Nr. 27, August 2000

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 Kommentar

 Gastkolumnen

 

 

Elke Pohn

Voi che entrate

Verschwörungstheorien sind oft nicht nur Indiz, sondern auch Folgeerscheinung von Naivität und Blauäugigkeit: Wie da viele wegen des Parteispendenskandals aus allen Wolken fielen: Nanu, so korrupt können Politiker sein, das ganze System also ist durch und durch marode, drum wählen wir von nun an nicht mehr, um es denen mal so richtig zu zeigen ... In Wirklichkeit muß schon recht realitätsfern dahingedümpelt sein, wer von der Affäre überrascht wurde: die ganze Geldwäscherei und die Kungelei und der Filz waren ja von vornherein 'systemimmanent', und abgesehen davon braucht man sich die Staubsaugervertreter-Visagen von CDU/CSU- (und zunehmend auch SPD-)Politikern nur anzuschauen oder die regelmäßigen Presseberichte über 'jüngst Aufgeflogenes' zu lesen , um sich ein gesundes Mißtrauen zu bewahren. Der Staubsaugervertreter-Vergleich ist übrigens ungerecht, sorry, Vorwerk. Der Leser hat sicher einen passenderen parat.
Es gibt Menschen, wahrscheinlich in vielen Ländern, welche Korrumpierbarkeit als Voraussetzung für eine politische Karriere ansehen, und das ist nicht einmal zynisch, sondern ganz pragmatisch gedacht. Aber, bitteschön, nicht dabei erwischen lassen! Das Sich-persönlich-Bereichern oder das Bereichern der jeweiligen Partei (wobei sich beides so leicht nicht voneinander trennen läßt) hat gefälligst so vonstatten zu gehen, daß der Öffentlichkeit peinliche Enthüllungen erspart bleiben; und wer sich da ungeschickt anstellt oder meint, es sei eh schon egal, ist für den Job eben ungeeignet und hat seinen Hut zu nehmen (besser, als sich das Leben zu nehmen, wie einst erwartet wurde). Klare Spielregeln. Man verschone uns mit Erinnerungslücken, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.
Am Thema vorbei geht auch das ständige Lamento um die Qualität des Fernsehens, die 'Spaßkultur' und die Werbeunterbrechungen. Denn hier haben wir es ebenfalls mit systemimmanenten Erscheinungen zu tun, und die Fragen, ob das Publikum wirklich so strunzdumm ist, wie die (schwer zu überprüfenden) Einschaltquoten zu belegen scheinen, oder ob es nicht vielmehr von skrupellosen Medienmachern 'verblödet wird', oder ob beides letztendlich zusammengreift und sich irgendwie gegenseitig bedingt, sind von Verschwörungstheorien nicht weit entfernt. Fact is: Die für die Programme Verantwortlichen können es einfach nicht besser. Schieres Unvermögen hat in den Medien etwa den gleichen Stellenwert wie Korrumpierbarkeit in Politik und Wirtschaft; Mittelmaß ist die entscheidende Voraussetzung für Fernsehkarrieren. Man braucht sich nur einmal in den Redaktionen umzusehen - jedes Fünkchen Talent muß dort zwangsläufig verglühen. In den 'Ideenfabriken' deutscher Comedy-Shows gilt Bananenbiegerhumor als Fachbegriff für den zu erfüllenden Standard - weniger aus schierer Boswilligkeit und Gemeinheit derer, die an ihren Chefsesseln kleben, sondern weil in den meisten TV- Disziplinen (u.a. Soaps, Krimiserien oder von den Privatsendern in Auftrag gegebene Dokumentationen) Qualität weder gewünscht noch erwartet wird und daher zu Recht auch unterdrückt werden darf. Das hat nun unter anderem dazu geführt, daß Autoren, selbst wenn sie die Chance bekommen, beim Fernsehen viel Geld zu verdienen, das Medium verachten, nach Adornos Maxime, daß es kein richtiges Leben im falschen gebe. Und recht haben sie. Nur: Das ändert alles nichts, ebensowenig wie empörte Leserbriefe, daß die einzig sehenswerten Filme fast ausschließlich nach Mitternacht gesendet werden, mehrmals unterbrochen von nackten Damen, die es einem ungebeten mal so richtig am Telefon besorgen wollen. Das ist die Welt, in der wir leben, oder, wie es Phettberg kürzlich treffend formulierte: "Wir sind Zlatko." Vielleicht ist das Publikum gar nicht soo dumm. Aber die Mehrzahl macht einfach alles mit. Wie schön, daß die Bildschirm-Animateure, die zum Mitmachen einladen, selbst so schlicht gestrickt sind. So bleibt alles in der Familie. Cineasten und ähnlich Hochgestochene und Anspruchsvolle bilden nur einen verschwindend geringen Prozentsatz der Gesellschaft; sie bevorzugt zu bedienen, wäre ein schreiendes Unrecht gegenüber der Masse der Dumpfbacken und Simpletons. Außerdem sind sie für die Werbung nur schwer als Zielgruppe zu erfassen. Wer hingegen gerne mitschunkelt, ist, so rechnen die Strategen, auch für Kaufreize anfälliger.
Daß wir überhaupt so ssöne Filme gucken dürfen, verdanken wir in 99 Prozent aller Fälle der Werbung. Der Fernsehgenuß wird keineswegs durch die Werbeblöcke gestört, wie noch immer so mancher Schöngeist annimmt, sondern umgekehrt: Die Werbung wird von dem schmückenden Beiwerk, das sie umgibt, geradezu erdrückt, und diejenigen, welche die ganze Veranstaltung bezahlt haben, erhalten dafür zu wenig Redezeit. Nun wird auch klarer, warum wenigstens die Fernsehsendungen und ausgestrahlten Spielfilme bei den Privaten - man spricht hier zu Recht von `Rahmenprogramm´ - so auf gute Laune und Sensationen getrimmt sind. Probleme haben wir eh schon genug. Kaum einer spannt den Bildschirm auf, um sich hinterher bedripst zu fühlen. Der Kick ist es, der uns dranbleiben läßt. Man macht sich keinen Begriff davon, wie essentiell dieses 'Dranbleiben' eigentlich ist. Denn die für das Medium wesentlichen Botschaften erfahren wir in den Werbepausen. Guid, daß es Guto ... Entschuldigung, gut, daß es beispielsweise Guido Knopp gibt, der erkannt hat, daß sogar das Problematische - wie etwa die deutsche Nazivergangenheit - ganz im Sinne Jenningers als 'Faszinosum' aufbereitet werden kann, so spannend, daß man gar nicht erst zum nächsten Anbieter weiterzappen möchte. Selbst das Holocaustkeulenschwingen darf nicht wehtun und hat verdammt noch mal 'Infotainment' zu sein.
Worauf ich eigentlich hinauswill ist, daß wir uns nicht wundern dürfen (wundert sich noch irgendwer?) über die vielfältigen Strategien, nach dem Ende des Kalten Krieges die Wirtschaft in Schwung zu halten und über die Mittel, die diesen Zweck heiligen. Wer vom Fernsehen etwas erwartet, was Politikern längst abhandengekommen ist, altmodische Eigenschaften und Tugenden wie Geschmack, Bildung oder gar einen 'Bildungsauftrag', die Fähigkeit zu oder zumindest das Bedürfnis nach objektiver oder von mir aus streng subjektiver Berichterstattung, gehört zu jenen Hoffnungslosen, denen nur noch Die Gazette Trost spenden kann.

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