Nr. 26, Juni/Juli 2000
 
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John Ralston Saul

Ameisen

Ameisen arbeiten während 71,5 Prozent des Tages überhaupt nicht. Sie denken vielmehr darüber nach, was vernünftigerweise als Nächstes zu tun ist. Und das obwohl sie uns Menschen – ähnlich wie Biber und Bienen – stets als Vorbild an Fleiß und Arbeit hingehalten werden.
Die meisten Menschen in verantwortlichen Stellungen arbeiten mehr als 18,5 Prozent des Tages. Nun könnte man sagen: Wir sind schließlich cleverer als Ameisen und brauchen weniger Zeit zum Nachdenken. Die Aussage ist von bestechender Logik und wirkt beruhigend. Wenn wir aber einmal die Fehlerquote von Ameisen mit der von Menschen vergleichen, dann sehen wir Menschen gar nicht so gut aus. Das sofortige Gegenargument lautet natürlich: Indem wir das Risiko von Fehlern eingehen, macht die Gesellschaft insgesamt Fortschritte, wohingegen Ameisen immer auf derselben Entwicklungsstufe stehenbleiben. Nur: Wenn wir tatsächlich so intelligent wären, warum sind wir dann so versessen darauf, möglichst viel Zeit mit unintellektueller Schwerarbeit auszufüllen, und warum sparen wir so hektisch an der Zeit zum Nachdenken? Ein nicht-menschlicher Beobachter, sagen wir: eine Ameise, könnte auf die Idee kommen, wir fürchteten uns vor unserer Denkfähigkeit, und dem damit verbundenen Selbstzweifel. Siehe Harte Arbeit.

Harte Arbeit

Hohe Arbeitsmoral ist nach wie vor die populärste Erklärung für die Erfolge des Westens. Ein fragwürdiges Argument. Es ruht auf der Gleichstellung der Menschen mit Insekten, etwa Ameisen. Darüber hinaus stinkt dieser Begriff geradezu nach einem kleingeistigen Appell, der sich vor allem an die Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter richtet.
Es gibt unzählige arme Menschen in der Welt, die kaum etwas anderes tun als zu arbeiten und die trotzdem arm bleiben. Auf der anderen Seite sind Großbanken, obwohl unproduktiv, die profitableste Einrichtung der letzten 50 Jahre. Ihre Chefs arbeiten auch nur ein paar Stunden am Tag. Die Leitenden Angestellten großer Aktiengesellschaften jedoch schuften oft noch erheblich länger als die Armen. Sie stehen geradezu untereinander im Wettbewerb, wer länger länger am Schreibtisch sitzenbleibt, mehr Papiere umschichtet und Telefonate tätigt. Das kommt bei Vorgesetzten gut an und fördert die Karriere. Allerdings gibt es keinerlei Hinweise, dass dieses Engagement darüber hinaus produktivitäts- oder gewinnsteigernd wäre.
Wahre Unternehmer sind da ganz anders. Sie arbeiten deshalb so viel, damit sie ihr Unternehmen aufbauen, um später einmal nicht mehr so viel arbeiten zu müssen. Mit anderen Worten: Sie arbeiten, um nicht zu arbeiten.
Die Erfolge des Westens lassen sich wohl nicht auf mehr Arbeitsstunden zurückführen, sondern auf Innovationen - nicht nur technische, sondern soziale, intellektuelle, politische, sprachliche, visuelle, akustische, ja sogar emotionale Erfindungen. Zu diesem Zweck haben manche Menschen viel Zeit mit Nachdenken und Ausprobieren verbracht, vielleicht mehr als in jeder anderen Kultur der Menschheitsgeschichte.
Nur die technischen Erfindungen regnen immer noch schier endlos auf uns herab. Andere Innovationen, frisches Denken zum Beispiel, werden in unserer Gesellschaft nicht mehr belohnt. Und wirklich harte Arbeit hat ihren gesellschaftlichen Wert völlig verloren. Was heute zählt, ist eine Schmalspurmaloche, die man treffend als Weiße-Kragen-Schinderei bezeichnen könnte.

Aus: John Ralston Saul, Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln und anderen Zumutungen des 21.
Jahrhunderts. Erscheint im September 2000 im Campus Verlag, Frankfurt/New York (ISBN 3-593-36540-5).

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