Nr. 27, August 2000
 
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Die Elektrizitäts-Zeiger

In seinem Text "Zensur des Philosophierens über Regierungsform" wehrt sich Jean Paul gegen das politische Bücherverbot, unter anderem mit dem Argument: "Warum glaubt man überhaupt, daß verderbliche Bücher so großes Unheil stiften können? Ich wünschte, sie könnten dieß stark und schnell; dann brächten gute desto leichter Heil." Sein hauptsächlicher Einwand jedoch ist ein anderer: Die Autoren sind nur die Seismographen.

"Gesetzt nun aber, um zurückzukommen - fragt hier Opponent - ein Philosoph untergrübe das Prinzip einer Verfassung, den weiten schweren Thron, gleichsam mit seiner schwarzen feinen Rabenfeder: sollte in solchem Fall ein Staat nicht das Federmesser gegen die Feder ziehen dürfen, das fragt Opponent?"

Nein, wenn anders der Staat nicht den Arm des Stroms, statt des Stroms selber abgraben oder wie Xerxes geißeln will. Der Geist, der Staaten umwarf, war der Geist der Zeit, nicht der Bücher; die er ja selbst erst schuf und säugte. Wird denn der Autor nicht früher als sein Buch gemacht? Werther erschoß sich, ohne noch von Werthers Leiden eine Zeile gelesen zu haben. Christus bekam von Johannes die Taufe, bevor er sie einsetzte. Hat je das beste Buch eine einzige Mode des Mode-Journals, nämlich des ewigen, pariser, besiegt? - Nie durch sich, sondern nur durch die Zeit, die aber kein Buch ist, sondern höchstens ein Buchladen.
Gewöhnlich wird die französische Umwälzung als ein Beweis, wie leicht Schreibfedern zu Sprung- und Schlagfedern werden, vorgeführt. Aber der noch stärkere Beweis, daß alle Schreiber nicht die Gewittermaterie, sondern nur die Elektrizitäts-Zeiger einer schon vorhandenen - obgleich folglich die Träger einer kleinen - sind, sollte allen andern lesenden Staaten dies sein, daß sie sich selber gleich bleiben, und den gallischen sich gleich machen wollten. Die französische Literatur war in ganz Europa, die Umwälzung nur in Frankreich. Und was wurde denn selber unter dem gallischen Sturmwinde - der aus der Sandwüste endlich den höchsten Berg zusammen wehte - - Neues gesagt , was nicht von den Griechen, Römern und besonders von den Parliamenten unter Karl I. schon mehrmals wäre erneuert worden? - Warum lieset man jetzt diese Bücher zensurfrei, sogar in Frankreich, und wird nicht umgewälzt? - Darum, weil die Meinung zwar die Königin, aber auch die Tochter der Zeit ist - weil das Sonnenlicht der Untersuchung Völker wie den Diamant still durchfließt, indeß das elektrische der Fakzionen zerschmetternd einfährt. ...
Der einzige Fall, wo das Licht der Bücher gewaltthätig wird, ist da, wo es gehindert, und wo die matte Lichtspitze durch die Umkrümmung mit dem Lötrohr zu Schmelzfeuer verdichtet wird. Das stumme Frankreich bekam plötzlich eine Zunge, wie der stumme Sohn des Krösus; nur anders, theils v o r einem Morde des Vaterlands, theils z u einem eines Vaterlandsvaters. Aber desto schlimmer, wenn die ungestüme Nothwendigkeit spricht, nicht die lange sanfte Freiheit; wenn nicht der fromme Kirchner, sondern ein Erdbeben die Glocken läutet.

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