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John Ralston Saul
Ameisen
Ameisen arbeiten während 71,5 Prozent des Tages überhaupt
nicht. Sie denken vielmehr darüber nach, was vernünftigerweise
als Nächstes zu tun ist. Und das obwohl sie uns Menschen
ähnlich wie Biber und Bienen stets als Vorbild an Fleiß
und Arbeit hingehalten werden.
Die meisten Menschen in verantwortlichen Stellungen arbeiten mehr als
18,5 Prozent des Tages. Nun könnte man sagen: Wir sind schließlich
cleverer als Ameisen und brauchen weniger Zeit zum Nachdenken. Die Aussage
ist von bestechender Logik und wirkt beruhigend. Wenn wir aber einmal
die Fehlerquote von Ameisen mit der von Menschen vergleichen, dann sehen
wir Menschen gar nicht so gut aus. Das sofortige Gegenargument lautet
natürlich: Indem wir das Risiko von Fehlern eingehen, macht die
Gesellschaft insgesamt Fortschritte, wohingegen Ameisen immer auf derselben
Entwicklungsstufe stehenbleiben. Nur: Wenn wir tatsächlich so intelligent
wären, warum sind wir dann so versessen darauf, möglichst
viel Zeit mit unintellektueller Schwerarbeit auszufüllen, und warum
sparen wir so hektisch an der Zeit zum Nachdenken? Ein nicht-menschlicher
Beobachter, sagen wir: eine Ameise, könnte auf die Idee kommen,
wir fürchteten uns vor unserer Denkfähigkeit, und dem damit
verbundenen Selbstzweifel. Siehe Harte Arbeit.
Harte Arbeit
Hohe Arbeitsmoral ist nach wie vor die populärste Erklärung
für die Erfolge des Westens. Ein fragwürdiges Argument. Es
ruht auf der Gleichstellung der Menschen mit Insekten, etwa Ameisen.
Darüber hinaus stinkt dieser Begriff geradezu nach einem kleingeistigen
Appell, der sich vor allem an die Menschen am unteren Ende der sozialen
Leiter richtet.
Es gibt unzählige arme Menschen in der Welt, die kaum etwas anderes
tun als zu arbeiten und die trotzdem arm bleiben. Auf der anderen Seite
sind Großbanken, obwohl unproduktiv, die profitableste Einrichtung
der letzten 50 Jahre. Ihre Chefs arbeiten auch nur ein paar Stunden
am Tag. Die Leitenden Angestellten großer Aktiengesellschaften
jedoch schuften oft noch erheblich länger als die Armen. Sie stehen
geradezu untereinander im Wettbewerb, wer länger länger am
Schreibtisch sitzenbleibt, mehr Papiere umschichtet und Telefonate tätigt.
Das kommt bei Vorgesetzten gut an und fördert die Karriere. Allerdings
gibt es keinerlei Hinweise, dass dieses Engagement darüber hinaus
produktivitäts- oder gewinnsteigernd wäre.
Wahre Unternehmer sind da ganz anders. Sie arbeiten deshalb so viel,
damit sie ihr Unternehmen aufbauen, um später einmal nicht mehr
so viel arbeiten zu müssen. Mit anderen Worten: Sie arbeiten, um
nicht zu arbeiten.
Die Erfolge des Westens lassen sich wohl nicht auf mehr Arbeitsstunden
zurückführen, sondern auf Innovationen - nicht nur technische,
sondern soziale, intellektuelle, politische, sprachliche, visuelle,
akustische, ja sogar emotionale Erfindungen. Zu diesem Zweck haben manche
Menschen viel Zeit mit Nachdenken und Ausprobieren verbracht, vielleicht
mehr als in jeder anderen Kultur der Menschheitsgeschichte.
Nur die technischen Erfindungen regnen immer noch schier endlos auf
uns herab. Andere Innovationen, frisches Denken zum Beispiel, werden
in unserer Gesellschaft nicht mehr belohnt. Und wirklich harte Arbeit
hat ihren gesellschaftlichen Wert völlig verloren. Was heute zählt,
ist eine Schmalspurmaloche, die man treffend als Weiße-Kragen-Schinderei
bezeichnen könnte.
Aus: John Ralston Saul, Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln und anderen
Zumutungen des 21.
Jahrhunderts. Erscheint im September 2000 im Campus Verlag, Frankfurt/New
York (ISBN 3-593-36540-5).

Ihr
Kommentar
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