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Das ewige Dreieck
Am 25. Mai 2000 war der chilenische Schriftsteller
Roberto Bolaño zu einem Vortrag in Göttingen. Dr. Volkmar
von Pechstaedt und Harris Dzajic nutzten die Gelegenheit für ein
Gespräch mit ihm.
Herr Bolaño, waren Sie überrascht von der Nachricht,
dass General Pinochet doch (noch) nicht vor ein Gericht kommt? Es sah
ja einige Zeit lang so aus, dass er möglicherweise nach Spanien
ausgeliefert und dort vor ein Gericht gestellt würde.
Erstens hat es mich überhaupt nicht überrascht und zweitens
habe ich gerade jetzt gehört, das es so zu sein scheint, als hätte
Pinochet seinen Sitz im Senat verloren, der ihm ja die Immunität
gewährt, und es scheint auch so zu sein, dass er jetzt sehr wahrscheinlich
vor Gericht kommen kann. Die Situation hat sich offensichtlich etwas
geändert. Ich mache mir allerdings sehr wenig Hoffnung darauf,
dass die Justiz überhaupt etwas bewirken kann und dass Pinochet
noch verurteilt wird. Doch das ist für mich eigentlich gar nicht
mehr so wichtig.
Die Pinochet-Diktatur und ihre Folgen spielen eine große Rolle
in Ihrem Werk. Würden Sie sich selbst vor allem als einen politischen
Autor definieren?
Ich sehe mich überhaupt nicht als politischen Autor, unabhängig
davon, dass sowohl das Pinochet-Regime als auch der Militärputsch
für mich persönlich ganz entscheidend waren: Beides hat mein
Leben nachhaltig geprägt, weshalb ich auch heute noch in Spanien
lebe. Letztlich war dieser Militärputsch überhaupt prägend
für die gesamte Zukunft Chiles. Dessen ungeachtet betrachte ich
mich keineswegs als politischen Autor.
Kleine Präzision: Der Militärputsch hat im Dezember 1973 stattgefunden
und nachdem ich verhaftet wurde (acht Tage saß ich im Gefängnis),
bin ich auch nicht gleich nach Spanien gegangen, denn bis 1975 war ja
in Spanien noch das Franco-Regime an der Macht, sondern ich bin zuerst
nach Mexiko gegangen, und erst nach Francos Tod 1977 nach Spanien. Im
Übrigen ist es so, dass der Staatsstreich von Pinochet so etwas
wie eine Initialzündung war für eine ganze Reihe von Putschen
in Südamerika, in deren Verlauf dann extrem repressive Systeme,
Militärdiktaturen, überall installiert wurden, z. B. in Argentinien
und in Uruguay. Im Prinzip wurde der gesamte Kontinent von Militärdiktaturen
überzogen. Insofern ist es sehr wichtig gewesen. Und das ist ein
Fakt, der meine Generation (um 1953 geboren) geprägt hat. Ich war
damals um die Zwanzig. Das Erreichen der Reife und gleichzeitig noch
das Anhängen des Jugendalters: Man erlebt das ja bewusst und das
ist natürlich ein sehr radikaler Bruch in der Biografie.
Weswegen sind Sie damals verhaftet worden?
Der Grund ist der gewesen, dass ich angeblich gefälschte Papiere
dabeihatte, also völlig irrwitzig. Der Anlass war der, dass ich
zuvor viele Jahre - als Jugendlicher - in Mexiko gelebt und dadurch
einen mexikanischen Akzent hatte. Auf diesen mexikanischen Akzent hin
hat man mich verhaftet, weil es seinerzeit so war, dass - auch verbunden
mit dem Militärputsch - ein extremer Rassismus geherrscht hat.
Und alles, was ausländisch war oder einen ausländischen Akzent
hatte, war verdächtig, linksextremen Parteien anzugehören.
Das war der Vorwand, mich dann gefangen zu nehmen.
Ist die Pinochet-Ära heute ein bevorzugtes Thema in der chilenischen
Literatur?
Grundsätzlich muss ich dazu sagen, dass ich sehr wenig chilenische
Literatur lese, ich halte davon gar nicht so besonders viel. Auch hier
gibt es eine zweigeteilte Antwort, d. h. einerseits gibt es eine Literatur,
in der Pinochet ein Thema ist. Aber das ist im einzelnen sehr schlechte
Literatur, also sehr, sehr stark vom sozialistischen Realismus geprägte
Literatur, die es sich eigentlich nicht zu lesen lohnt. Auf der anderen
Seite scheint es etwas zu geben wie eine Richtung, die sich auch durchzusetzen
scheint, worin Pinochet als einer der demokratischsten Präsidenten
dargestellt wird, die Chile jemals gehabt hat, d. h. es gibt also auch
ein affirmatives Verhältnis zu Pinochet.
Sie leben seit über zwei Jahrzehnten in Spanien. Was bedeutet
die geografische Distanz zu Chile für Ihr Schreiben? Sind die
Dinge aus der Ferne erkennbarer?
Es ist sehr ambivalent, denn zuweilen hat diese Distanz überhaupt
keine Funktion, weil ich mit meiner Fantasie schreibe. Das ist die eine
Seite, insofern schreibe ich unabhängig von der physischen und
zeitlichen Distanz. Das sind ja zwei Ebenen. Auf der anderen Seite spielt
es eine sehr große Rolle, weil es dazu dient, das zu Beschreibende
oder die eigene Phantasie zu objektivieren - aus der Distanz heraus.
In Ihrem vor kurzem auf deutsch erschienenen Roman "Stern in
der Ferne" zeichnen Sie das fiktive Porträt des Carlos Wieder,
der als eine Art faschistischer Dichter-Pilot im Pinochet-Staat Karriere
macht, indem er mit dem Rauch eines alten Messerschmidt-Jägers
der Luftwaffe Verse in den Himmel schreibt. Wie sind sie auf solch einen
avantgardistischen Lyrik-Einfall gekommen?
Die eigentliche Antwort ist, ich weiß überhaupt nicht,
woher ich diese Figur genommen habe. Aber natürlich ist Carlos
Wieder die Verkörperung der korrumpierten Kunst, d. h. während
die Literatur in unserem Verständnis mindestens bis zur Romantik
oder auch darüber hinaus ein Ersatz für das Gebet war, ein
Weg oder eine Art und Weise, das Paradies zu erreichen oder zu beschreiben
oder zumindest zu bedauern, dass man eben nicht mehr erreicht, d. h.
eine Ganzheit zu leben oder zu rekonstruieren, verkörpert Wieder
im Prinzip die andere Seite dessen. Es ist sozusagen eine Grenze, die
ich auslote, die normalerweise der Mainstream, also die Kunst, die Literatur
nie versucht zu erforschen,
das genaue Gegenteil davon, wie jede Bewegung letztendlich immer ihr
eigenes Gegenteil hervorbringt und produziert. Es ist, um das einmal
so zu sagen, die Fratze der Literatur oder der Kunst.
Wie bereits in Ihrem Buch "Die
Naziliteratur in Amerika", einer erfundenen Literaturgeschichte,
bevorzugen Sie auch in Ihrem neuen Roman die Form einer fiktiven Lebens-
und Arbeitsbiografie. Was reizt Sie an dieser borgeshaften
Form und Verfahrensweise?
Es gibt einen Unterschied zwischen "Stern in der Ferne" und
"Die Naziliteratur in Amerika", weil auf der einen Seite Die
Naziliteratur in Amerika eindeutig, direkt sozusagen, zu Borges weist,
aber nicht nur zu Borges, sondern zu einer ganzen Genealogie von Autoren,
ausgehend von den Enzyklopädisten über Marcel
Schwob und einige andere, d. h. ich stelle mich in eine ganze Tradition,
dieses Spiels der Vermischung von Realität und Fiktion bezogen
auf das Leben von Autoren. Aber die narrative Struktur von "Stern
in der Ferne" hat damit nichts mehr zu tun. Zwar kommt immer wieder
ein Autor vor, dieser liest Autoren auch, und inszeniert literarische
Spiele, aber die Struktur ist eine vollkommen andere, weil es dort wirklich
dann auch eine narrative Struktur gibt, und es ist überdies so,
dass "Stern in der Ferne" aus einem Kapitel entstanden ist
von "Naziliteratur in Amerika", es gibt in diesem imaginären
Biografien eine letzte von einem Ramirez Hoffman, der ein Luftwaffenoffizier
ist, und das sind ungefähr zwanzig Seiten in "Die Naziliteratur
in Amerika". Das ist ein Nukleus, den nehme ich her und mache aus
diesen zwanzig Seiten einen 150-seitigen Roman, der etwas ganz anderes
ist, als diese zwanzig Seiten und gleichzeitig aber dasselbe. Es gibt
eben dann auch so eine Art Aufforderung und Herausforderung zum Spiel
und das ist dann eher das, was sich in "Stern in der Ferne"
wiederfindet, d. h. diese Ebene des spielerischen Umgangs mit Literatur,
die ja sogar die Entstehung überhaupt von "Stern in der Ferne"
erklärt, denn sie erklärt sich auch als Herausforderung, die
ich als Autor angenommen habe.
Oftmals wird Ihre Vorliebe für Jorge Luis Borges hervorgehoben.
Ist dieser spielerische Umgang das, was Sie vor allem eben an Borges
schätzen, dass er einfach in den großen Topf der Tradition
greift und den Don Quijote noch einmal schreibt?
Borges ist einer derjenigen Autoren, die ich völlig uneingeschränkt
stehen lassen würde. Und da gibt es wenige. Borges allemal.
Sie thematisieren auf subtile und ironische Art und Weise das problematische
Verhältnis von Kunst und Gewalt, Kunst und Macht. Sind das nicht
einander ausschließende Welten?
Das ist genealogisch quasi verwoben. Macht oder Gewalt und Kunst sind
selbst auf das Engste, aber auch noch mit einem Dritten verbunden, also
Kunst - Macht - Tod als eine Alternative, als ein ständig existierendes
Dreieck, und das zweite wäre höchstens noch Kunst - Liebe
- Tod. Die Konstante wäre in diesem Fall dann immer die Kunst und
der Tod. Wenn das Element der Gewalt oder der Macht aus dem Dreieck
herausfällt, wenn es zu einem Dreieck aus Kunst, Liebe und Tod
wird, dann ist es so, dass eigentlich die Kunst den Part der Macht übernimmt.
Und dann wird es extrem gefährlich. Es gibt eine absolute Verwobenheit
zwischen diesen Elementen, und deshalb ist es also auch eine ganz tragende
Säule meines Schreibens, diese Vermischung, das schließt
sich nicht aus, Macht bringt Kunst hervor, Kunst reflektiert Macht usw.
Insofern ein ständiges Hin und Her und eine extrem enge Verwobenheit
...
Anders gefragt (wir sind auf diese Frage gekommen, als wir die neue
Figur - Carlos Wieder - in Betracht zogen): Kann ein wirklicher Künstler
tatsächlich Anhänger einer totalitären Ideologie sein?
Oder schließt das nicht doch einander aus, sozusagen, ein Künstler,
der wirklich ein wahrer Künstler ist, kann sich nicht
verkaufen an eine Ideologie.
Das ist eben auch die andere Seite der Kunst, dass wir diesem Ideal
nachhängen, dass die Kunst etwas Reines ist, die Verkörperung
des Paradieses, die Nähe zu Gott. Und dass Carlos Wieder die Fratze,
die Grenze der Kunst darstellt. Insofern ist diese Frage eigentlich
schon komplett beantwortet.
In unseren Gesprächen versuchen wir auch etwas über den
Schreibprozess zu erfahren. Als Leser hat man aufgrund der vielen in
Ihren Büchern vorkommenden Fakten den Eindruck, dass Sie sehr viel
recherchieren müssen, bevor Sie mit dem Schreiben beginnen können.
Haben Sie eine eigene Bibliothek?
Manchmal ja, manchmal ist es wirklich viel Recherche. Wenn ich nichts
finde in meiner Bibliothek, dann schaffe ich mir meine Bibliothek
- une bibliothèque imaginaire.
Haben Sie bestimmte Schreibrituale? Brauchen Sie beispielsweise
bestimmte stimulierende Mittel wie Kaffee, schwarzen Tee oder Nikotin,
auf die Sie beim Arbeiten nicht verzichten möchten?
Mein Leben ist total geordnet, eigentlich wie bei einem Arbeiter.
Ich stehe sehr früh auf, schreibe bis 12.00 Uhr, dann hole ich
meinen Sohn von der Schule ab, dann bekommt er etwas zu essen, dann
esse ich, dann bringe ich meinen Sohn wieder in die Schule um 15.00
Uhr. Dann schreibe ich wieder bis 17.00 Uhr. Dann höre ich auf
zu schreiben, gehe nach Hause. Der Rest des Tages gehört dem Fernseher
und dem Lesen. Danach ist dann Schluss.
Mein einziges Laster ist der Tabak, ich trinke keinen Kaffee, sondern
nur Kräuter- und Kamillentee und Wasser. Auch keinen Alkohol.
Können Sie allein vom Schreiben leben?
Ja.
Copyright (c) 2000 by www.wortlaut.de,
Göttingen
(Wir danken Bernd Wilczek, Lektor im Verlag Antje Kunstmann,
für die Übersetzung. - Die Gazette ihrerseits dankt wortlaut.de,
Göttinger Zeitschrift für neue Literatur, für die freundliche
Überlassung des Interviews)
Roberto Bolaño, Jahrgang 1953, lebt seit 22
Jahren in Spanien. Seine Bücher sind in Spanien mit mehreren bedeutenden
Literaturpreisen ausgezeichnet worden.
Im Kunstmann Verlag sind von ihm erschienen: "Stern in der Ferne"
und "Die Naziliteratur in Amerika".
Ihr
Kommentar

Aus einem Interview mit dem
amerikanischen Biochemiker Erwin Chargaff
Irgendwann war es Adam und Eva im Paradies langweilig
und dann haben sie vom Baum der Erkenntnis gegessen. Vielleicht weil
es dort sonst nichts zu essen gab.
Ich weiß gar nicht, ob in der Bibel der Apfel vorkommt.
Nein, von den Früchten vom "Baum der Erkenntnis"
ist da die Rede. Die Schlange macht ein unwiderstehliches Angebot:
"Ihr werdet sein wie Gott." Die Schlange konnte noch Latein
und sagte deshalb "Eritis sicut deus ...
"... scientes bonum et malum."
Wenn sich der Mensch aber schon im Paradies Gott nach
seinem eigenen Bild und Gleichnis geschaffen hat, dann ist die Nachschaffung
des Menschen doch eine Kleinigkeit.
Aber ich bitt' Sie, der Mensch ist die Krönung gewesen, am Tag
vorher wurde Gott mit den Tieren fertig.
"Hier sitz' ich, forme Menschen nach meinem
Bilde ...", sagt Prometheus bei Goethe. Warum sollte der Mensch
nicht Menschen schaffen?
Ich bin aber dagegen. Ich bin auch dagegen, dass der Mensch Gott schafft.
Prometheus hat das Feuer gestohlen und wurde dafür bestraft.
Schauen Sie, wenn man den Briefwechsel zwischen Wöhler und Liebig
liest - das sind die beiden Gründer der organischen Chemie -,
dann sieht man, aus welchem Boden die gekommen sind. Solche Menschen
gibt es nicht mehr. Die werden unmöglich gemacht und bereits
im Kindergarten ausgerottet. Zu meiner Zeit konnte man kein Wissenschaftler
werden, wenn man Geld haben wollte. Es war ein Gelübde, kein
Armutsgelübde, aber es reichte zum Mittelstand und man konnte
davon leben. Ich habe mir alle meine Bücher davon gekauft. Wir
durften damals keine Patente anmelden. Heute sitzen schon die Studenten
mit den Patentanwälten zusammen. Geld, Geld, Geld: Alles dreht
sich jetzt ums Geld. Harvard und Yale hätten sich dadurch beschmutzt
gefühlt. Für mich ist das Ganze ein Verbrechen. Die Geschichte
mit der Patentierung ist vollkommen fehlgelaufen, denn Patente sind
für Erfindungen, nicht für Entdeckungen. Heute hätte
der Newton ein Patent auf die Schwerkraft.
Im 17. Jahrhundert gab es halt kein Patentamt.
Und Newton war ein anderer Charakter. Er hat nicht einmal davon geträumt.
Lichtenberg war Professor der Physik in Göttingen, aber er hat
das Wort Patent wahrscheinlich gar nicht gekannt.
Elias Canetti verstand sich als "Tod-Feind",
er wollte sich nicht der Sterblichkeit des Menschen abfinden. Vielleicht
geht das jetzt in Erfüllung.
Das wäre die größte Katastrophe. Schon die Verlängerung
des Lebensalters war furchtbar. 66 Jahre habe ich eine Stimme neben
mir gehabt, aber vor fünf Jahren ist meine Frau gestorben. Das
Alleinsein fällt mir schwer. Ich glaube, die Bemühungen
des Watson, mich ewig am Leben zu erhalten, werden misslingen. Wobei
ich der letzte bin, den er am Leben erhalten würde.
Aber die hundert Jahre streben Sie schon an.
Auf keinen Fall. Man sollte nicht älter werden als Goethe. 82
ist ein gutes Alter.
Da sind Sie ja drüber. Goethe hatte einen Fehler,
er hielt sich für unsterblich.
Wie der Elias Canetti, aber der hat's wahrscheinlich selber nicht
geglaubt.
[...]
Aber Sie waren [Karl] Kraus nicht hörig.
Von 1921 bis 1928 habe ich seine Vorlesungen versäumt. Ich kann
nur sagen, dass er vor allem auf die jüngeren Leute im Publikum
ungeheuer gewirkt hat. Es kamen auch ältere Leute: Alban Berg
und seine Frau waren in allen Vorlesungen, das eleganteste, höchstgewachsene
Paar unter den Zuschauern.
Ich habe einmal einen Film gesehen, wo Kraus sein
Sprechtheater aufführt. Sehr affektiert.
Er war kein guter Schauspieler. Er hat alles unerhört übertrieben.
Das war Verfremdung, modern. Wie heißt die Dame, die den Aischylos
in Paris inszeniert?
Ariane Mnouchkine?
Der Kraus hatte auch so einen Stil: Sehr laut, sehr theatralisch.
Es hat auf mich einen tiefen Eindruck gemacht, ich habe wild applaudiert.
Als ich 1934/35 mit meiner Frau in Paris lebte, da hatten wir Karten
zu einem Stück aus der Offenbach-Zeit. Wir sitzen da, und wer
kommt herein und setzt sich, eine Reihe vor uns? Der Karl Kraus. Meine
Frau sagte zu mir: "Red' mit ihm." "Nein", sag
ich, "das hat er verboten." Vielleicht wäre er sehr
freundlich gewesen, aber ich hab's ernstgenommen. An der Garderobe
hatte er Schwierigkeiten, in seinen Mantel zu kommen, aber nein.
Kraus hat sich dann für die Heimwehr und für
den österreichischen Bundeskanzler Dollfuß engagiert.
Völlig unverständlich. Der Dollfuß war so etwas Ähnliches
wie jetzt dieser widerliche Schüssel. Sie sehen sogar ähnlich
aus: böse Zwerge. Kein Mensch außer mir wird das bestätigen,
aber das einzige wirklich nazistische Volk sind komischerweise nicht
die Deutschen, sondern die Österreicher. Sie sind nur zu feig.
Sagen Sie das jetzt als Amerikaner, als Habsburger
oder als Weltbürger?
Als Österreicher selbstverständlich, das ist eine Selbstbeschimpfung.
Das haben die Österreicher immer gut gekonnt.
Die Deutschen in ihrer Beschränktheit haben diese Sachen zum
Teil noch geglaubt, sie waren das Volk von Blut und Boden. Die Österreicher
machen ja nur als ob, aber sie tun es. Wenn man so ins Innere schaut,
wenn man mit den Leuten redet, merkt man diese Verbohrtheit, die der
Karl Kraus in den "Letzten Tagen der Menschheit" beschrieben
hat.
Sie haben Kraus sogar eins Ihrer wissenschaftlichen
Bücher gewidmet.
Karl Kraus lese ich jetzt sehr wenig. Die Wiener Akademie hat mir
das Kraus-Wörterbuch geschickt, und ich weiß nicht, wo
ich das unterbringen kann. Platz für Bücher habe ich nur
noch, wenn ich andere hinauswerfe, und das bringe ich nicht fertig.
Ich lese Nestroy sehr viel. Das kann man, wenn man nicht aus Wien
ist, nicht so ganz apprezieren.
[...]
Wie steht es mit dem Kraus'schen Aphorismus? Die
Maschine, die Möglichkeit ist jetzt da, warum also sollte man
sie nicht benutzen und das Beste daraus machen?
Das sind nur Vorwände. Die Gründe sind immer gute, aber
man kann fast sicher sein, dass der Teufel seine Hände im Spiel
hat. Es kommt meistens nichts sehr Gutes heraus. Natürlich möchte
ich keine Kerze schneuzen müssen ...
Das sollte man nicht geringschätzen. Der Streit
ums Lichtputzen spielt eine wichtige Rolle in Jean Pauls Eheroman
"Siebenkäs". Der Widerstand gegen die Gentechnik wird
gern mit dem Widerstand gegen die Eisenbahn im 19. Jahrhundert verglichen.
Aber nicht von mir. Die Eisenbahn ist natürlich schmutzig, aber
sie greift nicht ein in Gottes Schöpfung, sie ist bloß
eine schnellere Kutsche. Die Gentechnik möchte die Natur und
den Menschen verbessern.
Jean Paul
hat dem "Siebenkäs" die "Rede des toten Christus
vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei" angehängt.
Ich bin kein religionsbesessener Mensch, aber ich finde den Atheismus
blöd. Man sollte besser das Maul halten. Es gehört zum Wesen
Gottes, dass er nicht beschrieben werden kann. Es gibt Schatten und
Grenzen in der Wissenschaft, wo sogar die Biochemie an etwas Unsagbares
anstößt.
Sind Sie vielleicht weniger Wissenschaftler und eher
Mystiker?
Von dem, was ich in der Molekularbiologie erlebt habe, war ich so
angewidert, dass ich 1974 ganz gern in Pension gegangen bin. Ich habe
mich zurückgezogen. Ich habe meine Muttersprache nie verlassen,
aber ich habe erst mit 73 zu schreiben begonnen. Vorher habe ich lange
Jahre Gedichte geschrieben, dann aber wieder alles vernichtet.
Deutsch oder Englisch?
Immer nur Deutsch. Aber manches davon ist wieder zu mir zurückgekommen.
Ich bin wahrscheinlich der einzige Biochemiker, der William Blake
liest. Ohne einer Religion anzugehören, würde ich mich schon
als frommen Menschen bezeichnen. Aber wer von seiner Religion reden
kann, der hat keine.
...
Natürlich ist Amerika eine Maschine, um einen von allem zu entkleiden,
was einen zum Menschen macht. Aber ich bin überzeugt, auch in
Amerika, in diesem Riesenland mit 280 Millionen Einwohnern, gibt es
zehn oder zwölf Heilige. Man weiß bloß nichts von
ihnen.
Im "Faust" steht ein Satz, der die jetzige
Diskussion aufs Schönste zusammenfasst. "Zwar weiß
ich viel, doch möcht' ich alles wissen." Ist nicht diese
Wissbegierde der Motor des Fortschritts?
Ich bin gegen den Fortschritt. Ich leugne, dass es ihn gibt. Ja, die
Eisschränke sind jetzt besser. Ich bin schneller in Bangkok als
je, aber ich will gar nicht in Bangkok sein. Ich glaube, wir sind
in Vielem zurückgefallen. Unser geistiges Niveau ist gesunken.
Solche Erscheinungen wie Hegel und Schelling und Hölderlin und
alle, die aus dem Stift da in Tübingen kamen, sind undenkbar
geworden. Die deutsche Sprache hat alles verloren. Die Deutschen haben
noch nicht abgezahlt, was sie abzahlen müssen. Ich meine nicht
das Geld für die Juden. Sie haben wenig hervorgebracht, auch
wissenschaftlich. Als ich 1928 zum ersten Mal nach Amerika kam, war
Deutschland das geachtetste Land in der Wissenschaft. Die Leute hatten
Ehrfurcht vor Göttingen und Heidelberg.
[...]
Die deutsche Literatur ist ja sehr arm, wenn ich sie mit der französischen
vergleiche. Neben der Goethezeit und der Romantik war die große
Epoche das Barock, wo die Deutschen fast unschlagbar waren. Dann hörte
das auf. Während Rimbaud gedichtet hat und Verlaine, hat Viktor
von Scheffel den Kater Hiddigeigei geschrieben.
Schuld ist doch das 19. Jahrhundert, als man sich
nur für Goethe-Verehrung und den Eisenbahnbau interessiert hat.
Goethe war überhaupt kein gutes Vorbild. Als Hölderlin ihn
besuchen kam, hat er ihm geraten, er solle Idyllen schreiben.
Goethe war ein großer Neider, der hat doch
neben sich nichts gelten lassen. Jahrzehnte hat er mit dem sinnlosen
Versuch verbracht, Isaac Newton zu falsifizieren. Auch Mystik. Im
19. Jahrhundert wären Sie vielleicht nicht Charles Darwin, sondern
Adalbert Stifter gewesen.
Ich wollt', ich könnt' so gut schreiben wie der Stifter. Darwin
ist mir überhaupt nicht sympathisch. Er ist natürlich, verglichen
mit dem, was jetzt ist, ein moralischer Held.
Es ist geglückt, die "Heloten" sind
fertig mit der Arbeit, das menschliche Genom ist in seiner ganzen
Sequenz so gut wie entziffert.
Ich bin natürlich voller Bewunderung. Es ist auch eine herrliche
Leistung, vom Mount Everest abzustürzen, vorausgesetzt, dass
man selber hinaufklettert. Wenn man sich aber vom Flugzeug hinbringen
lässt und sofort abstürzt, ist das eine lächerliche
Katastrophe. Und dann frage ich mich: Waren die auf dem Mount Everest?
Ist das wirklich eine großartige Leistung? Ich bin reiner Biologe.
Bei uns hat immer als unumstößliche Wahrheit gegolten,
dass nichts richtig ist, wenn es nicht wiederholbar ist und wiederholt
wurde von anderer Seite. Das Malheur mit der Wissenschaft besteht
heute darin, dass die Versuche so kompliziert geworden sind, dass
fast niemand mehr irgendetwas wiederholt. Ist also das, was da publiziert
wird, im wissenschaftlichen Sinne wahr? Es ist fast unmöglich,
das festzustellen. Es gibt kein menschliches Auge, das eine Milliarde
Punkterln vergleichen könnte. Sie haben 100 Jahre zu früh
gefeiert.
Ist es nicht trotzdem ein großes Datum wenigstens
in der Wissenschaftsgeschichte?
Es erinnert mich daran, mit welchen Fanfaren die ersten Atomkraftwerke
begrüßt wurden. Jetzt zerbricht man sich den Kopf, wie
man sie loswerden kann. Für mich ist es wie die Cheops- .Pyramide.
Auch sie wurde mit ungeheurer Arbeit von hunderttausenden von Sklaven
gebaut. Jetzt steht dieser Klotz herum, ist weder schön noch
sonst nützlich. Steht herum für ewig, man muss ihn bewundern,
aber er ist zu nichts gut. Hügel sind mir lieber als der Chimborazo.
Der Boden ist hier sehr schlüpfrig. Infolgedessen ist das alles
zu früh. Wir wissen ja nicht wirklich, ob die Gene Proteine erzeugen,
die gebraucht werden. Wir sind in einem unerhörten Zustand des
Unwissens und leben zugleich unter einer Riesenwolke von Ahnungen
oder Behauptungen, die so halb erträumt waren.
Die Humangenetiker werben mit dem Versprechen, jetzt
könnte man endlich unheilbare Krankheiten heilen. Der Krebs würde
schon in der Zelle abgewendet.
Das ist die alte Ausrede der Bioforschung. Es ist aber nichts geschehen.
Es wird mehr Geld in die Krebsforschung hineingezwängt als irgendwohin
anders. Das Geld sollten sie für die schlecht unterrichteten
und unterernährten Volksschüler verwenden. Für diese
Rekorde ist ja dieses großsprecherische Volk anfällig.
Sie meinen das amerikanische?
Ich sage nicht, dass Amerika besonders schlecht ist; die Symptome
sind hier nur deutlicher. Die Widerspruchsgeister werden mehr abgeschreckt.
Es regt sich überhaupt kein geistiger Protest.
Wie war das in den sechziger Jahren?
Ich war da schon zu alt dafür. Der Protest fand nicht in New
York, sondern mehr im Westen statt. Ich habe nie kommunistlt. Was
heißt aber nicht, dass ich Pro-Kapitalist wäre.
Aber warum ist das alles verschwunden? Warum ist
einer aus der Protestgeneration sogar Präsident geworden und
zugleich der größte Mitmacher von allem?
Komischerweise ist er gar kein so schlechter Präsident, der Clinton.
Die Wirtschaft floriert, es gibt fast keine Arbeitslosigkeit. Aber
die Sachen verschwinden hier folgenlos. Ich hab ihn nicht einmal sehr
gern, aber solche Erscheinungen wie der Sartre wären hier vollkommen
undenkbar.
Es gibt Noam Chomsky.
Aber nur für die Elite. Es gibt Ralph Nader von den amerikanischen
Grünen ...
... der im November gegen Al Gore und George W. Bush
kandidiert ...
... aber jemand wie Sartre, der ein ganzes Land bewegt, an den de
Gaulle schreibt ...
... den gäbe es in Amerika auch nicht.
Nein, weder Sartre noch de Gaulle.
Die Scharlatanerie beim Genom-Projekt scheint Sie
mehr zu beschäftigen als der gute alte Dr. Frankenstein.
Ach, die gehaben sich als gefährlicher, als sie sind. Falls sie
wirklich das Genom abgelesen haben, möchte ich wissen, was das
mit dem Krebs zu tun hat. Dieser Entschlüsselungseifer ist gegen
alles, was die Menschheit beseelt. Klar geworden ist nur, dass unsere
Wissenschaften inzwischen eine Branche der freien Marktwirtschaft
sind. Man liest ständig von Fusionen, es werden Flüsterkampagnen
ausgelöst, davon gehen die Aktien wieder herunter. Man wähnt
sich an der Börse. Wobei ich glaube, dass die Bankiers moralisch
sogar höher stehen.
Heißt das, dass die Genom-Forschung ein Schwindel
ist?
Nein, absolut nicht. Vielleicht die industrielle Verwertung. Großsprecherei
ist den Molekularbiologen angeboren. Die Molekularbiologie lebt ja
von den Versprechungen, die sie zu halten hofft. Nur möchte ich
das sehen. Der Blick in die Zukunft ist den Magiern und den alten
Damen vorbehalten. Ich bin ein Verehrer der Alchimie. Im 16. Jahrhundert
war die Astrologie eine vollkommen legitime Wissenschaft gewesen.
Jetzt haben sich die Paradigmen geändert, und sie wird's wieder
werden.
Ist das Genom-Projekt Wissenschaft oder Aberglauben?
Die Amerikaner wollen gute Geschäfte machen, Geschäfte mit
dem Leben, Geschäfte mit dem Tod. Und der Chef-Entschlüssler
Craig Venter ist einfach ein sehr guter Geschäftsmann. In Amerika
gibt es eine Redensart: In den Fleischfabriken von Chicago fand alles
Verwertung außer den Todesschreien der Tiere.
[...]
Und die Moral der ganzen Geschichte?
Ursprünglich hatte man als die Aufgabe der Naturwissenschaften
gesehen, uns zu erklären, wie die Natur funktioniert. und wie
es in anderen Zeiten gewesen ist. Jetzt ist die Aufgabe der Forschung,
die Natur zu verbessern und uns zu sagen, wie es in der Zukunft sein
wird. Wollen Sie noch mehr goldene Worte? Die ganze Funktion des Guglhupfs,
der jetzt herausgekommen ist, besteht darin, uns alle unsere Krankheiten
zu sagen. Bald werden wir ein Zertifikat bekommen, in dem auch unser
Todestag vermerkt sein wird. Dabei wäre es das größte
Unglück des Menschen, wenn er wüsste, was die Zukunft bringt.
Er sollte davon lassen. Die Zukunft kommt schnell genug.
Die Fragen stellte Willi Winkler.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion
der Süddeutschen Zeitung.
Ihr
Kommentar
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