Nr. 27, August 2000
 
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 Die Marginalie
 

 

Matthias Falke

Die Leiter

Wir kamen gut voran. Bastian kletterte wie besessen. Micky und Virginia hielten sich dicht hinter ihm. Fedor keuchte. Ich hätte ihn überholen können, hätte das aber nicht fair gefunden. Außerdem gab ich gerne das Schlußlicht, Yasemins schmales Gesäß vor mir, das sich in eleganten Rucken aufwärts schob. Wir stiegen langsam und gleichmäßig, meistenteils schweigend. Viel gab es ja auch nicht zu sagen.

Ab und zu rief ich zu Bastian hinauf, er solle ein bißchen Rücksicht auf die anderen nehmen. Aus irgendwelchen Gründen, die ich mir selbst kaum hätte formulieren können, war es mir nicht recht, daß sich die Gruppe allzuweit auseinander zog. Die Route zu verfehlen war schlechterdings unmöglich, und solange ich die fahlen Kegel von Bastians und Mickys Lampen über mir um die Sprossen geistern sah, hatte ich keinen konkreten Anlaß zur Nervosität. Dennoch empfand ich die Dunkelheit ringsum als Bedrohung. Die Stille fing an, mich kribbelig zu machen.

Wäre es nicht vollkommen atavistisch gewesen, ich hätte vorschlagen können, zu singen. Im Frühtau zu Berge, oder etwas ähnlich Unvorstellbares. Ich hätte gerne einmal Yasemins Stimme gehört. Mit Sprechen war sie eher zurückhaltend; aber ihr rauchiges Timbre, das gut zu den orientalischen Augen paßte, hätte bestimmt einen verlockenden Alt ergeben.

Bastian hatte sich herabgelassen, eine Pause einzulegen. Er hing lässig am rindigen Schwarz einer Sprosse und mimte Überdruß. Die Pose gelangweilter Gewachsenheit. Er gehörte zu den Leuten, die an ihrer Kraft und Überlegenheit zu ersticken drohen und sich darin selbst zur größten und einzigen Behinderung werden. Die Kometenspur einer Zigarettenkippe segelte an mir vorbei. Ich rief hinauf. Wir kommen gut voran, meinte er; trotzdem kein Grund zum Trödeln.

Fedor war erschöpft. Ich ließ ihm von Yasemin meine Feldflasche hinaufreichen und bot an, ihm das Gepäck abzunehmen, was er ablehnte. Immerhin schlug er vor, uns vorbeizulassen, was ich aber nicht in Frage kommen lassen wollte. Bastian hätte noch mehr Tempo gemacht, und er wäre bald abgeschlagen gewesen. Hunderte von Metern unter uns in dunkler Einsamkeit. Micky und Virginia knutschten herum und schienen sich um den Rest der Mannschaft wenig zu kümmern. Sie waren sich selbst genug. Yasemin strich das Haar aus der Stirn. Ihr Blick war grundsätzlich auf Unendlich fokussiert. Irgendwann stiegen wir weiter.

Fedor konnte nicht mehr. Er hing zwischen zwei Streben und schnaufte und tat sonst nichts mehr. Ich drängte mich an Yasemin vorbei, die wortlos innehielt. Ich mußte mich an ihrer Hüfte entlangschieben und hätte so gern das Gesicht in ihren Schoß gewühlt. Sie stand bewegungslos da und sah auf ihre dunkle sehnige Hand. Ich stieg zu Fedor und nötigte ihn, Wasser zu trinken. Er stank nach Alkohol. Ich öffnete sein Hemd, da er viel zu dick angezogen war, und nahm ihm den Rucksack ab. In einer Seitentasche fand ich die Flasche. Ich warf sie in die Tiefe, wo sie echolos in der Nacht verschwand. Beim Weitersteigen blieb ich dicht hinter ihm. Yasemin folgte gewandt und stumm.

Wie weit sind wir, rief ich nach oben, zu den entfernten Lichtkegeln. Der Voraustrupp stoppte und ließ uns aufschließen. Bastian hantierte mit den Geräten. Auch ich hatte eine Anzeige am Handgelenk und konnte seine Messung bestätigen. Wir waren genau in der Mitte. Micky und Virginia hatten nur Augen füreinander. Fedor schien sich etwas zu erholen. Wir hätten uns eigentlich eine Rast verdient, aber Bastian mahnte zum Aufbruch. Als ich an meinen Stiefeln vorbei zu Yasemin hinuntersah und fragte, ob sie okay sei, bejahte sie mit gleichmütigem Nicken, und während der nächsten schweigenden Stunden bildete ich mir allmählich ein, sie habe gelächelt dabei.

Fedors Rucksack war schwerer als mein eigener. Ich hatte die beiden Tornister zusammengeschnürt und sie mir übergeworfen. Ein Gurt, der schräg über meine Brust lief, sicherte die doppelte Last, die etwa einen halben Zentner betrug und mich ständig nach hinten zu ziehen drohte. Der senkrechte Aufstieg war beschwerlich. Immer wieder mußte ich den Bewegungsablauf ändern, um nicht zu verkrampfen. Dennoch war es unvermeidlich, daß ich in eine Art monotoner Apathie geriet. Der gleichmäßige Rhythmus stumpft die Selbstwahrnehmung ab und verödet jede Empfindung für Zeit und Raum. Unmöglich zu sagen, wie lange wir seit der letzten kurzen Pause wieder unterwegs waren. Vollends ausgeschlossen war es, mich an den Aufbruch zu erinnern. Im manischen Verfolg von Fedors Keuchen, das sich regelmäßig über mir befand und das, zusammen mit Yasemins feinerem Atem in gemessenem Abstand unter mir, den Horizont meiner Welt ausmachte, begann ich mich zu fragen, ob wir überhaupt jemals aufgebrochen waren. Eigentlich stiegen wir schon immer so hintereinander her.

Der Blick nach dem Handgelenk warf keinen Erkenntnisgewinn ab. Wenn ich es mir lange genug einbildete, konnte ich in weiter Entfernung einen orangeroten Streifen ausmachen, eine Ahnung wolkigen Frühlichts, die sich, hätte man sie einige Wochen lang fixiert, vielleicht zu einem Sonnenaufgang verdichtet hätte. So fehlte jeder Ansatz zu derartiger Kristallisation. Die Hoffnung blieb unkonkret.

Irgendwann fiel mir, ohne daß ich das Gefühl gehabt hätte, die eigenen Anstrengungen zu forcieren, auf, daß das Feld wieder zusammenrückte. Fedor, der sich verbissen überwand, hatte fast zu Micky aufgeschlossen, der seinerseits unmittelbar an Virginia klebte. Und auch Bastian war in Rufweite, fast im Bereich mimischer Mitteilung. Wir kommen gut voran, meinte er. Yasemin ging ihn um eine Zigarette an, die von einem zum anderen durchgereicht wurde. Feuer hatte sie selber, ich konnte mein Zeug wieder wegstecken. Dann stand ich im Genuß des Rauches, der einmal ihre Lippen berührt hatte.

Einstweilen überprüfte ich Bastians Messungen. Er hatte Recht. Wir waren jetzt genau in der Mitte. Ich genehmigte mir einen Schluck aus der Feldflasche, auch wenn das Wasser abgestanden war und nach Fedors rülpsigem Speichel schmeckte. Beim Weitersteigen verzichtete ich darauf, nach Yasemin zu sehen.

Die Sprossen folgten einander in einer Regelmäßigkeit, deren Langeweile nicht zu überbieten war. Dreißig Zentimeter. Das Metall war schwarz und stark korrodiert. Rost splitterte ab. Schorfige Partikel lösten sich. Anfangs war ich in Handschuhen geklettert, die ich später aber auszog, da ich zu wenig Gefühl in ihnen hatte. Das Eisen war nicht sehr kalt. Und obwohl mir das poröse Material die Handflächen zerschnitt, stieg ich mit bloßen Händen weiter. Fast entwickelte ich eine Art Sympathie, eine langdauernde Vertrautheit zu der dunklen Monotonie des Metalls, die sich nach oben und unten im Nichts verlor. Rechter Arm, linkes Bein, linker Arm, rechtes Bein, links rechts, Arm Bein. Fünfzig Sprossen, dann hielt ich an und hängte die Unterarme von hinten in eine Querstrebe ein. Klammergriff eines Faultiers, um zu verhindern, daß die Muskulatur verkrampfte. Bei jeder fünften Pause dieser Art gönnte ich mir eine längere Erholung, trank einen Schluck des fauligen Wassers oder aß ein paar Krümel, die ich aus einer meiner Taschen hervorschüttelte. Jeder hatte seinen eigenen Stil herausgebildet, insgesamt bewegte sich die Gruppe aber erstaunlich kohärent. Größere Abstände ergaben sich kaum noch.

Er war etwa dreißig Sprossen über mir, als es geschah, rund zehn Meter also. Und obwohl ich die Hand ausstreckte, war mein Instinkt klüger und ließ mich gleichzeitig den Oberkörper einziehen. Ich duckte mich reflexhaft und verurteilte so den hinausgeschleuderten Arm zu Wirkungslosigkeit. Ohnehin hätte ich ihn natürlich nicht halten können, einen Mann von zwei Zentnern. Fedor stieß ein paar Mal an der Leiter an und verschwand in der Schwärze unter unseren Füßen, ein lautloser Wirbel von Gliedmaßen. Ich hatte zuletzt nicht mehr auf ihn achtgegeben, seine Erschöpfung aber augenscheinlich unterschätzt. Übrigens sagte niemand ein Wort, und nach einem kurzen Innehalten setzte die Mannschaft ihren Aufstieg fort.

In seiner Stimme schwang kein Triumph, aber doch Genugtuung, als er zu uns herunterrief, wir hätten jetzt exakt die Hälfte des Weges. Als wäre damit irgendeine Zäsur, eine Etappe auf dem Weg durch die Dunkelheit erreicht, blieb Bastian sitzen und wartete, bis wir uns dicht um ihn zusammenscharten. Für ein Resumée sei es noch zu früh, meinte er, aber wir hätten uns jetzt doch eine Position erkämpft, die eine gewisse Übersicht ermögliche, gleich weit entfernt von Anfang und Ende, von Himmel und Erde gewissermaßen. Er befragte einen nach dem anderen nach Zustand und Optimismus, spendierte Yasemin eine Zigarette und verbreitete Tüchtigkeit. Micky und Virginia hatten sich nebeneinander in eine Sprosse eingehakt, ein Geflecht von Schenkeln und guter Laune. Virginia verteilte Kuchen und andere Süßigkeiten. Micky entkorkte eine Flasche Sekt. Der Pfropfen kreuzte die Kegel unserer Lampen und schnitt sich mit der Unendlichkeit.

Ein Zählzwang begleitete mich, ein manisches Herunterspulen der Dezimalen. Dennoch war es natürlich nur ein Ausschnitt aus dem Gesamt der Sprossenschar, da ich ja nicht von Anfang an gezählt hatte. Nach einigen tausend Griffen wurde ich den Dämon wieder los. Yasemin hatte in die Spitze gewechselt. Sie stieg jetzt mit Bastian, oft sogar vor ihm, so daß wir von ihrer stummen Sehnsucht geführt wurden. Überhaupt schien Bastian der Streberschaft müde. Er ließ sich zurückfallen und gesellte sich zu mir. Knapp hintereinander an unseren Ellbogen hängend, die starren Hände, schwarz von Blut und Rost, krallten die Leere jenseits der letzten Sprosse, tauschten wir Anekdotisches. Wir hatten mehr gemeinsam, als mir erst hatte scheinen wollen. Nicht zuletzt den verzweifelten Blick zu Yasemins enger Jeans, die hoch über uns dahinstieg.

Trotz allem war ich verblüfft, und auch auf sonderbare Weise enttäuscht. Ich hatte zu jemandem aufgesehen, den ich mir überlegen dachte und dem überhaupt folgen zu können, mich mit kurzatmigem Stolz erfüllte. Als er verkündete, er kehre um, löste sich wieder ein Idol in mir auf. Vielleicht begriff ich damals schon von Ungefähr, daß ich eines Tages mein eigenes Leitbild werden müsse. Er wandelte ein letzte Zigarette in flockigen Duft um und reichte den Rest des Päckchens an Yasemin weiter, die etliche Meter wieder herabgestiegen kommen mußte, um das melancholische Präsent entgegen zu nehmen. Wir sind jetzt grade mal in der Mitte, sagte er müde, ich habe nicht mehr die Kraft, dem Tasten meiner Lampe hinterherzusteigen. Auf der Sprosse, auf der er gerade angekommen war, drehte er sich um und kletterte kopfüber, in der anderen Richtung davon. Eine Weile sah man noch den dämmrigen Lichtschein. Dann verlor er sich unter uns in der Dunkelheit.

Wir gingen weiter, selbviert, das Liebespärchen in der Mitte. Virginias Leidenschaft schien durch die absurde Tätigkeit immer noch mehr angestachelt zu werden. Immer öfter legten die beiden Pausen ein, umklammerten einander um die Kühle des zerfressenen Metalls herum, wühlten gierige Küsse ineinander, deren Wut einem Ertrinkenden zur Ehre gereicht hätte. Auch mir reichte es bald, drei Sprossen unter dem unüberwindlichen Geschmatze, und ich sah mit doppelter Sehnsucht zu Yasemin hinauf, die jenseits der atemlosen Paarung weiterkletterte. Bei einer dieser allfälligen Rasten öffnete Virginia die Bluse. Ihre Brüste strömten heraus, Mickys schmachtender Liebkosung entgegen. Ich räusperte mich verzagt. Kleidungsstücke segelten an mir vorbei. Ein Stiefel traf mich an der Schulter und polterte weiter ins Nichts. Aus einer Entfernung, die mich nicht gleichgültig lassen konnte, verfolgte ich, wie die beiden einander aus den letzten Hüllen zerrten und zu eifriger Kopulation ansetzten. Ich bat, mich vorbeizulassen. Im letzten Innehalten erklärten sie, sie wollten hier zurückbleiben. Ich schob mich vorbei. Virginias Arme waren kühl. Noch nie hatte ich diese Tiefe in ihren Augen gesehen. Als ich mich noch einmal umsah, saßen die beiden ineinander wie auf einer Schaukel, deren Seile im Unendlichen befestigt sind. Eine Insel warmen Lichts, die in allen Farben der Nacktheit schimmert.

Es gelang mir noch einmal, Yasemin einzuholen. Sie hockte rittlings auf einer Sprosse und rauchte. Ich überlegte, ob sie schon die ganze Zeit kein Gepäck gehabt hatte. Willst du weitergehen, fragte ich. Es ist sinnlos, sagte sie, aufzuhören oder umzukehren. Ich klemmte den Unterarm rückwärts um die Strebe und sah nach dem Meßgerät. Sie hatte recht. Trotzdem wußte ich nicht, ob in ihrem Lächeln Sympathie oder Herablassung spielte.

Dreißig Zentimeter. Rechter Arm, linkes Bein. Nach fünfzig Sprossen hänge ich an meinen Armen, an den Schmerzen der Erschöpfung festgenagelt, und versuche die schwarzen Klumpen zu bewegen, die einmal meine Hände waren. Ich habe Fedors Rucksack durchsucht und ein paar Utensilien herausgenommen, die ich vielleicht noch brauchen kann. Ein Feuerzeug, ein Taschenmesser, etwas Proviant. Den Rest habe ich in den Abgrund geworfen, wo er ohne Widerstand verschwand. Ich weiß nicht, ob Yasemin über oder unter mir ist. Wir haben einander ein paar Mal überholt, um uns in der Führung abzuwechseln. Aber im Augenblick habe ich kein Bewußtsein davon, ob sie mir voraus ist oder ob sie mir folgt. Es ist auch einerlei. Nachdem sie Bastians Päckchen aufgeraucht hatte, fragte sie mich, ob ich Zigaretten hätte. Aber ich habe nichts, was ich ihr stattdessen bieten könnte. Sie ist wohl voraus, hoch über mir, und indem ich mich nach ihr verzehre, falle ich immer noch weiter zurück. Bei der letzten einsamen Rast nahm ich nochmals eine Messung vor und brachte heraus, daß ich jetzt immerhin die Hälfte des Aufstiegs hinter mir habe. Einstweilen kann ich nur eines tun: langsam weitersteigen.

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