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Elke Pohn
Voi che entrate
Verschwörungstheorien sind oft nicht nur Indiz, sondern auch Folgeerscheinung
von Naivität und Blauäugigkeit: Wie da viele wegen des Parteispendenskandals
aus allen Wolken fielen: Nanu, so korrupt können Politiker sein,
das ganze System also ist durch und durch marode, drum wählen wir
von nun an nicht mehr, um es denen mal so richtig zu zeigen ... In Wirklichkeit
muß schon recht realitätsfern dahingedümpelt sein, wer
von der Affäre überrascht wurde: die ganze Geldwäscherei
und die Kungelei und der Filz waren ja von vornherein 'systemimmanent',
und abgesehen davon braucht man sich die Staubsaugervertreter-Visagen
von CDU/CSU- (und zunehmend auch SPD-)Politikern nur anzuschauen oder
die regelmäßigen Presseberichte über 'jüngst Aufgeflogenes'
zu lesen , um sich ein gesundes Mißtrauen zu bewahren. Der Staubsaugervertreter-Vergleich
ist übrigens ungerecht, sorry, Vorwerk. Der Leser hat sicher einen
passenderen parat.
Es gibt Menschen, wahrscheinlich in vielen Ländern, welche Korrumpierbarkeit
als Voraussetzung für eine politische Karriere ansehen, und das
ist nicht einmal zynisch, sondern ganz pragmatisch gedacht. Aber, bitteschön,
nicht dabei erwischen lassen! Das Sich-persönlich-Bereichern oder
das Bereichern der jeweiligen Partei (wobei sich beides so leicht nicht
voneinander trennen läßt) hat gefälligst so vonstatten
zu gehen, daß der Öffentlichkeit peinliche Enthüllungen
erspart bleiben; und wer sich da ungeschickt anstellt oder meint, es
sei eh schon egal, ist für den Job eben ungeeignet und hat seinen
Hut zu nehmen (besser, als sich das Leben zu nehmen, wie einst erwartet
wurde). Klare Spielregeln. Man verschone uns mit Erinnerungslücken,
wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.
Am Thema vorbei geht auch das ständige Lamento um die Qualität
des Fernsehens, die 'Spaßkultur' und die Werbeunterbrechungen.
Denn hier haben wir es ebenfalls mit systemimmanenten Erscheinungen
zu tun, und die Fragen, ob das Publikum wirklich so strunzdumm ist,
wie die (schwer zu überprüfenden) Einschaltquoten zu belegen
scheinen, oder ob es nicht vielmehr von skrupellosen Medienmachern 'verblödet
wird', oder ob beides letztendlich zusammengreift und sich irgendwie
gegenseitig bedingt, sind von Verschwörungstheorien nicht weit
entfernt. Fact is: Die für die Programme Verantwortlichen können
es einfach nicht besser. Schieres Unvermögen hat in den Medien
etwa den gleichen Stellenwert wie Korrumpierbarkeit in Politik und Wirtschaft;
Mittelmaß ist die entscheidende Voraussetzung für Fernsehkarrieren.
Man braucht sich nur einmal in den Redaktionen umzusehen - jedes Fünkchen
Talent muß dort zwangsläufig verglühen. In den 'Ideenfabriken'
deutscher Comedy-Shows gilt Bananenbiegerhumor als Fachbegriff für
den zu erfüllenden Standard - weniger aus schierer Boswilligkeit
und Gemeinheit derer, die an ihren Chefsesseln kleben, sondern weil
in den meisten TV- Disziplinen (u.a. Soaps, Krimiserien oder von den
Privatsendern in Auftrag gegebene Dokumentationen) Qualität weder
gewünscht noch erwartet wird und daher zu Recht auch unterdrückt
werden darf. Das hat nun unter anderem dazu geführt, daß
Autoren, selbst wenn sie die Chance bekommen, beim Fernsehen viel Geld
zu verdienen, das Medium verachten, nach Adornos Maxime, daß es
kein richtiges Leben im falschen gebe. Und recht haben sie. Nur: Das
ändert alles nichts, ebensowenig wie empörte Leserbriefe,
daß die einzig sehenswerten Filme fast ausschließlich nach
Mitternacht gesendet werden, mehrmals unterbrochen von nackten Damen,
die es einem ungebeten mal so richtig am Telefon besorgen wollen. Das
ist die Welt, in der wir leben, oder, wie es Phettberg kürzlich
treffend formulierte: "Wir sind Zlatko." Vielleicht ist das
Publikum gar nicht soo dumm. Aber die Mehrzahl macht einfach alles mit.
Wie schön, daß die Bildschirm-Animateure, die zum Mitmachen
einladen, selbst so schlicht gestrickt sind. So bleibt alles in der
Familie. Cineasten und ähnlich Hochgestochene und Anspruchsvolle
bilden nur einen verschwindend geringen Prozentsatz der Gesellschaft;
sie bevorzugt zu bedienen, wäre ein schreiendes Unrecht gegenüber
der Masse der Dumpfbacken und Simpletons. Außerdem sind sie für
die Werbung nur schwer als Zielgruppe zu erfassen. Wer hingegen gerne
mitschunkelt, ist, so rechnen die Strategen, auch für Kaufreize
anfälliger.
Daß wir überhaupt so ssöne Filme gucken dürfen,
verdanken wir in 99 Prozent aller Fälle der Werbung. Der Fernsehgenuß
wird keineswegs durch die Werbeblöcke gestört, wie noch immer
so mancher Schöngeist annimmt, sondern umgekehrt: Die Werbung wird
von dem schmückenden Beiwerk, das sie umgibt, geradezu erdrückt,
und diejenigen, welche die ganze Veranstaltung bezahlt haben, erhalten
dafür zu wenig Redezeit. Nun wird auch klarer, warum wenigstens
die Fernsehsendungen und ausgestrahlten Spielfilme bei den Privaten
- man spricht hier zu Recht von `Rahmenprogramm´ - so auf gute
Laune und Sensationen getrimmt sind. Probleme haben wir eh schon genug.
Kaum einer spannt den Bildschirm auf, um sich hinterher bedripst zu
fühlen. Der Kick ist es, der uns dranbleiben läßt. Man
macht sich keinen Begriff davon, wie essentiell dieses 'Dranbleiben'
eigentlich ist. Denn die für das Medium wesentlichen Botschaften
erfahren wir in den Werbepausen. Guid, daß es Guto ... Entschuldigung,
gut, daß es beispielsweise Guido Knopp gibt, der erkannt hat,
daß sogar das Problematische - wie etwa die deutsche Nazivergangenheit
- ganz im Sinne Jenningers als 'Faszinosum' aufbereitet werden kann,
so spannend, daß man gar nicht erst zum nächsten Anbieter
weiterzappen möchte. Selbst das Holocaustkeulenschwingen darf nicht
wehtun und hat verdammt noch mal 'Infotainment' zu sein.
Worauf ich eigentlich hinauswill ist, daß wir uns nicht wundern
dürfen (wundert sich noch irgendwer?) über die vielfältigen
Strategien, nach dem Ende des Kalten Krieges die Wirtschaft in Schwung
zu halten und über die Mittel, die diesen Zweck heiligen. Wer vom
Fernsehen etwas erwartet, was Politikern längst abhandengekommen
ist, altmodische Eigenschaften und Tugenden wie Geschmack, Bildung oder
gar einen 'Bildungsauftrag', die Fähigkeit zu oder zumindest das
Bedürfnis nach objektiver oder von mir aus streng subjektiver Berichterstattung,
gehört zu jenen Hoffnungslosen, denen nur noch Die Gazette Trost
spenden kann.
Ihr
Kommentar

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