Nr. 27, August 2000
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
 Essays
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 Kommentar

 Gastkolumnen:
 St. G. Troller
 Hans Pfitzinger
 Vasile V. Poenaru


 

 

Stefan Georg Troller

Brief aus Frankreich (3)

Die Fußball-Europameisterschaft gewonnen, und zwar in letzter Minute ... andere Völker würden dies einfach für ein Riesenglück halten oder auch für den Lohn der Mühe ... die Franzosen sehen noch etwas anderes darin: das, was sie von jeher (nach dem Ausdruck für einen stolz wehenden Federbusch) ihre "panache" nennen. Also den ihnen von Gott verliehenen Übermut sowie Schneid, Glanz, Schwung, Angriffslust, dazu die schwer definierbare Gabe, sich in einen bevorstehenden Siegestaumel hineinzuversetzen und ihn damit erst möglich zu machen.

Auch sonst spürt Frankreich derzeit Aufwind wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Volkswirtschaft gedeiht, besser sogar - zum unendlichen Erstaunen der Bevölkerung - als die deutsche, die man ja stets als unerreichbar strahlendes Vorbild sah. Und betroffen stellen die Franzosen fest, daß sie, die sich so gern im Mythos des altväterlichen Bauernlandes wiegen (und für den Ruhestand zumeist von einer Schafzucht im Süden träumen), die modernste Technologie nicht nur spielend verkraften, sondern geradezu in sie verliebt sind. Nirgendwo besser zu beobachten als in dem Technoladen "Virgin" auf den Champs Elysées, der sogar am heiligsten Feiertag des Jahres, dem Bastille-Tag des 14. Juli, laut präfektorialem Erlaß offen halten durfte und dementsprechend überfüllt war.

Ein Tag, der ansonsten mit Militärparaden, ländlich-sittlichem Straßentanz und sich stets gleichbleibendem Feuerwerk begangen, diesmal etwas völlig Neues bot: eine gigantische ausgerollte Plastikbahn nämlich längs dem Pariser Meridian, von der belgischen Grenze im Norden bis hinunter zu den Pyrenäen, auf welcher sitzend hunderttausende Franzosen ihre mitgebrachten Picknicks trotz Regen gutgelaunt miteinander verschmausten. So etwa auf dem Pariser Pont des Arts, der schmalen Fußgängerbrücke zwischen Französischer Akademie und Louvre, die sich mirnichts dirnichts zu einem echten spontanen Volksfest verwandelte, ohne Fahnen, Polizei oder die sonst allgegenwärtigen Spruchbänder irgendwelcher Protestler. Es war eine dieser Glanzideen, wie sie immer wieder in diesem ansonsten so streng reglementierten Lande auftauchen und seine "panache" nicht aussterben lassen.

Trotzdem scheint sich auch heute das Land wie stets in zwei Teile zu spalten, die aber diesmal jenseits von Jugend und Alter, von Rechts und Links, ihre Trennlinie haben. Während sich alle Welt in die über tausend französischen McDonalds drängt (und während es trotz gesetzlichem Verbot des "Franglais" auf der Straße von "Fast", "Parisfree", "Quicke", "Snacks" oder gar "Quickersnacks" nur so wimmelt), scheint es genau dieselbe bunte Menschenmischung zu sein, die, 40.000 Leute stark, für einen schnauzbärtigen Schafzüchter namens José Bové in die Schranken steigt, um mit ihm gegen die Gefahren der Globalisierung zu protestieren und nebenher ein neu entstehendes provinzielles McDonald in Grund und Boden zu zertrümmern. Ewiges Frankreich, das jederzeit fähig ist, sich dem Genuß hinzugeben, während es sich gleichzeitig fanatisch in genußfeindliche Ideologien verrennt. Siehe die Orgie des Sichauslebens während der "tugendhaften" Französischen Revolution oder auch den Existenzialismus der letzten Nachkriegszeit, als sich die verzweifelte Jugend, schwarz gewandet wie der Tod, in unterirdischen Nachhöllen fröhlich austobte.

Nicht viel anders die Debatte um den "bürgerlichen Solidaritätspakt", kurz Pacs genannt, der vor kaum zwei Jahren im ersten Durchgang des Gesetzesvorschlags an die 300.000 puritanische Protestler quer durch Paris aufmarschieren ließ (wohl die größte Demonstration seit 1968), während sich jetzt bei der endgültigen Verabschiedung kaum ein Finger rührte. Es geht um ein legales Statut des Zusammenlebens für Homosexuelle, aber auch freie Ehen. Hat sich tatsächlich in so kurzer Zeit die Toleranzschwelle für außereheliche Verhältnisse dermaßen angehoben? Oder ist es nicht eher so, daß mit wachsender Kaufkraft die ideologische Schärfe eben abnimmt, gerade in einem Frankreich, das so lange unter ökonomischen Depressionen litt? Während es auf einmal möglich wird - man kann die Verblüffung der Franzosen darüber gar nicht hoch genug einschätzen -, daß ein vormals kleiner Wasserverteiler wie Vivendi urplötzlich fähig wird, den gigantischen amerikanischen Whiskyproduzenten Seagram's zu schlucken, zu welchem nicht nur die gerühmten Universal Studios von Hollywood gehören, sondern (keine Zeitung erwähnte es) in Gestalt des Seagram-Besitzers Bronfman auch der von ihm geleitete und wohl auch finanzierte Jüdische Weltkongress, von Österreichern gern als Weltmacht verteufelt, in Wirklichkeit eine kleine Informationszentrale ...

Wohin geht man dieses Jahr in Paris? Kommt darauf an, was man sucht. Ein billiges Traum- Bistro mitten im traditionellen Künstlerviertel gefällig? Mit einfacher, aber solider Küche, freundlicher Bedienung und ausgedehnter Weinliste? Dann ins "Wadja", 10 Rue de la Grande Chaumière, Paris 6 - eine kleine Straße, die wohl in den letzten hundert bis hundertfünfzig Jahren mehr Maler und Schriftsteller beschritten und bewohnt haben als irgendeine andere der Stadt.

Weniger gemütlich, aber aufregender geht es heutzutage im Viertel Château-Rouge zu, unterhalb des Montmartre und direkt am Boulevard Barbès gelegen, der von jeher als das Pariser Verbrecherviertel gilt. Die einst so gemütliche Stammbevölkerung der aus Nordafrika gekommenen Maghrebiner ist jetzt von Schwarzafrikanern aus Senegal, Zaire oder der Elfenbeinküste verdrängt worden, die hier ihre Marktstände aufschlagen oder direkt auf dem Gehsteig ihre exotischen Waren verkaufen, von Gewürzen, Affenfleisch und aus Hongkong stammenden Markenartikeln der Haute Couture bis hin zu den gefährlichen Cortison- Hautaufhellern. Diese nach Pariser Usus gern "Diebsmarkt" genannten Straßen (Place du Château-Rouge, Rue Myrha, Rue de Panama), die tagsüber so pittoresk und multikulturell wirken, verwandeln sich allerdings nachts in ein - von keiner Polizei kontrolliertes - Drogenparadies, wo man seine Beobachtungen machen kann, sich aber vor den Fotografieren hüten sollte.

Ganz das Gegenteil ist der Fall beim neueröffneten Centre Pompidou, von dessen - jetzt allerdings zahlbarer - Rolltreppe aus man den zauberhaftesten Blick über Paris aufnehmen kann. Von oben gesehen sieht es fast so aus, als hätte sich die Stadt seit Jahrhunderten nicht verändert - oder als entspräche sie zumindest noch den gemütlichen Szenerien, wie sie der ungarische Fotograf Brassaï (Foto rechts) in den Dreißigern ablichtete. Benachbart seiner Gesamtschau im sechsten Stockwerk des Centre steht die fabelhafte Ausstellung von Picasso, dem Bildhauer - verspielt, witzig, penetrant und so aufgebaut, daß man die besten Stücke direkt vor dem Höhenblick über Paris genießen kann. Inspiration pur.

Ihr Kommentar



Hans Pfitzinger

Wellness mit Jean Paul
oder Die Hufeisenberge als Ausgangspunkt der Phantasie

In Oberfranken können Sie zwischen dem 21. März und dem 14. November 2000 die Blasen vom Wandern mit abendlichen Lesungen der Werke Jean Pauls lindern. Deutschlands größter Philosoph unter den Schriftstellern schreibt nicht mehr - und das seit 175 Jahren.

Zitat, statt einer Vorrede

"Es gehe dir nie anders als wohl, und die kleine Frühlingsnacht des Lebens verfließe dir ruhig und hell - der überirdische Verhüllte schenke dir darin einige Sternbilder über dir - Nachtviolen unter dir - einige Nachtgedanken in dir - und nicht mehr Gewölk, als zu einem Abendrot vonnöten ist, und nicht mehr Regen, als etwa ein Regenbogen im Mondschein braucht!
Hof im Vogtland, den 22. August 1796."

Einführung
oder Warum kein Mensch mehr Jean Paul lesen will

Mit dem obigen Zitat endet "Die Geschichte meiner Vorrede" zu Jean Pauls Roman "Quintus Fixlein". Vor Kurzem habe ich diese Zeilen dem Freund Konrad nach Berlin ge-e-mailt (oder sagt man "elektronisch gebrieft"?). Konrad bedankte sich herzlich dafür und versicherte, er lese den fränkischen Meister immer noch und wieder mit wachsendem Vergnügen, und fragte zurück: "Nur - wer kann das heute noch lesen?"
Ich weiß es nicht, nur stelle ich immer wieder fest, dass es nicht Viele sind, die ich mit meiner Begeisterung für Jean Paul anstecken kann. Klar, der wirkt anfangs sperrig, eigensinnig, merkwürdig, anders, erfordert die ganze Aufmerksamkeit beim Lesen. Dabei kann ich jedem, der's gar nicht hören will, nur raten, es zu tun. Und sich nicht daran zu stören, dass uns nun mal 200 Jahre von ihm trennen und so manche Anspielung unverständlich bleibt. Macht doch nichts! Auch wenn Sie nur die Hälfte kapieren, bietet Jean Paul immer noch mehr Vergnügen beim Lesen als die meisten seiner Zeitgenossen, Goethe und Schiller inklusive, und für mich persönlich gibt es nur wenige Schriftsteller, die vor ihm oder seither in seine Nähe, oder, vielleicht besser, auf seine Höhe gelangt sind: Jean Paul ist wohl der verspielteste unter den großen Weisen dieser Welt. Sein Spielzeug: Die deutsche Sprache, der Idealismus seiner Zeitgenossen, und die Erwartungshaltung eines Lesepublikums, das am liebsten das Leichtgängige, Bekannte verschlingt.

Den eigenen Weg gehen - was soll man denn sonst machen

Dabei war Johann Paul Friedrich Richter, so sein Geburtsname, schon zu Lebzeiten unbequem und höchst umstritten. Die Auflagen seiner Frühwerke "Die unsichtbare Loge" und "Hesperus oder 45 Hundposttage", mit denen er sich in die Herzen der belesenen Frauen (auch damals das hauptsächliche Publikum) geschrieben hatte, erreichte er nie wieder. Auch wenn er mit den Tantiemen seiner frühen "Bestseller" Frau und drei Kinder ernähren und zum ersten Berufsschriftsteller Deutschlands werden konnte, schüttelten schon die Zeitgenossen über die späteren Werke bedenklich die Köpfe: keine formelle Disziplin. Wo sollte man so etwas einordnen, das kam daher wie ein Sturzbach, der in einen ruhigen Strom mündet, der gleich darauf von einem Orkan aufgewühlt wird, um hinter der nächsten Biegung in einer idyllischen Landschaft zu fließen, bevor eine Volte im Denken des Autors dem Leser einen Knoten im Bewusstsein löst. Für so etwas fehlten (und fehlen bis heute) einfach die Schubladen. Umso eigensinniger bestand Jean Paul darauf, seiner überbordenden Phantasie keine Zügel anzulegen: Er suchte mit aller Kraft nach der Form, die literarisch dem Grenzenlosen entsprechen könnte. Er wollte "knechtische Maschinen zu freien Geistern machen und dadurch ihre Schöpf-, Herrsch- und Schaffkraft" zeigen, schrieb er in der "Selberlebensbeschreibung".
Zu einer Zeit, als sich tatsächlich noch einzelne Menschen das gesamte veröffentlichte Wissen aneignen konnten, gehörte er zu den letzten Geistesgrößen mit Universalbildung. Schreiben kam bei ihm vom Lesen, vom Vergnügen, mit dem er alles verschlang, was in Büchern gedruckt vorlag - und was er bereitwillig, ohne Eitelkeit, an die Leser weitergab. Seine literarischen Helden hießen Jonathan Swift und Laurence Sterne, sein Vorbild unter den Zeitgenossen war der 19 Jahre ältere Johann Gottfried Herder. Höchstes Ziel von Jean Paul: Stil und Inhalt zur Einheit verweben. Wer das Leben nicht nur abbilden, sondern auch noch schreibend erhöhen will, muss sich dem freien Spiel des Geistes hingeben - und der zeigt sich in skurrilen Typen und eigensinnigen Einzelgängern, in Dörfern und kleinen Städten, wie Jean Paul sie kannte und liebte: Joditz im Auenthal, Schwarzenbach an der Saale ("der Fluss ist dass Schönste, wenigstens das Längste von Joditz"), Hof ("wo ich das Schlimmste erlebt und das Beste geschrieben habe"), Töpen, wo er zwei Jahre als Hauslehrer arbeitete (der Ort markierte bis 1990 den berüchtigten Übergang an der "Zonenautobahn" Richtung Berlin). Schließlich zog er in das geliebte Bayreuth, wo er die letzten 21 Jahre seines Lebens zubrachte. Nie wird die Großstadt, obwohl Jean Paul sie kannte, zum Hintergrund eines Romans. Weimar, Leipzig, Berlin, Coburg waren nur Stationen der Studienjahre, Heimat war ihm zeitlebens das heutige Oberfranken.

Lieber noch eine Vorrede. Und Kapitel bloß nicht Kapitel nennen, lieber "Vogtländischer Marmor mit mäusefahlen Adern" (in "Flegeljahre") oder "Ernste Ausschweife für Leserinnen" (in "Der Komet")

Falls Sie Jean Paul noch nicht kennen, empfehle ich "Dr. Katzenbergers Badereise" und "Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz". Beide sind kurz und amüsant und zeigen den liebevoll-komischen Blick, mit dem Jean Paul die menschlichen Schwächen vorführt. Dahinter steckt zudem viel Selbstironie. Und Lust am Provozieren.
Allein Jean Pauls Besessenheit mit Vorreden und ausgefallenen Kapitelbezeichnungen bringt mich jedes Mal zum Schmunzeln. Den "Titan" unterteilt er in vier Bände, diese in "Jobelperioden" (mit kleinen Inhaltsangaben), die wiederum in "Zykeln". Die Vorrede heißt hier "Der Traum der Wahrheit". Nach 820 Seiten beginnt "Komischer Anhang zum Titan". Dessen "Erstes Bändchen", unterteilt Jean Paul in die Tage des Januar. Unter der Überschrift "31. Jenner." hat er für den Leser noch etwas aufgespart: Nach 900 Seiten, im "Anhang", steht endlich die "Vorrede zum Titan". Das "Zweite Bändchen" enthält "Des Luftschiffers Gianozzo Seebuch" und ist, wie sollte es anders sein, in 14 "Fahrten" unterteilt. Auf ihnen hält Jean Paul seiner in Kleinfürstenthmer unterteilten Nation einen kaum verzerrten politischen Spiegel vor. Das ist so komisch realistisch und gar nicht zynisch, dass man vor atemloser Spannung kaum zum Lachen kommt.
Der vollständige Titel des anfangs erwähnten Buches lautet: "Leben des Quintus Fixlein
aus funfzehn Zettelkästen gezogen; nebst einem Mußteil und einigen Jus de tablette." Letzteres sind Fleischbrühwürfel. Danach folgt:
" - Billett an meine Freunde, anstatt der Vorrede
- Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein
- Die Mondfinsternis
I. Mußteil für Mädchen
1. Der Tod eines Engels
2. Der Mond. Phantasierende Geschichte".
Damit ist das Werk, in der Gesamtausgabe, auf engbedruckte 65 Seiten angewachsen, und geht dann eigentlich erst los mit:
"II. Des Quintus Fixlein Leben bis auf unsere Zeiten". Das ist wiederum unterteilt in "14 Zettelkästen" und ein "Letztes Kapitel". Ach, man muss ihn einfach lieben, den Jean Paul.
Das sagen sich auch die wackeren Oberfranken, die heute Jean Pauls Heimatlandschaft bewohnen und auf Mittel sinnen, Touristen in ihr - auf der Landkarte und von oben gesehen - hufeisenförmiges Fichtelgebirge zu locken.

Jean-Paul-Schmankerl im Jean-Paul-Café, ganzjährig

Weil im Jahr 2000 eine Jubiläumsanzahl von Jahren seit dem Tod des Autors (1825) verstrichen ist, stellte die Kulturabteilung im Fremdenverkehrsverein eine kenntnisreiche, zu allem gberfluß auch noch allgemein verständliche Einführung ins Werk von Jean Paul zu einer Broschüre zusammen, die für Wandern, Radeln und Wellness auf den Spuren des Meisters wirbt. Das Kulturprogramm fing schon am 21. März an, dem Geburtstag (1763), und endet am 14. November, dem Todestag. Dazwischen gibt es Lesungen (unter anderem die "Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei", die sich als das "Erste Blumenstück" im "Siebenkäs" verbirgt), Führungen an diverse, mit Jean Paul verbundene Örtlichkeiten (das Museum und den Grabstein in Bayreuth zum Beispiel, dortselbst eine Tagung der "Jean-Paul- Gesellschaft", das Denkmal in Wunsiedel). Wer an Reinkarnation glaubt, wird sich nicht wundern über den "Wandervorschlag: Eine Woche mit Jean Paul durch das Fichtelgebirge". Für den großen Hunger gibt es dann das "Große Jean-Paul-Gedenkmenü - Schlemmen wie zu des Dichters Zeiten, ganzjährig" im Braunbierhaus Bayreuth (0921-69677). Für den kleinen Appetit empfohlen werden die "Jean-Paul-Schmankerl" im Jean-Paul-Café in Hof, ebenfalls "ganzjährig" (09281-14 14 55).
All diese Aktivitäten, so finde ich, müssen entschieden unterstützt werden. Denn womöglich schlüpft ja am Ende eines frohen Wandertages eine neugierige junge Dame oder ein ebensolcher Herr unters daunengefüllte Gasthausoberbett und fängt an, vor dem Einschlafen tatsächlich Jean Paul zu lesen. Ich bin fest davon überzeugt: Dadurch wird die Welt besser.

(zweiter Teil und Schluß im September)

Die Tourist-Information Fichtelgebirge verschickt kostenlos drei Broschüren zum Jean-Paul- Jahr, dazu ein Hotel- und Pensionsverzeichnis.
E-Mail: Tourist.Info.FichtelgebirgeäT-Online.de
Tel. 09272-6255, Fax: 6454.
Anschrift: Postfach, D-95686 Fichtelberg.
Im Internet: www.fichtelgebirge.de
www.bayreuth.de
www.btl.de/bayreuth
(E-Mail: tourismusäbayreuth.btl.de)
Täglich neu: Ein Zitat von Jean Paul auf der Homepage der Stadt Hof (www.hof.bay.net.de/~stadt_hof)


Ihr Kommentar


Vasile V. Poenaru

Wenn Sprachen ineinanderklingen:
Dichter-Polyphonie in Hannover

Am 1. Juni hat in Hannover die EXPO 2000 begonnen: Natur. Mensch. Technik. Drei anspruchsvolle Begriffe sollen bis Ende Oktober rund um den Erdball sinnstiftend erbaulich disseminiert und multimedial reflektiert werden.

Ein rumänischer Germanist flog in den ersten Tagen der Weltausstellung von Toronto nach Hannover, um gemeinsam mit Literaten verschiedenster Kultur- und Staatsangehörigkeit am künstlerischen Programm der EXPO teilzunehmen. Warum dieser Germanist gerade ich gewesen bin, gehört beiläufig nicht hierher.

Fast hätte die EXPO in Toronto stattgefunden, nur eine einzige Stimme fehlte, als die Entscheidung zugunsten der deutschen Nordstadt fiel. Dafür haben sich die Hannoveraner aber ein überraschendes literarisches Projekt ausgedacht, das dem neuen Babylon am Ontariosee durchaus würdig gewesen wäre: Sie brachten Dichter aus aller Herren Länder nach Hannover, um sie ein offenes Stimmengerüst unserer (?) Zeit errichten zu lassen.

Die Regierung des Bundeslandes Niedersachsen hatte beschlossen, ihren offiziellen ausländischen Gästen zur Ausstellung ein Buch mit eingelegter CD als Geschenk zu überreichen. Darin sind Nachdichtungen des skurrilen Gedichts An Anna Blume aus fast allen ca. 180 Teilnehmer-Ländern der EXPO in den dort verwendeten Amtssprachen und Schriften enthalten.Das Gedicht mit der bewußt falschen Grammatik stammt von dem bildenden Künstler, Autor und Typographen Kurt Schwitters, der 1887 in Hannover geboren und 1948 im englischen Exil gestorben ist. Seine Werke sind heute in vielen Museen der Welt vertreten. Die literarischen Arbeiten - Gedichte, vor allem Lautpoesie, Grotesken, Prosa und Programmschriften - sind inzwischen in viele Sprachen übersetzt, seine Komposition der Ursonate gilt als bedeutendes Werk der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Das Anna Blume-Gedicht ist etwa 1919 entstanden und noch von Schwitters selbst ins Englische, bald darauf von anderen auch in weitere Sprachen übertragen worden.

Da Anna Blume als Botschafterin der Stadt Hannover in die Welt reiste und von überall her in sprachlich neuem Gewand zurückkehrte, sollte sie zugleich aus der Fremde nach Möglichkeit auch einige der dortigen Erfahrungen mit nach Deutschland zurückbringen. Darum wurden die Teilnehmer des Nachdichtungsprojektes auch eingeladen, ein eigenes Korrespondenzgedicht beizutragen, das auf das Anna Blume-Gedicht Bezug nimmt, darauf reagiert, mit dem Material spielt, frei assoziiert etc. Von den Autoren der Korrespondensgedichte wurden 15 nach Hannover eingeladen, um an öffentlichen Lesungen in der Stadt und auf dem EXPO-Gelände teilzunehmen. Ich war einer von ihnen.

Am Abend des 7. Juni 2000 wurde auf dem Gelände der Weltausstellung, im Deutschen Pavillon, eine dramatische Inszenierung des Nachdichtungsprojekts veranstaltet. Aus der Tiefe kam die Bühne mit den Poeten langsam empor, während die Anna-Blume-Nachdichtungen zugleich in allen 15 Sprachen vorgetragen wurden. Als die Bühne hielt, waren die einzelnen Fassungen als eigenständige Sprachbrocken an der Reihe, und dann verschwand das bunte Dichtervolk wieder im babylonianischen Gemurmel. Für eine kleine Weile konnten die Zuschauer den virtuellen Turm wirklich sehen, an dem ein ewiges Sinnbild der Menschheit und vielsprachig entstehungslüsterne Redetexte klebten. Weil das Publikum es so wollte, kam bald ein neuer Auftritt zustande: Die iterativ generierende Veranlagung der Anna Blume schimmerte durch.

Zwei Bücher wurden herausgegeben. A-N-N-A, die Sammlung der Nachdichtungen und Anna Blume und zurück, die Sammlung der Korrespondenzgedichte. Und es gab auch eine öffentliche Vorstellung dieser Bücher. Und es gab auch Worte, die da im Hannoverschen Leibnizhaus fielen: große Worte. Die bestmöglichen Worte der bestmöglichen Welt, könnte man sagen, wenn man es so wollte. Der Vertreter des Wallstein-Verlags, in dem Anna Blume und zurück erschienen ist, griff sogar zu einem Goethe-Zitat, um all die mühsame Arbeit an den Tag zu legen, die den freudigen Druck überhaupt erst ermöglichte. Ungleich direkter wußte Dietrich zu Klampen, der Verleger der A-N-N-A, herzlich wenig über seinen eigenen Verdienst zu erzählen, wobei er in erster Linie auf die Großartigkeit der Anna-Idee hinwies und eine ansprechende Laudatio auf die Menschen hielt, die hinter diesem dankbaren Projekt stecken. Die Herausgeber Gerd Weiberg, Klaus Stadtmüller und Dietrich zur Nedden waren die Spitze des Eisbergs, der auf produktionswütig verklärtes Hochwasser der Poesie zusteuerte, in dem die Niedersächsische Staatskanzlei die offiziellen EXPO-Gäste baden wollte. Die deutschen Medien haben die Auftritte im Leibnizhaus und im Deutschen Pavillon auf der EXPO sowie die beiden Bücher mit Aufmerksamkeit und positiven Reaktionen registriert. Darüber hinaus sind Hörbeiträge zu der Lesung am Montag, dem 5. Juni, von einer lokalen und einer überregionalen Rundfunkanstalt gesendet worden. Anna ist im Kulturdschungel des Deutschen Pavillons nicht untergegangen. Oder wenn schon, dann wurde sie doch bald wieder gut aufgehoben.

Mein Gastgeber in Hannover, der Schriftsteller und ANNA-Mitherausgeber Dietrich zur Nedden, vermittelte mir einen ergiebigen Einblick in das Theaterleben der Stadt. Eines Abends gab es im Schauspielhaus auch eine Vorstellung der gesamten österreichischen EXPO-Teilnahme auf dem Gebiet der Literatur. Im Gespräch mit Sachkundigen von Nah und Fern machte ich die positive Erfahrung, daß Rumänien in der Tintenwelt durchaus kein Fremdwort ist. Jeder gab dem anderen, was er an Gemüterfracht im Sack hatte. Der Kulturaustausch gestaltete sich als unbezwungenes Alltagsding. Und manches sprechende Bild von der anderen Seite der Niedersächsischen Landeshauptstadt gewann ich wie beiläufig, etwa beim Obstler oder im Rhythmus des Fahrrads.

Ein Mann aus Hannover schuf vor geraumer Zeit ein umstrittenes Werk. Er war nicht bescheiden. Sein Leitwort: Jeder Gebildete sollte dieses Gedicht kaufen. Poeten aus aller Welt flogen Anfang Juni des Jahres 2000 nach Hannover, um im zeitweiligen Zentrum der Welt ein klangvolles Wahrzeichen des sinnvoll integrierenden Multikulturalismus zu setzen, der heutzutage zum guten Ton gehört.

Dichter-Polyphonie hieß der Abend des 7. Juli im Deutschen Pavillon. Aus fünf Kontinenten kamen nicht weniger als 15 Stimmen mitsamt deren leibhaften Trägern nach Deutschland, um den Babel-Turm in Hannover gleichsam noch einmal und nun bezeichnenderweise rückwärts zu errichten.

Komischerweise standen an den Garderobetüren im Deutschen Pavillon die merkwürdig klingenden Sammelbegriffe: Dichter Damen bzw. Dichter Herren. Wobei wir allerdings in unserer poetologisierten Eigenschaft als Anna-Blume-Leute ja eher als Damen Dichter auftraten. Aber wahrscheinlich sind Dichter Damen und Dichter Herren Begriffe, die anständiger klingen. Dichter sein wird somit gleichsam fast so gut wie jeder andere Job.

Wie weit ist das Echo der Anna Blume gedrungen? Wie stark war der Widerhall ungestümer Querdichtungen? Ein anhaltendes Nachempfinden ergiebigen Deutschtums auf internationaler Ebene in Wege zu leiten, eine spontane Brücke zur unmittelbaren Verständigung zwischen Kulturen und zur innigen Zuneigung zwischen Menschen, die einander nicht immer so fern sind, wie es den Anschein hat: Dies hatten die Veranstalter, dies hatten die Teilnehmer eines nahezu wahnsinngen Unterfangen im Sinn.

Luis Bravo aus Uruguay umschwärmt das Tagesfeuer im Blumenhemd, das er aus Annas Alltagskleid zurechtschneidet. Leben wir nicht alle Leben, als schrieben wir Wunder-Gedichte in geborgter Zeit? fragt sich Lindsey Collen aus Mauritius. Dich sag ich frag ich mag ich gern, dichtet Marie Claire aus Kamerun. Anna, die ungezählte Platzanweiserin zählt die dramatische Dichtergestalt Andres Ehin aus Estland. Mein Blauling du und meine Beere, Blaublutig stolz und blutig rot, schöpft Joe Friggeri aus Malta. Die gelbe die grüne die gedankenlose Oase besingt Salah Helal aus Ägypten. Das Weiß deiner schwarzen Augen ist rot, findet Monique Ilboudo aus Burkina Faso. Dich zuerst und zuletzt, Ich verloren, aber nicht allein, so Niki Johnson aus Jamaika. Anna, legst dich hin und überlegst im Grase. Ha…?Nn…Ah…! So sieht es Hector Picoli aus Argentinein. Und meint dabei, der Ort sei das Wort. Dir oder Dich? Das ist die Fragefür Touradj Rahnema aus Iran. Gabriel Rosenstock aus Irland schreibt in Anna kommt und Anna geht: Geblieben ist mir nur das leere Blatt. Daraus will er lesen. Alicia Torres aus Venezuela offenbart sich so: Ein verrückter Deutscher erzählt mir aus einem anderen Jahrhundert von meinem Kopf voller Vögel. Galsan Tschinag aus der Mongolei bringt seine entfesselte Poetologie der Steppe: Dich, du Flammenmähnstute, du Glutschwanzgazelle. Ich pirschte mich heran an dich, warf das Lasso und hatte dich happ! in der Schlinge.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Auftritt im deutschen Pavillon durften wir essen und trinken. Das war keine schlechte Idee. Im exklusiven Saal Berlin konnte einer beinahe glauben, man sei in einer Bergstation: Die Seilbahn zwischen EXPO Ost und EXPO West, zwischen EXPO Nord und EXPO Süd, zwischen EXPO Reich und EXPO Arm ging dicht an uns vorbei und vermittelte die Illusion, daß auch im platten Raum die Landschaft in die Höhe schießt. Ich mußte an unsere Bühne denken: an das Auf und Ab der Sagkraft. Die Poeten wurden aufgefordert, ein paar Worte zum besten zu geben, nicht mehr als zwei Zeilen. Joe, unser geistreicher Kollege aus Malta, sagte: There was a man in Hannover, and now we're so sad it's all over. Was nicht falsch war. Ich stellte folgende Preisfrage: Wie zählt man drei Herausgeber mit 81 Sinnen und 15 erschwitterten Zungen?.

Mein Verständnis der Anna liegt im Zählen der Dinge, die inwendig wandern. Wir zählen die Buchstaben. Wir zählen die Gefühle. Wir zählen das Geld. Ach ja, und wir zählen den Menschen, den ungezählten, seine Natur, seine Technik und die lauernde Vermessenheit zwischen Ich und Selbst, wenn ein Plural droht. Vor dem EXPO-Gelände zählt man Fahnen. Sie flattern im Wind und warten darauf, daß die Stunde schlägt, in der unter Menschen das volle Wort gilt. Guter Rat ist teuer, und Preisfragen kommen wieder in den Trend. Die Poeten in Hannover stellen dafür eine Metapher dar. Es stört uns nicht, als Wahrzeichen des Dialogs zwischen Links und Rechts, zwischen Nord und Süd, zwischen Reich und Arm zu gelten. (Doch das gehört beiläufig nicht hierher!, um wieder mit Schwitters zu sprechen.) Der Sozialstaat nimmt sozusagen gerade seinen internationalen Abschied, der Finanzstaat und der Hi-Tech-Staat wissen dabei nicht immer mit Mensch und Natur umzugehen. Den Kulturstaat gibt es nicht, wohl aber den Kultusstaat. Hoffentlich trägt auch das Anna Blume Projekt irgendwie dazu bei, den so sehr beschworenen dritten Weg endlich ausfindig zu machen. Und vielleicht auch einen vierten oder fünften. Unser Planet hat sechs Kontinente.

Ich will damit nur sagen, daß wir aus vielen Richtungen kamen, daß wir in viele Richtungen gingen, und daß viele Sprachen durch die Muschel wandern: nicht um den Text zu töten, sondern um ihn einzubetten. Und dies ist an sich eine starke Metapher, die der Idee entstammte, die dem EXPO-Beauftragten des Niedersächsischen Ministerpräsidenten, Gerd Weiberg, einst während irgendeiner gemütlichen Tischrunde höchstwahrscheinlich irgendwann zwischen dem Fünften und dem Sechsten kam, so Anna-Blume-Verschworener Klaus Stadtmüller.

Für die EXPO dichten: Gedichte expo-nieren. Manche mögen das sehr. Manche mögen das nicht. Wie haben Sie ihr Korrespondenzgedicht geschrieben? Ich dachte, Poesie kann nicht auf Kommando verfaßt werden. Meinte mein Winsener Verleger Hand Boldt, den ich während des Hannover-Aufenthalts nun endlich persönlich kennenlernte. Ja, das dachte ich auch, war meine Antwort. Hat aber trotzdem funktioniert. Für mich war das gewissermaßen eine Familienangelegenheit. Blumen Adnana ist meine Frau, Adina. Und meine Großmutter hieß Anna. Ich ging zurück in die Kindheit meiner Worte: in liebendes Sagen.

Die Zweckmäßigkeit einer Weltausstellung leuchtet heutzutage nicht immer ein. Wozu? heißt es. Warum kosten die Würstchen so viel auf dem EXPO-Gelände? Wo liegt der Unterschied zwischen Weltausstellung und Weltanschauung? Warum wurde der rumänische Pavillon bereits im Vorfeld der EXPO von der Kunstakademie Mailand mit dem 1. Preis für Medienarchitektur im Rahmen der Agenda 21 ausgezeichnet? Wird in Hannover gut Fußball gespielt? Warum? Warum nicht?

Freilich kann die kleine Weltreise am Rande der großen Kleinstadt unter Umständen sehr ermüdend werden. Freilich hätte der interaktiv veranlagte Surfer auf dem weit ausgedehnten Gelände internationaler Selbsterkenntnis bisweilen gerne mehr Alternativen, um dem jeweils persönlich ausgeprägten Rezeptionshorizont freien Entfaltungsraum zu gewähren. Freilich will jeder was Anderes als die Anderen. Nichtsdestoweniger dringen viele unmittelbar sitzende Eindrücke tief in das Bewußtsein der Menschen ein, die sich ihrer erschließen, um herauszufinden, was der Mensch anderweitig zu leisten vermag und wie er heutzutage sich selbst und seine Umwelt empfindet. Die Meister im Sagen greifen heute zu vielen Werkzeugen.

Wer etwa den Film im EU-Pavillon miterlebt, kann nicht umhin, mit inniger Erregung an die vielen kleinen europäischen Geschichten zurückzudenken, die sich in den letzten Jahrzehnten so gewaltig auf das Selbstbewußtsein des Alten Kontinents ausgewirkt haben und nun gemeinsam in das große überregionale Haus fließen sollen, das für Euro-Angehörige eingerichtet wird. Das Konzept dieser Versinnbildlichung eines erschütternden Werdegangs wurde vorzüglich ausgearbeitet: Die Zuschauer sitzen in einem mobilen Saal, der ein Fahrzeug sein will, das die Meilensteine der EU abfährt und dabei weder die so wichtigen stimmungsvollen Cafés außer Acht läßt, in denen oft der Hauch kollektiver Gemütsveranlagungen zu erhaschen ist, noch aber die imponierenden Wahrzeichen des bewährten europäischen Identitätsgefühls, darunter den Eiffel-Turm, von dem aus man auch gleich einen Abstecher ins Weltall macht, um dann wieder auf die Erde niederzustürzen, die wir alle unser nennen. Wer sich auf diese wahnsinnige Fahrt begibt, kann die Chance wahrnehmen, mehr über sich selbst zu erfahren und über das, was noch auf einen zukommt.

Nach vorne, nach links und rechts, nach oben und unten: Überall fährt das Fahrzeug der kollektiven Erkenntnis hin, in dem die Besucher des EU-Pavillons durch eine Geschichte sausen, deren größtes Wort noch nicht geschrieben wurde. Nur rückwärts geht es nie: Bis man schließlich durch einen gewaltigen Anprall gegen die Mauer zum Halt gebracht wird. Ja, es ist die Berliner Mauer, sie will unserer Traumfahrt ein Ende bereiten: Sie will die Endstation unserer Hoffnung sein. Wir nehmen Anlauf und schießen wie ein Prellbock nach vorne, um die Zukunft zu sichten. Ein Riß entsteht. Und noch einer. Und dann viele andere mehr. Bald geht es weiter über den Trümmerhaufen entzweiender Bauten der Willkür. Die Gegenwart ist da, viele Stimmen sollen nun in ihr Platz haben. Wir freuen uns sehr über den Fall der Mauer, all dies haben wir gemeinsam miterlebt, gemeinsam mitgestaltet. (Oder doch nicht?) Eine Ahnung kommt auf: Man braucht kein Held zu sein, um Geschichte zu schreiben, mein braucht kein Genie zu sein, um Außerordentliches zu leisten. Es reicht, wenn man im richtigen Sattel sitzt. Im richtigen Pavillon. In der rechten Welt. Sometimes you just have to hang over. It's what we did in Hannover. Auch das gehört beiläufig nicht hierher.

Anna Blume und zurück: Die Tatsache, daß ein solches auf Anhieb verrückt dünkendes Projekt überhaupt zu entstehen vermochte, ist alles andere als selbstverständlich. Die Idee, Schwitters' Blume am Ausgang des Jahrtausends weltweit in zahlreichen linguistischen Farbtönen erneut aufblühen zu lassen, gestaltete sich als eine glänzende Förderung des interkulturellen Dialogs, der dem Sinn einer Weltausstellung nahekommt. Der divergierenden Strömung des Nachdichtungsprojekts gesellte sich als thematisch integriertes Pendant die konvergierende Gegenschöpfung der Korrespondenzgedichte hinzu. Anna, das ungezählte Frauenzimmer poetischer Fracht, wurde durch stürmische Phantasien der Nachempfindung tausendmal beschworen, gedreht, gewendet, ihrer Alltagsbuchstaben entkleidet, als ontologisches Fragezeichen durch die Sprachgewalt zumutbarer Polyphonie getragen und dann schließlich wieder auf die Beine gestellt: Ein Bild von der Geworfenheit globaler Impulse war da.

Gegen Ende unseres Aufenthalts sagte mein Freund Galsan aus der Mongolei zu mir: Hai sa mergem acasa. (Laß uns nach Hause gehen.) Er hatte in seiner Studienzeit in Leipzig rumänische Kollegen gehabt. Fluchen konnte er auch ganz anständig auf Rumänisch. Und dabei erwartete man gerade von ihm etwas recht Fremdartiges. Gehört das beiläufig hierher?

Manche Wege führen nach Hannover: Manche Wörter führen nach Hannover.Und wie einer so plötzlich merkt, daß die Städte der Welt, daß die Länder der Welt unter Umständen jeweils nur eine Strophe voneinander entfernt sind, wird irgendwie die Ahnung eines Gedanken wach, der dieses Jahr an vielen Orten unseres Globus schlummert und gleichsam nur darauf wartet, mit auflebender Einbildungskraft aktiviert zu werden. Dann wird die Frage in den Raum, dann wird die Frage in das Wort gestellt: Bin vielleicht auch ich ein Hannoveraner? Und die Antwort liegt dem Herzen nah.

Ihr Kommentar


 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv