren kann. Wenn Euch je eine meiner Grillen gefiel, dürfte Euch diese nicht mißfallen. Einem Fürsten, besonders einem neuen Fürsten, möchte sie willkommen sein, und deshalb ist sie an die Adresse Seiner Durchlaucht Giulianos gerichtet. Filippo Casavecchia hat sie gesehen, und er könnte Euch Einzelheiten und die ganze Anlage erläutern, wie auch über unsere Diskussionen berichten. Ich bin noch immer dabei, zu erweitern und auszufeilen.
Erlauchter Herr Gesandter, Ihr wünscht, daß ich dieses Leben hier ausgebe und komme, um mich mit Euch des eurigen zu erfreuen. Ich tue es ganz bestimmt, doch halten mich noch einige Geschäfte auf, die in sechs Wochen erledigt sein werden. Zweifel macht mir noch immer der Umstand, daß es dort jene Soderinis gibt, die ich wohl besuchen und mit denen ich sprechen müßte. Ich habe gewisse Zweifel, ob ich bei der Rückkehr statt in meinem Haus anzukommen, nicht im Bargello [im Stadtgefängnis] lande. Denn wenn auch diese Regierung auf breitester Grundlage hervorragend abgesichert ist, so ist sie doch neu und deshalb voll Argwohn, und es gibt vorlaute Leute, die, um wie Pagolo Bertini auftreten zu können, andere die Zeche würden bezahlen lassen und mir das Nachdenken überließen. Bitte nehmt mir diese Sorge, dann werde ich Euch nach der besagten Frist ganz sicher besuchen.
Ich habe mit Filippo darüber gesprochen, ob es richtig sei, mein kleines Werk zu widmen oder nicht, und ob es im ersten Fall richtig sei, es selbst zu überreichen oder es Euch anzuvertrauen. Wenn ich es nicht widme, wird es, so fürchte ich, von Giuliano nicht gelesen, aber mindestens von einem anderen, und dann könnte jener Ardinghelli die Ehre dieser meiner jüngsten Mühe einheimsen. Die Widmung ist auch im Hinblick auf meine Notlage geboten, denn ich zehre mich auf, und lange kann ich nicht mehr durchhalten, ohne aus Armut verachtenswert zu werden. Ich wünschte sehr, diese Herren Medici würden mir eine Aufgabe geben, und wäre es anfangs nur, um einen Felsen zu wälzen. Wenn ich sie dann nicht von mir überzeugen kann, wäre es meine Sache. Nach der Lektüre meiner kleinen Schrift wird man überzeugt sein, daß ich meine fünfzehn Jahre Studium der Staatskunst nicht verträumt noch vertrödelt habe, und einen Mann, der seine Erfahrungen bei anderen gemacht hat, sollte man doch überall gern zum Dienst heranziehen. An meiner Treue ist kein Zweifel erlaubt; da ich immer die Treue gehalten habe, kann ich jetzt nicht mehr lernen, sie zu brechen; wer die 43 Jahre, die ich alt bin, immer treu und redlich war, kann seine Natur wohl nicht mehr ändern, und schließlich zeugt für meine Treue und Redlichkeit meine Armut.
Schreibt mir doch, wie Ihr über das alles denkt.
Ich empfehle mich Euch.
Sis felix.

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